Samstag, 5. Juni 2021

Apostolische Visitation - das katholisch Normale im Außergewöhnlichen

Für wen ist die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln eine Chance? Norbert Lüdecke mit
Antworten.

Von Norbert Lüdecke 

Der Papst hat eine Apostolische Visitation des Erzbistums Köln angeordnet. Mit der Durchführung hat er einen Kardinal und Erzbischof aus Schweden sowie einen Diözesanbischof und Vorsitzenden der Niederländischen Bischofskonferenz als Visitatoren betraut. Sie sollen sich „ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum verschaffen und gleichzeitig eventuelle Fehler Seiner Eminenz Kardinal Woelkis, sowie des Erzbischofs von Hamburg S.E. Mons. Stefan Heße, als auch der Herren Weihbischöfe, S.E. Mons. Dominikus Schwaderlapp und Mons. Ansgar Puff im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs untersuchen“. In der Tat kein alltäglicher Vorgang. Aber wer sich jetzt in voreiliger Schadenfreude ergeht und das Ende der Amtszeit des Kölner Kardinals samt Entourage erwartet, übersieht – selbst wenn es so käme – wieder einmal gut katholisch, dass gerade das Außergewöhnliche an diesem Vorgang das Gewöhnliche ist, in dem sich das katholische System bestätigt.

Freitag, 7. Mai 2021

Viel ging, als Vertrauen ging

Am Anfang war das Wort. Wenn das Wort aber nicht mehr bei Gott ist, ist die seelsorgerische Arbeit unmöglich. Ein paar Gedanken an die Bistumsleitung, vor allem über Vertrauen, eine Woche später.

Von Peter Otten

Nun hat die Dunkelheit also auch St. Agnes erreicht. Der Sachverhalt ist hier nachzulesen. Der leitende Pfarrer hat hier Stellung bezogen. Als Ergebnis steht fest, dass ihr in der Bistumsleitung in dieser Causa weder mich noch meine damaligen KollegInnen über den Sachverhalt informiert habt. Und uns damit sehenden Auges in die schlimme Situation gebracht habt: dass wir uns auf eigene Faust unter großem Zeitdruck mit einer eidesstattlichen Erklärung gegen absurde Vorwürfe wehren mussten.

Und ich frage mich ungläubig: Ist euch das eigentlich egal? Offensichtlich, denn das Gegenteil habe ich jedenfalls noch nicht vernommen. Es scheint euch egal zu sein. Sonst hättet ihr es ja sagen können. Ihr hättet sagen können: „Entschuldigung, wir haben euch in eine schlimme Situation gebracht.“ Tja. Aber vielleicht findet ihr sie ja gar nicht schlimm. Deswegen muss ich sagen: Ich finde sie sehr schlimm. Und deswegen muss ich nach dieser Woche für mich feststellen, was auf dem Spiel steht: So ziemlich alles. Das Vertrauen nämlich.

Montag, 26. April 2021

Woman is the N**** of the World

Screenshot: Norbert Bauer

Über John Lennon und Johanna Rahner. Aus gegebenen Anlass.

Von Norbert Bauer

"Woman is the N**** of the World“ war kein wirklicher Hit. Er landete 1972 in den US-Charts nur auf Platz 57. Er hat aber Protest ausgelöst. Bevor Yoko Ono und John Lennon den Song live in der Dick Cavett Show spielten, mussten sie sich erklären, denn “there are some people who reacted strangely to it, but usually they are white and male.” Für den Ex-Beatle ist der Zuammenhang naheliegend, definiert man mit dem umstrittenen Wort wie der afroamerikanische Politiker Ron Dellums jemanden “whose life style is defined by others, whose opportunities are defined by others, whose role in society is defined by others.” Alle drei Punkte treffen auf Frauen in der Katholischen Kirche zu.

