Donnerstag, 6. August 2026

Alles neu machen, wo wir es können. Immerhin da

Foto: Volker Adolf
Machen wir weiter damit. Tränen abzuwischen. Dem Tod etwas entgegen zu setzen, Trauer mitzutragen, Klage anzuhören und Klage anzustimmen. Die Welt und die Menschen und alles was lebt in den Arm zu nehmen. Beginnen wir schon heute mit Gottes Versprechen: „Seht, ich mache alles neu.“ Da, wo wir es können. Immerhin da. 

Gedanken in der Trauerfeier für Alexander Höddinghaus am 1. August 2026 in der Agneskirche. 

Von Peter Otten 

Liebe Antje, lieber Uli, liebe Franziska, liebe Lilith!

Ich möchte euch zunächst für den Einblick in euer Leben danken. Für das, was ihr uns von Alexander erzählt habt. Ich bin euch dankbar für die Bilder von Alexander, die hier in der Kirche stehen. Ein Bild ist ja auch auf dem Liedzettel abgedruckt. Was für ein Strahlemann! Was für ein kraftstrotzender Kerl, der dem Leben entgegenruft: „Hier bin ich! Was wollen wir zusammen machen?“ Ich bin euch dankbar für das, was ihr erzählt habt, weil sich so ein Bild von Alexander zusammenfügt, was viele Menschen, auch viele, die heute hier sind gar nicht kennen.

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und bringen Licht mit. Weil sie lächeln. Weil sie einen anstrahlen. Alexander war so ein Mensch, na klar. Ein Strahlebaby, habt ihr gesagt. Einer, der als Kind Menschen offen begegnete. Vielleicht war das einfach sein Wesen. Vielleicht war es aber auch viel mehr. Vielleicht war dieses Anstrahlen eine Antwort auf den schweren Anfang seines Lebens. Eine Art Überlebensstrategie. Irgendwo muss doch einer sein, der sagt: Schön, dass du da bist.

Donnerstag, 2. April 2026

Mein Vater war nicht Robin Hood

Dieser schwierige Tag kann ein heiliger Moment sein. Wenn die Scham desssen, den ich betrachte zu meiner eigenen Beschämung wird.

Von Peter Otten 

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich mein Vater einmal gewehrt hätte. Ich habe aber oft gesehen, dass es in ihm gearbeitet hat. Zum Beispiel wenn er von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Er hatte einen schwierigen Chef. Der hat mitunter mehr von seinen Mitarbeitern verlangt, als sie tragen konnten. Als mein Vater einmal sehr krank gewesen war, hat ihn sein Chef anschließend wieder in die zweite Reihe schieben wollen, zum Bleistiftverkaufen. Dabei war mein Vater doch Geschäftsführer gewesen. Jahrzehntelang ist er morgens um sechs Uhr zur Arbeit gefahren. Und abends erst spät zurückgekommen. Oft hat da schon das Abendessen auf dem Tisch gestanden und die Kinder saßen schon im Schlafanzug da. Aber sein Chef hielt ihn für nicht mehr leistungsfähig. Doch mein Vater war ín einer unbegreiflichen Weise treu.

Am Wochenende ist mein Vater in den Garten gegangen. Mit Spaten und Hacke hat er stumm die Erde behauen, umgegraben und aufgelockert. Heute denke ich, er hat das, was ihn ihm gearbeitet hat in den Garten umgeleitet. Seine Emotionen, seinen Druck. Menschen um ihn herum haben zu ihm gesagt, er dürfe sich das nicht gefallen lassen. Nicht den Chef. Und auch im Vorstand vom Kirchenchor, da müsse er doch mal auf den Tisch hauen. Aber mein Vater hat sich nicht gewehrt. Er hat sich nie gewehrt. Er hat den Spaten in die Erde getrieben, das ja. Ich sehe ihn immer noch im Garten stehen, ein an den Ecken geknotetes Tuch gegen den Schweiß auf dem Kopf.

Montag, 23. Februar 2026

Keine Himmelsleiter, nirgends

Foto: Peter Otten
"Für mich ist der Aspekt der Spiritualisierung der sexuellen
und sexualisierten Gewalt in der Kirche besonders schrecklich. Weil ich andererseits um die Kraft des Spirituellen weiß. Ingo und viele, viele andere Betroffene hat die Spiritualität, haben Gebete, Worte, die als Trost und Lebenselexier gedacht sind, Geschichten der Bibel, die trösten, helfen und aufrichten in eine tödliche Falle geführt." Gedanken zur Wiederaufnahme der Ausstellung "Die Mauer" in Sankt Gertrud.

Von Peter Otten 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. Und ich freue mich sehr, dass die Idee, die uns bei Ingo Ervens Beerdigung im letzten Jahr gekommen ist, nämlich die Ausstellung noch mal an diesem Ort hier zu zeigen wahr geworden ist.

Bei Ingos Beerdigung habe ich erzählt, wie ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. 2022 war das, die Ausstellung war fertig, ich stand mit meinem Handy in der Mitte der Kirche und filmte diese Szene mit der Schreibmaschine. Und als ich mein Handy nach rechts geschwenkt habe, weil ich festhalten wollte, wie sich der Film auch auf der rauen Betonwand der Kirche abbildet läuft ein Mann durchs Bild, ein großer Mann, ein Riese. Es ist der Moment, in dem ich Ingo zum ersten Mal begegne. Und an einer Leine führte er Benny, seinen kleinen Hund.

Sonntag, 16. November 2025

Auferstehung vom Sterben

Wo Menschen ein Licht auf einen Leuchter stellen, beginnt die Erzählung der Auferstehung aus dem Sterben. Gedanken zum Requiem von Gabriel Fauré in der Kölner Agneskirche am 16. November 2025.

Von Peter Otten

Heute singen und hören wir eine Totenmesse. Totenmessen sind nicht mehr selbstverständlich. Trauerfeiern finden heute  meistens in der Trauerhalle statt. In Köln dürfen sie nicht länger als 30 Minuten dauern, es sein denn, die Angehörigen bezahlen die doppelte Gebühr. Besonders traurig sind Trauerfeiern ohne Angehörige. Das kommt nicht selten vor. Der Verstorbene ist sehr alt geworden, seine Freunde sind schon lange tot, vielleicht ist er oder sie verwitwet, keine Kinder da. Oder Menschen sind vereinsamt in ihrer Wohnung verstorben.

Wenn es möglich ist hänge ich in diesen Fällen an die Haustür des Hauses, in dem der Mensch zuletzt gewohnt hat einen Zettel und lade die Nachbarn zur Beerdigung ein. Noch nie ist niemand gekommen. Meistens freuen sich Nachbarinnen und Nachbar. „Ich hab mich gefragt, was mit der Dame passiert ist“, sagte mal eine. „Die Polizei hat mir nichts gesagt. Jetzt kann ich mit der Geschichte abschließen.“

Sonntag, 26. Oktober 2025

...dass ich nicht so bin, wie der da

Vielleicht ist das die Pointe: Der Pharisäer könnte vom Zöllner lernen, was Demut ist. Mut zum Dienen, zur Dienstbarkeit. Zum Anerkennen der eigenen Zerbrechlichkeit. Der Zöllner vom Pharisäer, was Struktur ist und wie gut sie tut. Zusammen wären sie – ein normaler Mensch. Gedanken zum Severinusfest am 26. Oktober in St. Severin, Köln

Von Peter Otten 

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Reliquien. Mein
Dogmatikprofessor an der Uni – sicher kein Liberaler – hat damals gesagt: „Knochen gehören unter die Erde. Auf den Friedhof.“ Ich fand damals, da hatte er recht.

Die Goldene Kammer in St. Ursula – mit all den Knochen in Gold und Prunk – ist mir fremd. Und dieser Hype um den armen Carlo Acutis neulich – der heilige Teenager mit der Website über Eucharistiewunder – ich gebe zu, ich fand das eher befremdlich.

