Mittwoch, 7. April 2021

Glaube ist vernünftiges Vertrauen – Das Credo von Hans Küng

Foto: Salvador Garciá Bardón
Viele Theologen haben den Versuch gemacht, das Glaubensbekenntnis auszulegen. Ein besonders prominenter Versuch ist der des katholischen Theologen Hans Küng. 1992 veröffentlichte er sein Buch „Credo – Das ApostolischeGlaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt.“ Viele Menschen wollten heutzutage glauben, aber so, wie im Mittelalter oder in der Reformationszeit könnten sie es nicht, stellte Küng damals fest. Ihm ging es, ermutigt durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Welt im Zweiten Vatikanischen Konzil um die Frage, wie Gottesglaube einerseits sowie die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Naturwissenschaften andererseits sinnvoll zusammengedacht werden können. Ein Thema, dem Küng in seiner gesamten Forschung verpflichtet blieb.

Von Peter Otten

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers gefällt Hans Küng. Weil es für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse enthält: Gott ist kein Gegenstand, der der menschlichen Vernunft so ohne weiteres zur Verfügung steht. Gott ist unendlich, daher nicht greifbar und auch nicht begreifbar. Küng hält es da lieber mit Immanuel Kant: Gott ist keine Frage der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft, was bedeutet: Gott ist zwar nicht beweisbar, aber es ist andererseits nicht unvernünftig, an ihn zu glauben:

"Ich kann den Sinn des Lebens nicht beweisen. Ich kann nicht den Sinn der Freiheit beweisen. Darum können wir auch Böses tun, nicht nur Gutes. Das sind grundlegende Zweifel, wo ich dann geantwortet habe mit dem Begriff eines vernünftigen Vertrauens (…) etwas, das mich bis heute trägt, wofür ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise habe für das, was ich glaube. Wohl aber viele Gründe, wonach ich meine, es kommt nicht alles aus dem Nichts und geht ins Nichts und so weiter."

Mittwoch, 31. März 2021

Der Tag der Ohnmacht

Kolumba, Auswahl Drei, Repro: Peter Otten
Der Karfreitag ist der Tag, an dem Gott die Ohnmacht ermächtigt. Drei Ikonen der Karwoche machen
klar, dass es so nicht weitergehen kann. Gedanken zum lästigen Karfreitag.

Von Peter Otten

Die Gemeindereferentin Regina Nagel hat die Geschichte ihrer Kollegin Karin Weißenfels vor dem Synodalen Forum erzählt. „Karin Weißenfels wurde von ihrem dienstvorgesetzten Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht. Als sie schwanger wurde, verlangte er die Abtreibung. Danach möge sie bei einem Freund von ihm beichten. Noch schwanger, bat sie diesen Priesterfreund in der Beichte um Hilfe. Dieser sagte zu ihr, sie müsse abtreiben und gab ihr in dieser Beichte die Lossprechung. Bis heute leidet diese Frau unter diesem Missbrauch und natürlich auch sehr unter dieser Abtreibung. Sie ist extrem belastet durch den Umgang der Verantwortlichen mit ihrem Fall. Der Beichtpriester machte Karriere. Sie selbst ist vom Dienst freigestellt, ist vereinsamt und leidet.“ Der Deutschlandfunk hat vor ein paar Wochen diese Geschichte weiter recherchiert. Sie ist auch in dem bestürzenden wie lesenswerten Buch „Erzählen als Widerstand“ aufgeschrieben.

Heute ist der Tag der Ohnmacht.

Ich bleibe dabei – ein Versuch, Rechenschaft zu geben


von Werner Höbsch

© Max Zimmermann

Die Zahl der Menschen, die in den ersten Monaten dieses Jahres die katholische Kirche verlassen haben, ist enorm hoch. Darunter befindet sich auch eine beträchtliche Zahl treuer Katholikinnen und Katholiken. Als Gründe für einen Kirchenaustritt werden genannt: Verbrechen des Missbrauchs, Vertuschung von Straftaten, eine rückständige Sexualmoral, der Umgang mit Frauen, die Zulassungsbedingungen zu den Weiheämtern, der Umgang mit Macht – um nur einige zu nennen.

Aber gibt es auch Gründe, in der Kirche zu bleiben in einer Zeit, da viele Katholikinnen und Katholiken wie auch mich Zorn und Trauer, Wut und Entsetzen packen? Diese Frage kann ich nur persönlich beantworten. Auf keinen Fall ist es Gewohnheit „ich war ja Zeit meines Lebens katholisch“, die mich hält. Vielmehr frage ich mich ernsthaft, gibt es einen inhaltlichen Grund zu bleiben und eine Hoffnung, die mich trägt und über die ich mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen kann?

Die katholische Kirche zeigt sich aktuell in einem selbst verschuldeten desaströsen Zustand, der eine ohnmächtige Traurigkeit auslöst. Es ist bitter zu erfahren, welches Leid in und durch die Kirche ihr Anvertrauten angetan wurde, größer und bitterer ist der Schmerz der Opfer. Das Gutachten der Kanzlei Gercke / Wollschläger zum Missbrauch spricht von systemisch bedingten Ursachen der Pflichtverletzungen von Amtsträgern. Die Reputation der Kirche war Verantwortlichen wichtiger als der Schutz der Opfer, das Ansehen der Kirche wurde höher eingestuft als eine konsequente, schonungslose Aufdeckung und Aufarbeitung der Verbrechen.

Montag, 29. März 2021

Ecce homo! Missbrauchsgutachten: Schuld und Sühne nach Aktenlage

Christuskopf (Auswahl Drei, Kolumba. Repro: Peter Otten)
Christuskopf. (Kolumba, Auswahl Drei; Repro: Peter Otten)

Ein Jahr lang waren es die verbotensten 500 Seiten im
Erzbistum Köln, jetzt können sie 90 Minuten lang unter Aufsicht durchgeblättert werden: Das Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl (WSW) zum Umgang der Hierarchie mit sexualisierter Gewalt von Klerikern an Kindern und Jugendlichen. Christian Linker hat sich das Kölner Daumenkino in Spielfilmlänge angeschaut und ist auf interessante Nebenbefunde gestoßen.

Von Christian Linker

Joachim Kardinal Meisner betonte gern, dass die christliche Botschaft nicht abstrakt, sondern im Gegenteil sehr konkret und handfest sei. „Das Evangelium“, pflegte der frühere Kölner Oberhirte gern zu sagen, „beginnt mit schmutzigen Windeln und endet mit blutigen Laken.“

Kaum irgendwo scheinen Blut und Schmutz weiter weg als im Dreikönigssaal des Kölner Maternushauses, wo sich zehn Lesetische zwischen hohen Spuckschutzwänden verlieren. Unter der Aufsicht eines Wachmannes in Security-Montur liegt das verbotene Gutachten zur Einsichtnahme bereit – und direkt daneben, zum Vergleich, das kurz zuvor veröffentlichte Gutachten aus dem Hause Gercke/Wollschläger (GW). Beides sind natürlich juristische Texte, sogar Meta-Texte gewissermaßen, denn sie handeln nicht von Personen, sondern von Personalakten, die über jene Personen geführt wurden, welche wiederum an anderen Personen Verbrechen verübt haben. Von den Betroffenen aus gesehen ist das die Meta-meta-meta-Ebene. Und wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird.

Richtige Antworten auf die falsche Frage

Im Vergleich beider Gutachten zeigen WSW deutlich mehr Empathie, und das war offensichtlich ihr Fehler. Das Münchner Team (klingt fast, als schreibe man über eine Tatort-Folge) referiert weitgehend dieselben Vorgänge, liefert aber gleich die Interpretation mit. Wenn es über einen Spitzenfunktionär des Erzbistums heißt, er gäbe sich mit halbherzigen Maßnahmen zufrieden, über einen anderen, er sei nicht einsichtsfähig, während einer dritten Person ein totalitärer Leitungsstil attestiert wird, sind die Grenzen der rein juristischen Begutachtung überschritten, das steht außer Frage. Dennoch präsentieren WSW eigentlich genau die Erkenntnisse, die das Bistum jetzt bräuchte, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Problem ist nur: danach hatte Erzbischof Rainer Kardinal Woelki gar nicht gefragt. Letztlich aber liefern WSW auch bloß diejenigen Antworten, die sich bei Lektüre des GW-Gutachtens ebenso aufdrängen. Ja, vielleicht ist es gerade die Stärke von Gercke/Wollschläger, dass in der Nüchternheit der Darstellung die menschlichen Abgründe zwischen den Zeilen nur noch tiefer klaffen.

Dienstag, 9. Februar 2021

Woelki-Gate oder Kurien-Gate?

Schon seit 2001 und nicht erst seit 2020 waren Ortsbischöfe verpflichtet, Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker unabhängig vom Ergebnis der Voruntersuchung nach Rom zu melden. Es nun anders darzustellen entlarvt die angeblich so konsequente Missbrauchsbekämpfung durch Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus als Mythos und Fake.

Von Norbert Lüdecke

Laut Medienberichten hat die Bischofskongregation das Vorgehen des Erzbischofs von Köln, einen erwiesenen Fall von Missbrauch nicht der Glaubenskongregation zu melden, für kirchenrechtskonform erklärt. Es sei vielleicht unklug gewesen, eine Rechtspflicht zur Meldung gebe es aber erst seit 2020.

Moment - wie lautet noch mal das Mantra der römischen Missbrauchsbekämpfung? Der Heilige Stuhl sei auch der Kirche in Deutschland immer weit voraus gewesen. Auf Betreiben von Kardinal Ratzinger hat Papst Johannes Paul II. mit Sondernormen aus dem Jahre 2001 hart durchgegriffen: Weil die Bischöfe in der Verfolgung dieser Taten versagten, entzog er ihnen die strafgerichtliche Zuständigkeit dafür und stellte ihr Handeln unter die vorgängige Kontrolle der Glaubenskongregation. Dazu verfügte er u. a., die Diözesanbischöfe müssten, sooft sie „wenigstens eine wahrscheinliche Kenntnis“ von einer solchen Tat haben, „dies der Kongregation für die Glaubenslehre mitteilen, sobald die Vorerhebung durchgeführt wurde“ (Art 13, 2001). Auf der Grundlage dieser Meldung würde die Kongregation dann über das weitere Vorgehen entscheiden. Das war unzweideutiger Klartext: Jedem auch nur wahrscheinlichem Verdacht ist durch eine Voruntersuchung nachzugehen, anschließend ist zu melden, unabhängig vom Ergebnis. Punkt. Aus. Ende. Und das war auch gut so – denn nur so konnte eine Kontrolle der bislang säumigen oder fahrlässigen Bischöfe funktionieren.

Montag, 11. Januar 2021

Zwischen den Jahren

Foto: Peter Otten
 Wenn es um die Vernuft herum in der Kirche einsam wird ist
es schön, einen Hund zu haben. Beitrag zum Preacher-Slam am 10. Januar in der Karl-Rahner-Akademie.

 

Von Peter Otten

„Du“, fragt mich mein Hund plötzlich unvermittelt. „Was bedeutet eigentlich „Zwischen den Jahren“?

Ich bin mit meinen Gedanken gerade woanders. Und starre jetzt doch auf den Hund, der unter dem Schreibtisch liegt.

„Was ist los?“

„Na ja, was bedeutet „Zwischen den Jahren“? Du hast doch neulich auf der Straße deinen Friseur gefragt, ob er „zwischen den Jahren“ geöffnet hat. Ich dachte bislang immer: ein Jahr geht zu Ende und ein anderes fängt an.“

Okay, Hunde sind im allgemeinen kluge Tiere. Das ist bekannt. Aber manchmal übertreiben sie einfach. Und dann schlägt ihr Verhalten ein bisschen zu sehr ins Klugscheißerische. Ich schaue unter meinen Schreibtisch, wo der Hund gewöhnlich liegt und hätte mich nicht groß gewundert, wenn er mit einer lässig auf der Hundenase balancierten Lesebrille über die Gläser hinweg mich angeschaut und dabei in der FAZ geblättert hätte.

Dienstag, 15. Dezember 2020

Glück auf

Screenshot: Peter Otten
Das ist Erlösung: Die Schaufel aus der Hand legen können.

Den Kopf heben. Das Licht sehen. Herausgezogen werden. Angenommen sein. Das ist Weihnachten: Es geht, geht auf, geht auf, geht aufwärts. Weil Gott hinab kommt. Gedanken zu "Glück auf" von Joris.

Von Peter Otten

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, dem ist dieses Lied womöglich viel vertrauter als Menschen, die im flachen gemütlichen Rheinland zu Hause sind. Denn Joris malt das Bild eines Kumpels unter Tage bei einem Wettersturz.
 

„Im Schutt vergraben.
Gibt kein Licht her, untertage
Schwerer Staub versperrt die Sicht
Nur den dunklen Schacht vor Augen
Zerfällt dein letztes bisschen Glauben.“


Ich denke an Lengede. Schwarz-Weiß-Bilder, die ich nur aus dem Fernseher kenne. Tagelanges Bangen nach einem Grubenunglück. Verängstigte Familien am Krater. Ich kenne Menschen aus dem Ruhrgebiet. Sie erzählen von ihren Eltern, den Vätern und Großvätern im Pütt. Jeden Tag ein Abstieg ins Loch mit ungewissem Ausgang. Ein rauhes schmutziges Leben. Pusschlag aus Stahl.