Dienstag, 26. Mai 2020

"Ich kann es nicht mehr verantworten"

Foto: Peter Otten
Doris Bauer wohnt im Kölner Agnesviertel. Sie ist seit vielen Jahren ein wichtiger Mensch in der Agnespfarrei. Als Lektorin, Kantorin und Kommunionhelferin ist sie ein sichtbarer Teil in der Verkündigung der frohen Botschaft. Sie hat Maria 2.0 in St. Agnes mit auf die Welt gebracht. Ende des Monats wird sie aus der Kirche austreten. Wir dokumentieren den Text, in dem sie ihre Gründe darlegt. Denn wir denken: Dieser Text ist ein wichtiges Zeugnis für das, was gerade überall in vielen Gemeinden passiert: Es gehen nicht mehr die partiell Identifizierten oder die Uninteressierten. Die Erosion hat längst die Herzkammer der Kirche erreicht. Insofern macht der Text sehr deutlich, welcher spirituelle und menschliche Verlust schon längst voll im Gang ist.

Beweggründe für meinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche 

Dank, Ausblick und Wunsch für die Kirche von Morgen

Von Doris Bauer

Es war ein längerer Prozess, in dem ich mit dieser Entscheidung gerungen habe. Durch meine intensive Auseinandersetzung in den vergangenen zwei Jahren mit den Haltungen und mit dem Umgang der katholischen Kirche in Bezug auf die christlichen Werte und der frohen Botschaft ist bei mir die Entscheidung gewachsen, dieses System der Macht, der Ausgrenzung und der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer sexuellen Orientierung nicht weiter mitzutragen. Zudem halte ich die beharrliche Weigerung der Kirchenführung, Verantwortung für die von Geistlichen begangenen und/oder vertuschten Verbrechen zu übernehmen für unerträglich. Ich kann es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, ein System mit aufrecht zu erhalten, das „im Namen Gottes“ den Menschen Unrecht zufügt.

Mittwoch, 6. Mai 2020

Safety first

Screenshot: Peter Otten
Schon wochenlang werden in der katholischen Kirche Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert. Seit dem letzten Sonntag haben Menschen wieder beschränkt Zugang. Aber ist exklusives Feiern sinnvoll? Erlösung ist doch deswegen erlösend, weil sie nicht hermetisch ist.

Von Peter Otten


"Eines Tages hingen im Viertel Plakate. Der Karnevalsverein feierte Jubiläum. So stand auf den Plakaten eben auch ganz dick: "11 Uhr Festgottesdienst in St. Theodor." Niemand war auf die Idee gekommen, etwa den Pfarrer oder den Pfarrgemeinderat zu fragen oder über die Absicht zu informieren, ihr Fest mit einem Gottesdienst zu beginnen. Und was gewöhnlich mitunter zu viel Zank und Streit führen kann, löste sich hier in einem wunderbaren Ereignis auf. Denn natürlich erfüllte Marschmusik den Vorplatz der Kirche, als die Mitglieder des Karnevalsvereins in einer munteren Prozession vom Vereinslokal zur Kirche zogen (...). Natürlich sang der Kirchenchor in diesem Gottesdienst, auf den Bänken lagen bunte Tröten, durch die die Feiernden zwischendurch fröhlich bliesen. Natürlich gab es Ehrenplätze für den Präsidenten und Blumen für die Gattin. Natürlich würdigte die Katechese den Beitrag des Karnevals für die Kultur und den Frieden in einem Viertel. Ein Gottesdienst ist öffentlich und für alle da. Mit ihrem Plakat hatten die Karnevalisten gezeigt, dass sie verstanden haben: Der Gottesdienst ist auch unser Gottesdienst. Und unsere Sache hat dort eine Platz. Ganz selbstverständlich. Ohne Anmeldung." (aus Franz Meurer, Peter Otten; Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders, Gütersloh 2010, S. 50).

Mittwoch, 15. April 2020

»Open Source« statt »Gated Community«

Werden ansonsten die Kirchen pünktlich zum Gottesdienst aufgeschlossen, werden sie jetzt rechtzeitig davor zugeschlossen. 
Zwei Karfreitagserfahrungen von

Norbert Bauer
Foto: Ulrike Schulte-Richtering

Am Karfreitag sind meine Frau und ich quer durch die fast stille Stadt gelaufen, mit dem Ziel, eine offene Kirche aufzusuchen. An den Kar- und Ostertagen, so war zu lesen, wären die Kirchen in der Kölner Innenstadt erfreulicherweise zum Gebet geöffnet. Kirchen sind in diesen Tagen besonders: »Sie sind still und sprechen doch, sie sind stark und doch von angenehmer Stille und vorbildlichem Schweigen. Sie sind voller Angebote, zu denen man ebenfalls schweigen, vor denen man, wenn man will, beten, zu denen man hingehen oder kommentarlos weggehen kann.« (Rainer Bucher) Das wollten auch wir tun, am Karfreitag, um 15.00 Uhr. Kurz nach drei betraten wir eine Kirche. Die Türen waren geöffnet, ein verschlossenes Gittertor verhinderte uns jedoch den Zutritt zum Kirchenraum. Durch das Schmiedewerk schauten wir über die unbesetzten Bänke hinweg hinein in den leeren Altarraum. Aus dem Kirchenraum hörten wir Stimmen und nach wenigen Augenblicken realisierten wir: hier wird ein Gottesdienst gefeiert. Tatsächlich, ein Blick nach rechts vorne zeigte, am Marienaltar feierten wenige Menschen die Karfreitagsliturgie. Wir identifizierten einen Psalm, eine Lektorin trug die Lesung vor.

Samstag, 11. April 2020

Nichts zu suchen

Verschlossene Kirchen - leere Gräber.
Die Frauen, die von der Sorge um die Erfüllung religiöser Pflichten zum Grab geführt wurden, müssen erkennen: Wir sind am falschen Ort!


Gedanken zum diesjährigen Osterfest von






Foto: Peter Otten
von Hans-Joachim Höhn

„Sie haben hier nichts zu suchen!" Mit barschem Ton gehen zwei Ordnungskräfte auf eine Gruppe von Menschen los, die am Rheinufer zusammen stehen. Unmissverständlich machen sie ihnen klar, dass sie am falschen Ort sind.Es ist Corona-Zeit. Behördliche Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten sollen die Virusübertragung eindämmen. Es gibt keine öffentlichen Orte mehr, an denen mehr als zwei Personen etwas zu suchen haben. „Machen Sie, dass Sie hier wegkommen!“ Wer sich dagegen sträubt, erhält eine Anzeige und muss sich auf einen Bußgeldbescheid einstellen.

„Was haben Sie hier zu suchen?“ – Diese Frage wird missverstanden, wenn man auf sie mit der Angabe eines verlorenen Gegenstandes antwortet. In Wahrheit geht es um eine fehlende Aufenthaltsberechtigung. Es geht um die Legitimation, sich an einem Ort einzufinden, der nur besonders befugten Personen zugänglich ist. Vor solchen Orten sind Warnschilder angebracht. Sie verkünden in großen Buchstaben: „staff only“ oder „Privatbesitz. Kein Durchgang!“ Wer solche Warnungen ignoriert, macht Bekanntschaft mit Objekt- und Personenschützern. Über ihren Auftrag klärt ihre Uniform auf: „Security“.

Donnerstag, 9. April 2020

Murder Most Foul: Ein höchst übler Tod

Screenshot: Peter Otten
Murder Most Foul:
Der Tod ist zu nichts nütze. Karfreitagsgedanken. 

