Samstag, 16. Juni 2018

Wenn der Pastor zweimal klingelt

Erik Flügge hat nach seinem Bestseller „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ ein zweites Buch vorgelegt. Zusammen mit dem Kommunikationsberater David Holte plädiert er für „Eine Kirche für Viele“. Es könnte aber sein, dass am Ende sich nur noch wenige für die Kirche interessieren.
 

Von Norbert Bauer
 

Jedes Jahr erscheint ein „Schwarzbuch“ mit dem der Bund der Steuerzahler auf die Verschwendung öffentlicher Gelder aufmerksam macht. Mit „Eine Kirche für Viele“ hat Erik Flügge nun sein Schwarzbuch vorgelegt. Während sich der Bund der Steuerzahler über vermeintliche Luxus-Mülltonnen beklagt, regt sich Flügge über Gemeindehäuser und Pfarrämter auf: „Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht.“ (9) Für ihn sind diese Räume pure Kirchensteuerverschwendung. Nun sind Steuern keine Zahlungen, die mit der kalkulierten Hoffnung auf möglichst maximale persönliche Gegenleistung gezahlt werden. Mit Steuern finanziere ich vor allem ein Gemeinwohl, auch mit meinen Kirchensteuern. Während ich diese Rezension schreibe, probt nebenan im Pfarrsaal ein Chor persischer Frauen. Sie bezahlen keine hohe Miete und sind noch nicht mal katholisch. Trotzdem halte ich meine Kirchensteuern dort für bestens investiert.

Mittwoch, 30. Mai 2018

Causa finita

Screenshot FAZ vom 30.5.2018 (Peter Otten)
Man ist es leid, immer ausgefuchstere Begründungen für die Diskriminierung von Frauen in der Kirche zu hören. Dabei hatte Gott bei der Offenbarungsidee halt nur die Auswahl zwischen Kopf und Zahl. Ist das ein Grund für die Kerle für alle Zeiten überzureagieren? Wahrscheinlichkeitsrechnung würde schon helfen.

Von Peter Otten

Als Gott darüber nachdachte, es wäre vielleicht eine gute Idee, sich den Menschen in der Geschichte zu offenbaren hatte er genau zwei Möglichkeiten. Vielleicht hat er dann eine Münze hochgeworfen, Kopf = Junge und Zahl = Mädchen. Oder umgekehrt. Jedenfalls wurde es dann ein Junge. Aber, hey, es hätte halt auch ein Mädchen werden können. Fifty-Fifty-Chance halt. Es hätte auch anders kommen können. Muss man da gleich so überreagieren? We Kerle are the Champions? Weil Jesus ein Mann war? Jungs, habt ihr gepennt, als in der Schule Wahrscheinlichkeitsrechnung dran war?

Samstag, 26. Mai 2018

Azzurro

"Azzurro"-Himmel enden nirgends. Gekürzte und leicht geänderte Ansprache  zur Trauerfeier von P.

Von Peter Otten


Azzurro 

Das ganze Jahr such' ich den Sommer
und jetzt auf einmal ist er schon da.

Sie ist runter ans Meer gefahren
ich bin alleine hier in der Stadt,

über den Dächern hör ich's zischen
ein Flugzeug fliegt wohl gerade weg.

Azzurro, himmelblau,

der Nachmittag ist viel zu blau und zu lang für mich.
Ich merke, ich krieg' hier nichts mehr auf die Reihe,
so ohne dich.

Und beinah, beinah steig' ich dann in den Zug
und komme, komme zu dir,
doch in meinen Gedanken
fährt der Zug der Sehnsucht andersrum.


Um das, was Adriano Celentano hier singt, darum geht es heute. Denn wer von Ihnen würde nicht gerne heute in den Zug steigen und P. hinterherfahren? Aber das genau geht nicht. Es geht nicht einmal „beinahe“, es geht gar nicht. Oder auch: Bei wem von Ihnen fährt der Zug der Sehnsucht nicht andersherum? Konkret: P., komm du doch zurück! Doch auch das geht - nicht.

Wem gehört das Himmelreich? Wer wem gehört der Himmel, von dem das Lied singt, er sei zu sehr „azzurro“, dass es für einen allein zu blau, zu viel ist?

Klar, werden Sie sagen. Er gehört uns. Oder er hat uns gehört. Wir dachten, ein bisschen lebten wir mit P. im Himmel. Er war doch mein Sohn – an ihn durfte ich das Leben weitergeben. Er war doch mein Bruder – und hat mir die Welt gezeigt, als ich klein war. Er war mein Mann – mit dem mein Leben rund und schön war. Er war doch mein Vater. Einen besseren findest du nicht. Er war doch mein Opa. Und hat mit mir uns meinen Autos gespielt. Das ist doch der Himmel. Himmelblauer geht es nicht.

Samstag, 19. Mai 2018

Der Zwilling Gottes

Wenn der verwundete Gott uns seine Wunden zeigt, können wir mit unseren Verwundungen leben, selbst mit der größten Wunde, dem Tod. Gekürzte und leicht veränderte Ansprache anlässlich der Trauerfeier von R.

Von Peter Otten

Wenn ein Mensch gestorben ist und Menschen sich zu einer Trauerfeier versammeln, dann dient diese Feier natürlich zum einen dem Andenken des Verstorbenen. Es ist vor allem aber auch, und das ist mir sehr ernst, eine Feier für die, die zurückbleiben. Sie ist für sie dann ein Einstieg in die Trauer. Sie bildet einen Rahmen, sie gibt eine Struktur dafür, gut in die Trauer einsteigen zu können.

