Mittwoch, 7. Dezember 2016

Forever young, am Ende ein Anfang


Screenshot: Peter Otten
Am Ende des Jahres wird ein Kind geboren. Am Ende also die Erfahrung vom Anfang.
 

Von Peter Otten
 

Ich bin kein Dynologe. Ich bin im Dylan-Kosmos nicht so bewandert, dass ich Ursprung und Umstand jedes Dylan-Songs kennen würde. Vieles aber spricht dafür, dass Dylan dieses Lied, das hier mit seinem strohigen Sound irgendwie nach Pferd und Erde klingt anlässlich der Geburt eines seiner Kinder geschrieben hat. Oder irgendeines anderen Kindes. Es spielt auch keine Rolle. Musikalisch und textlich erinnert Forever Young jedenfalls an die Tradition von Segens- oder Kinderliedern, in dem Dylan viele Wünsche versammelt, damit das Leben eines heranwachsenden Kindes gelinge. Und neben dem Wunsch nach immerwährendem Segen Gottes, der direkt am Anfang steht sind es handfeste konkrete Wünsche: Immer für andere da sein – und andere für dich (wer kann das schon?). Mögest du groß werden, um gerecht zu sein (Gerechtigkeit - ein großes Wort). Die Wahrheit zu kennen und treu zu sein. Mutig, stark und aufrecht. Hände und Füße beschäftigt und flink. Und wie in einer Litanei formuliert Dylan seinen Herzenswunsch: Für immer jung zu bleiben.

Mittwoch, 30. November 2016

Heart burnin´, still yearnin´


Screenshot: Peter Otten
Ist Gott ein unbehauster Pilger? Wenn ja, wäre er mir darin womöglich gleicher als niemand sonst.

Von Peter Otten

Ain´t talking, just walking. Als ich das Lied zur Vorbereitung auf den Abend nun wieder und wieder hörte und zugleich ins Deutsche zu übersetzen versuchte, habe ich gedacht: Dylan findet hier Worte für ein Lebensgefühl von Menschen, die ich kenne. Die - zum Teil gezwungenermaßen - eine unverbundene fast schon überindividualisierte Existenz leben müssen. Wach werden - walking – aufstehen – walking - Zähne putzen - walking – frühstücken – walking - in der KVB stehen - walking – arbeiten – walking - einkaufen - walking … and not talking. Durch eine Welt, die es immer schwerer fällt zu entschlüsseln. Gesetzmäßigkeiten zu entdecken oder gar zu verstehen. Sie gar zu gestalten. Walking wie ein Sisyphos, jeden Tag einen Stein auf einen Berg rollend wenigstens mit der Ahnung: er kommt doch wieder zurück.

Ich habe dieses Motiv in Dylans Text gesehen. Er beschreibt die Welt als einen Unort, bestimmt von Gewalt, Rachsucht, Gnadenlosigkeit, für die er eindringliche Bilder findet, die wie apokalyptische Stationen an einem postmodernen Kreuzweg wirken. „Hast du einmal verloren gibt es keine Gnade.“ Und der Erzähler schreitet, spaziert durch diese Un-Welt, dieses Outback, ironischerweise angetrieben vom federnden Rhytmus der Musik.

Mittwoch, 2. November 2016

Franz ist nicht Bob

Screenshot: Peter Otten
Der Papst hat erneut die Weihe von Frauen zu Priesterinnen abgelehnt und sich der Argumentation
seiner Vorgänger angeschlossen, die zusammengefasst lautet: Das war immer schon so. Mit einem ähnlichen Argument wollte Pete Seeger Bob Dylan 1965 die elektrische Gitarre entreißen. Das ging daneben, zum Glück.

Von Peter Otten

1965 beschloss Bob Dylan, seine Gitarre elektrisch zu verstärken. Es war beim Newport-Festival, als Dylan mit der Paul Butterfield Blues Band auftrat und mit umgeschnallter E-Gitarre eine Version von "Maggies Farm" anstimmte. Ein Teil des Publikums buhte heftig, so heißt es, und auch hinter der Bühne sollen sich bizarre Szenen abgespielt haben: Pete Seeger, eine Art Papst Benedikt der Folkmusik, soll damals sogar damit gedroht haben, die Kabel mit einer Axt kaputt zu schlagen. Doch Dylan machte weiter. Auch bei einer anschließenden Europatournee hagelte es Kritik, Pfiffe und Buhrufe, wenn der Sänger seine E-Gitarre auspackte. Daraus machte Dylan ein lakonisches Ritual: Er drehte sich zu seiner Band um und wies sie mit vier Worten an: "Play it fuckin´ loud!" Der Rest ist Geschichte. Dylan spielte E-Gitarre, saß später, als die Rückenschmerzen zu heftig waren an einem (elektrisch verstärkten) Klavier und lässt seit 1985, dem Beginn seiner Never-Ending-Tour, keine Bühne aus. Sogar vor dem Papst hat er aufgespielt. "Das war schon immer so!" - dieses Argument hat Dylan im Hinblick auf seine Entwicklung als Künstler und im Hinblick darauf, wie man Folk-Musik angeblich grundsätzlich zu spielen habe geflissntlich ignoriert. Gott sei Dank. Heute covert Dylan sogar Sinatra-Songs (igitt!) und ist auf der Bühne vielleicht so gut wie nie, wenigstens aber einer der interessantesten Künstler unserer Zeit.

Montag, 26. September 2016

Achte Todsünde: Selbstgerechtigkeit

Foto & Trikot: Norbert Bauer
Die Entscheidung für einen Verein ist nie rational. Bei mir war es eine Mischung aus Begeisterung für Bernd Schuster, der enttäuschten Liebe zu einer Frau und die S-Bahn-Verbindung von Köln-Buchforst nach Leverkusen-Mitte. 


Von Norbert Bauer


Bruno Labbadia ist nicht mehr Trainer von Hamburg. Georg Bätzig neuer Bischof in Limburg. Die aktuellen Meldungen von kna und sid offenbaren die ein oder andere Gemeinsamkeit zwischen Bischofsstuhl und Trainerbank.
Wie z.B.: Manche Co-Trainer werden nie Cheftrainer – manche Weihbischöfe nie Ortsbischof. Oder auch: Trainer wechseln gerne zu berühmteren Vereinen - Bischöfe folgen auch gerne mal dem Ruf zum einem bedeutsameren Bistum: Tuchel wechselte von Mainz zum BVB – Woelki von Berlin nach Köln. Ein Entscheidender Unterschied bleibt jedoch: Trainer werden bei Erfolglosigkeit entlassen - Bischöfe nie. Sie haben vielmehr eine Jobgarantie bis mindestens 75.

Aber ich wollte ja nicht über die Erfolgsquoten von Bischöfen schreiben. Sondern über Fußball und Selbstgerechtigkeit, die ich gerne als achte Todsünde etablieren würde. Seitdem RB Leipzig in die 1.Fußball-Bundesliga aufgestiegen ist, baden viele Fans im warmen Wasser der Selbstgerechtigkeit. Letzte Woche organisierten die Fans vom HSV vor dem Spiel gegen Leipzig eine Demo und prangerten den Fußballkapitalismus von Red Bull an. Wohlgemerkt: Fans vom HSV, der selbst seit Jahren vom Konserven-Multi Kühne am Leben gehalten wird. Am Samstag blockierten in Köln FC-Anhänger den Spielerbus der Sachsen, und wahrscheinlich stellen nächste Woche Augsburg-Fans eine Puppenkiste in dem Mittelkreis, um den Anstoß zu verhindern. Die Schlagwörter sind immer dieselben: für Tradition und gegen Geld. 

Dienstag, 6. September 2016

Anders verfahren

Kardinal Marx hat als Bischof von Trier einen Priester weiter im Dienst gelassen, obwohl  gegen ihnen wegen sexuellen Missbrauch ermittelt wurde.

