Montag, 23. Februar 2026

Keine Himmelsleiter, nirgends

Foto: Peter Otten
"Für mich ist der Aspekt der Spiritualisierung der sexuellen
und sexualisierten Gewalt in der Kirche besonders schrecklich. Weil ich andererseits um die Kraft des Spirituellen weiß. Ingo und viele, viele andere Betroffene hat die Spiritualität, haben Gebete, Worte, die als Trost und Lebenselexier gedacht sind, Geschichten der Bibel, die trösten, helfen und aufrichten in eine tödliche Falle geführt." Gedanken zur Wiederaufnahme der Ausstellung "Die Mauer" in Sankt Gertrud.

Von Peter Otten 

Meine sehr verehrten Damen und Herren!

Herzlich willkommen! Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. Und ich freue mich sehr, dass die Idee, die uns bei Ingo Ervens Beerdigung im letzten Jahr gekommen ist, nämlich die Ausstellung noch mal an diesem Ort hier zu zeigen wahr geworden ist.

Bei Ingos Beerdigung habe ich erzählt, wie ich ihm zum ersten Mal begegnet bin. 2022 war das, die Ausstellung war fertig, ich stand mit meinem Handy in der Mitte der Kirche und filmte diese Szene mit der Schreibmaschine. Und als ich mein Handy nach rechts geschwenkt habe, weil ich festhalten wollte, wie sich der Film auch auf der rauen Betonwand der Kirche abbildet läuft ein Mann durchs Bild, ein großer Mann, ein Riese. Es ist der Moment, in dem ich Ingo zum ersten Mal begegne. Und an einer Leine führte er Benny, seinen kleinen Hund.

Vor jetzt fast vier Jahren war das. Studierende der Ausstellungsarchitektur der Hochschule Düsseldorf haben Ingos Geschichte recherchiert und in unserer Kirche visualisiert. Der Film mit der Schreibmaschine ist ein Kernstück: Ein Dokument des Grauens, denn Ingo hat den Studierenden seine Geschichte erzählt. Davon, wie er als Kind von einem Priester immer wieder vergewaltigt worden ist. Und der Film ist ein schneidend scharfes Dokument der Unerbittlichkeit, ein visuelles Gefängnis, wie ein krachender Kokon, der sich jahrzehntelang um Ingos Körper und um seine Seele legt, jeden Tag, jede Nacht, jede Sekunde, Entkommen unmöglich.

Ein anderes unerbittliches Dokument, das auch wieder in der Ausstellung gezeigt wird und ihr auch den Namen gibt ist die Mauer. Sie liegt zunächst auf einem Podest und wächst dann in den Himmel. Auf der Mauer werden laufend Namen von Menschen ergänzt, die sexualisierte Gewalt erlebt haben. Ist sie unten noch ziemlich hell und blütenweiß, wächst sie oben in ein dunkles Schwarz hinein. Mich erinnert die Mauer an ein Bild aus dem Alten Testament. Es ist ein Gegenbild: Die Himmelsleiter aus der Genesis. Sie ist eine Traumvision Jakobs, die eine Verbindung zwischen Himmel und Erde darstellt. Auf seiner Flucht vor Esau sieht Jakob eine Leiter, deren Spitze bis in den Himmel reicht. Er sieht Engel, die auf ihr auf- und niedersteigen, und Gott, der ihm Schutz und Nachkommen verheißt. Gott verspricht Jakob das Land, auf dem er liegt, zahlreiche Nachkommen und Schutz auf seinem Weg. Die Himmelsleiter gilt als Symbol für die Verbindung zwischen Gott und den Menschen, sowie als Zeichen für Gottes Präsenz selbst dann, wenn es hart wird. Die Mauer hier ist das Gegenteil einer Leiter. Kein Entkommen, keine Verbindung, keine Leiter, um sie zu überwinden. Im Gegenteil. Ingo hat in seinen Gesprächen mit den drei Studierenden einen entscheidenden Satz gesagt: Das, was er erlitten habe empfinde er oft wie eine Mauer, vor die er immer wieder läuft. Und wo es keinen Ausweg gibt. Keine Leiter, schon gar keine Himmelsleiter. Ich arbeite selbst für und in der Kirche. Erst letzte Woche habe ich bei einer bewegneden Beerdigung für einen 17jährigen noch eine Himmelsleitererfahrung machen können: Ein Gottesdienst mit Worten, die wirklich trösten und Menschen aufrichten und eine Gemeinschaft schufen, die hält und trägt und eine Leiter anlehnen konnte an die Mauer aus Schmerz und Tod. Und deswegen ist für mich der Aspekt der Spiritualisierung der sexuellen und sexualisierten Gewalt in der Kirche besonders schrecklich. Weil ich um die Kraft des Spirituellen weiß. Ingo und viele, viele andere Betroffene hat die Spiritualität, haben Gebete, Worte, die als Trost und Lebenselexier gedacht sind, Geschichten der Bibel, die trösten, helfen und aufrichten in eine tödliche Falle geführt. Das, was die Geschichte der Himmelsleiter verspricht: fruchtbares Land und Nachkommen – all das ist Ingo Erven und vielen anderen Menschen, die Ähnliches erlebt haben vorenthalten worden.

