Freitag, 2. November 2018

Kein Kirchenaustritt verändert das Kirchenrecht

Ist Kirchenaustritt wirklich das geeignete Druckmittel? Eine Gegenrede

Von Norbert Bauer

Seit 54 Jahren bin ich Mitglied der Römisch-Katholischen Kirche, seit 37 Jahren bei den Grünen. Seit 14 Jahren zahle ich Mitgliedsbeiträge bei Bayer 04 und seit 10 Jahren bei Slowfood. Dem Hefeteig für den Flammkuchen mit Scarmozza und Rosmarinöl habe ich heute deswegen auch 3 Stunden Zeit gegeben. Seit den Wahlerfolgen der GRÜNEN in Hessen und Bayern erlebe ich die erfolgreichste Zeit meiner Partei. Und die Kantersiege gegen Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach lassen mich hoffen, dass die Saison für Bayer Leverkusen doch noch erfolgreich werden kann. Nur von meiner Kirche kann ich im Moment nicht viel Positives berichten. Spätestens seit der Veröffentlichung der „Missbrauchsstudie“ umschreibt das Wort Krise noch vorteilhaft ihre Situation. Nicht wenige verlassen deswegen die Kirche.

Donnerstag, 1. November 2018

Empörung reicht nicht!

Hinweise und Fragen eines Kirchenrechtlers

Sie müssen entscheiden, was für Sie mehr zählt – Ihre kirchliche Vernabelung und persönliche Sympathien oder der Druck, den Kardinal Marx als notwendig anzeigt. Wenn Sie aber effektive Mittel scheuen, etwas an dem zu ändern, über das Sie sich empören, dann sollten Sie auch damit aufhören und sich mit der „Übergriffigkeit des Systems“ abfinden.

Der Autor hielt das Statement bei der Veranstaltung „Wir empören uns! Erfahrungsberichte und offene Fragen nach der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz. Informationen und Diskussion" am 29.10.2018 in Trier. Die TeilnehmerInnen wünschten eine zeitnahe Möglichkeit, den Text nachlesen zu können. Der Vortragsstil wurde beibehalten.

Von Prof. Norbert Lüdecke
 
Für das 20minütige Statement waren zwei Blickwinkel gewünscht, nach innen, welche Probleme nach wie vor im Kirchenrecht bestehen, nach außen wie bedeutsam das Kirche-Staat-Verhältnis ist. Mit acht ausgewählten Kurz-Befunden aufgrund eines kirchenrechtlich sensiblen Radars soll diesen Erwartungen entsprochen werden.

1. Zeitwahrnehmung und Mobilisierung

Was heißt: Sie empören sich? Sind Sie aus gegebenem Anlass entrüstet, schockiert, stark emotionalisiert? Oder sind Sie im Aufstand, rebellieren Sie? Wollen Sie fühlen oder wollen Sie handeln? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Entrüstung als Erregungszustand wird nicht lange halten. Und die katholische Kirche ist Spezialistin in Sachen Beruhigung durch beharrliche Verharmlosung, Vernebelung und erschöpfendes Aussitzen. Diese Zähigkeit, aufgrund derer Betroffene auch in Deutschland so lange nicht gehört wurden, muss bewusst gehalten und produktiv werden. Es braucht eine angemessene Zeitwahrnehmung in Sachen Missbrauch. In der Regel gilt 2010 als das initiale Skandaljahr in Deutschland. Tatsächlich reichen die Anhaltspunkte aber auch hierzulande viel weiter zurück. Wer in Deutschland wissen wollte, konnte das nicht erst seit knapp 10, sondern seit über 30 Jahren. Und während all dieser Jahre rann gnadenlos der Sand der Verjährung.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

Noch einmal: Nihil obstat

Screenshot aus dem Film "Meine Täter, die Priester" (Peter Otten)
Angesichts des Totalverlustes, den die Kirche angerichtet hat, stellt sich die Frage, wie es weiter geht. Mein Gefühl ist: Wir sollten die Angst ablegen, reden, erzählen. Nihil obstat.

Von Peter Otten


Nie gab es so viele Reaktionen auf einen Text wie auf "Nihil obstat". Jemand schrieb, was das Thema Missbrauch nicht geschafft habe, das habe die Causa Wucherpfennig geschafft: so etwas wie Aufruhr zu stiften. Der Fall sei zu personalisieren, beim Thema Missbrauch hätten die meisten Opfer keine Namen und ein richtig prominenter Täter sei auch noch nicht überführt. Da mag etwas dran sein.

Vor zwei Tagen nun aber lief der tief beeindruckende und verstörende Film "Meine Täter, die Priester" von Eva Müller in der ARD. Er zeigte das, worum sich die Kirche nicht oder nicht ausreichend kümmert: Den zahllosen Reden, wonach die Opfer an erster Stelle stünden auch Taten folgen zu lassen. Daher zeigt der Film, wie Matthias Katsch, ehemaliger Schüler am Canisius-Kolleg in Berlin, kurzehand selber nach Chile reist. In der Fundacion Christo Vivre, einem katholischen Hilfswerk für Kinder in Chile vermutet er weitere Opfer. Und er wird Recht behalten. Peter R., einer von zwei Jesuiten, der Matthias Katsch selbst missbrauchte, lockte chilenische Jugendliche nach Deutschland. Indem er ihnen "Stipendien" zahlte, baute er geschickt eine Abhängigkeit auf, nutze sie aus und fügte ihnen Gewalt zu.