Ein Kommentar von Norbert Bauer


Der Barmherzige Samariter 2016 weitererzählt: die Erinnerung an den Raubüberfall quält das Opfer noch Jahre. Nicht nur die Gewalttat selbst, sondern auch die abgewendeten Blicke der Vorbeilaufenden bleiben in schmerzhafter Erinnerung. Er entschließt sich Strafanzeige zu stellen. Doch die Tat ist verjährt. Als weitere Jahre später den vorbeigelaufenen Priestern unterlassene Hilfeleistung vorgeworfen wird, mögen die nicht recht sagen,  wer tatsächlich alles am Tatort vorbeigelaufen ist. Als aber Aufzeichnungen belegen, dass einige den schwer Verletzten haben dort liegen sehen, lässt der Oberste von ihnen durch einen Pressesprecher verlautbaren:
„Heute wird in einem solchen Fall anders verfahren.“
Unwahrscheinliche Pointe? 2016 eher nicht. Kardinal Marx hat als Bischof von Trier einen Priester, dem sexueller Missbrauch eines Jugendlichen vorgeworfen wurde, weiterhin im Amt gelassen ohne dem Vorwurf nachzugehen.  Mit dieser Tatsache Jahre später konfrontiert, lässt er genau diesen Satz durch seine Pressestelle raushauen. „Heute wird in einem solchen Fall anderes verfahren.“ Ich überlege, ob ich diesen Satz nicht den Kindern bei der nächsten Beichtvorbereitung mit auf den Weg gebe. Es ist schon merkwürdig: Spitzenvertreter einer Institution, die großen Wert darauf legt, dass schon Kinder ihr Handeln unter den Begriffen Schuld und Sünde reflektieren und betont, dass ohne Bekenntnis keine Vergebung möglich ist, flüchten sich in subjektlose, passive Satzkonstruktionen, wenn sie sich ihrer Verantwortung stellen sollten. Und das wohl ganz bewusst. Denn sie ahnen, wenn sie sich zu ihrem Fehlverhalten bekennen würden, wenn sie sich nicht hinter Passivformulierungen verstecken würden, sondern einfach mal ich sagen,  könnte dies auch persönliche Konsequenzen nach sich ziehen.



Montag, 22. August 2016

„Was du auch machst - mach es nicht selbst“

Foto: Sebastian Linnerz / www.sebastianlinnerz.de
Stundenlang haben Menschen auf Einlass in den Kölner Dom gewartet. Und das um Mitternacht. Vielleicht auch deshalb, weil Kirche das war, was sie viel zu selten ist: höflich.
 

Von Norbert Bauer

„Was du auch machst - mach es nicht selbst“ ist eine der schönsten und klügsten Textzeilen von Tocotronic. Die Rockband aus Hamburg richtet sich mit ihrem Song vor allem gegen eine selbstgerechte Heimwerkerromantik. Es könnte aber ein Motto-Lied für die Kirche sein, die sich angesichts leerer Kirchenbänke und Priesterseminare mal wieder fragt, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Die katholische Kirche in Deutschland wählt bei aller Unterschiedlichkeit folgenden Weg: Identitätsstärkung in kleinen Gemeinschaften bei gleichzeitiger Entprofessionalisierung. Wie schön, dass am Wochenende im Kölner Dom genau das Gegenteil passierte. Drei Nächte lang hat die Licht-und-Klang-Installation „silentMod“ tausende Menschen motiviert, stundenlang vor dem Dom auf den Einlass zu warten und sich anschließend mit großer Andacht der Inszenierung auszusetzen. 

Mittwoch, 27. Juli 2016

Schweigen

Foto: pixabay
Das Aushalten meines eigenen Schweigens ist vielleicht ein Anfang, Gott

Von Peter Otten

Ich schreibe diesen Text einen Tag, nachdem in Saint-Etienne-du-Rouvray der Priester Jacques Hamel ermordet worden ist. Ich sitze am Küchentisch. Hier weht ein kühles Lüftchen. Im Arbeitszimmer ist es stickig. Draußen auf dem Balkon summen Bienen, während sie in einer Ranke, die sich an der Hauswand hinauf windet, Blütenstaubpäckchen zusammenklauben. Ich weiß nicht, wie die Pflanze heißt, nur dass sie im Spätsommer dunkelblaue Beeren austreibt, die sich im Herbst die Vögel holen werden

Für eine Zeitschrift muss ich bis zum Ende der Woche noch eine Kolumne schreiben, deswegen sitze ich hier. Aber zum ersten Mal bin ich stumm.