Von Peter Otten
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich mein Vater einmal gewehrt hätte. Ich habe aber oft gesehen, dass es in ihm gearbeitet hat. Zum Beispiel wenn er von der Arbeit nach Hause gekommen ist. Er hatte einen schwierigen Chef. Der hat mitunter mehr von seinen Mitarbeitern verlangt, als sie tragen konnten. Als mein Vater einmal sehr krank gewesen war, hat ihn sein Chef anschließend wieder in die zweite Reihe schieben wollen, zum Bleistiftverkaufen. Dabei war mein Vater doch Geschäftsführer gewesen. Jahrzehntelang ist er morgens um sechs Uhr zur Arbeit gefahren. Und abends erst spät zurückgekommen. Oft hat da schon das Abendessen auf dem Tisch gestanden und die Kinder saßen schon im Schlafanzug da. Aber sein Chef hielt ihn für nicht mehr leistungsfähig. Doch mein Vater war ín einer unbegreiflichen Weise treu.
Am Wochenende ist mein Vater in den Garten gegangen. Mit Spaten und Hacke hat er stumm die Erde behauen, umgegraben und aufgelockert. Heute denke ich, er hat das, was ihn ihm gearbeitet hat in den Garten umgeleitet. Seine Emotionen, seinen Druck. Menschen um ihn herum haben zu ihm gesagt, er dürfe sich das nicht gefallen lassen. Nicht den Chef. Und auch im Vorstand vom Kirchenchor, da müsse er doch mal auf den Tisch hauen. Aber mein Vater hat sich nicht gewehrt. Er hat sich nie gewehrt. Er hat den Spaten in die Erde getrieben, das ja. Ich sehe ihn immer noch im Garten stehen, ein an den Ecken geknotetes Tuch gegen den Schweiß auf dem Kopf.
Ich hätte gern einen Vater gehabt wie Robin Hood. Erol Flynn hat ihn ja mal in den 30er Jahren gespielt. Keine Ahnung, wie oft ich als Kind diesen Film gesehen habe. Robin Hood, gut aussehend, einer, der es von den Reichen nimmt und den Armen gibt. Einer mit Witz, Durchsetzungsvermögen, einer, der sich für Gerechtigkeit einsetzt und es den anderen zeigt. Wer hätte nicht gern einen Vater wie Robin Hood gehabt? Aber mein Vater war nicht Robin Hood.
Mein Vater hat sich nicht gewehrt. Er hat sich nie gewehrt. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Mein Vater hat vieles mit sich selbst ausgemacht, wie man so sagt. Und mit dem Garten. Ich glaube, das hat ihm nicht gut getan. Hätte er sich gewehrt: Vielleicht hätte er länger gelebt. Vielleicht hätte ihn seine Krankheit nicht überwältigt. Ich weiß es nicht. Wer weiß das schon.
Wenn ich heute in der Passion sehe, dass Jesus sich nicht gewehrt hat, kann ich das schwer aushalten. Als das Publikum ihm das Kreuz wünscht sagt er nichts. Auch nicht, als die Soldaten ihm die Kleider vom Leib reißen. Auch Jesus war nicht Robin Hood. Manchmal wünsche ich es ihm. Oder ich wünsche es mir. Ein bisschen mehr Erol Flynn - Vibes in der Passion. Was hätte sich geändert, wenn Jesus sich gewehrt hätte? Vielleicht wäre er gar nicht hingerichtet worden? Vielleicht wäre die Gewalt der Machthaber eskaliert? Wer weiß das schon.
Wenn ich heute in der Passion wieder höre, dass Jesus schwieg, dass er sich nicht gewehrt hat, dann sehe ich meinen Vater vor mir. Als mein Vater tot war hat sein Chef bei der Beerdigung geweint. Ich war 23 und fand das befremdlich. Viele Jahre später habe ich in der Zeitung dann seine Todesanzeige gelesen. Und da konnte ich mit seinen Tränen meinen Frieden machen. Denn ich denke heute, dass er angesichts des Todes seines treuen Mitarbeiters beschämt war. Vielleicht wünsche ich es mir auch nur.
Mein Vater hat sich nicht gewehrt. Vielleicht hatte er genug davon. Vielleicht hatte er keine Kraft dazu. Vielleicht hat er sich gefügt. Vielleicht hat er, Kind des zweiten Weltkrieges, gemerkt, was Gewalt anrichtet und wie es in die Seelen der Menschen eindringt. Vielleicht hat er an seinen Vater gedacht, der Landwirt werden musste, obwohl er die Landwirtschaft nicht mochte. Auch eine Form von Gewalt. Tatsache ist: er hat sich nicht gewehrt. Und heute gehen wir wie jedes Jahr den Weg eines Menschen mit, der sich auch nicht wehrt. Vielleicht hatte Jesus genug davon. Vielleicht hatte er keine Kraft. Vielleicht war er müde davon zu sehen, was Gewalt anrichtet und wie sie in die Seelen der Menschen eindringt.