Montag, 19. April 2021

Die Erlösende Kraft des Erzählens

Als sich der Tod seiner Mutter abzeichnete, hat der Philosoph
und Journalist Jürgen Wiebicke viele Gespräche mit ihr geführt. Es ging ihm nicht nur darum, den lange geltenden Schweigemechanismus einer traumatisierten Kriegsgeneration zu verstehen. In seinem Buch "Sieben Heringe" zeigt er, wie erlösend Resonanzräume sein können. Also Gemeinschaften des Erzählens und Zuhörens. Jedenfalls wenn dort auch heikle Themen der menschlichen Existenz - die Kränkungen von Kontingenz, Krankheit, Leid, Sterben und Tod - nicht zu Vorgängen werden, sondern zum Teil des geglückten Lebens.

Von Peter Otten

In Augenblicken, wenn Menschen das Sterben, den Tod erleben, ist die Konfrontation mit der Endlichkeit vielleicht die schwierigste Herausforderung. Es ist nicht nur der tote Mensch im Sarg, die Asche in der Urne. Es ist die Konfrontation mit der eigenen Kontingenz. Der Tote ist auf einmal das eigene Spiegelbild. Schonungslos lenkt das Wissen um den Inhalt von Sarg und Urne die Gedanken zur eigenen Hinfälligkeit, ja, zum eigenen Sterben. Deswegen ist eine Beerdigung eine Gratwandererung. Sie ist heikel, weil das Unangenehme, Verdrängte in den Vordergrund rückt. Sie kann aber auch lösend, erlösend wirken. Weil hoffentlich ein Schicksal nicht länger beschwiegen wird, das alle Menschen teilen: die Wirklichkeit des Todes. Daher ist eine Beerdigung vor allem für die Menschen wichtig, die zurück bleiben. Nicht so sehr für den Toten. Es geht um vier Dinge: Traurig sein dürfen und Trost finden. Erinnern. Danken. Und darum, aus dem Augenblick des Irrsinns etwas wie Zuversicht schöpfen zu können. Es ist im Grunde das, was im Lukasevangelium lapidar erzählt wird: "Wähernd sie noch darüber redeten trat Jesus in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch" (Lk 25, 36). Ein erlösender Dreischritt: Das Erzählen verwandelt Aussichtslosigkeit in einen Gottesort. Und der Gottesort bringt den (inneren und äußeren) Frieden. Der Dreitschritt des biblischen Auferstehungsgedankens.

Mittwoch, 7. April 2021

Glaube ist vernünftiges Vertrauen – Das Credo von Hans Küng

Foto: Salvador Garciá Bardón
Viele Theologen haben den Versuch gemacht, das Glaubensbekenntnis auszulegen. Ein besonders prominenter Versuch ist der des katholischen Theologen Hans Küng. 1992 veröffentlichte er sein Buch „Credo – Das ApostolischeGlaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt.“ Viele Menschen wollten heutzutage glauben, aber so, wie im Mittelalter oder in der Reformationszeit könnten sie es nicht, stellte Küng damals fest. Ihm ging es, ermutigt durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Welt im Zweiten Vatikanischen Konzil um die Frage, wie Gottesglaube einerseits sowie die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Naturwissenschaften andererseits sinnvoll zusammengedacht werden können. Ein Thema, dem Küng in seiner gesamten Forschung verpflichtet blieb.

Von Peter Otten

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers gefällt Hans Küng. Weil es für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse enthält: Gott ist kein Gegenstand, der der menschlichen Vernunft so ohne weiteres zur Verfügung steht. Gott ist unendlich, daher nicht greifbar und auch nicht begreifbar. Küng hält es da lieber mit Immanuel Kant: Gott ist keine Frage der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft, was bedeutet: Gott ist zwar nicht beweisbar, aber es ist andererseits nicht unvernünftig, an ihn zu glauben:

"Ich kann den Sinn des Lebens nicht beweisen. Ich kann nicht den Sinn der Freiheit beweisen. Darum können wir auch Böses tun, nicht nur Gutes. Das sind grundlegende Zweifel, wo ich dann geantwortet habe mit dem Begriff eines vernünftigen Vertrauens (…) etwas, das mich bis heute trägt, wofür ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise habe für das, was ich glaube. Wohl aber viele Gründe, wonach ich meine, es kommt nicht alles aus dem Nichts und geht ins Nichts und so weiter."