Montag, 8. Oktober 2018

Nihil obstat

Screenshot: Peter Otten
Ansgar Wucherpfennig darf nicht mehr Rektor der Hochschule von St. Georgen sein, weil er Schwule gesegnet hat. Nichts steht der Solidarität entgegen.

Von Peter Otten

Positive Aussagen zur Homosexualität und zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare haben nach Berichten des Kölner Stadt Anzeigers und der Frankfurter Rundschaun den Rektor der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen, den Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig, sein Amt gekostet. Demnach verweigert die Vatikan-Behörde dem im Februar für eine dritte zweijährige Amtszeit mit großer Mehrheit wiedergewählten Geistlichen das „Nihil Obstat“ (Unbedenklichkeitserklärung) und verlangt einen öffentlichen Widerruf seiner Positionen.

Grundlage der Vorwürfe scheint u.a. auch ein Interview gewesen zu sein, dass Wucherpfennig 2016 mit der Frankfurter Neuen Presse geführt hat.

Ich denke, die Zeit der offenen Solidarität ist gekommen. Ich stelle mich hinter alle Forderungen, die Wucherpfennig öffentlich formuliert hat. Ich finde sie theologisch überzeugend. Sie sind ein wichtiges geistgewirktes Zeichen der Zeit.

Freitag, 28. September 2018

Hirtensorge

Foto: Norbert Bauer
Die Bischöfe wollen sich den Betroffenen sexualisierter Gewalt zuwenden. Die Sorge um die Kirche darf dabei aber natürlich nicht aus dem Blick geraten.

Norbert Bauer

Ein Konveniat dient laut Amtsblatt dem „Miteinander der Kleriker und Laien im pastoralen Dienst.“ Das letzte Mal habe ich ein Konveniat 2010 besucht. Einige Tage zuvor wurde der jahrelange Missbrauch am Aloisius-Kolleg bekannt. Ein anwesender Jesuitenpater berichtete eindrücklich vom Ausmaß dieser Taten und was dies für seinen Orden bedeutet. Ich erinnere mich noch an seine Worte: „Wir Jesuiten sind die Täter.“ Nach seinem langen Statement herrschte erst einmal Schweigen. Bis ein anwesender Prälat fragte, ob das denn wirklich alles so stimme? Und schnell kippte die Stimmung. Die vermeintlichen Opfer wollten mit ihren Geschichten doch nur Geld machen. Und natürlich der Kirche schaden. Nach diesen Aussagen war für mich klar, dass ich an solch gemeinschaftsbildenden Maßnahmen nicht mehr teilnehmen wollte.

Dienstag, 21. August 2018

Ich war das nicht

Screenshot: Peter Otten
Der Papst hat an das Volk Gottes geschrieben. Aber was hat das Volk Gottes mit den Verbrechen sexualisierter Gewalt eigentlich zu tun? Es ist höchste Zeit, mit den Übergriffigkeiten Schluss zu machen.

Von Peter Otten

Der Papst hat an das Volk Gottes geschrieben. Als getaufter Christ gehöre ich wohl dazu, und so beginne ich zu lesen. "Wenn wir auf die Vergangenheit blicken, ist es nie genug, was wir tun, wenn wir um Verzeihung bitten und versuchen, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen" schreibt Franziskus. "Der Schmerz der Opfer und ihrer Familien ist auch unser Schmerz; deshalb müssen wir dringend noch einmal unsere Anstrengung verstärken, den Schutz von Minderjährigen und von Erwachsenen in Situationen der Anfälligkeit zu gewährleisten."

Ich stutze. Wen um Himmels Willen meint der Papst mit "wir"? 

Na klar, er meint das Volk Gottes. Also den Washingtoner Erzbischof Wuerl, der laut einem Bericht der FAZ den Priester George Zirwas, der schlussendlich in Kuba seine Verbrechen verübte nach dessen Tod als gottesfürchtigen Menschen pries. Er meint vermutlich meine verstorbene Mutter, die bis zu ihrem Tod so oft wie sie konnte mehrfach in der Woche mit ihrem roten Fiesta zu ihrer Heimatkirche gefahren ist, um die Messe mitzufeiern. Meint er auch die Kommunionkinder und ihre Eltern, die in diesem Jahr in St. Agnes zur Kommunion gegangen sind? Hm. Sicher aber meint er dich und er meint mich.

Montag, 23. Juli 2018

Keine Frauensache, aber ein Fest für die ganze Kirche

Dr. Regina Illemann (KDFB) Foto: Georg Müller
Zu nichts weniger, sind alle Gläubigen beauftragt: weiterzutragen, was wir mit dem lebendigen Gott erleben – nach dem Beispiel der Maria Magdalena, aber völlig unabhängig davon, welches Geschlecht wir persönlich haben. 

Predigt von Dr. Regina Illemann am Vorabend des Festes der heiligen Maria Magdalena am 21. Juli 2018 in St. Agnes


Liebe Schwestern und Brüder!

Sie kennen die Szene des heutigen Evangeliums (Joh, 20, 1-2; 11-18), die der Schlüsseltext für das heutige Fest ist: Am Ostermorgen als die anderen Jüngerinnen und Jünger wieder weg waren, stand Maria Magdalena noch erschüttert am leeren Grab. Weinte. Suchte weiter. Die Begegnung des Auferstandenen mit seiner Jüngerin wird zu einer liebevollen Mischung aus Suchen, Finden und Gefunden Werden. In dieser österlichen Begegnung der beiden eng Vertrauten wird Maria Magdalena zur Apostolin: Christus sendet sie aus mit dem Auftrag, sein neues Leben zu verkündigen – und das tut sie!