Im Beichtstuhl können Sie Ingos Stimme hören. In stundenlangen Interviews hat er den Dreien seine Geschichte erzählt. Im Beichtstuhl sind normalerweise die Rollen klar. Der Erzählende kommt mit dem, was die Kirche Sünde nennt, und der Zuhörende hat die göttliche Macht, diese Sünden zu vergeben. Eine angenehme Position. Wer aber hier in den Beichtstuhl geht und zum Hörer greift, braucht Mut. Den hier werden die Rollen vertauscht. Nicht der Erzählende hat etwas auf dem Kerbholz, sondern der, der zuhört nimmt nicht nur eine Gewaltgeschichte entgegen. Sondern vielleicht wird er auch seine Ohnmacht und seine Scham spüren: Nichts gemacht zu haben. Geschwiegen zu haben. Menschen vor die Mauer laufen gelassen zu haben. Die Institution ist als Zuhörende die, die sich mit ihrem Kerbholz auseinandersetzen muss. Jedenfalls in dem Beichtstuhl hier in St. Gertrud. Ob und wie sie es tut – dazu gäbe es viel zu sagen. Ingo hatte dazu jedenfalls allzuviel zu sagen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Lucia Baierl, Hanna Schwalm und Lisa Miller für die Mühe und das Engagement, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und die Ausstellung noch einmal hier aufzubauen. Alle drei wohnen längst nicht mehr hier und haben wirklich Strapazen auf sich genommen. Euer Einsatz ist unglaublich. Danke dafür. Ich Karl Haucke für seine Worte, die er gleich zu uns sprechen wird. Ich danke Rainer Berger für seine Musik, die er gleich hier in die Ausstellung legen wird. Ich danke den Frauen von Maria 2.0 St. Agnes, die die Ausstellung in den nächsten zwei Wochen wesentlich begleiten werden. Ich danke euch für die Bewirtung und einen schönen Rahmen. Ich danke Maria Mesrian und Umsteuern!, die eine wichtige Arbeit für die Betroffenen machen und während der Ausstellung einen Infostand haben und für Menschen, die in die Ausstellung kommen ein wichtiger Ansprechpartner sein werden. Vor allem danke ich Ihnen, Frau Kramer, dass Sie heute hier sind. Sie waren Ingo über viele, viele Jahre eine Gefährtin, die die Mauer, vor die er gelaufen ist nicht einreißen konnte. Aber Sie haben das eine oder andere Schlupfloch für ihn gefunden. Und er hat mir jedenfalls immer wieder gesagt, wie wichtig das für ihn gewesen ist. 

Möge die Ausstellung viele Menschen erreichen. Erzählen Sie anderen Menschen von Ihr. Herzlichen Dank.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen