Donnerstag, 30. Dezember 2010

Aufklärung in München

Erstaunlich offen und offensiv - und in bislang zumindest in Deutschland einzigartiger Weise -  ging das Erzbistum München im ablaufenden Jahr mit der Erforschung der Missbrauchsverbrechen in ihren Reihen um. Unabhängige Anwälte erhielten nach ihren Angaben ungehinderten Zugang zu Personalakten, Handakten und Archiven. Sogar von den Geheimarchiven des Erzbischofs und des Generalvikars ist die Rede in dem Untersuchungsbericht, der am 2. Dezember vorgestellt wurde und in dem von 159 Täterpriestern die Rede ist, allerdings auch auf eine vermutlich erheblich höhere Dunkelziffer verwiesen wird. Insgesamt sind die Ergebnisse des Berichts erschreckend.

Die Reaktionen des Ordinariats auf die Missbrauchsvorwürfe bis ins Jahr 2002 hätten sich auf die Nichtwahrnehmung der Opfer, ihrer körperlichen und seelischen Verletzung und der teilweise dauerhaften Tatfolgen beschränkt. Von "gravierenden Aufklärungsmängeln" ist die Rede, von einem "Desinteresse gegenüber dem Opferschicksal" und der fehlenden Bereitschaft, sich den damit einhergehenden Konflikten zu stellen. Opfer seien auch dadurch "in krasser Form" missachtet worden, dass Täter versetzt worden und dadurch "sehenden Auges" neue Opfer in Kauf genommen worden seien. Und: "Diese nicht zu rechtfertigende Behandlung der Opfer ging einher mit einer inadäquaten Fürsorge für den jeweiligen Täter. Ihm und auch der Kirche galt jede Anstrengung, eine öffentliche Wahrnehmung des Tatgeschehens und – wie man meinte – einen Skandal zu vermeiden." Mit dieser aufklärungsfeindlichen Priorität stehe das Fehlen jeglicher innerkirchlicher Sanktion in der ganz überwiegenden Zahl der Fälle in Einklang. Die Vertuschung finde ihre Wurzel auch in einem  fehlinterpretierten klerikalen Selbstverständnis, das einem brüderlichen Miteinander verpflichtet in einem im Ergebnis rücksichtslosen Schutz des eigenen Standes eine Rechtfertigung suche. Wahrung des Scheins also. Und Corpsgeist - Männercorpsgeist, Klerikercorpsgeist.

Denn auf Unwissenheit, also dass das, was geschehen ist, nicht so schlimm war, dass man um die Schwere des Verbrechens und die gravierenden Folgen für die Opfer nicht gewusst hat, darauf wird man sich nunmehr nicht mehr berufen können. Denn im Gegensatz zu Priestern und Diakonen wurden laut Gutachten in München Laienmitarbeiter schon immer schwer bestraft: "Diese Feststellungen sind umso gravierender als insbesondere gegenüber Laien bereits bei geringen Verstößen weitreichende Sanktionen ergriffen werden, die auch mit einer Gefährdung der wirtschaftlichen Existenzgrundlage einhergehen." Auch für Erpressungen homosexueller Priester finden sich Belege in den Akten. Viele Akten seien unvollständig, teilweise vernichtet, daher viele Fälle nicht mehr nachvollziehbar. Die Gutachter fordern einen jährlichen Tätigkeitsbericht des Missbrauchsbeauftragten, dem sie im übrigen deutlich mehr Kompetenzen einzuräumen empfehlen.

Erpressung durch verschwiegene Homosexualität, Corpsgeist, für diese Verbrechen anfällige kirchkiche Strukturen/Persönlichkeitsstrukturen - all dies sind also keine Phantasien irgendwelcher bösen Medienleute oder Kirchenhasser. Zum ersten Mal zeigt ein Blick in Dokumente eines Bistums, dass dieses und mehr Realität war und bis in diese Tage noch immer ist. Dass es nur in München eine solch hohe Zahl von Verbrechen gegeben hat während andere vergleichbare Bistümer mit vergleichsweise geringen Opferzahlen operieren, bleibt allerdings noch ein Rätsel, welches noch der Aufklärung harrt.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Wegen des Glaubens

"Xavier Beauvois' großartiger Film „Von Menschen und Göttern“ schildert die Ermordung der Mönche im algerischen Tibhirine. Die unaufgelöste Gewalttat schockierte damals die französische Nation. Beauvois stellt dazu die einzig richtige Frage," schreibt Alard von Kittlitz in der FAZ. Der Film ist eine eindringliche Katechese des Weihnachtsfestes. Und konfrontiert den Zuschauer schmerzhaft damit, dass niemand, der glaubt, dieser Katechese ausweichen kann. Ob er nun Mönch ist oder nicht.

Irgendwann sagt ein Mönch am Krankenbett von Bruder Luc, dem Arzt, ein Zitat von Blaise Pascal. Sinn gemäß geht es darum, dass ein Mensch erst dann richtig Bösartiges tue, tue er es im Namen der Religion. Das ist spürbar nicht nur im Blick auf diejenigen gemeint, die da schon längst das Dorf durchstreifen, die jeden Tag auch dem Kloster immer näher kommen, vor denen die Dorfbewohner voller Angst weglaufen. Das bleibt auch im Hinblick auf eine stetige Selbstreflexion der Mönche hin gesagt, im Blick auf ihre eigene Existenz und den persönlichen Glaubenskampf, den die Kamera in jedem der Männer entdeckt. Es ist im letzten die Frage, die dem Weihnachtsgeschehen zu Grunde liegt, deren Liturgie im Film ausdrücklich und ausführlich gezeigt wird. Und deren Dringlichkeit auch der Terroristenchef spürt, als im Abt Christian schon beim Weggehen fragt, ob er denn nicht wisse, dass man heute die Geburt des Friedensfürsten feiere. Wer ist das für mich, der Friedensfürst? Welche Bedeutung hat er für mich? Und welche ganz konkrete Konsequenzen hat das? Dies sind vielleicht die drei dringendsten Fragen, die der Film für den Zuschauer durchbuchstabiert. Denn der wird selbst Teil der ergreifenden, äußerst kargen Liturgie. Sitzt mit am Beratungstisch der Mönche, als jeder von ihnen erzählt, ob er angesichts der sich nähernden Gewalt bleiben oder gehen möchte und muss auf einmal selber die Frage beantworten: Wie hältst du´s mit der Gewalt? Der blickt wie in einen Spiegel, schaut er in Gesichter der Mönche, jedes von Lebensspuren gegerbt. Der Zuschauer kann in diesen zwei Stunden diesen Fragen nicht ausweichen. "Warum ist der Glaube so bitter?" liest jemand beim Mittagessen den anderen vor. Kein holder Knabe im lockigen Haar, nirgends. Abt Christian erörtert die Frage auch mit dem Imam, den er zu seinen Freunden zählt. Auch der findet den Glauben bitter. Seine Nichte ist erstochen worden, nur weil sie keinen Schleier tragen wollte. "Was geht in diesen Leuten vor? Das versteht man nicht mehr, das ist neu“, sagt der Imam. „Niemand von denen kennt den Koran! Die Welt wird verrückt, Christian!“ Und die Frau des Imams ergänzt mit dem Blick auf das Kloster: "Ihr seid der Baum, wir sind die Vögel. Wenn ihr geht, können wir nirgend Unterschlupf finden." Diese Begegnungen gehören zu den Eindrucksvollsten Szenen des Films. Höhepunkt aller Höhepunkte ist vielleicht das letzte gemeinsame Abendessen der Mönche. Sie ahnen, dass der Tod kommen wird. Bruder Luc bringt zwei Flaschen Wein. Ein Cassettenrekorder spielt Tschaikowskys Schwanensee. Minutenlang liest die Kamera in den Gesichtern eines jeden Mönches. "Mein Leben hat sich erfüllt," sagt jedes einzelne, der Zuschauer muss es zur Kenntnis nehmen. "Wegen meines Glaubens." Wenn Bruder Luc im Angesicht der Gewalt sagt, er sei ein freier Mensch, er habe vor nichts mehr Angst, wirkt das wie eine Provokation, ist aber eigentlich nur eine präzise Zusammenfassung des Glaubens, deren Spannungsbogen von der weihnachtlichen Krippe bis hinauf auf das verschneite Golgotha des Atlasgebirges der Film beschreibt. "Dass das nicht wie Wahnsinn aussieht und nicht wie Fanatismus, ist das große Verdienst des Films und der grandiosen Schauspieler, die ihr ganzes Seelenleben auf dem Gesicht tragen. „Von Menschen und Göttern“ ist am Ende kein Film über den Tod, sondern einer über menschliche Existenzmöglichkeiten: über die unglaubliche Vielfalt der Weisen, in der diese Spezies die Welt zu sehen vermag", schreibt Alard von Kittlitz in der FAZ. Und eine dringliche Anfrage an meine eigene Existenzweise, von der ich doch weiß, dass die Krippe sie auf den Kopf gestellt hat.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Eine Muh, eine Mäh...

Weihnachten gehts den Tieren besonders an den Kragen, und die christliche Tradition ist daran nicht ganz unschuldig. So geht bekanntlich das Braten einer Martinsgans auf die Legende zurück, nach der schnatternde Gänse den sich in ihrem Stall verteckt haltenden Heiligen Martin von Tours verraten haben sollen. Martin wollte partout nicht Bischof werden und suchte den Schutz des Gänsestalles, um dem Ruf durch die Bewohner Tours zu entgehen. Ohne Erfolg - der Gänse wegen, die so noch bis heute in jedem Jahr aus "guten Gründen" ihrer Verespeisung entgegen gezüchtet werden.
Nun fordert der theologische Zoologe Rainer Hagencord im Focus, zum Weihnachtsfest weniger Tiere zu essen.
Die Kirche spreche zwar immer von der Bewahrung der Schöpfung, aber Puten, Hühner, Schweine und Rinder tauchten dabei nicht auf, kritisiert er. „Die Formulierung, dass nur der Mensch eine Seele habe, findet man in der Bibel nicht.“ Im Römerbrief 8,22 sei vom Seufzen der Schöpfung die Rede und von der Befreiung aus der Sklaverei. „Das ist hochaktuell. Denn die Schöpfung hat noch nie so gelitten wie heute", so der Münsteraner Theologe. Es sei ein Skandal, dass die Theologie den weltweiten Fleischkonsum nicht problematisiere.
Thomas Ruster vertritt in seinem Buch "Glauben macht den Unterschied" übrigens die These, dass gemäß des Schöpfungsberichtes den Menschen nur Kräuter und Bäume zur Nahrung übergeben worden seien. Für mich jedenfalls ein neuer Gedanke. Erst nach der Sinnflut habe Gott den Menschen auch Tiere zur Nahrung gegeben, allerdings "nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie (die Menschen) Furcht und Schrecken für die Tiere sein werden" (S. 134). Möglicherweise sei diese Erlaubnis auch nur eine Sondergenehmigung angesichts der durch die Sünde verwüsteten Erde gewesen, auf der so rasch keine Feldfrüchte mehr hätten wachsen können. Und er fährt fort: "Wenn sich nun Christinnen und Christen unter der biblischen Perspektive mit der Frage des Fleischessens befassen würden? Wenn es in den Gemeinde Kreise gäbe, die darüber diskutierten? Dann wäre es mit dem bedingungslosen Griff ins Fleischregal des Supermarktes vorbei, wo die Dramatik des Fleisches so perfekt unsichtbar gemacht wird."
Angesichts der Tieridylle, die die weihnachtlichen Geschichten von den Schafen, von Ochs und Esel in diesen Tagen den christlichen Gemütern bereithalten, schadet der Hinweis auf die biblischen Fundstellen nicht. Die Bibel sagt tatsächlich, dass Menschen anders leben können, als sie es tun. Und zu den unangenehmen Erkenntnissen von Jesu Menschwerdung, die wir ja an Weihnachten feiern, gehört es wohl auch, dass es Jesus - sicher auch in Fragen des Essens - es wohl nicht bei Worten belassen hat.

Sonntag, 19. Dezember 2010

Unheilige Familie

Es ist doch so: In der katholischen Theologie wird die Beziehung eines Bischofs zu einem Priester als etwas besonderes beschrieben. Der Priester ist kein normaler Angestellter des Bischofs, sondern mehr wie ein Sohn. Macht sich der Sohn strafbar, indem er zum Beispiel Kinder missbraucht, so hat der Bischof, so haben die Mit-Brüder ein Problem: Es gibt keinen Arbeitsvertrag (dann könnte man ihn rauswerfen). Der Bischof hat sich aber zu einer besonderen Rundum-Verantwortung verpflichtet, weil sich der Priester ja auf Lebenszeit in seinen Dienst hat nehmen lassen.
Wer den Film "Deliver Us From Evil" gesehen hat - vielleicht im Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in diesem Jahr - erinnert sich an Father Oliver O´Grady. Er beging zwischen den 1970er Jahren und 1993 zahlreiche Missbrauchsverbrechen in verschiedenen Pfarreien an der amerikanischen Westküste. Und wurde, nachdem Fälle bekannt wurden, immer wieder versetzt. In eine neue Pfarrei. Die Familie halt. Wo dann wieder etwas passierte. Irgendwann kam es doch ans Licht. O´Grady wurde schließlich verurteilt und saß sieben Jahre im Gefängnis. Er stimmte einem Laisierungsferfahren zu, die Diözese zahlte ihm 100.000 Dollar für seine Unterstützung. Nach dem Gefängnisaufenthalt wurde O´Grady in sein Heimatland Irland abgeschoben.
Nun ist zu lesen, dass O´Grady erneut verhaftet worden ist. In einem Flugzeug hat er seinen Laptop vergessen. Man fand Kinderpronographie. Außerdem soll er in einer holländischen Pfarrei als Freiwilliger gearbeitet, soll Kinderpartys bei McDonalds veranstaltet haben. Die Leute dort wussten nicht, wer er war, bis ein Mitglied der Pfarrei den Film über O´Grady gesehen hat und ihn wiedererkannte.
"We don't blame Oliver," so wird ein Priester, der in den amerikanischen Priesterseminaren präventiv arbeitet in dem Artikel zitiert. "He can't control himself. It was the people who were supposed to supervise him (we blame)." Man muss die bloßstellen, die hätten auf ihn aufpassen sollen. Hhm. Vielleicht seine Familie? Irgendwie scheint da kirchlicherseits ein sehr instrumentalisiertes Verantwortungsbewusstsein vorzuherrschen: Bis etwas rauskommt, gehört ein Täter zur Familie und die Familiensysteme schützen, decken - und verhindern Aufklärung. Zum Beispiel, dadurch, dass Gespräche vertraulich bleiben und Inhalte Verfolgungsbehörden nicht zur Verfügung gestellt werden - es gilt Vertraulichkeitsschutz - die Familie halt, sicherlich auch ein hohes und wichtiges Gut. Kommt etwas raus, kauft sich die Kirche frei, indem sie ein Laisierungsverfahren forciert und das Mittun des Täters und Priesters honoriert. Ist er dann wieder Laie, hat sie nichts mehr mit ihm zu tun. Er wird verstoßen. Und seine Schaurigkeiten können weitergehen, in Irland, in Holland oder sonst wo. Nicht mehr unser Problem. Wahnsinn, wenn man drüber nachdenkt. Verantwortung? Nein, nirgends, zu keiner Zeit.

Christsein als radikaler Humanismus

Dass Hans Küng ein Narziss ist, ist bekannt. Vielleicht steht er damit - unbewusst und ungewollt - in einer Reihe mit anderen Klerikern, denen mitunter ein gewisser Narzismus nicht fremd ist. In dieser Perspektive überrascht es nicht, dass Küng schon 1974 "das Entscheidende" des Christseins in einer Kurzformel zusammengefasst hat, die ihn seitdem durch Leben trage. Küngs Credo lautet denn also:

"In der Nachfolge Jesu Christi
kann der Mensch in der Welt von heute
wahrhaft menschlich leben,
handeln, leiden und sterben:
in Glück und Unglück, Leben und Tod
gehalten von Gott und hilfreich den Menschen."

Für alle Menschen könne man als Ziel und Sinn beschreiben, "wahrhaft Mensch, ein humaner Mensch zu sein und zu werden". Der Sinn des christlichen Lebens bestehe im "radikalen Humanismus": Christsein verwirkliche einen Humanismus, der einerseits alles Positive bejaht und fördert: "Auch der Christ soll wahrhaft Mensch sein und sich für Humanität, Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und Erhaltung der Schöpfung einsetzen. Kein Christsein auf Kosten des Menschseins!", Aber auch "alles Negative, Leid, Schuld, Sinnlosigkeit, Tod zu bewältigen vermag" in vernünftigem Vertrauen auf die Gnade Gottes. Christsein ist nach Küng eine "Ausweitung, Vertiefung, Verwurzelung, ja, Radikalisierung des Menschseins".(Küng, Credo, S.248 ff.)

Samstag, 18. Dezember 2010

Glaube macht den Unterschied VI - Heiligenwährung

"Die Heiligen machen die Grenze zwischen Himmel und Erde durchlässig. Sie sind "Medien", mit denen man diese Grenze leicht kreuzen kann. (...) Anschaulich wird diese mediale Funktion der Heiligen in der Verehrung von Reliquien (...). Wer die Reliquie eines oder einer großen Heiligen anschaute, berührte oder besaß, der hatte Anteil an der Macht, die diese oder dieser Heilige ausübte. Sehr verschroben kommt uns das heute vor."

In der Tat. Aber Ruster wählt einen coolen Vergleich, von dem man allerdings sagen muss, dass er auf der Hand liegt - wenn man von ihm gelesen hat:

"Aber andererseits: Wir nehmen Geld in die Hand und wissen uns damit im Besitz der Macht, die das Geld verleiht. Der Geldschein ist ein wirksames Zeichen einer Macht, so unscheinbar er auch sein mag. Noch unscheinbarer als die vertrockneten Knochen der Heiligen, die in den Reliquienschreinen aufbewahrt wurden. (...) Mit dem Geld wird die Grenze zwischen Haben und Nichthaben gekreuzt - ich gebe das Geld, dann bekomme ich etwas, das ich vorher nicht hatte -, mit der Reliquie die Grenze zwischen Erde und Himmel. Wie das Geld waren die Reliquien damals hoch begehrt, sie mussten wie das Geld vor Fälschung und Inflation geschützt werden. Wie beim Geld war ihr Wert nur durch Glauben gedeckt. Nun, die Reliquienwährung werden die Christen heute nicht mehr im Umlauf bringen können. Aber sie sind doch ein schönes Beispiel dafür, dass es einmal eine eigene christliche Währung gegeben hat. Sie beruhte nicht auf der Erwirtschaftung von Mehrwert, sondern auf den Verdiensten der Heiligen. Sie machte nicht die einen reich und die anderen arm, sondern bereicherte das ganze Christenvolk mit den Gnaden des Himmels." (S 192)

Da werde ich beim nächsten Besuch in der Goldenen Kammer von St. Ursula drüber nachdenken.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Die politische Dimension von Weihnachten

Ich lese heute aus beruflichen Gründen noch mal im Buch "Credo" von Hans Küng. Wie auch in diesem im Prinzip kurzen Büchlein die Art und Weise fasziniert, wie Küng wie ein Feldforscher mit großem Ernst und tiefer Leidenschaft und sicher auch mit einigem Eifer die Arenen und Abteilungen der verschiedenen Wissenschaften durchmisst! Aus aktuellem Anlass ein paar Gedanken von ihm zum Weihnachtsfest:

"Nicht mehr von den übermächtigen römischen Cäsaren, sondern von diesem ohnmächtigen, gewaltlosen Kind wird jetzt (therapeutisch) der Seelenfrieden und (politisch) das Ende der Kriege, werden Befreiung von der Angst  und lebenswerte Verhältnisse, wird das gemeinsame Glück, kurz alleitiges Wohl, eben das "Heil" der Menschen und der Welt erwartet. (...)
Damit ist klar: Die Mitte des Evangeliums bilden nicht die Vorgänge um die Geburt Jesu. Die Mitte ist er selber, Jesus Christus in seinem ganz persönlichen Reden, Tun und Leiden. Er als lebendige, im Geist auch nach seinem Tod lebende und herrschende Person ist die Mitte. Mit seiner Botschaft, seinem Verhalten, seinem Geschick liefert er den höchst konkreten Maßstab, an dem sich Menschen orientieren können. Und dieser Jesus hat nicht durch Träume und in Träumen gewirkt, sondern im hellen Tag der Geschichte." (Hans Küng, Credo, S. 67ff.)

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Glaube macht den Unterschied V - Für unsere Sünden gestorben

"Der gekreuzigte Jesus hilft uns, unsere Schuld zu erkennen und anzunehmen. Es ist wie bei einem Werbeplakat einer Spendenaktion. Da wird uns ein halb verhungertes Kind im Elend gezeigt, das uns mit großen Augen anblickt. Wenn sich dann nicht bloß ein Mitleidsimpuls erhebt, dann vielleicht auch die Erkenntnis: Diesem Kind geht es so, weil ich so lebe, wie ich lebe. Ich profitiere ja selbst von den Billigpreisen, die dieses Kind in die Armut treiben. Je unschuldiger ein Kind schaut, je weniger ich die Möglichkeit habe, ihm seine missliche Lage als Folge (seines) eigenen Handelns zuzuschreiben, umso leichter wird mir die Erkenntnis der eigenen Verantwortung fallen. Jesus aber ist der Unschuldige schlechthin. Und dennoch ist er unter die Räder einer Machtmaschinerie geraten, die es auch heute gibt und an der ich alles andere als unbeteiligt bin. So hilft er mir in der Gestalt des Gekreuzigten, meine Schuld anzuerkennen und anzunehmen." (S. 105)

Das ist ein schlüssiger Gedanke. Aber stimmt das auch, was Ruster folgert?
 "Viel unwirksamer wäre es, wenn jemand käme und mich beschuldigte: Du bist Schuld daran! Noch viel unwirksamer wäre es, wenn das arme Kind mich persönlich beschuldigte und forderte, ihm zu helfen" (ebd.)

Unwirksamer vielleicht im Hinblick auf das Anerkennen der persönlichen Schuld und vor allem Wohl unwirksamer im Hinblick darauf, die Gerechtigkeit Gottes für sich anzunehmen, selber (wieder) "Gottesgerechtigkeit" = Liebe zu werden. Vielleicht sogar unwirksamer im Hinblick darauf, echte nachhaltige Veränderungen im Hinblick auf Ungerechtigkeit anzuschieben. Wahrscheinlich will sich Ruster hier darauf konzentrieren. Aber unwirksamer, so erscheint es mir, schon auch im Hinblick auf die je persönliche Seite der davon betroffenen Menschen: Ihre eigene Ohnmacht, ihr Leid, ihr Schrecken, ihre Wut oder Traurigkeit. Ob die sich äußert oder nicht, ist für den Betrachter erst einmal unerheblich, wie mir scheint. Hier verbirgt sich ein ein wenig die Gefahr der Instrumentalisierung.

Dienstag, 14. Dezember 2010

Glaube macht den Unterschied IV - Göttliche Gerechtigkeit gegen ökonomische Gerechtigkeit

"In einem Wort: Jesus musste sterben, weil die göttliche Gerechtigkeit, die er verkündetete, mit der ökonomischen Gerechtigkeit, wie sie zu seiner Zeit herrschte, nicht vereinbar war. Die göttliche Gerechtigkeit gibt Gott die Ehre, die ökonomische Gerechtigkeit richtete sich nach den Profitinteressen der Mächtigen. Die göttliche Gerechtigkeit verschafft den Menschen, was sie zum Leben brauchen, denn sie setzt der maßlosen Bereicherung eine Grenze. Die ökonomische Gerechtigkeit betrieb die Bereicherung der Reichen auf Kosten der Verarmung der Armen. Jesu Verkündigung war ein zentraler Angriff auf das damalige ökonomische System, und folgerichtig geriet er mit den roligiösen und politischen Legitimationsinstanzen des Systems aneinander. (...) Deswegen musste er leiden, wurde er gekreuzigt, ist er gestorben und wurde begraben. Aus Sicht des Systems war das Problem Jesus damit gelöst.
Wenn Jesus heute wiederkommen würde, würde es ihm gewiss nicht besser ergehen. Nehmen wir an (...), er würde in den Finanzzentren auftreten und erklären: Ich werde dieses auf grenzenloses Wachstum programmierte System abschaffen und in drei Tagen eine Währung einführen, in der sich Geld nicht mehr von allein vermehrt. Man würde ihn beseitigen müssen, und man würde es auf die eine oder andere Weise tun. (...) Sein Tod ist die Folge des unaufhebbaren Gegensatzes zwischen der Gerechtigkeit Gottes und der Ordnung der menschlichen, durch die Sünde zur Maßlosigkeit gesteigerten Selbsterhaltung." (S. 104f.)

Diese schnörkellose Argumentation lässt einem schon den Atem stocken. Ist aber das auch von Ruster genährte Misstrauen gegenüber der menschlichen Vernunft in dieser Radikalität gerechtfertigt? Und sind Tierschützer, alternative Ökonomen, Globalisierungsgegner nicht doch so etwas wie anonyme Christus-Follower?

Montag, 13. Dezember 2010

Bitte nicht nachmachen

Lese gerade ein interessantes Zitat: "Sogar die Gewerkschaften begreifen derzeit, dass der Rückzug aus der Fläche und die Hinwendung zu passgenauen Dienstleitungen die Mitgliederzahlen schrumpfen ließ. Oskar Negt, Nestor der Soziologie in der Arbeitswelt: "Der Deutsche Gewerkschaftsbund unterhielt in der 1980ern noch Ortskartelle, Büros in Stadtteilen, in denen politische Bildung oder Rechtsberatung angeboten wurden. Also eine regionale und städtisch auf Probleme der Menschen bezogene Strategie. Heute sind Gewerkschaften mit ihren Kooperationsangeboten kaum mehr im öffentlichen Raum präsent. Und ihr Symbolvorrat ist aufgezehrt, auch selbst verschuldet."

Liest sich wie eine Betriebsanleitung dafür, wie Kirche in der Umstrukturierung alles falsch machen kann. Postiv gedacht: Wie ein Hinweis darauf, welche Fehler die Kirche besser nicht machen sollte: Den öffentlichen Raum preisgeben beziehungsweise gering achten. Und welche Kraft hinter dem kirchlichen Symbolvorrat stecken kann, zeigt in vielen Fällen ja gerade die Adventszeit.

Freitag, 10. Dezember 2010

Das "unterscheidend" oder das "entscheidend" Christliche?

Ich persönlich habe auch sehr große Sympathie für das, was Hans-Joachim Höhn sagt. Er wird mit dem, was Ruster sagt, wohl nicht einverstanden sein. Denn er hält nichts davon, dass Christen sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen absetzen - im Sinne der Forderung, das "unterscheidend Christliche" profiliert abgrenzend herauszustellen und würde sicher so nicht unterschreiben, dass in der christlich-jüdischen Tradition Glaubende "Vorteile" haben:

"Zur Logik des Unterscheidens gehört das Dissoziieren, das Abtrennen und Sich-Absetzen. Wer unterscheidet, muss ausscheiden und ausschließen. Wer aber in und durch den Vorgang des Ausschließens seine Identität wahren will, erweist sich sehr bald als Vertreter einer Ideologie. Ideologien schließen sich in ihren Inhalten und Zielen gegenseitig aus. Sie bestehen aus nichts anderem als aus der Absicht, ihre Anhänger durch Diskriminierungen, d.h. durch die Bestimmung von Unterschieden zu anderen besser dastehen zu lassen."

Höhn schlägt demgegenüber vor, statt vom "unterscheidend" Christlichen lieber vom "entscheidend" Christlichen zu sprechen:

"Der Ideologiefalle kann dier Kirche am ehesten dadurch entgehen, dass sie das "unterscheidend" Christliche als dasjenige identifiziert, das alle Menschen verbindet, eint und einander gleich macht. Eben dies ist der Heilswile Gottes, der jeden Menschen zum Adressaten einer unbedingten Zuwendung macht. Dazu gehört ebenso die Gottesebenbildlichkeit aller Menschen und die Mitgeschöpflichkeit alles Lebendigen. Es ist die Orientierung am alle Menschen Verbindenden, das Christen zum Einsatz für Menschenrechte, für die Bewahrung der Schöpfung und ein globales Gemeinwohl motiviert. Dies macht das "entscheidend" Christliche im sozialen und politischen Kontext aus. Und die Orientierung daran macht die Kirche unterscheidbar von sozialen und religiösen Bewegungen, die nur partikulare Eigenintereressen vertreten oder sich der Lobbyarbeit hingeben." (Pastoralblatt 10/2010, S. 307)

Ruster sagt: Glaubende wissen, was Gottes Gesetz ist, handeln in Freiheit danach, indem sie an Gottes Allmacht teilhaben und die Welt gestalten. Das können Nicht-Glaubende erst mal nicht. Denn sie kennen Gottes Gerechtigkeit nicht. Höhn würde sagen: Alle Menschen, ob sie glaubend sind oder nicht, leben erst mal im Licht der Zuwendung Gottes. Also verbindet sie das, ob sie bewusst glauben oder nicht. Aus dieser Gewissheit gestalten Christen die Welt.

Glaube macht der Unterschied III - Gottes Allmacht und der Mensch

Gottes Allmacht besteht nach Ruster wohl darin, dass Gott dadurch andere (also die Menschen) ermächtigt, sich nicht mit dem abzufinden, was erst einmal gilt (zum Beispiel ausbeuterisches Wirtschaftssystem, ökologische Katastrophe etc.). Gott ist eben nur deswegen allmächtig, weil er die Menschen ermächtigt, nach seinem Gesetz zu handeln. Gottes Gesetz besteht aber nach Ruster darin, ihm gerecht zu werden, oder anders gesagt: zu lieben. Allmacht Gottes bedeutet also so etwas wie Teilhabe der Menschen an ihr, woraus aber die Verantwortung erwächst, eine Haltung zur Welt zu finden.

"Macht erzeugt Gegenmacht. Würde Gott eine solche Art von Macht haben, dann würde er menschliche oder satanische Gegenmächte auf den Plan rufen, und die Weltgeschichte wäre nichts anderes als ein einziger Kampf gegen die Macht Gottes. (...)
Die Allmacht, die Gott hat ist anderer Art. Und dennoch ist es wirkliche Macht. Es ist Macht, die andere mächtig macht - und damit dem Spiel von Macht und Gegenmacht entgeht; die andere in die Lage versetzt, noch etwas zu machen, wo nach menschlichen Ermessen nichts mehr zu machen ist. Macht kommt von machen. Der hat Macht, der etwas machen kann. Ohnmacht ist, wenn man nichts mehr machen kann. (...) Gott hat Macht, indem er andere ermächtigt, etwas zu machen. (...) Offenbar gibt es keine stärkere Kraft als die, die aus der Erfüllung des Willens und Auftrags Gottes erwächst. Durch Menschen, die seinen Willen erfüllen, regiert Gott die Welt. (...)
Der jüdische Philosoph Steven Schwarzschild hat einmal einen etwas seltsamen Namen für Gott gefunden. Er nennt ihn "the ought", vom englischen Sollen, wie in "you ought to do". Gott steht für das, was noch nicht ist, aber sein soll. Er ist allem Tatsächlichen voraus. Keine Tatsache ist vor ihm sicher, kein Sachzwang kann ihn bremsen, denn es gibt noch etwas, das sein soll. Das ist seine Allmacht. (...) Wer an Gott glaubt, weiß, dass immer noch etwas zu tun bleibt, und er weiß auch, was: nämlich Gottes Gebot zu erfüllen. Gottes (...) göttliche Macht ist eine solche, die andere ermächtigt, sich nicht mit der macht des Faktischen abzufinden. So ist, wer sich an den allmächtigen Gott hält, nie machtlos." (S. 52ff.)

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Glaube macht den Unterschied II - Liebe = Gott gerecht werden

"Ich benutze das Wort Liebe nicht mehr gern. Lieber sage ich: Gott gerecht werden! Aber das ist ja im Grunde dasselbe. Denn was bedeutet Liebe anderes als: jemendem gerecht werden? Wer einen anderen Menschen liebt, versucht, ihm gerecht zu werden, ihn als den anzunehmen, der er ist; versucht, auf ihn zu hören, seine Gefühle, seine Leiden und Freuden wahrzunehmen und anzunehmen. Und so ist es auch mit Gott. Ihn lieben bedeutet, ihm gerecht zu werden. Liebe hat mit Gerechtigkeit zu tun. Darum heißt es auch in der Bibel, dass wir von Gott Gerechtigkeit lernen sollen: "(...)Denn wenn deine Gerichte die Erde treffen, lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit" (Jes 26,9). Danach sehnt sich der Prophet Jesaja, dass die Völker Gott gerecht werden, dann entsteht auch Gerechtigkeit auf Erden. Es ist ungerecht, Gottes Dasein zu missachten. Die Folge dieser Missachtung ist immer Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit - nicht nur Gott, sondern auch den menschen, Tieren und Pflanzen gegenüber. " (S. 13f.)

Glauben macht den Unterschied I - Gottes Ebenbild

Ich habe lange nicht mehr ein so anregendes Buch gelesen wie dieses: "Glauben macht den Unterschied" von Thomas Ruster. Es fühlt sich teilweise unglaublich altmodisch an, aber Ruster nennt es lieber eine "nötige Portion Unbeirrbarkeit". Wertkonservatismus würde man es vielleicht in der Politik nennen. Ruster setzt darauf, dass der Glaube es mit einer Wirklichkeit zu tun hat, die für den, der sie einmal begriffen habe, den Lauf und die Normalität der Welt reichlich fragwürig und kurios erscheinen lässt. Kapitalismus und Fleischkonsum, ja sogar die Duldung eines Phänomens wie Autoverkehr erscheinen in diesem Licht geradezu absurd. Mich regt die Lektüre gerade sehr an, und daher kommen an dieser Stelle in den nächsten Tagen ein paar Auszüge.

"Was heißt "Ebenbild Gottes"? In einer gewissen menschlichen Selbstüberschätzung hat man oft gemeint, die Ebenbildlichkeit läge in der Vernunftbegabung des Menschen. Aber nun, da wir wissen, dass die menschliche Vernunft nur ein besonders raffiniertes Instrument der Selbsterhaltung ist, (...) muss man Zweifel an dieser Auffassung bekommen. (...) Die Leute gucken, was die anderen machen, und dann machen sie es auch. Das nennt man dann vernünftiges Handeln. Wozu aber diese Art von Vernunft führt, sagt der biblische Bericht (vom Sündenfall) auch: Mühsal des Daseins, Schmerzen, Feindschaft zwischen Mensch und Tier, Abhängigkeit vom eigenen Verlangen und daraus folgend Abhängigkeitsverhältnisse; kurz gesagt kapitalistische Verhältnisse, wie sie in Gen 3,15-19 exakt vorausgesagt werden.

Diese Art von Vernunft ist jedenfalls nicht gottebenbildlich, sondern gottwidrig. Gott entsprechend und nach seinem Bilde ist dagegen die Einstimmung in die göttliche Bewegung, die die Schöpfung hervorgebracht hat: die Bereitschaft, anderes gelten und bestehen zu lassen, die Selbstrücknahme zugunsten anderer oder eben: ein Leben nach dem göttlichen Maß und Gesetz." (S. 41ff.)

Dienstag, 7. Dezember 2010

"Jesus bedeutet "Gott befreit". Alternativer Nobelpreis für Bischof Erwin Kräutler

Man ist versucht, einfach drüber wegzulesen. Darüber, dass Erwin Kräutler, österreichischer Bischof am Amazonas, gestern mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Er steht in einer Reihe mit so prominenten Bischöfen wie Helder Camara, Paolo Arns oder auch Aloisio Lorscheider. Mit dem Tod bedroht lebt er seit 2006 unter ständigem Polizeischutz. Einige Weggefährten von Kräutler haben ihre Ideale und ihr Engagement bereits mit dem Leben bezahlt. Denn Kräutler unterstützt die Kleinbauern, deren Existenz durch die Industrialisierung der Landwirtschaft und durch Raubbau an der Natur zunehmend ihre Lebensgrundlage verlieren.

Ökologie, Bewahrung der Schöpfung, Option für die Armen - hier klingen diese Begriffe nicht mehr wie theologische Floskeln. Sondern wie geistige Fundamente realen Zusammenlebens: "Wenn ich mich auf die Seite der indigenen Völker stelle, der Schwarzen, der ausgebeuteten Frauen, dann bin ich immer gegen die Interessen von anderen, die diese Leute ausbeuten wollen." Und so sagt er auch, die Befreiungstheologie werde es so lange geben, solange es Arme gebe: "Arme gibt es bis zum Jüngsten Tag. Was heißt Befreiungstheologie im Grunde genommen? Gott ist ein befreiender Gott. Der Name Jesu sagt schon: 'Gott befreit'. Gott heilt, Gott ist nicht ein Gott in weiter Ferne, er ist gleichzeitig Gott mit uns, ein Gott, der herabsteigt, der den Schrei seines Volkes hört und der es befreit aus der Sklaverei. Das ist die Grundbotschaft der Befreiungstheologie. Und da glaube ich, da kann sich nicht viel ändern. Wir können ja die Bibel nicht zuschlagen."

Über seine Motivation sagt Kräutler nur soviel: "Was läßt uns trotz aller Widrigkeiten, Hindernisse und Rückschläge weitergehen? Wir sind keine Helden und auch keine Schauspieler. Unsere Bühne ist die Realität in Amazonien, und wir lieben dieses Land und seine Bewohner. ... Was uns bewegt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe."

Was kann man da groß erwidern? Einfach zu sagen ist das vielleicht. Einfach zu leben - eben überhaupt nicht. Respekt für einen Menschen, der dies einfach trotzdem tut.

Montag, 6. Dezember 2010

Mit dem Latein am Ende?

"Wenn ich bei Fortbildungen auf die diakonale Realpräsenz Christi (Mt 25) in „Hungernden“, „Dürstenden“ usw. hinweise und mir von Priestern vorgeworfen wird: „Sie wollen aus mir einen Sozialarbeiter machen!“, dann bin ich mit meinem Latein am Ende." Das sagt der Pastoraltheologe Prof. Udo Schmälzle in einem Interview mit  Caritas in NRW.

Mit dem Blick auf Weihnachten erscheinen Denkgebäude, die immer größere "pastorale Räume" mit glänzenden theologischen Begrifflichkeiten legitimieren wollen, in der Tat gerade besonders fadenscheinig. Wir ahnen doch schon die Weihnachtspredigten vom Jesus, dem Kind, der in die Schwachheit und Armut der Welt hineingeboren worden sei. Gott werde berührbar, den Menschen gleich, zeige sich unbedingt solidarisch mit der Welt. Und sie stimmen ja auch, diese wunderbaren Gewissheiten der Weihnacht. Oder stimmt es nicht, was Albertus Magnus schreibt: "Will man fragen nach den Geheimnissen Gottes, so frage man nach dem ärmsten Menschen, der auf Erden weilt und der mit Freuden arm ist aus Liebe zu Gott, der weiß von Gottes Geheimnissen mehr denn der weiseste Gelehrte auf Erden"? Zur Zeit scheint die Kirche und ihre Lenker, scheinen die Gemeinden an einem Scheideweg zu stehen: Glauben wir wirklich daran, dass Jesus im Menschen nebenan, also gerade im Hungenden, Dürstenden oder - sozialarbeiterisch gesagt - im Benachteiligten erscheint? Und bleibt dies bei Kalendersprüchen und Gardinenpredigten - oder spiegelt sich das auch in der Struktur von Kirche, die ja Dienstleisterin des Heils ist, wider?

Es sei unbegreiflich, wie sich die Kirche gegenwärtig selbst zum Totengräber von Gemeinden mache, die auch ohne die direkte Leitung durch einen Priester überlebens- und – sicher in begrenzter Form – pastoral handlungsfähig wären, so Schmälzle. In den ersten Jahrhunderten seien die Gemeinden nicht von der Zahl der Priester bestimmt worden, im Gegenteil: Die Weihe eines Priesters durch den Bischof sei nach der Lehre des Konzils von Chalcedon ungültig gewesen, wenn der Weihekandidat nicht von einer Gemeinde entsendet worden sei: "Ich frage mich, wie Bischöfe angesichts dieser Entwicklung noch ruhig schlafen können." Das Prinzip der Sozialraumorientierung, Projekte konsequent in überschaubaren Räumen zu platzieren, in denen Menschen ihren konkreten Alltag bewältigen müssen, sei in der Tat über Jahrhunderte auch die Strukturmaxime pastoraler Gemeindeplanung gewesen. Die Kirche wollte mit ihrer Seelsorge dort sein, wo die Menschen leben und arbeiten, so Schmälzle weiter. In einer von der Regierung in NRW in Auftrag gegebenen Studie zur präventiven Sozialarbeit im Stadtteil sei festgestellt worden, dass die einzige einigermaßen dauerhafte und nachhaltig stabile Struktur, auf welche die sozialen Dienste im Stadtteil zurückgreifen könnten, in den konfessionellen Kirchengemeinden vorgehalten werde. "Wie lange noch?" fragt der Emeritus. Arme Menschen gerieten aber bei der aktuellen Neugestaltung von pastoralen Räumen in den Diözesen aus dem Blickfeld. Während sich der Lebensraum von Alten, Kranken, Alleinerziehenden und Hartz-IV-Empfängern immer mehr verenge, rücken die Gemeindezentren immer weiter weg und würden gerade für die immobilen Alten und Kranken immer schwerer erreichbar. Schmälzle sei überrascht gewesen, wie bei Befragungen gerade alte Menschen diese Entwicklung beklagen und sich von der Kirche alleingelassen fühlen.

Gott wird Mensch für Menschen. Für mich der wichtigste und nachhaltigste weihnachtliche Gedanke. Der aber, wenn er nicht nur behauptet werden soll, Konsequenzen haben muss.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

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