Und trotzdem. Trotzdem rühren mich Geschichten von Wallfahrtsorten. In Biesfeld, dem kleinen Dorf im Bergischen Land, wo ich herkomme, haben Menschen im 17. Jahrhundert angeblich eine Pietà in einem Baum gefunden. Und die Bauern haben dieser Pietà eine Kapelle gebaut. Später sogar eine Kirche. Das berührt mich. Weil es so menschlich ist. So vollkommen unvernünftig auch. Und diese Geschichten wiederholen sich ja. Auch heute tauchen bei uns in der Agneskirche plötzlich Gipsmadonnen auf. Rosenkränze. Kruzifixe. Einfach abgestellt. Anonym. Vielleicht, weil die Oma gestorben ist, und keiner weiß, wohin mit dem alten Glauben. Und irgendwer denkt sich: „Die Katholiken – die sollten schon wissen, was man damit macht.“

Freitag, 19. September 2025

Anonyme Katholiken lösen Sudoku

Jetzt hat Papst Leo ein Interview gegeben. Was steht drin? Wie immer bei Päpsten: Große Gesten, null Veränderung. Was sollten Katholiken jetzt machen? Besser nicht wieder jedes päpstliche Wort auf die Goldwaage legen. Wie wärs mit einer Selbsthilfegruppe? Oder wenigstens mit einem ehrlichen Sudoku?

Von Peter Otten 

Jetzt hat Papst Leo ein Interview gegeben. Es ging um die üblichen Themen: Homosexualität, Segnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, Frauen in der Kirche. Und wie immer: große Gesten, kleine Worte, null Veränderung. Was sagt Leo im Interview zum Thema Missbrauch? Kein "zentrales Thema" während seines Pontifikats. Ach so. Verzeihung.

Mittwoch, 12. März 2025

Für die Menschen bestellt

Foto: Katharina Menne
Michael Paetzold hatte kein Bischofswappen nötig, um "für die
Menschen bestellt" zu sein. Er war es einfach, mit jeder Faser seines Körpers, ein ganzes Leben lang. Wenn Franz Meurer die eine Herzkammer und die eine Gehirnhälfte von HöVi ist, ist Michael Paetzold die anderen  beiden gewesen. Ich bin unfassbar bestürzt und traurig darüber, dass er nun nicht mehr da ist.

Von Peter Otten

Vor einigen Jahren lag ich mit einer rätselhaften Herzerkrankung im Krankenhaus. Michael Paetzold hatte einen Rettungswagen angefordert, obwohl seine Praxis nur zwei Steinwürfe vom Krankenhaus Kalk entfernt ist. Ich hatte eingewandt: "Michael, so ein Aufwand! Ich kann doch eben rübergehen!" Aber das kam für ihn selbstverständlich nicht infrage. Kein Aufwand war ihm zu groß, wenn es um das Wohl der Menschen ging, die im anvertraut waren. Dazu zählten seine Patienten, denen er sich mit bewundernswerter Aufmerksamkeit zuwandte. Und deswegen tauchte er auch bei mir auf der Intensivstation in Kalk auf, als es draußen schon dunkel wurde. Und nicht nur einmal. Dazu zählten auch und vor allem die Menschen in HöVi, deren Pfarrgemeinderat er gefühlt leitete, seit er laufen und denken konnte. Wenn Franz Meurer die eine Herzkammer und die eine Gehirnhälfte von HöVi ist, ist Michael Paetzold die anderen beiden gewesen. Was für ein menschlicher, fachlicher und spiritueller Verlust. Welch ein großes unglaubliches Geschenk ist er für uns gewesen. Welch ein Vorbild für alle, auch für mich. Ein Mensch mit tiefen Vertrauen in das Gute des Menschen und darauf, dass sie von Gott gehalten sind, komme was da wolle.

Sonntag, 9. März 2025

Dem Gefangenen Freiheit

Foto: Peter Otten
Dem Gefangenen Freiheit. Wie kann  es sein, dass es in der Kirche immer noch Menschen gibt, die das Gegenteil tun? An Ihrer Hand konnte Ingo laufen. Gedanken
anlässlich der Trauerfeier für Ingo W. Erven am 8. März 2025 im Ruheforst Hümmel.

Von Peter Otten

Ich werde diesen Moment nicht vergessen. Mitten durch St. Gertrud ist ein Drahtseil gespannt. Darüber hängt ein Gaze-Stoff. Auf dem Stoff ist eine mechanische Schreibmaschine zu sehen. Klickernd und klackernd schlagen die Buchstaben der Schreibmaschine durch ein Farbband auf die Walze. Die Geräusche hallen in dem dunklen Raum nach. Nach und nach wächst auf dem Papier ein Text. Ist die Walze von rechts nach links gelaufen schiebt eine Hand sie wieder auf die Anfangsposition. Eine neue Zeile entsteht. Manchmal unterbricht eine kurze Stille das Klackern. Dann muss die Hand einen Buchstaben wieder lösen, der sich auf der Walze verklemmt hat. Ist die Seite vollgeschrieben beginnt der Film von vorn. Tschak-tschaka-di-tschaktschak-di-tschaka. Als ich vor über drei Jahren die Kirche betrete und diese Szene sehe habe ich wie in Trance mein Handy gezückt. Und als ich mein Handy nach rechts geschwenkt habe, weil ich festhalten wollte, wie sich der Film auch auf der rauen Betonwand der Kirche abbildet läuft ein Mann durchs Bild, ein großer Mann, ein Riese fast, so kommt es mir vor. Es ist der Moment, in dem ich Ingo zum ersten Mal begegne. Und an einer Leine führt er Benny, seinen kleinen Hund.

Freitag, 14. Februar 2025

Eine kleine Wärmeskulptur

Endlich nicht mehr dürsten - nach Liebe, nach Anerkennung.
Das ist das Versprechen Gottes. Wie schön wäre es, er würde es halten. Heute versuchen wir
im Gottesdienst, gemeinsam diesem Versprechen zu trauen. Ein hier leicht verändertet Text anlässlich der Beerdigung von Emil M.

Von Peter Otten

Was wünscht sich ein zwölfjähriger Junge 1959 in Österreich? Ich vermute, da hat sich gar nicht so viel verändert zu heute. Fußballspielen, mit dem Vater in den Bergen kraxeln, in der Sonne liegen, ein Eis essen, anfangen die Mädchen zu mögen. "Irgendwo auf der Welt gibts ein kleines bisschen Glück. Und ich träum davon in jedem Augenblick" - vielleicht einfach das, was Klaus gerade gesungen hat. Vieles spricht dafür, dass es dem jungen Emil auch so gegangen ist.

Sonntag, 10. November 2024

Mehr Simone wagen

Screenshot: Peter Otten
"Keine Kartoffeln schälen, aber die Weltlage analysieren. Sieht man ja an Sylt, wohin das führt." Ein schlecht gelaunter Jesus war neulich beim 100. Zeitfenster-Gottesdienst in Aachen dabei. Er zeigt sich WG-erfahren und gibt einen guten Rat: Wir sollten mehr Simone wagen.

Von Peter Otten

Ach du Sch***e. Seid ihr auch wieder da? Gabs heut nix bei Netflix? Oder hat es der Lieferando Fahrer wieder verkackt? Weil der die Süßkartoffeln nicht dabei hatte und das Thai-Curry vom Asiaten schon wieder sch***ekalt war? "Kann der nicht einfach ein bisschen schneller radfahren? habt ihr geflucht. Ist das denn zu viel verlangt?"

Und dann habt ihr gedacht: Ey, gehen wir zum Zeitfenster, vielleicht können wir da eine eine Ingwer-Limo abgreifen. Oder wenigstens ein Wegbier. 

Lieferando ... ey, echt jetzt?

Gut, dass ihr Luschen damals nicht beim Brotwunder dabei wart. Das wär ja ein Desaster geworden! 5000 Menschen, langer Tag, es wird dunkel, alle hundemüde und nichts zu essen.

Ihr so: Ach du Kacke! Die Leute haben Hunger.

Ich so: Und jetzt?

Ihr so: Sollen wir was bestellen?

Ich so: Wo denn?

Ihr so: Wir haben noch fünf Gutscheine von Lieferando und zwei Speisekarten von Domino-Pizza.

Ich so: Ach du Sch***e …

Ihr so: Ach nee, geht ja nicht, hier gibt’s kein Netz...

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Nur als Stempel spüre ich mich noch

Kirche im Modus des Stempelns: Eine Kirche, die die überschäumende Zuwendung Gottes in der Welt nicht mehr darstellen kann oder will - mit anderen Worten: nicht sakramental greifbar macht - ist vor allem eins: unglaubwürdig. 

Von Peter Otten

Gestern schickte mir eine bestürzte Mutter den Anmeldezettel zur Erstkommunion ihres Kindes in einer westdeutschen Gemeinde. Am Schluss des Dokuments unterschreibt sie, dass sie über die "verbindlichen Elemente der Erstkommunion informiert worden" sei. Insbesondere auf die Teilnahme an den Messfeiern und Wortgottesdiensten sei hingewiesen worden. "Die Erinnerungen an die Gottesdienste werden in einem Stempelheft der Kinder gesammelt. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass nur dann eine ausreichende Vorbereitung auf die Erstkommunion erfolgt ist, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind." Beim Lesen kam mir für einen Moment mit einer Spur Ironie in den Sinn, es könne nur wirklich kein Zufall sein, dass ich gerade vor wenigen Minuten einen Kaufvertrag für einen neuen Geschirrspüler unterschrieben hatte.

Mittwoch, 2. Oktober 2024

Dass auch im großen Schrecken die Liebe wartet

Das genau ist ja der Weg Jesu, von dem im Evangelium die Rede ist: Hände halten, Wäsche waschen, Tränen trocknen, Umarmen, Zuhören. Einen anderen Weg gibt es nicht, um Vertrauen zu säen in den Schrecken, der größer nicht sein kann. Vor ein paar Tagen ist eine junge Frau aus der Pfarrei gestorben. Der Text ist die gekürzte und sprachlich leicht angepasste Fassung der Ansprache bei ihrer Trauerfeier. Alle Namen sind geändert.

Von Peter Otten

Denn der Schrecken ist in Ihr Leben getreten. Was für ein Wahnsinn. Nicht erklärbar und schon gar nicht entschuldbar. Und Ihre Fragen, die Sie und viele anderen, die heute hier sind auch Gott entgegen schleudern – warum hat er sie mir weg genommen? – auch sie hatten in den letzten Tagen und heute ihren Platz. Luzies Tod macht keinen Sinn. Er ist schrecklich, einfach nur abgrundtief schlimm. Franz hat stellvertretend für viele diesen Schmerz im Psalm ausgesprochen. Und der Schmerz wird noch lange weitergehen. Und sein Echo wird viele von denen, die heute hier sind noch lange begleiten.


Es ist noch nicht lange her, da haben wir in der Agneskirche Erstkommunion gefeiert. Nach jeder Gruppenstunde habt ihr Kinder ein Brot genommen, habt es geteilt und zwar so lange geteilt, bis alle Kinder etwas hatten. Das ist der Sinn der Kommunion. Keiner soll leer ausgehen. Jeden Sonntag in der Eucharistiefeier passiert ja dasselbe. Seit dem ersten Tag von Luzies Krankheit haben viele von denen, die heute hier sind geteilt. Zeit, Energie, Essen, Taschentücher, Stille, Umarmungen, Schweigen, Gebete, Kerzen, Hände und vor allem viel, viel Pragmatisches. Ihr habt auf Lara und ihren Vater aufgepasst. Ihr habt Lasten abgenommen, Wäsche gewaschen, seid einkaufen gegangen, habt Exel-Tabellen ausgefüllt. Ihr habt - mit Joseph Beuys gesprochen - eine Wärmeskulptur gebildet. Das hat nicht verhindert, dass Luzie kränker und kränker wurde. Das hat den Tod nicht abgehalten. Es hat aber etwas anderes gebracht: Trost, Wärme, Zusammenhalt, Gemeinschaft, Solidarität. Der Tod hat die Liebe in der Wärmeskulptur nicht töten können. Er hat gewütet und verletzt und hat ein schlimmes Werk getan. Aber er hat die Liebe nicht töten können. Ich bin voller Respekt dafür, was ihr in den letzten Wochen und Monaten geleistet habt. Nämlich das, was wir mit Lara und vielen von euch und vielen anderen sonntags auch gefeiert haben: Kommunion.

Montag, 9. September 2024

KRIEG UND WÄSCHE - eine Verheißung


Gedanken zur Eröffnung der Multimedia-Installation „KRIEG UND WÄSCHE von Christiane Rath am 7. September 2024 in St. Gertrud

Von Peter Otten

Als ich ein Kind war, lebte meine Großtante mit Herrn Rindermann zusammen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin gewesen. Und was vielleicht nur wenige wissen: Es gab eine Zeit, in der Lehrerinnen nicht heiraten durften. Nach außen diente meine Großtante Herrn Rindermann als eine Art Gesellschafterin. Herr Rindermann hatte keine Haare mehr auf dem Kopf. Und für diesen Umstand hatte er eine Erklärung, die mir, dem kleinen Jungen, gleichsam plausibel und rätselhaft erschien: Sie seien fortgeweht worden, als er bei einer Zugfahrt den Kopf aus dem Fenster gehalten habe. Herr Rindermann war Soldat im ersten Weltkrieg gewesen. In meiner Erinnerung war er der erste Mensch, der den Krieg in mein Kinderleben brachte. „Weltkrieg“, das klang bedrohlich, geheimnisvoll und unwirklich, als ich vor meinem Stück Sonntagskuchen auf dem dick gepolsterten Canapé gesessen bin.

Mittwoch, 12. Juni 2024

Losverfahren für mehr Beteiligung? Eine Einordnung

Foto: brit berlin / pixelio.de
Losverfahren sind „organisierter Zufall. Sie hängen maßgeblich
von Entscheidungen im Vorfeld ab.
Wenn das Erzbistum Köln nun mit stärkerer Beteiligung wirbt, bleibt die Frage, um wessen Beteiligung es hier eigentlich geht.

Von Jonas Maria Hoff

Das Erzbistum Köln stellt seinen Diözesanpastoralrat neu auf und greift dazu auf ein ungewöhnliches Entscheidungs- und Auswahlformat zurück: das Losverfahren. Dabei hat sich das Erzbistum – der eigenen Pressemitteilung zufolge – von Bürgerräten inspirieren lassen, die in verschiedenen Demokratien zu Beratungszwecken eingesetzt werden. Auch in Deutschland hat es jüngst einen solchen Bürgerrat zum Thema Ernährung gegeben. In diesem Gremium haben ausgeloste Büger:innen zu grundlegenden Fragen der Ernährung beraten und Handlungsempfehlungen für den Deutschen Bundestag beschlossen. Das Erzbistum Köln übernimmt nun nicht nur den Los-Mechanismus, sondern auch die zentrale politische Begründung für Losverfahren. Es gehe um „stärkere Beteiligung“.

Mittwoch, 27. März 2024

Die Banalität des Heils

Screenshot: Peter Otten
Wir dürfen gerade in der Kirche der Banalität des Bösen nicht die Banalität des Heils entgegensetzen. Denn Gott und mit ihm alles, was lebt können verschwinden. Gedanken zum Karfreitag.

Von Peter Otten

Ein Häftling im KZ Auschwitz hat Hedwig Höß ein Wäschebündel gebracht. Die Wäschestücke werden auf einem Tisch ausgebreitet. Die Bediensteten, allesamt ebenfalls Häftlinge greifen schweigend zu. Ein Pelzmantel wird in ihr Ankleidezimmer getragen. Hedwig Höß, die Frau des Lagerkommandanten des KZ Auschwitz, schlüpft hinein. Die Kamera beobachtet, wie sie sich ein wenig ungelenk vor dem Spiegel hin- und herdreht. In der Tasche findet sie einen Lippenstift. Später wird sie sich mit diesem Lippenstift ihre Lippen färben; die Farbe später wieder mit einem Taschentuch abwischen. Den Pelzmantel wird sie einer ihrer namenlosen Bediensteten in die Hand drücken. Sie möge ihn reinigen und einen losen Saum wieder richten, wirft sie ihr im Vorbeigehen zu. 

Eine Szene aus dem Film „The Zone Of Interest“ des britischen Regisseurs Jonathan Glazer. Vor ein paar Wochen ist er mit fünf Oscars ausgezeichnet worden.

Freitag, 9. Februar 2024

Nie widder is hück!

Foto: Larissa Neubauer
Im Karnevalsgottesdienst in der Kölner Agneskirche hat das Hänneschen aus dem Hänneschentheater gepredigt. Dabei erinnerte es an Fanny Meyer. Die Puppenspielerin wurde in Auschwitz ermordet, weil ihr Vater Jude war. "Denn mer wulle üch doran erinnere, wat passeet wenn mir nit all zesamme stonn. Denn: Nie widder is hück!"

Von Uli Kievernagel
 

Jetzt musste das Hänneschen erst 222 Jahre alt werden, um es erste Mal in einer Kirche predigen zu dürfen. Der Ludwig Sebus, der durfte das schon, da war gerade erst mal 97 Jahre alt.  

In däm Text uss d´r Bibel evens jing et daröm, dat man sich nit sorjen sull un et esu mache sull wie die Vögel im Himmel – da janzen Dach eröm fleje un jood es. Ävver kann man dat hück noch mache? Müssen wir uns nicht Sorgen darum machen, wat um uns eröm passeet? Dä Fastelvoend verleitet natürlich dazu, nur dä Spaß zu sin. Kumm loss mer fiere, jet suffe und dann luure, op mer met dä Schüss jet danze kann. Dat is och jood esu. Doch trotz aller Spaß an d´r Freud müssen wir immer noch aufpassen, wat um uns eröm passeet! Opjepass: Wenn wir dat hück nit dun, dann kann unser geliebter, bunter Karneval schnell braun werden. Denn: Nie widder is hück! Gerade heute, gerade jetzt, zeigt sich, dass wir für unsere Lebensart einstehen müssen. Do treffen sich echt fiese Strippenzieher in Hinterzimmern, öm ze plane, wie man Minsche footbring, de dänne nit jefalle. Et jitt vill ze vill Minsche, die han verjesse - oder die wulle et nie mieh wisse - wat schon ens he bei uns passeet is. Ävver mer dürfte et nie verjesse: Ejal wohin de luurst, dä Schuhß ess fruchtbar noch, uss däm die Nazibrut russkroch. Wir müssen jetzt, wo die letzten Zeitzeugen verschwinden, die Erinnerung wachhalten. Denn: Nie widder is hück!

Mittwoch, 20. September 2023

Diese Kirchenleitung hat keine Macht über uns

Foto: Maria Mesrian
Wir verschleiern mit diesem Segen heute nicht, dass die Lehre der katholischen Kirche zutiefst homophob ist. Mit dieser Haltung trägt sie weltweit dazu bei, dass sich queere Menschen ihres Lebens nicht sicher sind. Ihr alle zeigt heute, dass euch Gewissen wichtiger ist als Gehorsam, dass ihr der Angst keinen Raum mehr gebt. 

Von Maria Mesrian

„Du sollst ein Segen sein!“ Dieser Satz aus dem Buch Genesis ist der Taufspruch eines meiner Kinder. Ihr alle seid euch heute gegenseitig ein Segen gewesen und das ist es, was die Welt braucht und was sie zusammen hält.

Mein Respekt gilt allen, die heute hier sind: Den hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die Gesicht zeigen und allen, die den Weg auf sich genommen haben, um auf diesem Platz vor dem Kölner Dom zu zeigen: Wir brauchen nicht die Macht und die Herrlichkeit, den Prunk, die teuren Immobilien, die Dienstwagen und auch nicht den Segen einer solchen Kirche. Wir setzen der Kaltherzigkeit, der Enge und den Lügen etwas entgegen: Die klerikale Machtelite mag de facto über viel Geld und deshalb über Macht verfügen.

Montag, 6. März 2023

Wenn uneingestandene Ohnmacht verführbar macht

Screenshot: Peter Otten
Bei Abstimmungen in der Synodalversammlung des Synodalen
Weges haben namentliche Abstimmungen Vorfahrt gegenüber geheimen. Aber ist das auch rechtens? Anmerkungen vor der V. Vollversammlung

Von Georg Bier

In wenigen Tagen kommt der Synodale Weg zu seiner letzten Vollversammlung zusammen. Unter anderem soll über zehn Grund- und Handlungstexte abgestimmt werden. Dabei könnte, wie Beate Gilles, die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf der Abschlusspressekonferenz der Frühjahrs-Vollversammlung auf Nachfrage mitteilte, erneut das Verhältnis zwischen geheimen und namentlichen Abstimmungen zum Thema werden.

Freitag, 10. Februar 2023

Prozentrechnen auf dem Synodalen Weg

Foto: skitterfoto / www.pexels.com
Beim Synodalen Weg werden Enthaltungen als nicht
abgegebene Stimmen gewertet. Das bringt Laien und Bischöfe gleichermaßen in eine komfortable Situation. Meint Georg Bier und hat eine Rechnung aufgemacht.

Von Prof. Georg Bier

Vom 9. bis 11. März 2023 tritt der Synodale Weg zur abschließenden fünften Vollversammlung zusammen. Zehn weitere Grund- und Handlungstexte sollen zu Beratung und möglicher Beschlussfassung vorgelegt werden. Allerdings ist, was in der Synodalsatzung „Beschluss“ genannt wird, in Wirklichkeit bloß eine Empfehlung ohne rechtliche Verbindlichkeit. Es bleibt jedem Diözesanbischof freigestellt, ob er überhaupt und ggf. welche Konsequenzen er daraus zieht. Aber um dieses ebenso bekannte wie kommunikativ konsequent überspielte Faktum soll es hier nicht gehen.

Im Mittelpunkt steht vielmehr die nur auf den ersten Blick simple Frage nach den geforderten Mehrheiten. Bekanntlich ist für eine erfolgreiche „Beschluss“-Fassung die Zweidrittelmehrheit aller Anwesenden erforderlich, in der die Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz enthalten sein muss. Weil diese qualifizierte Bischofsmehrheit fehlte, scheiterte im September 2022 trotz ansonsten breiter Zustimmung der Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen“ – zur großen Enttäuschung vieler Synodalen.

Könnte sich so etwas wiederholen? Angenommen, es nehmen 60 Konferenzmitglieder an einer „Beschluss“-Fassung teil: Wie viele von ihnen müssen zustimmen, damit der „Beschluss“ die Zweidrittelmehrheit dieser Mitglieder erhält? Wer nach kurzer Überlegung „40“ antwortet, hat möglicherweise im Mathe-Unterricht der siebten Klasse aufgepasst. Von höherer Synodal-Mathematik hat er nichts verstanden. Die richtige Antwort lautet nämlich: „Kommt drauf an!“ 

Dienstag, 17. Januar 2023

Tear Down This Law!

Bischof Bode will mit Ausgetretenen sprechen. Über ein Interview mit Offenbarungscharakter.

Von Prof. Norbert Lüdecke

Am 12. Januar veröffentlichte „Katholisch.de“ – „das Nachrichten- und Erklärportal der katholischen Kirche in Deutschland“ – ein Interview mit Franz-Josef Bode, dem Bischof von Osnabrück und stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Lange beliebt, sieht er sich derzeit unter kirchenrechtlicher Anzeige und vor Rücktrittsforderungen. Über einem Foto, dass ihn gemütlich lächelnd nur in dunklem Pullover statt in Bischofs- oder auch nur in Klerikerkleidung zeigt, wird getitelt: „Bode: Die Türen der Kirchen müssen für Ausgetretene offen bleiben“. Ein Blick auf den Nachrichten- und Erklärwert dieses Interviews lohnt sich.

So viele Kirchenaustritte und der Körperschaftsstatus ist schuld?

Bode zeigt Verständnis für die Vielen, die aus Protest ihren Kirchenaustritt erklären. Und er denkt nach, wie sie dennoch beteiligt werden können. Zu wenig werde beachtet, dass „inzwischen“ viele Ausgetretene aus der Mitte der Kirche kommen und trotz Austritts ihre Glaubens- und Kirchenbeziehung behalten wollen. Wer das zu wenig beachtet hat und auf welchen Zeitraum das „inzwischen“ zielt, bleibt offen. Auf die Frage, ob er es denn richtig finde, wenn eine Kirchengemeinde auf Plakaten Ausgetretene zu den Sakramenten einlädt, obwohl das doch rechtlich nicht möglich sei, weicht er aus: Man müsse verschiedene Wege gehen. Ob eine solche widerrechtliche Einladung dazugehört oder nicht, bleibt ebenfalls offen. Zudem – so Bode weiter – gebe es in Deutschland eine Sondersituation. Hier sei Kirche ja Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das mache die Rückkehr nach einem Austritt anders als in anderen Ländern schwierig. – Wie bitte? Der Körperschaftsstatus ist schuld an der Situation ausgetretener Katholiken?