Dienstag, 5. Dezember 2017

Make You Feel My Love


Weihnachten ist ein Fest über den Resonanzraum der Liebe. Wie schön wäre das, wenn ich jemandem glauben könnte: „Kein Zweifel in meinem Herzen, wohin du gehörst“

Von Peter Otten


 

In der Schule waren wir gut im Schreiben von Liebesbriefen. Zumindest dachten wir das. Wir haben uns Extra-Briefpapier besorgt. Recyclingpapier, grau, mit aufwendig gestalteten Briefköpfen unserer Zeit: geschwungenen Blumen, hingetupften Landschaften, Janosch-Tigerenten. Türkisfarbene Tinte war damals en vogue. Dann fühlten wir uns als Poeten. Warum auch nicht? Wenn wir, den Stift im Mund versonnen aus dem Fenster schauten, den Blick auf den bedauernswerten zerzausten Birnbaum im Garten geheftet, über uns die strengen Herbstwolken.

Sicher haben wir das, was ihr zu sagen war nicht genauso formuliert wie Bob Dylan. Das Problem bei Liebesbriefen war ja, dass wir die Werke, nachdem wir sie handschriftlich verfasst hatten zur Post gebracht haben. Dann waren sie weg, unwiderruflich, und was wir geschrieben hatten hatten wir geschrieben. Kontrollieren, ändern – zwecklos. Ein Liebesbrief war stets eine Investition ins Ungewisse.  

Wir mussten feststellen, dass die Liebe auch danebengehen kann. Was sollten wir machen, wenn das eigene Werben und Schwärmen bei ihr Stirnrunzeln oder schlimmer noch: peinliches Kopfschütteln, Augenbrauenheben oder – ganz fatal – ignorantes Schweigen hervorrief. Das war überhaupt das Schlimmste. Peinlich genau beobachteten wir ihre Reaktion, tagelang. Aber nichts. Rien. Nothing. Nicht schön auch: das klärende Gespräch („du bist ja ein ganz Netter“, „ich sitze wirklich gern mit dir in Englisch, aber…“, „ich glaube, du hast da ganz fürchterlich etwas missverstanden“, „ich kann mit niemandem so gut reden wie mit dir“, „du bist ein echt toller Freund“). Wir lächelten tapfer und sahen, wie sie unserem Blick auswich, und wir merkten, wie alle Kraft aus unserem Körper entwich wie bei einer defekten Luftmatratze. Wo war jetzt bloß der Birnbaum, hinter dem wir uns hätten verstecken können?

Samstag, 30. September 2017

Pool von Frauen


Screenshot Ausschnitt Norbert Bauer, dfb.de 
Mit ihrem Mentoring-Programm wollen die deutschen Bischöfe die Rolle der Frauen stärken. Es bleibt aber weiterhin eine Nebenrolle.


Von Norbert Bauer

"Was dem Verführer von früher die Briefmarkensammlung war, ist dem aufgeschlossenen Bischof von heute der Frauenförderplan“ schreibt Christiane Florin in ihrem Buch „Der Weiberaufstand“. Wenn alle deutschen Bischöfe zusammenkommen wird aus der Förderung gar ein Mentoring-Programm. Es werden nicht nur Briefmarken gezeigt, sondern auch noch ein Piccolo aus dem Kühlgeschrank geholt. Im Pressebericht zum Abschluss der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz erinnern sich die 67 Männer an ihren Fünf-Jahres-Plan „nach Möglichkeiten zu suchen, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen weiter zu erhöhen.“ Denn sie meinen es ernst mit „Geschlechtergerechtigkeit“, „geschlechtersensibler Pastoral“ und „echte Wahlfreiheit für Frauen und Männer.“ Wer dies liest, kann leicht den Eindruck gewinnen, bei der Herbstversammlung der Bischöfe sei der katholische Frühling ausgebrochen. Dass dem nicht so ist, erfährt die Leserin dann zum Schluss des Dokuments: „Das Mentoring-Programm trägt so dazu bei, dass vor allem auf der mittleren Leitungsebene ein Pool von Frauen entsteht, die fähig und bereit sind, Leitung in der Kirche wahrzunehmen.“ Mit diesem Satz ist klar, was die Bischöfe mit ihrem Programm wollen: die Rolle der Frauen stärken, die aber weiterhin nur eine Nebenrolle sein kann. Für höhere Aufgaben sind Frauen gar nicht vorgesehen. Man erweckt erst gar nicht den Eindruck, die Decke nach oben sei gläsern. Interessant ist auch die Einschätzung, dass ein „Pool von Frauen“ (klingt nach einer Tagesthemen-Anmoderation zum Tod von Hugh Hefner) „entsteht“, die „fähig und bereit sind“. Ist es nicht eher so: die Fähigkeit und Bereitschaft der Frauen ist schon immer da, nicht aber die der Männer, ihre Macht zu teilen?

Montag, 25. September 2017

Im Risikomodus

Foto: Peter Otten
Nach der Bundestagswahl müsste die katholische Kirche in den Risikomodus schalten. Sie könnte dazu beitragen, dass dringend benötigte Diskursräume entstehen. Schöne Idee. Aber das wird sie nicht tun.

Von Peter Otten

In der Krypta von St. Agnes in Köln befindet sich seit einigen Jahren eine Reliquie. Dabei handelt es sich um einen Brief, den der katholische Widerstandskämpfer Nikolaus Groß im Juli 1944 an seine Tochter Marianne schrieb. Die Geschichte dieses Briefes, auch die problematische Annexion des persönlichen Widerstands eines Menschen durch Teile der katholischen Kirche hat Norbert Bauer hier schon mal beschrieben.

Samstag, 9. September 2017

Besser als allein


Foto: Marco Verch / flickr.com
Das Schlimmste im Leben ist vielleicht das Alleinsein. Zu zweit zu sein sei besser, das sagt schon der biblische Prophet Kohelet. Es gibt aber keine Garantie dafür, dass Menschen das ein Leben lang gelingt, obwohl sie sich das sehr wünschen.

Von Peter Otten

Als meine Mutter 50 wurde, schenkten wir ihr eine Fritteuse. Wir kauften sie wie alle Elektroartikel bei „Elektro Schmitter“ und ließen sie dort gleich mit einer schönen Schleife hübsch verpacken. Sie war ein runder Topf, wie ein kleiner Einkochkessel mit einem Stecker und einem Deckel. Sie hatte einen Schieberregler, mit dem man die Temperatur einstellen konnte. Der optimale Gargrad für verschiedene Lebensmittel war mit Hilfe kleiner Piktogramme aufgemalt: Ein Fisch benötigte eher eine mittlere Hitze, bei der Zubereitung von Pommes Frittes sollte man den Schieber bis zum Anschlag durchschieben.

Dienstag, 22. August 2017

Bei mir bist du schön


Screenshot: Peter Otten
Wenn alles seine Zeit hat, ist alles auch irgendwann vorbei. Was aber soll das für einen Sinn machen? Vielleicht liegt der Schlüssel darin: Gott nimmt die Angst vor der Vergänglichkeit des Vergänglichen. Eine Traueransprache zu Kohelet, 3, 1-14.

Von Peter Otten

Der Trauer Raum geben, Trost spenden, sich erinnern, Abschied nehmen und Hoffnung haben – das ist eine kulturelle Leistung. Es gibt unterschiedliche Arten, das zu tun. Sich zum Beispiel im Rahmen eines Gottesdienstes zu versammeln ist eine mögliche und gute Form. Trauer zu empfinden und zuzulassen – damit geht jeder Mensch anders um. Wie auch immer aber ein Mensch damit umgeht, eines bleibt doch gleich: Wenn ein Mensch geht, bleiben andere Menschen anders zurück. Wenn ein Mensch geht, geht immer auch ein Stück der Identität von denen, die bleiben. Wenn die Mutter, die Großmutter geht, gehen die Wurzeln, aus der das Kind, das Enkelkind lebt. Und die eigene Rolle als Sohn oder Enkel verändert sich.

Freitag, 30. Juni 2017

Kirche für alle

Nicht jede Veränderung gelingt mit einem Nebensatz während eines Brigitte - Interviews. Seit Jahren ringt die katholische Kirche in Deutschland um eine Neuausrichtung der Pastoral. Eine vermeintlich neoliberale Dienstleistungskirche soll in eine "Kirche für alle" transformiert werden. Gerade das könnte aber im neoliberalen Paradies enden.

Von Norbert Bauer


Während die Bundeskanzlerin durch Gewissensentscheidung die „Ehe für alle“ ermöglicht, plädieren die Bischöfe für eine „Kirche für alle“: „Wir können und dürfen es uns also gar nicht mehr erlauben, dieses Kirche sein an einige wenige zu delegieren.“ Die Befürworter der „Ehe für alle“ betonen, dass sie keine Abwertung der traditionellen Ehe sei. Das Plädoyer für eine neue Form der Kirche, kommt jedoch nicht ohne den Jargon der Abwertung aus.

Dienstag, 20. Juni 2017

Zwei kreiselnde Kreise


Bruno Laskas Vortragekreuz. Foto: Peter Otten
Mehr Menschen als man denkt werden bestattet, ohne das jemand trauert und zum Grab mitgeht. Was kann man einem Menschen sagen, dem man zum ersten Mal an seinem Grab begegnet? Ein Versuch von heute Morgen.

Von Peter Otten

Wir haben uns nicht gekannt.

Ich weiß Ihren Namen: Martha. Geboren wurden Sie als Martha B. Sie waren verheiratet, aber Ihr Mann ist schon gestorben. Das weiß ich aus dem Formular. Das Formular heißt: Anmeldung einer Bestattung.

Und auch das: Am 30. Oktober 1928 wurden Sie geboren. Das war das Jahr, in dem Erich Maria Remarque seinen Roman „Im Westen nichts Neues“ veröffentlichte. Im Sommer hatten in Amsterdam die IX. Olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden.

Am 7. März dieses Jahres sind Sie gestorben. Eine Woche nach Karneval. Ich weiß nicht, ob Sie einsam waren oder Angst hatten, als der Tod kam. Ich weiß nicht, ob Sie allein waren. Ich wünsche es Ihnen nicht. Ich weiß nicht, ob es jemanden gab, der an Sie dachte. Das wiederum wünsche ich Ihnen sehr.