Donnerstag, 12. Mai 2022

Hören wir auf, einander das Wasser aufzudrehen

Foto: Peter Otten
Unglaublicherweise beginnt im Augenblick der Katastrophe die
Geschichte der Freiheit. Gott sagt: Nie wieder. Nie wieder Flut. Nie wieder Wasser. Nie wieder Verderben. Gott ist nicht dieser kleingeistige Kontrolletti-Gott, von dem vielleicht manche Menschen träumen. Machen wir Schluss mit den Flutgeschichten.

Gedanken zu Gen 9, 1.8-17 beim Segungsgottesdienst am 11. Mai 2022 in St. Agnes

Von Peter Otten

Es gibt wenig Schlimmeres, als sein Liebe verheimlichen zu müssen. Ich weiß ein bisschen was davon, denn ich habe meine Frau, weil sie geschieden ist, erst nach fast acht Jahren heiraten können. Und mittendrin ein vierjähriger würdeloser Eheannullierungsprozess. Das war unsere Flutgeschichte. Die alles mit sich gerissen hat.

Lesbische und schwule Paare, queere Paare, ohne Sanierung durch die Kirche zusammen lebende geschieden wiederverheiratete Paare müssen sich von der Kirche sagen lassen, sie lebten in einer widernatürlichen oder sündigen Beziehung. Allein das Wort! Widernatürlich! Die Folge davon sind doch Flutgeschichten. Leben im Untergrund. Prekäres Leben. Angst vor Jobverlust etc.

Menschen, Theologinnen und Theologen, Bischöfe und Priester scheinen genau zu wissen, wer Gott ist, was er verachtet und was er mag, was ihn sauer macht oder froh. Und viele von ihnen sagen etwas gestelzt, "praktizierte Homosexualität" beispielsweise sei etwas, was Gott ein Gräuel sei. Und sie berufen sich auf bestimmte Passagen des Alten Testamentes. Und erzeugen auch damit Flutgeschichten der Verachtung, der Verletzung und der Respektlosigkeit.

Mittwoch, 27. April 2022

Die Grenzen der Domestosstrategie

Am 26. April
habe ich bei der Verabschiedung der wunderbaren Regina Laudage-Kleeberg predigen dürfen. Es ging um Mk 9, 2-20. "
Und dann stehen die Menschen, die das sehen ganz verdattert rum mit ihren Domestosflaschen. Ihren verpflichtenden Elternvorkursen und ihrer Liturgiefähigkeit. Der liebe Heiland hat das Ende der Kochwäsche leider nicht abgewartet."

Von Peter Otten

Ich weiß nicht, ob sich die Älteren von euch noch an eine bestimmte Domestos-Werbung aus den 80ern erinnern: Da war ein großer aquariumsartiger Bottich mit dreckigem Wasser. Dann kippte jemand einen ordentlichen Schluck Domestos in die Brühe – und wie von Geisterhand wurde, untermalt von triumphierender Musik sämtlicher Schmutz wieder in klares Wasser verwandelt. Ich bin damals ein Kind gewesen hing ungläubig an der Glotze und hab sofort Durst bekommen und ich hätte mit großer Lust diesen Bottich ausgetrunken. Was für ein Teufelszeug, dieses Domestos! Und ich habe meine Mutter angefleht, genau dieses Teufelszeug doch mal zu kaufen. Wenn es solche sinnvollen Wunder vollbringen konnte, dann wollte ich das auch mal ausprobieren. Das schien mir doch eine total sinnvolle Angelegenheit zu sein! Und so einfach! Nie wieder Abwasser! Aber meine Mutter hatte zum Glück immer abgelehnt. Zu scharf sei das Zeug (was auch immer das bedeutete). Und dann hatte sie mir mal das Preisschild gezeigt, für so einen Quatsch, verstehste, nein, wird kein Geld ausgegeben, bist wohl verrückt.

Wenn ich als Kind in der Kirche diese Geschichte von der Verklärung gehört habe, habe ich immer an diesen Domestos-Werbespot denken müssen. In meiner Phantasie war Jesus vermutlich auf dem Berg einfach in einen Bottich gestiegen, einer der Jünger hatte mit überlegener Miene ein paar Spritzer von dem Teufelszeug auf seine Klamotten gespritzt – voila! So musste es gewesen sein. (Damals habe ich die Stelle, die erzählt, dass Jesu Gewand heller geworden sei, als es ein Bleicher vermöge, entweder nicht gehört oder nicht kapiert oder beides. Wie auch immer: Verklärung war für mich lange eine Art Domestos-Verklärung.)

Donnerstag, 14. April 2022

Heute ist Ruhetag

Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an?

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Kölner Vorort eine Frau beerdigt. Innerhalb von zehn Tagen war sie erkrankt und gestorben. Ich bin auf einen fassungslosen hilflosen Witwer getroffen, sichtlich kaputt gearbeitet und der nach 55 Jahren gemeinsamen Lebens mit seiner Frau zum ersten Mal von ihr getrennt war. Und der deswegen so geschockt war, weil er gemerkt hat: die Trennung ist für immer. Ich habe eine Tochter kennen gelernt, die für wenig Lohn in drei Krankenhäusern saubermacht. Und zwischendurch aus Mitleid wegen der überarbeiteten Pflegerinnen und Pfleger das benutzte Essensgeschirr der Patienten einsammelt. Zwei Menschen am Ende ihrer Kraft und am Ende ihres Lateins. Im Januar hatten sie noch den Sohn / den Bruder beerdigt, der beim Angeln einfach umgefallen war. Und nun das.

Im Mahlstrom der Bilder

Im Büro der Gemeinde, in der die Frau gestorben war wurde der Bestatterin gesagt, am Tag der geplanten Beerdigung, einem Montag, sei in der Gemeinde Ruhetag. Man könne da leider nichts machen. Dienstag gern, aber Montag halt nicht. Und so hatte sich die Bestatterin verzweifelt durch die Stadt telefoniert und war freitags dann bei mir gelandet mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne zu helfen.

Und als ich zwei Stunden später bei der Familie am Esszimmertisch gesessen bin und Filterkaffee geschlürft und die rotgeränderten und von den Tränen völlig aufgeweichten Augen gesehen habe, da gab es mir einen Stich, weil ich auf einmal geahnt habe, was das für ein Gefühl ist, wenn du den Eindruck haben musst: „Ich bin euch total egal. Ich interessiere euch einen Dreck.“

Montag, 10. Januar 2022

Der Himmel des kleinen Mannes

Foto: www.pixaby.de

Einer denkt, zwei von ihnen ersetzen drei von denen. Falsch gedacht. Denn Udo Jürgens bekommt den Backstage-Pass. Verdammt. Immerhin ist Herz-Jesu-Freitag, und wenigstens im Kaffee steckt Potential. Überraschende Szenen aus einer irritierenden Zwischenwelt. Mein Beitrag beim Preacher-Slam am 9. Januar 2022 in der Karl-Rahner-Akademie.

Von Peter Otten

Der Herr Kardinal stand hinter der Theke. Gedankenverloren
hielt er ein kariertes Geschirrtuch in den Händen und drehte ein langstieliges Weinglas darin. Behutsam stellte er es in einem Regal hinter sich ab und fischte ein neues aus dem dampfenden Bäuchlein des Tischgesirrspülers. Die Rückwand der Theke, die verspiegelt war, zeigte die schütteren Streifen seines Haars, die sich von links nach rechts über seinen Schopf legten. Dazwischen ragten Spirituosenflaschen wie die Türme von Miniaturkirchen hervor. Sie trugen Namen wie „Prinz Alte Marille“, „O´Donnel Moonshine“ oder auch „Hexenzauber Blutwurz“.

Hinter den mit dunklem Leder bezogenen Hockern begann eine ausladende Tanzfläche. An der linken Seite befand sich ein schwarzlackierter Flügel. Der Herr Kardinal beobachtete Udo Jürgens, der in einen Bademantel gewickelt mit aufrechtem Rücken federnd auf einem Klavierhocker saß. Offensichtlich stand er heute auf dem Dienstplan. Seine Finger glitten über die Tasten. Und wie er es zu seinen Lebzeiten in unzähligen Musik-ist-Trumpf-Folgen schon immer getan hatte, hatte er auch heute seinen Kopf um neunzig Grad abgewinkelt und blickte mit großen Udo-Jürgens-Augen in ein nicht vorhandenes Publikum. Es war Wunschstunde, und offensichtlich hatte ein älterer Herr sich ein Stück gewünscht, dass Jürgens nun in dieser unnachahmlichen *miiooommiiiioooom* - Udo-Jürgens-Art auf die Tanzfläche goss, die um diese Zeit noch fast leer war: „Ein Stern, der deinen Namen trägt, den wünsch ich mir heut Nacht.“

Samstag, 11. Dezember 2021

Käsebrot und Pfirsischkernfleck

Nicht die Tatsache, dass an der Spitze der amtlichen katholischen Kirche Verantwortliche Verbrechen vertuscht haben und womöglich noch vertuschen überrascht mehr. Monströs ist, dass Menschen, für die Vertuschen gesund ist an nichts mehr glauben. Eine Kirche der Nihilisten aber braucht niemand.

Von Peter Otten

Die Recherche im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" endet mit einer bizarren Szene. Reporterinnen und Reporter stören eine Person, von der sie schreiben dürfen, dass sie auch unter Marx und Ackermann "ein ranghohes Mitglied des Bistums" war, beim Essen eines Käsebrots und beim Schauen eines Tierfilms. "Vertuscht haben wir" sagt die Person und lacht dazu. Vertuschen sei nichts Schlechtes, Vertuschen sei auch "gesund", es müsse nicht immer alles rauskommen. Und dann erläutert die Person, man habe die Akten der Priester nach ihrem Tod quasi gesäubert. Man sei sehr gründlich vorgegangen. Man habe sich die Akte angesehen und das Schlimmste herausgenommen, bevor sie ins Archiv gewandert sei. "Die Person im Wohnzimmer lacht ein bisschen über die eigene Teufelskerlhaftigkeit. Dann hält sie inne und fragt: "Aber das sagen Sie keinem, oder?"

Es ist nicht so, dass mich die Tatsache, dass an der Spitze der Amtskirche systematisch Verbrechen vertuscht worden sind noch überrascht. Die Monströsität dieser Szene überwältigt mich trotzdem. Denn diese Person, die in der Szene beschrieben wird eiht sich ein in die Schar von Stasi-Offizieren oder anderer willfähriger Stützen und Teile totalitärer politischer Systeme. Vertuschen ist gesund. Was für ein gruseliger schlimmer Satz. Für wen? Für was ist Vertuschen gesund? Doch nur für etwas, das Menschen wie diese Person als eine Art Kirchenvolkskörper zu betrachten scheinen. Vertuschen ist gesund. Sorry, aber das ist Nazi-Sprech.

Donnerstag, 5. August 2021

Am Anfang war mal das Wort

Screenshot: Peter Otten
Das Erzbistum Köln möchte nicht mehr länger sieben Vertragsbüchereien mitfnanzieren. Das finanzielle Risiko sei zu groß, heißt es. Ich finde diese Haltung verhängnisvoll. War nicht am Anfang von allem das Wort? Und eine Kirche, die nur noch sät, wo sie mit Sicherheit erntet - wofür ist sie noch gut?

Von Peter Otten

Vor ein paar Jahren habe ich einen Schrifsteller beerdigt. Sein Lebensgefährte erzählte beeindruckend von dem langen Weg, den er zurück gelegt hatte, bis er sich traute, Zeit in seine Berufung zu investieren. Er berichtete von der Leidenschaft des Verstorbenen für das Wort. Für Wörter, Sätze und Bilder. Fürs Schreiben. Für das Erfinden von Geschichten.

Damals habe ich im Gottesdienst den Johannesprolog gelesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." In dem Gespräch mit dem Lebensgefährten des Schriftstellers hatte sich mir nämlich die Kraft dieses Gedankens neu erschlossen. Alles beginnt mit einem Wort, so dachte ich auf einmal. Alles beginnt damit, dass ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Bild losgelassen wird. Die erste Perle einer Geschichte. Verborgen darin die Haltung, das, was in mir ist nicht festzuhalten, sondern freizugeben, damit es woanders wieder neue Verbindungen schafft. Am Anfang der Lebendigkeit steht also das Wort. Das war das Thema des Verstorbenen gewesen, um das er lange gerungen hatte. Das ist aber auch der Pulsschlag dessen, was wir Offenbarung Gottes nennen. Das Offenbarwerden des Heils Gottes ist ohne die Erzählung, ohne das Erzählen nicht denkbar.

Samstag, 5. Juni 2021

Apostolische Visitation - das katholisch Normale im Außergewöhnlichen

Für wen ist die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln eine Chance? Norbert Lüdecke mit
Antworten.

Von Norbert Lüdecke 

Der Papst hat eine Apostolische Visitation des Erzbistums Köln angeordnet. Mit der Durchführung hat er einen Kardinal und Erzbischof aus Schweden sowie einen Diözesanbischof und Vorsitzenden der Niederländischen Bischofskonferenz als Visitatoren betraut. Sie sollen sich „ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum verschaffen und gleichzeitig eventuelle Fehler Seiner Eminenz Kardinal Woelkis, sowie des Erzbischofs von Hamburg S.E. Mons. Stefan Heße, als auch der Herren Weihbischöfe, S.E. Mons. Dominikus Schwaderlapp und Mons. Ansgar Puff im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs untersuchen“. In der Tat kein alltäglicher Vorgang. Aber wer sich jetzt in voreiliger Schadenfreude ergeht und das Ende der Amtszeit des Kölner Kardinals samt Entourage erwartet, übersieht – selbst wenn es so käme – wieder einmal gut katholisch, dass gerade das Außergewöhnliche an diesem Vorgang das Gewöhnliche ist, in dem sich das katholische System bestätigt.