Mittwoch, 31. März 2021

Der Tag der Ohnmacht

Kolumba, Auswahl Drei, Repro: Peter Otten
Der Karfreitag ist der Tag, an dem Gott die Ohnmacht ermächtigt. Drei Ikonen der Karwoche machen
klar, dass es so nicht weitergehen kann. Gedanken zum lästigen Karfreitag.

Von Peter Otten

Die Gemeindereferentin Regina Nagel hat die Geschichte ihrer Kollegin Karin Weißenfels vor dem Synodalen Forum erzählt. „Karin Weißenfels wurde von ihrem dienstvorgesetzten Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht. Als sie schwanger wurde, verlangte er die Abtreibung. Danach möge sie bei einem Freund von ihm beichten. Noch schwanger, bat sie diesen Priesterfreund in der Beichte um Hilfe. Dieser sagte zu ihr, sie müsse abtreiben und gab ihr in dieser Beichte die Lossprechung. Bis heute leidet diese Frau unter diesem Missbrauch und natürlich auch sehr unter dieser Abtreibung. Sie ist extrem belastet durch den Umgang der Verantwortlichen mit ihrem Fall. Der Beichtpriester machte Karriere. Sie selbst ist vom Dienst freigestellt, ist vereinsamt und leidet.“ Der Deutschlandfunk hat vor ein paar Wochen diese Geschichte weiter recherchiert. Sie ist auch in dem bestürzenden wie lesenswerten Buch „Erzählen als Widerstand“ aufgeschrieben.

Heute ist der Tag der Ohnmacht.

Ich bleibe dabei – ein Versuch, Rechenschaft zu geben


von Werner Höbsch

© Max Zimmermann

Die Zahl der Menschen, die in den ersten Monaten dieses Jahres die katholische Kirche verlassen haben, ist enorm hoch. Darunter befindet sich auch eine beträchtliche Zahl treuer Katholikinnen und Katholiken. Als Gründe für einen Kirchenaustritt werden genannt: Verbrechen des Missbrauchs, Vertuschung von Straftaten, eine rückständige Sexualmoral, der Umgang mit Frauen, die Zulassungsbedingungen zu den Weiheämtern, der Umgang mit Macht – um nur einige zu nennen.

Aber gibt es auch Gründe, in der Kirche zu bleiben in einer Zeit, da viele Katholikinnen und Katholiken wie auch mich Zorn und Trauer, Wut und Entsetzen packen? Diese Frage kann ich nur persönlich beantworten. Auf keinen Fall ist es Gewohnheit „ich war ja Zeit meines Lebens katholisch“, die mich hält. Vielmehr frage ich mich ernsthaft, gibt es einen inhaltlichen Grund zu bleiben und eine Hoffnung, die mich trägt und über die ich mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen kann?

Die katholische Kirche zeigt sich aktuell in einem selbst verschuldeten desaströsen Zustand, der eine ohnmächtige Traurigkeit auslöst. Es ist bitter zu erfahren, welches Leid in und durch die Kirche ihr Anvertrauten angetan wurde, größer und bitterer ist der Schmerz der Opfer. Das Gutachten der Kanzlei Gercke / Wollschläger zum Missbrauch spricht von systemisch bedingten Ursachen der Pflichtverletzungen von Amtsträgern. Die Reputation der Kirche war Verantwortlichen wichtiger als der Schutz der Opfer, das Ansehen der Kirche wurde höher eingestuft als eine konsequente, schonungslose Aufdeckung und Aufarbeitung der Verbrechen.