Sonntag, 6. November 2022

Die Tür ist auf, das Land ist weit

Wenn die Erschöpfung groß ist, können Menschen gemeinsam den Traum vom offenen Himmel träumen. Eine Trostrede zum Tod meiner Tante.

Von Peter Otten

Wenn ich nach Bildern von Resi in meinem Kopf suche, dann sind es vor allem solche: Kaffeetrinken mit unseren Eltern. Wie sie mit der Keksdose ankommt und den ersten Spekulatius anbietet und gespannt abwartet, wie wir ihn finden. Runde Geburtstage der Oma bei uns zu Hause. Es gibt Fotos mit den Schwägerinnen, wie sie nebeneinander an der Kaffeetafel sitzen, ins Gespräch vertieft. Es sind Bilder vom Rasten, von Gesprächen, vom Ausruhen. Denn auch Tante Resi war ja ein Teil der Generation unserer Eltern, deren Leben vor allem aus Arbeit und Mühe bestanden hat. Jetzt wo ich selbst älter werde denke ich darüber nach. Meine Eltern habe ich meistens im Modus des Arbeitens erlebt. Es wird euch mit eurer Mutter nicht anders gegangen sein. Vielleicht war das der Kriegsgeneration geschuldet. In der Rückschau habe ich manchmal den Gedanken, unsere Elterngeneration war vor allem deswegen im Modus des Arbeitens, Bauens, Werkelns, Mähens, Säens, Erntens, Hackens und Unkrautzupfens, weil sie als Kinder des Krieges erfahren haben, wie schnell sich alles drehen kann: Wie Krieg und Gewalt Fahrt aufnehmen können.

Mittwoch, 2. November 2022

Montagsmittags war die Welt ins Licht gedreht

Foto: Peter Otten
Wenn einer eine Ahnung von Gott gehabt hat, dann war es Cilli. Jetzt ist sie gestorben. Was Kommunion bedeutet habe ich vielleicht bei ihr erst richtig verstanden. 

Von Peter Otten

Ich habe Cilli vor sechs Jahren kennen gelernt. Damals war ihr
Bruder Paul gestorben. Seitdem habe ich sie so oft es ging montags besucht. Mehr noch: es begann ein liebgewonnenes Ritual. Als Cilli noch in der Weißenburgstr. gewohnt hat, da habe ich mittags gekocht oder im Suppenladen nebenan eine Suppe gekauft. Oder Kartoffelsalat mit Frikadellen. Dann bei Petra im Büdchen Cillis Schlüssel geholt, habe geklingelt, bin hochgegangen, habe Cilli in den Arm genommen, der Hund hat Cilli begrüßt. Dann Teller aus der Küche geholt. Kaffee aufgesetzt, das Essen auf den Teller getan. Und gegessen. Doch, halt: Bevor der Löffel in die Suppe getaucht wurde kam Cillis Frage: „Hat der Hund auch was zu essen? Ich kann nichts essen, wenn der Hund nicht auch was hat.“ Klar, der Hund hat auch etwas bekommen: einen Löffel Suppe in seinem Blechnapf. Oder die Hälfte von der Frikadelle. Und mehr als einmal habe ich gesehen, wie Cilli heimlich, wenn ich in der Küche nach dem Kaffee gesehen habe, dem Hund noch etwas von ihrem Essen in die Schüssel getan hat. Cilli hat gedacht, ich habe das nicht gesehen. Habe ich aber doch. Na klar. Und dann haben wir gegessen. Die zwei Menschen oben am Tisch löffelten die Suppe oder schoben sich den Kartoffelsalat in den Mund. Und unten am Tischbein kaute der Hund.

Sonntag, 10. Juli 2022

Marx und die Diakoninnen: Zelebration und Imagepflege

photo by Jon Tyson on Unsplash

Wenn Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wirklich möchte,
dass Frauen Diakoninnen werden sollen, könnte er ja den Papst um ein Indult bitten. Aber das passiert nicht, aus guten Gründen. Wer sich vor diesem Hintergrund mit dem „Die Zeit ist Reif“-Spruch vor Frauen in Szene setzt, zelebriert nur sich selbst. 