An dieser Stelle der Feier geht es nun darum zu schauen, ob wir in diesem tiefen schwarzen Loch nicht doch an einem Punkt Funken der Hoffnung schlagen können. Das ist wahrscheinlich das Schwierigste, denn es erscheint zunächst als unmögliche Herausforderung. Und wer nicht acht gibt macht diesen Versuch zu einem vertröstenden Zynismus.

Montag, 16. April 2018

Katholisches Aschenputtel

Bei seiner Buchpräsentation in Köln  der Psychiater Lütz diagnostiziert in der Kirche eine schuldbeladene Grundstimmung. Man könne jeden Bischof nachts wecken und der würde sofort ein Referat über die Schuldgeschichte der Kirche halten können. Mit seinem neuen Buch will Lütz den Bischöfen wieder einen guten Schlaf ermöglichen. Ich befürchte aber, dass dies nicht so leicht möglich ist. Denn Lütz erweist sich als katholisches Aschenputtel.

Norbert Bauer

Jetzt hat Manfred Lütz sein aktuelles Buch auch in Köln vorgestellt. Musste er eigentlich nicht mehr, denn dank seiner hartnäckigen Journalistenkontakte ist „Die geheime Geschichte des Christentums“ durch zahlreiche Interviews selbstverständlich auf dem Sachbuchlistenplatz 1 gelandet.  Trotz des großen Erfolgs  blieben bei der Buchpräsentation zahlreiche Plätze im Kinosaal des Museum Ludwigs frei.  
Damit alle Anwesenden wissen, wie Manfred Lütz dieses Buch geschrieben hat, eröffnete er den Abend im Helmut-Markwort-Style, der ja mit seinen „Fakten, Fakten, Fakten“ bekannter Weise eine neue Stufe des deutschen Qualitätsjournalismus eingeführt hat.  Um die Fakten zu „Der Skandal der Skandale“ zu recherchieren, musste Lütz nicht selbst in die Archive steigen. Sein Buch ist eine Volksausgabe von Arnold Angenendts  „Toleranz und Gewalt[1], das mit seinen 800 Seiten und 3000 Anmerkungen für seinen Friseur nicht lesbar sei. Lütz hat dieses dicke Buch des emeritierten Kirchenhistorikers gelesen. Vieles von dem, was er bei Angenendt gelesen habe, sei für ihn völlig neu gewesen, obwohl er fünf Jahre Theologie studiert habe. Deshalb habe er dieses Buch jetzt schreiben müssen. Ich habe auch Theologie studiert. Für mich war nicht alles neu. Auch für meinen Vater nicht. Und der hat 30 Jahre vor mir Theologie studiert. Während unseres Studiums haben wir aber auch gelernt, die Fakten einzuordnen.

Freitag, 30. März 2018

Vorname: Judas

Für den Songwriter Pete Astor ist klar, wann das Unglück seinen Lauf nimmt: “When Jesus has left the building and Judas is on your team.” Nicht nur dieses Lied zeigt, Judas hat keinen guten Ruf. Vielleicht zu Unrecht. Gedanken zum Karfreitag.
 
von Norbert Bauer

Namen mit jüdischen Wurzeln sind beliebt in Deutschland.
Benjamin, Noah, Hannah und  Esther zählten 2017 zu den Top10 der Namen in Deutschland. Ein jüdischer Namen findet sich nicht auf der Liste: Judas.  Judas gibt es als Vornamen bei uns nicht. Judas ist kein Namen. Judas ist ein Schimpfwort. Als Lothar Matthäus von Borussia Mönchengladbach nach Bayern München wechselte, wurde er von den Gladbach-Fans nur noch mit Judas begrüßt.  Der SPD Politiker Ibrahim Böhme wurde nach Bekanntgabe seiner Stasi-Tätigkeit zum „Genossen Judas“
Judas und Verräter sind in unserer Sprache ein Synonym und seine Geschichte allseits bekannt.
Dabei ist der biblische Befund über Judas gar nicht so eindeutig.

Ich aber sage: Du bist schön

Foto: Peter Otten
Als Gott stirbt zeigt er aller Welt deine Schönheit. Warum der Karfreitag so wichtig ist.

Von Peter Otten

Warum ist dieser Tag wichtig?

Vor einem Jahr etwa habe ich eine Frau bestattet. Es waren viele Wochen zwischen ihrem Tod und dem Tag der Beerdigung verstrichen. Die Behörden hatten versucht, Angehörige der Dame zu finden. Sie war im hohen Alter in einem Seniorenheim verstorben. Aber sie hatten niemanden gefunden. Also haben die Behörden die Bestattung organisiert. Sie legten einen Friedhof, ein Datum und eine Uhrzeit fest. Ich hatte nur ein paar spärliche Informationen über die Verstorbene. Das, was auf ein Formular passt: Name, Adresse, Familienstand. Sie hatte einen schönen Namen, wie ich fand. Er hatte einen warmen Klang. Aber es gab niemanden, mit dem ich über sie hätte sprechen können. Vielleicht hätte ich in das Heim fahren sollen, um die Menschen zu fragen, die sie zuletzt betreut hatten. Aber das fiel mir zu spät ein.