Ich überlege: Vielleicht waren die Menschen, die das gesehen haben beschämt. Die Soldaten, die sich um seine Kleider gerissen haben. Der Hauptmann, der Jesus in die Seite gestochen hat. Die Menschen, die Jesus das Kreuz wünschen. Vielleicht waren sie am Ende doch erschrocken und beschämt. Ich meine nicht die Art Scham, die Menschen zur Erziehung oder zur Kujonierung von anderen Menschen benutzen: Schäm dich, was sollen die Nachbarn denken! Sondern eine andere Art von Beschämung: Wenn ich Gewalt gegen einen anderen verübe und dabei merke, ich verletzte auch etwas in mir. Etwas zerstöre ich auch in mir. Etwas geht auch in mir kaputt. Ein Riss geht nicht nur durch die Beziehung zum anderen, sondern auch durch mein eigenes Inneres. Denn wir sind nicht voneinander getrennt. Alles was lebt ist miteinander verbunden. Die Luft, die ich atme ist vielleicht schon durch deine Lungen gegangen. Der Regen, der auf mein Gesicht perlt ist vielleicht bei dir verdunstet. Deine Tante hat vielleicht meinen Antrag auf dem Amt bearbeitet.
Und Grund zur Beschämung gibt es genug. Während wir hier in St. Agnes zusammenrücken und die unsere Kirche von kundigen Handwerkerinnen und Handwerkern für viel Geld saniert wird werden gerade die Winterquartiere für Obdachlose in der Stadt geschlossen. Vor einigen Tagen haben sie dagegen sogar eine Kundgebung abgehalten. Während wir hier Gottesdienst feiern und uns gleich Zeit nehmen, das Kreuz genau anzuschauen und dabei schöne Musik zu genießen, sterben in den Schüzengräben im Donbas Soldaten. Vielleicht sind es ein Dutzend in der nächsten Stunde, wer weiß das schon. Und viele von ihnen werden ein Kreuz um ihren Hals tragen und vielleicht auch beten: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? Während andere, vielleicht auch mit dem Kreuz um den Hals, sie im Namen Gottes umbringen.
In den letzten Wochen konnten wir im Zusammenhang mit den gefakten Sex-Fotos von Collien Fernandez wieder den Gedanken und die Forderung lesen: Die Scham muss die Seiten wechseln. Mein Gedanke war: Das kann was mit dem heutigen Tag zu tun haben. Vielleicht hat da einer nicht mehr die Kraft oder den Mut, sich gegen seine Peiniger zu wehren. Bestimmt schämt sich der, dem die Kleider entrissen werden und der auf einmal nackt vor denen steht, die ihm alles nehmen werden, was er hat. Womöglich spüren Menschen, die keine Kraft mehr haben, sich um sich selbst und ihr Obdach zu kümmern Beschämung. Vielleicht denken sie, sie fallen den Besitzenden zur Last.
Aber heute geht es darum, dass die Beschämung nicht bei ihnen verbleibt. Die Chance des Karfreitags, womöglich sogar die Hoffnung, die an diesem Tag des Nullpunkts liegt könnte doch sein, dass die Beschämung die Seite wechselt. Nicht der am Kreuz hängt hat allen Grund, sich zu schämen, sondern der, der ihn da hingebracht hat. Und stellvertretend ich, der das Kreuz anschaut und für eine Stunde nicht wegsieht, wenisgtens das. Die Beschämung dessen, der vielleicht nicht mehr die Kraft oder den Mut hat, sich zu wehren, ist eigentlich die von dem, der Gewalt ausübt und womöglich – hoffentlich - merkt, was er da anrichtet. Die Scham des Menschen, der nicht mehr die Kraft hat, für sich selbst zu sorgen wird zur Beschämung einer Gesellschaft, die diese Menschen auf die Straße schickt. Die Scham dessen, der keine Kraft mehr hat sein Leben zu verteidigen wird zur Beschämung dessen, der sein Gewehr gegen ihn erhebt und dem vielleicht klar wird: Ich töte gerade auch ein Stück von mir selbst. Es geht heute auch um die Beschämung einer Kirche, die sich lieber ängstlich um sich selbst dreht und darüber nachdenkt, was katholisch ist und was nicht als das Evangelium mit aller Macht auf die Straße und in die Welt zu tragen. Was katholisch ist, das sollte doch gestern, am Gründonnerstag unzweifelhaft klar geworden: Katholisch ist, wenn der, der die Macht hat sich nicht schämt, dem anderen den Dreck von den Füßen zu schrubben.
Dieser schwierige Tag kann so besehen ein heiliger Moment sein. Die Beschämung, die ich mit aller Macht und aller Traurigkeit spüre angesichts des Kreuzes, das ich gleich betrachte kann zu einem heiligen Moment werden. Wenn die Scham desssen, den ich betrachte zu meiner eigenen Beschämung wird. Und ich mitten in der Beschämung spüre: da ist noch Leben in mir. Da ist noch ein Gespür für das, was gerecht und gut ist in mir. Da ist sie noch: die Sehnsucht nach Heilsein, für den anderen und für mich selbst. Da ist sie noch, die Sehnsucht nach Ostern.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen