Freitag, 27. November 2020

Im dunklen Schloss

Meine Frau hat sich für mich durch einen kirchlichen
Ehenichtigkeitsprozess gekämpft. Der war wie ein Besuch in einem dunklen Schloss, dauerte fast vier Jahre und hätte fast alles ruiniert. Aber nur fast. Gedanken vor dem fünften Hochzeitstag.

Von Peter Otten

Ich habe meine Frau im Karneval kennen gelernt. Genauer gesagt am Karnevalssonntag. Die Veedelszööch windeten sich am Dom vorbei. Ich stand mit Freunden in einer Kneipe und schaute entgeistert dem FC zu, der gerade im Schlamm des Georg-Melches-Stadion in Essen mit 0:4 unterging. In der Pause hatte Ernst, der Wirt genug. Er drehte den Kommentarton weg und spielte wieder Karnevalsmusik. Eine weise Entscheidung. Denn in diesem Moment hakte sich eine Frau in einem schwarzen Frack mit einem bunt bemalten Gesicht bei mir unter. Schunkeln gegen den Frust. In Köln bekanntlich ein Allerheilmittel.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Du sollst deinen Superspreader lieben wie dich selbst

Foto: Peter Otten

Was kommunizieren Gesellschaften, die andere zum Gegner
erklären und gleich das ganze Land zum Risikogebiet? Was passiert in Schulen und Kirchen, in denen der Nächste nicht mehr der Nächste ist, sondern einer, der möglicherweise krank macht? Schon länger finden an vielen Stellen semantische Verschiebungen statt - mit beachtlichen Folgen. In der Corona-Pandemie verschärfen sie sich. Theologie, Kirche und Seelsorge hätten dazu einiges zu sagen.

Von Peter Otten

Ein Einschulungsgottesdienst nach den Sommerferien. Wegen Corona findet er auf dem Schulhof statt. Eine beeindruckend ernsthafte und doch fröhliche Feier. Zu Beginn spricht ein Lehrer zu einer neuen Schülerin. Er bittet sie, eine Maske aufzusetzen. Das Kind ist offensichtlich erschrocken. Der Lehrer wiederholt seine Bitte. Das Klind bleibt starr und schweigt. Mir wird klar: Es hat den Lehrer nicht verstanden. Er trägt ja eine Maske, und offensichtlich ist es für das Kind schwer, das Gesagte zu entschlüsseln - so ganz ohne die Bewegungen des Gesichts, ohne die Bewegungen von Mund und Lippen. Das Kind beginnt zu weinen. Die Mutter läuft herbei, nestelt eine Maske aus der Tasche, gibt sie dem Kind. Nimmt das Kind in den Arm.

Ein Gespräch mit Eltern. Darunter ein Lehrer. Er hat nach den Ferien eine neue Klasse übernommen. In der Klasse tragen ale Fünftklässler eine Maske. Die Schule hat sich freiwillig darauf geeinigt. Der Lehrer sagt, er sei eines Tages mit allen Kindern während einer Unterrichtsstunde auf den leeren Schulhof gegangen. Dort hätten alle Kinder die Masken abgenommen. Er habe endlich mal alle Kinder wahrgenommen und zum ersten Mal in alle Gesichter geschaut. Er habe ja gar nicht gewusst, wer sie wirklich seien.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Ich setzte den Fuß in die Luft. Und sie trug


Foto: Peter Otten
Den Fuß in die Luft stellen und merken: Sie trägt. Darin ist Maria Magdalena ein Vorbild für Frauen und Männer zugleich. Eine Text darüber, dass Vertrauen lohnt. Wir dokumentieren die Predigt, die Friederike Cremer im Gottesdienst zum Fest Maria Magdalena am 20. Juli in St. Agnes gehalten hat

Von Friederike Cremer


Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.

Diesen Satz schrieb die Dichterin Hilde Domin in einem Brief an ihren Bruder. Es ist nicht klar, ob sie ihn auch abgeschickt hat. Dieser Satz stammt aus einer für Hilde Domin sehr dunklen Zeit. Sie fühlte sich nach dem Tod ihrer Mutter von allen allein gelassen. Sie geriet in eine tiefe Krise. Die Gedichte, die wie sie schreibt, zu ihr kamen, haben ihr geholfen, da rauszukommen. Sie setzte damit ihren Fuß in die Luft, und sie trug.

Ich habe diesen Satz vorletzte Woche in einem Impuls gehört und er hat mich sofort getroffen, berührt, ja fasziniert, ohne den Hintergrund des Satzes zu kennen.

Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.

Wann habe ich einen Schritt ins Ungewisse getan? Wann bin ich weiter- oder losgegangen, obwohl ich den Weg nicht sehen konnte oder befürchtete, ins Leere zu treten? Wann hat sich dieser Mut gelohnt? Und wie passend ist, wie ich finde, dieser Satz mit Blick auf Maria Magdalena. Mit diesem und noch einen anderen Satz habe ich mich Maria Magdalena genähert.

Sonntag, 19. Juli 2020

Alle Girls, Mamas und Mädchen

Screenshot: Peter Otten
Carolin Kebekus hat ein Musikvideo gemacht, das von erstaunlichem theologischen Interesse durchzogen ist. Darin lenkt sie die Aufmerksamkeit auf eine Kirche, in der Liturgie und Diakonie nicht ohne einander denkbar sind. Das macht die Diskriminierung von Frauen allerdings noch absurder. 

Von Peter Otten

Vor einigen Tagen hat die Comedian Carolin Kebekus in ihrer Show ein Musikvideo veröffentlicht. Das Stück mit dem Titel "Im Namen der Mutter" ist bislang im Internet etwa 400000 mal angeklickt worden. Darin thematisiert Kebekus die anhaltende Diskriminierung der Frauen in der katholischen Kirche. "Alle Ladies in Gottes Gemeinden: Es ist Zeit unsre Stimmen zu vereinen. Ave Maria. Alle Girls, Mamas und Mädchen, werft die Hände hoch für die erste Päpstin. Ave Maria." Klare Ansage.

Man kann das Stück mit Martin Lohmann als "das selbstverliebte Erheischen billigen Applauses auf Kosten von Qualität und Anstand" bezeichnen, als "übertünchte Niveaulosigkeit vor feixender Kulisse der Anstandslosigkeit", um dann mit ihm zu dem Fazit zu kommen: "Hauptsache, man bedient die eigenen Komplexe und Lebensbrüche auf Kosten anderer. Das alles verkauft man dann mediengerecht als Komik."

Dienstag, 26. Mai 2020

"Ich kann es nicht mehr verantworten"

Foto: Peter Otten
Doris Bauer wohnt im Kölner Agnesviertel. Sie ist seit vielen Jahren ein wichtiger Mensch in der Agnespfarrei. Als Lektorin, Kantorin und Kommunionhelferin ist sie ein sichtbarer Teil in der Verkündigung der frohen Botschaft. Sie hat Maria 2.0 in St. Agnes mit auf die Welt gebracht. Ende des Monats wird sie aus der Kirche austreten. Wir dokumentieren den Text, in dem sie ihre Gründe darlegt. Denn wir denken: Dieser Text ist ein wichtiges Zeugnis für das, was gerade überall in vielen Gemeinden passiert: Es gehen nicht mehr die partiell Identifizierten oder die Uninteressierten. Die Erosion hat längst die Herzkammer der Kirche erreicht. Insofern macht der Text sehr deutlich, welcher spirituelle und menschliche Verlust schon längst voll im Gang ist.

Beweggründe für meinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche 

Dank, Ausblick und Wunsch für die Kirche von Morgen

Von Doris Bauer

Es war ein längerer Prozess, in dem ich mit dieser Entscheidung gerungen habe. Durch meine intensive Auseinandersetzung in den vergangenen zwei Jahren mit den Haltungen und mit dem Umgang der katholischen Kirche in Bezug auf die christlichen Werte und der frohen Botschaft ist bei mir die Entscheidung gewachsen, dieses System der Macht, der Ausgrenzung und der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer sexuellen Orientierung nicht weiter mitzutragen. Zudem halte ich die beharrliche Weigerung der Kirchenführung, Verantwortung für die von Geistlichen begangenen und/oder vertuschten Verbrechen zu übernehmen für unerträglich. Ich kann es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, ein System mit aufrecht zu erhalten, das „im Namen Gottes“ den Menschen Unrecht zufügt.

Mittwoch, 6. Mai 2020

Safety first

Screenshot: Peter Otten
Schon wochenlang werden in der katholischen Kirche Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert. Seit dem letzten Sonntag haben Menschen wieder beschränkt Zugang. Aber ist exklusives Feiern sinnvoll? Erlösung ist doch deswegen erlösend, weil sie nicht hermetisch ist.

Von Peter Otten


"Eines Tages hingen im Viertel Plakate. Der Karnevalsverein feierte Jubiläum. So stand auf den Plakaten eben auch ganz dick: "11 Uhr Festgottesdienst in St. Theodor." Niemand war auf die Idee gekommen, etwa den Pfarrer oder den Pfarrgemeinderat zu fragen oder über die Absicht zu informieren, ihr Fest mit einem Gottesdienst zu beginnen. Und was gewöhnlich mitunter zu viel Zank und Streit führen kann, löste sich hier in einem wunderbaren Ereignis auf. Denn natürlich erfüllte Marschmusik den Vorplatz der Kirche, als die Mitglieder des Karnevalsvereins in einer munteren Prozession vom Vereinslokal zur Kirche zogen (...). Natürlich sang der Kirchenchor in diesem Gottesdienst, auf den Bänken lagen bunte Tröten, durch die die Feiernden zwischendurch fröhlich bliesen. Natürlich gab es Ehrenplätze für den Präsidenten und Blumen für die Gattin. Natürlich würdigte die Katechese den Beitrag des Karnevals für die Kultur und den Frieden in einem Viertel. Ein Gottesdienst ist öffentlich und für alle da. Mit ihrem Plakat hatten die Karnevalisten gezeigt, dass sie verstanden haben: Der Gottesdienst ist auch unser Gottesdienst. Und unsere Sache hat dort eine Platz. Ganz selbstverständlich. Ohne Anmeldung." (aus Franz Meurer, Peter Otten; Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders, Gütersloh 2010, S. 50).

Mittwoch, 15. April 2020

»Open Source« statt »Gated Community«

Werden ansonsten die Kirchen pünktlich zum Gottesdienst aufgeschlossen, werden sie jetzt rechtzeitig davor zugeschlossen. 
Zwei Karfreitagserfahrungen von

Norbert Bauer
Foto: Ulrike Schulte-Richtering

Am Karfreitag sind meine Frau und ich quer durch die fast stille Stadt gelaufen, mit dem Ziel, eine offene Kirche aufzusuchen. An den Kar- und Ostertagen, so war zu lesen, wären die Kirchen in der Kölner Innenstadt erfreulicherweise zum Gebet geöffnet. Kirchen sind in diesen Tagen besonders: »Sie sind still und sprechen doch, sie sind stark und doch von angenehmer Stille und vorbildlichem Schweigen. Sie sind voller Angebote, zu denen man ebenfalls schweigen, vor denen man, wenn man will, beten, zu denen man hingehen oder kommentarlos weggehen kann.« (Rainer Bucher) Das wollten auch wir tun, am Karfreitag, um 15.00 Uhr. Kurz nach drei betraten wir eine Kirche. Die Türen waren geöffnet, ein verschlossenes Gittertor verhinderte uns jedoch den Zutritt zum Kirchenraum. Durch das Schmiedewerk schauten wir über die unbesetzten Bänke hinweg hinein in den leeren Altarraum. Aus dem Kirchenraum hörten wir Stimmen und nach wenigen Augenblicken realisierten wir: hier wird ein Gottesdienst gefeiert. Tatsächlich, ein Blick nach rechts vorne zeigte, am Marienaltar feierten wenige Menschen die Karfreitagsliturgie. Wir identifizierten einen Psalm, eine Lektorin trug die Lesung vor.