Von Norbert Lüdecke

Samstag, 2. Juli 2022 im Münchner Liebfrauendom: Kardinal Marx predigt im Festgottesdienst zum 150. Geburtstag von Ellen Ammann (1870-1932), einer zweifelsfrei interessanten und führenden Gestalt der katholischen Frauenbewegung. Über zwölf Minuten wiederholt Marx in Schleifen: Maria wie die Gefeierte teilten das richtige biblische Gottesbild, wonach Gott und die Menschen mit ihrem Leid, Gebet und Leben nicht zu trennen seien. Kennt man, alles so und anders vielfach gehört, man kann sich also dem Predigtschlummer hingeben. Aber kurz vor Ende der 14minütigen Predigt (bei Position 12:45) wird man unsanft geweckt, denn aus den anlassbegründet vor allem mit Frauen besetzten Kirchenbänken wird fast eine halbe Minute laut applaudiert. Was hat Marx gesagt? Marx hat das Amt des Diakons erwähnt und hinzugefügt: „Ich glaube, dass die Zeit reif ist, dass es für Männer und Frauen offenstehen muss und soll“. Das löste den spontanen Applaus aus und anschließend den Schlagzeilen-Durchmarsch: „Kardinal Marx für Frauen-Diakonat“. Na also, werden viele Reformhoffnungsgeneigte gedacht haben, da ist er doch wieder: einer der Guten unter den deutschen Bischöfen und Kardinälen, enger Papstberater, Mitinitiator und Stütze des „Synodalen Weges“, und stellt sich hinter das Anliegen der Frauenordination, mit der Diakoninnenweihe als erstem Schritt zur vollen Öffnung des Weihesakramentes auch für Frauen und damit zur wirklichen Teilung der Gewalten unter beiden Geschlechtern. Läuft doch endlich, oder? Eher „oder“, wenn man sich die Zeit nimmt, näher hinzuschauen, wozu da applaudiert wurde.

Donnerstag, 12. Mai 2022

Hören wir auf, einander das Wasser aufzudrehen

Foto: Peter Otten
Unglaublicherweise beginnt im Augenblick der Katastrophe die
Geschichte der Freiheit. Gott sagt: Nie wieder. Nie wieder Flut. Nie wieder Wasser. Nie wieder Verderben. Gott ist nicht dieser kleingeistige Kontrolletti-Gott, von dem vielleicht manche Menschen träumen. Machen wir Schluss mit den Flutgeschichten.

Gedanken zu Gen 9, 1.8-17 beim Segungsgottesdienst am 11. Mai 2022 in St. Agnes

Von Peter Otten

Es gibt wenig Schlimmeres, als sein Liebe verheimlichen zu müssen. Ich weiß ein bisschen was davon, denn ich habe meine Frau, weil sie geschieden ist, erst nach fast acht Jahren heiraten können. Und mittendrin ein vierjähriger würdeloser Eheannullierungsprozess. Das war unsere Flutgeschichte. Die alles mit sich gerissen hat.

Lesbische und schwule Paare, queere Paare, ohne Sanierung durch die Kirche zusammen lebende geschieden wiederverheiratete Paare müssen sich von der Kirche sagen lassen, sie lebten in einer widernatürlichen oder sündigen Beziehung. Allein das Wort! Widernatürlich! Die Folge davon sind doch Flutgeschichten. Leben im Untergrund. Prekäres Leben. Angst vor Jobverlust etc.

Menschen, Theologinnen und Theologen, Bischöfe und Priester scheinen genau zu wissen, wer Gott ist, was er verachtet und was er mag, was ihn sauer macht oder froh. Und viele von ihnen sagen etwas gestelzt, "praktizierte Homosexualität" beispielsweise sei etwas, was Gott ein Gräuel sei. Und sie berufen sich auf bestimmte Passagen des Alten Testamentes. Und erzeugen auch damit Flutgeschichten der Verachtung, der Verletzung und der Respektlosigkeit.

Mittwoch, 27. April 2022

Die Grenzen der Domestosstrategie

Am 26. April
habe ich bei der Verabschiedung der wunderbaren Regina Laudage-Kleeberg predigen dürfen. Es ging um Mk 9, 2-20. "
Und dann stehen die Menschen, die das sehen ganz verdattert rum mit ihren Domestosflaschen. Ihren verpflichtenden Elternvorkursen und ihrer Liturgiefähigkeit. Der liebe Heiland hat das Ende der Kochwäsche leider nicht abgewartet."

Von Peter Otten

Ich weiß nicht, ob sich die Älteren von euch noch an eine bestimmte Domestos-Werbung aus den 80ern erinnern: Da war ein großer aquariumsartiger Bottich mit dreckigem Wasser. Dann kippte jemand einen ordentlichen Schluck Domestos in die Brühe – und wie von Geisterhand wurde, untermalt von triumphierender Musik sämtlicher Schmutz wieder in klares Wasser verwandelt. Ich bin damals ein Kind gewesen hing ungläubig an der Glotze und hab sofort Durst bekommen und ich hätte mit großer Lust diesen Bottich ausgetrunken. Was für ein Teufelszeug, dieses Domestos! Und ich habe meine Mutter angefleht, genau dieses Teufelszeug doch mal zu kaufen. Wenn es solche sinnvollen Wunder vollbringen konnte, dann wollte ich das auch mal ausprobieren. Das schien mir doch eine total sinnvolle Angelegenheit zu sein! Und so einfach! Nie wieder Abwasser! Aber meine Mutter hatte zum Glück immer abgelehnt. Zu scharf sei das Zeug (was auch immer das bedeutete). Und dann hatte sie mir mal das Preisschild gezeigt, für so einen Quatsch, verstehste, nein, wird kein Geld ausgegeben, bist wohl verrückt.

