Freitag, 14. April 2017

Leerstellen


Foto: Peter Otten
Der Karfreitag nimmt sich Zeit, Leerstellen zu betrachten: Augenblicke, nach denen nichts mehr kommt.

Von Peter Otten

Dieser Johannes macht so viele Worte! Denke ich, als ich den Text wieder und wieder lese. Als möchte er, weil er aus der Pespektive „90 Jahre danach“ schreibt, alles „auf Linie“ bringen. Damit alles bis in den Höhepunkt hinein stimmig erklärt ist: Es ist der Gottessohn, der da stirbt. Deswegen weisen alle Schriftworte auf diesen Punkt hin. Deswegen die vielen Diskussionen und Gespräche. Dieser Spannungsaufbau, diese fast schwüle körperlich anstrengend verspürte Atmosphäre dieses endlos erscheinenden Dramas.

Bis endlich der Höhepunkt der Geschichte erreicht ist, in dem sich alle Spannung entlädt, dass man es fast körperlich spürt, ja fast erleichtert ist: „Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und gab seinen Geist auf.“ Man kann fast hören, wie der Atem ein letztes Mal entweicht. Es fast spüren.

Donnerstag, 6. April 2017

Das Heilige und die Gier


Screenshot: Peter Otten
Heute musste ich einen kurzen Text zum Thema "Gier" schreiben. Und weil nächste Woche Bob Dylan in Düsseldorf aufspielt (Vorfreude verspüren) dachte ich: Vielleicht das Nützliche (Text schreiben) mit dem Angenehmen (Bob Dylan lauschen) verbinden? Und schaute bei Dylan nach. Und fand seine Trostbotschaft: Im Angesicht der Gier bleibt das Heilige immer das, was es ist.

Von Peter Otten


Heute habe ich mich ein bisschen auf das Bob-Dylan-Konzert vorbereitet, das kommende Woche in Düsseldorf stattfindet. Im Internet verlor ich mich in einer Aufnahme eines Dylan-Konzertes, das er vergangenes Jahr in Tokio gab. Und ich muss sagen, es berührt mich immer wieder, wenn Dylan aus dem dunklen Hinterland ins Bühnenlicht tapst, die Beine leicht auseinanderstellt wie ein Trompeter, der festen Stand sucht fürs Anblasen. Aber Dylan spitzt bekanntermaßen nicht die Lippen, sondern knarrzt und tremolot Silben und Sätze ins Mikrofon, und wenn die Stimme in die Höhe klettert kann es sein, dass sie kurz wie ein Eiskratzer klingt, den man mit bläulich gefrorenen Fingern wintertags über die zugefrorene Windschutzscheibe führt. Das kann man manieriert oder gleich überflüssig finden. Mir egal. Jens-Christian Rabe schrieb denn auch versöhnlich und hellsichtig in seiner "Naja"-Rezension von Dylans neuem Album „Triplicate“ in der Süddeutschen Zeitung, Dylan-Songs ließen sich aber auch durch fast nichts so zielsicher ruinieren wie eine zu gute Stimme. Gibt es ein andächtigeres Kompliment? Eine liebenswertere Verbeugung vor einer kauzigen Besessenheit? (Für viele ist Bob Dylan halt nichts weiter als dies: ein kauziger alter arroganter Mann, wie viele Kommentare zu seiner für viele unverständlichen Umgang mit dem Literatur-Nobelpreis zeigen). Niemand knarrzt den Dylan so wie der Dylan.

Jedenfalls stieß ich beim Stöbern auf das Lied „Blind Willie McTell“. Hier ein Übersetzungsversuch von mir:


Sonntag, 12. März 2017

Gott will Diversität

Foto:Norbert Bauer
Wie es für einen Bayer 04 Leverkusen Fan ist, allein unter 1. FC Köln Fans in einer Kölner Kneipe das Lokalderby zu gucken und was das alles mit dem Turmbau zu Babel zu tun hat. Eine Predigt bei dem wunderbaren Zeitfenster-Gottesdienst in Aachen.

Zeitfenster-Aachen hat jetzt auch einen Mitschnitt von der Predigt ins Netz gestellt.

von Norbert Bauer

Ich lebe in Köln, habe aber das Glück kein Fan von 1.FC Köln
zu sein. Das ist in Köln ungewöhnlich, denn in Köln ist fast jeder glühender Anhänger des FC. Ich bin hingegen Fan von Bayer Leverkusen. Was für jemanden, der in Köln lebt, wirklich sehr ungewöhnlich ist. Das ist meine persönliche Diasporasituation und manchmal besonders spürbar, z.B. wenn ich bei Spielen vom 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen in Gottes Grüne Wiese gehe, einer Fußballkneipe gleich bei mir um die Ecke. Dort habe ich auch das letzte Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften gesehen. Natürlich haben alle gejubelt, als Modeste das 1:0 für den 1.FC Köln erzielte: nur ich nicht. Und alle haben sich geärgert, als Wendell kurz vor der Halbzeitpause den Ausgleich schoss: nur ich nicht. Das habe ich mir aber nicht anmerken lassen.
An diesem Abend habe ich noch mal gemerkt, wie stark ein Wir-Gefühl sein kann. Alle hatten dasselbe Ziel, alle hatten denselben Wunsch, alle sangen dieselben Lieder. Nur einer nicht.
Ohne ein Wir-Gefühl können wir nicht leben. Ich bin sicher, auch der größte Individualist freut sich ab und zu über Gemeinschaftserfahrungen.

Montag, 20. Februar 2017

Loben statt weihen

Screenshot: https://vimeo.com/148244069

Anmerkung der Redaktion:

Der folgende Text wurde am 13. Februar 2017 als Vortrag auf dem vom Zentrum für angewandte Pastoralforschung (ZAP) veranstalteten Kongress „Für eine Kirche, die Platz macht …“ an der Universität Bochum gehalten. Für das meistgebuchte Panel 1 „Führen: Wie eröffnet Hierarchie Handlungs- und Freiheitsräume?“ war neben Statements von Prof. Georg Essen, Bochum („Führung und Macht. Was eine Ordnung der Freiheit für die Kirche ermöglicht“) und Frau Dr. Rosel Oehmen-Vieregge, Bochum („Die sacra-potestas-Lehre: Eine unüberwindbare Blockade?“) auch ein kirchenrechtlicher Beitrag über „Die Übermacht definitiver Festlegungen“ gewünscht, in dem es um unveränderliche Rahmenbedingungen für kirchliche Partizipationsmöglichkeiten gehen sollte. Das Panel stieß auch in vielen Gesprächen am Rande auf große Resonanz. Im Nachgang zu dem Kommentar von Norbert Bauer, der am Kongress teilgenommen hat entspann sich auf Facebook dazu eine kritische Debatte, in der als Beleg für die Positionenvielfalt auf dem Kongress u. a. darauf hingewiesen wurde, einige Herren hätten die schonungslose Beschreibung der realen kirchenrechtlichen Verfassung der katholischen Kirche nicht ertragen und aus Protest den Saal verlassen. Unabhängig davon, wie man zu dieser Art der Auseinandersetzung bzw. ihrer Vermeidung steht, sollte Interessierten ein eigenes Urteil ermöglicht werden. Deshalb sei das Bochumer Statement von Prof. DDr. Norbert Lüdecke im Folgenden wiedergegeben.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Hübsch ist wichtiger

Beim Kongress „Für eine Kirche, die Platz macht“ feiert sich die katholische Kirche für ihre Innovationskompentenz. Beim Galaabend wird aber deutlich, für wen diese Kirche weiterhin keinen Platz macht.

Von Norbert Bauer.

Galaabend beim Kongress „Für eine Kirche, die Platz macht.“ Weiße Tischdecken, Kerzen und Blumen verleihen der tagsüber gläsern-hellen Mensa der Ruhr-Uni Bochum einen feierlichen Charakter. Nachdem das Set der jungen Jazzmusiker beendet und das Buffet leer gegessen ist, betritt Prof. Sellmann die Bühne und kündet den Moderator für das folgende Programm an. Christoph Krachten, der ansonsten die ausverkauften Videodays in der Köln-Arena moderiert, hat die Präsentation des Abends total gerne übernommen, denn er sei ja schließlich auch katholisch und kündet umgehend die Sensation des Abends an. Die Verleihung des ersten zap-Innovationspreises. Ein weiterer Mann betritt die Bühne. Robert Baumanns, Laudator des Preisträgers und Kirchenexperte der Kölner Boulevard Zeitung EXPRESS, was natürlich den Vorteil hat, dass man am nächsten Tag zumindest im EXPRESS nicht nur Bilder von "lecker Mädchen" zu sehen waren, sondern auch die Meldung, dass der „EXPRESS-Redakteur Robert Baumanns die Laudatio auf den Domprobst gehalten hat.“ Ausgezeichnet mit dem ersten zap-Innovationspreis wurde nämlich Prälat Bachner für seine Durchsetzungskraft, das zap-Projekt „silentMOD“ im Kölner Dom gegen alle Widerstände durchzusetzen. Die Idee der Jury (welche Jury eigentlich?) den ersten zap-Innnovationspreis an jemanden verleihen, hat ein gewisses Geschmäckle. Die „Gänsehautatmosphäre“ (Christoph Krachten) des Abends wurde durch diese Selbstreferentialität aber nicht gestört.  

Donnerstag, 19. Januar 2017

Give Peace a Pence

Foto: Lobomedia-Presse/wikipedia.de
Pax Christi soll ab 
kommenden Jahr
bischöflicherseits kein Geld mehr bekommen. Mit der Initiative gesprochen hat laut einem Zeitungsbericht vorher niemand. Das ist stillos. "Gemeinsam Kirche sein" bedeutet: Ihr seid das Fernsehballett und wir haben die Show.

Von Peter Otten

Sollte in einer nahen Zukunft ein Sprachwissenschaftler die Fieberkurven amtskirchlichen Sprechens untersuchen, würde er in den letzten Jahren vor allem in der Rubrik "gut gemeinte Euphemismen" fündig werden. Sie ist zuletzt beständig nach oben ausgeschlagen: Er würde von "Pastoralen Zukunftswegen" und "gemeinsamen Lernreisen" erfahren, von "synodalen Prozessen", von "neuen Formen gemeinsamer Leitung". Das klingt alles ein bisschen nach der WDR-3-Version von "Together forever", alles ein bisschen "Was-wir-alleine-nicht-schaffen-das-schaffen-wir-dann-zusammen"-mäßig. Das Gemeindeglied, pardon: der Laie ist als wichtige Ressource wiederentdeckt. Haken wir uns unter. Wir sind doch gleicher als du denkst. Charismenorientierung ist das Stichwort (das klingt allerdings dann schon wieder ein bisschen nach Nestle-Aland und nicht nach Xavier Naidoo). Ich bin ok, du bist ok, entdecke, was in dir steckt, du hast deinen Platz in der Kirche nur noch nicht entdeckt (warum eigentlich nicht?), obwohl du das hättest tun können (aber echt!), denn alles, was du brauchst ist bereits in dir (wahlweise auch: hat Gott in dein Herz gelegt / hat der Heilige Geist gebracht - die sieben Gaben und so). Das "wir" ist das neue "ich".

Montag, 16. Januar 2017

Demokratie und Wein

2017 ist Wahljahr. Am Donnerstag habe ich zum ersten Mal in diesem Jahr von meinem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Ich habe einen grünen Umschlag in einen Briefkasten geworfen und mich an der Wahl der grünen Spitzenkandidaten beteiligt. Ein Loblied auf die Demokratie von einem lauen Parteimitglied.


Von Norbert Bauer

Ja ich bin Mitglied der GRÜNEN. Anfang der 80er Jahren habe ich, obwohl noch nicht volljährig und wahlberechtigt, zusammen mit Lehrern, Landwirten und einem Finanzbeamten den Kreisverband Bitburg-Prüm gegründet. Für kurze Zeit war ich sogar Geschäftsführer. Mit 17 habe ich im Cafe Hanebrink in Gerolstein eine Protestveranstaltung gegen eine geplante Wiederaufbereitungsanlage in Rheinlandpfalz durchgeführt. Die technischen Details hatte ich nicht so ganz verstanden, in Physik und Chemie war befriedigend immer meine beste Note. In Reli hatte ich aber eine eins. Das reichte mir damals für politische Letztbegründungen. Die Nuklearanlage wurde dann auch nicht gebaut.
Meine Parteikarriere endete dann jäh als Student in Frankfurt. Der Jutta Ditfurt-Jargon im Ortsverband Frankfurt-Süd verdarb mir meine politische Laune.

Heute bin ich nur ein laues Parteimitglied. Genauso wie der laue Katholik sich vor allem an Weihnachten und Ostern seiner Kirchenzughörigkeit bewusst ist, bin ich es an den Wahltagen. Für mich sind die GRÜNEN auch nicht allein selig machend. Auch außerhalb dieser Partei finden sich „vielfältige Elemente der Wahrheit“ (Lumen Gentium 1,8) Darum verstehe ich mich mit meiner Cousine Petra, die aktive CDU Politikerin ist, bestens und begrüße es, wenn mein Freund und Kollege Peter der SPD beitritt. Ich treffe mich gerne zum Mittagessen mit Johannes, der davon überzeugt ist, dass die Linkspartei die sozialpolitischen Vorstellungen von Papst Franziskus verwirklicht. Und ich war sogar in Elke verliebt, mit der ich Theologie studiert habe, obwohl sie CSU-Mitglied war.