Von Peter Otten

Ende März hat Bob Dylan ein neues Lied veröffentlicht. "Murder Most Foul". Wobei: Es ist weniger ein Lied, eher schon eine Litanei, ein altmodischer Rap-Text, gewickelt in ein filigranes Seidenpapier aus wenigen Akkorden, hingestrichener Fidel und versonnenem scheuen Klavierspiel. Zu Beginn erzählt Bob Dylan von der Szenerie einer modernen Passion, die zugleich zu einen traumatischen Ereignis in der amerikanischen Geschichte geworden ist: der Mord am US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

Sonntag, 29. März 2020

Kirchensound mit Pessimismus-Bass

Papst Franziskus gelingt es mit Bildern und Worten zu berühren. Er kommt aber leider nicht ohne allgemeine Schuldzurufe aus. Die sind aber aktuell wenig hilfreich.
screenshot Vaticannews

von Norbert Bauer

Bob Dylan hat sich Freitag zu Wort gemeldet. Er, der ansonsten fast jeden Tag mit seinen Konzerten vor seiner Gemeinde steht, hat den Fans einen bisher unveröffentlichten Song geschenkt. Der SZ-Autor Willi Winkler vergleicht  „Murder most foul“ mit einem Rosenkranz.  Die 17 Minuten Musik konnten bei mir auch dank Dylans Stimme zumindest eine vergleichbare Wirkung erzielen. Der Literaturnobelpreisträger hat auch noch einige wenige Worte an seine Fans gerichtet: „Stay safe, stay observant and may God be with you.“ Der Segen der Kunst.

Ein anderer alter Mann hat am Freitag auch einen Segen gesprochen. Papst Franziskus, der ähnlich wie Dylan Tag für Tag Audienz hält, hat den Segen Urbi & Orbi gespendet -  allein auf dem Petersplatz stehend. Der Papst, der sonst gerne die Nähe zu den Menschen sucht, hält Abstand.

Samstag, 15. Februar 2020

Jesus hätte gebügelt

Leider kam der Papst nicht bis in die Eifel. Sonst hätte er wie ich eine wichtige Erfahrung machen können. Männer und Frauen sind gleich.

Von Norbert Bauer


Ich habe von meinen Eltern viel gelernt. Auch im Haushalt. Kochen und bügeln kann ich noch heute. Stricken nicht mehr. Hinter all den gelernten Fähigkeiten liegt aber eine grundsätzliche Erfahrung, die ich damals machen konnte: Gemeinschaftliche Aufgaben wurden gerecht verteilt. Jedes Familienmitglied leistete einen Beitrag. Kriterien dafür waren Kompetenz, Neigung und auch Lust. Entscheidend war nie das Geschlecht. Wenn Jesus bei uns in der Eifel groß geworden wäre, hätte er auch bügeln gelernt. Ich hatte das Glück, schon als Heranwachsender erleben zu dürfen: Rollen werden ausgehandelt, nicht bestimmt. Papst Franziskus offensichtlich nicht. Er bestimmt weiterhin als Mann, was das andere Geschlecht tut. „Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise.“(Querida Amazonia 101) Als Indikativ formuliert, aber als Imperativ gemeint.„Kraft und Zärtlichkeit“ klingt zwar eine wie eine Neuübersetzung von Graham Greene, ist aber weiterhin das katholische Alleinstellungsmerkmal für Frauen.
Gerne würde ich solche Aussagen mit gelassener Ironie begegnen, auch dank der Erfahrung, dass es meiner katholischen Familie in der Eifel schon vor 50 Jahren gelungen ist, päpstliche Rollenmuster links liegen zu lassen. Ich kann auch gut verstehen, wenn Maria 2.0 „Querida Amazonia“ als Ermutigung zur Selbstermächtigung liest. Dabei kann aber nicht ignoriert werden, dass in vielen Ländern und Regionen dieser Welt, Frauen kaum eine Chance haben, selbst darüber zu bestimmen, welchen Beitrag sie in Gesellschaft und Familie gerne leisten wollen.
Der Papst verlangt mit seinem Schreiben weiterhin wieder die katholische Kompetenz der kognitiven Dissonanz.