Wenn ich als Kind in der Kirche diese Geschichte von der Verklärung gehört habe, habe ich immer an diesen Domestos-Werbespot denken müssen. In meiner Phantasie war Jesus vermutlich auf dem Berg einfach in einen Bottich gestiegen, einer der Jünger hatte mit überlegener Miene ein paar Spritzer von dem Teufelszeug auf seine Klamotten gespritzt – voila! So musste es gewesen sein. (Damals habe ich die Stelle, die erzählt, dass Jesu Gewand heller geworden sei, als es ein Bleicher vermöge, entweder nicht gehört oder nicht kapiert oder beides. Wie auch immer: Verklärung war für mich lange eine Art Domestos-Verklärung.)

Donnerstag, 14. April 2022

Heute ist Ruhetag

Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an?

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Kölner Vorort eine Frau beerdigt. Innerhalb von zehn Tagen war sie erkrankt und gestorben. Ich bin auf einen fassungslosen hilflosen Witwer getroffen, sichtlich kaputt gearbeitet und der nach 55 Jahren gemeinsamen Lebens mit seiner Frau zum ersten Mal von ihr getrennt war. Und der deswegen so geschockt war, weil er gemerkt hat: die Trennung ist für immer. Ich habe eine Tochter kennen gelernt, die für wenig Lohn in drei Krankenhäusern saubermacht. Und zwischendurch aus Mitleid wegen der überarbeiteten Pflegerinnen und Pfleger das benutzte Essensgeschirr der Patienten einsammelt. Zwei Menschen am Ende ihrer Kraft und am Ende ihres Lateins. Im Januar hatten sie noch den Sohn / den Bruder beerdigt, der beim Angeln einfach umgefallen war. Und nun das.

Im Mahlstrom der Bilder

Im Büro der Gemeinde, in der die Frau gestorben war wurde der Bestatterin gesagt, am Tag der geplanten Beerdigung, einem Montag, sei in der Gemeinde Ruhetag. Man könne da leider nichts machen. Dienstag gern, aber Montag halt nicht. Und so hatte sich die Bestatterin verzweifelt durch die Stadt telefoniert und war freitags dann bei mir gelandet mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne zu helfen.

Und als ich zwei Stunden später bei der Familie am Esszimmertisch gesessen bin und Filterkaffee geschlürft und die rotgeränderten und von den Tränen völlig aufgeweichten Augen gesehen habe, da gab es mir einen Stich, weil ich auf einmal geahnt habe, was das für ein Gefühl ist, wenn du den Eindruck haben musst: „Ich bin euch total egal. Ich interessiere euch einen Dreck.“

Montag, 10. Januar 2022

Der Himmel des kleinen Mannes

Foto: www.pixaby.de

Einer denkt, zwei von ihnen ersetzen drei von denen. Falsch gedacht. Denn Udo Jürgens bekommt den Backstage-Pass. Verdammt. Immerhin ist Herz-Jesu-Freitag, und wenigstens im Kaffee steckt Potential. Überraschende Szenen aus einer irritierenden Zwischenwelt. Mein Beitrag beim Preacher-Slam am 9. Januar 2022 in der Karl-Rahner-Akademie.

Von Peter Otten

Der Herr Kardinal stand hinter der Theke. Gedankenverloren
hielt er ein kariertes Geschirrtuch in den Händen und drehte ein langstieliges Weinglas darin. Behutsam stellte er es in einem Regal hinter sich ab und fischte ein neues aus dem dampfenden Bäuchlein des Tischgesirrspülers. Die Rückwand der Theke, die verspiegelt war, zeigte die schütteren Streifen seines Haars, die sich von links nach rechts über seinen Schopf legten. Dazwischen ragten Spirituosenflaschen wie die Türme von Miniaturkirchen hervor. Sie trugen Namen wie „Prinz Alte Marille“, „O´Donnel Moonshine“ oder auch „Hexenzauber Blutwurz“.

Hinter den mit dunklem Leder bezogenen Hockern begann eine ausladende Tanzfläche. An der linken Seite befand sich ein schwarzlackierter Flügel. Der Herr Kardinal beobachtete Udo Jürgens, der in einen Bademantel gewickelt mit aufrechtem Rücken federnd auf einem Klavierhocker saß. Offensichtlich stand er heute auf dem Dienstplan. Seine Finger glitten über die Tasten. Und wie er es zu seinen Lebzeiten in unzähligen Musik-ist-Trumpf-Folgen schon immer getan hatte, hatte er auch heute seinen Kopf um neunzig Grad abgewinkelt und blickte mit großen Udo-Jürgens-Augen in ein nicht vorhandenes Publikum. Es war Wunschstunde, und offensichtlich hatte ein älterer Herr sich ein Stück gewünscht, dass Jürgens nun in dieser unnachahmlichen *miiooommiiiioooom* - Udo-Jürgens-Art auf die Tanzfläche goss, die um diese Zeit noch fast leer war: „Ein Stern, der deinen Namen trägt, den wünsch ich mir heut Nacht.“