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Sonntag, 26. Oktober 2025

...dass ich nicht so bin, wie der da

Vielleicht ist das die Pointe: Der Pharisäer könnte vom Zöllner lernen, was Demut ist. Mut zum Dienen, zur Dienstbarkeit. Zum Anerkennen der eigenen Zerbrechlichkeit. Der Zöllner vom Pharisäer, was Struktur ist und wie gut sie tut. Zusammen wären sie – ein normaler Mensch. Gedanken zum Severinusfest am 26. Oktober in St. Severin, Köln

Von Peter Otten 

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Reliquien. Mein
Dogmatikprofessor an der Uni – sicher kein Liberaler – hat damals gesagt: „Knochen gehören unter die Erde. Auf den Friedhof.“ Ich fand damals, da hatte er recht.

Die Goldene Kammer in St. Ursula – mit all den Knochen in Gold und Prunk – ist mir fremd. Und dieser Hype um den armen Carlo Acutis neulich – der heilige Teenager mit der Website über Eucharistiewunder – ich gebe zu, ich fand das eher befremdlich.

Und trotzdem. Trotzdem rühren mich Geschichten von Wallfahrtsorten. In Biesfeld, dem kleinen Dorf im Bergischen Land, wo ich herkomme, haben Menschen im 17. Jahrhundert angeblich eine Pietà in einem Baum gefunden. Und die Bauern haben dieser Pietà eine Kapelle gebaut. Später sogar eine Kirche. Das berührt mich. Weil es so menschlich ist. So vollkommen unvernünftig auch. Und diese Geschichten wiederholen sich ja. Auch heute tauchen bei uns in der Agneskirche plötzlich Gipsmadonnen auf. Rosenkränze. Kruzifixe. Einfach abgestellt. Anonym. Vielleicht, weil die Oma gestorben ist, und keiner weiß, wohin mit dem alten Glauben. Und irgendwer denkt sich: „Die Katholiken – die sollten schon wissen, was man damit macht.“

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Nur als Stempel spüre ich mich noch

Kirche im Modus des Stempelns: Eine Kirche, die die überschäumende Zuwendung Gottes in der Welt nicht mehr darstellen kann oder will - mit anderen Worten: nicht sakramental greifbar macht - ist vor allem eins: unglaubwürdig. 

Von Peter Otten

Gestern schickte mir eine bestürzte Mutter den Anmeldezettel zur Erstkommunion ihres Kindes in einer westdeutschen Gemeinde. Am Schluss des Dokuments unterschreibt sie, dass sie über die "verbindlichen Elemente der Erstkommunion informiert worden" sei. Insbesondere auf die Teilnahme an den Messfeiern und Wortgottesdiensten sei hingewiesen worden. "Die Erinnerungen an die Gottesdienste werden in einem Stempelheft der Kinder gesammelt. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass nur dann eine ausreichende Vorbereitung auf die Erstkommunion erfolgt ist, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind." Beim Lesen kam mir für einen Moment mit einer Spur Ironie in den Sinn, es könne nur wirklich kein Zufall sein, dass ich gerade vor wenigen Minuten einen Kaufvertrag für einen neuen Geschirrspüler unterschrieben hatte.

Mittwoch, 12. Juni 2024

Losverfahren für mehr Beteiligung? Eine Einordnung

Foto: brit berlin / pixelio.de
Losverfahren sind „organisierter Zufall. Sie hängen maßgeblich
von Entscheidungen im Vorfeld ab.
Wenn das Erzbistum Köln nun mit stärkerer Beteiligung wirbt, bleibt die Frage, um wessen Beteiligung es hier eigentlich geht.

Von Jonas Maria Hoff

Das Erzbistum Köln stellt seinen Diözesanpastoralrat neu auf und greift dazu auf ein ungewöhnliches Entscheidungs- und Auswahlformat zurück: das Losverfahren. Dabei hat sich das Erzbistum – der eigenen Pressemitteilung zufolge – von Bürgerräten inspirieren lassen, die in verschiedenen Demokratien zu Beratungszwecken eingesetzt werden. Auch in Deutschland hat es jüngst einen solchen Bürgerrat zum Thema Ernährung gegeben. In diesem Gremium haben ausgeloste Büger:innen zu grundlegenden Fragen der Ernährung beraten und Handlungsempfehlungen für den Deutschen Bundestag beschlossen. Das Erzbistum Köln übernimmt nun nicht nur den Los-Mechanismus, sondern auch die zentrale politische Begründung für Losverfahren. Es gehe um „stärkere Beteiligung“.

Mittwoch, 20. September 2023

Diese Kirchenleitung hat keine Macht über uns

Foto: Maria Mesrian
Wir verschleiern mit diesem Segen heute nicht, dass die Lehre der katholischen Kirche zutiefst homophob ist. Mit dieser Haltung trägt sie weltweit dazu bei, dass sich queere Menschen ihres Lebens nicht sicher sind. Ihr alle zeigt heute, dass euch Gewissen wichtiger ist als Gehorsam, dass ihr der Angst keinen Raum mehr gebt. 

Von Maria Mesrian

„Du sollst ein Segen sein!“ Dieser Satz aus dem Buch Genesis ist der Taufspruch eines meiner Kinder. Ihr alle seid euch heute gegenseitig ein Segen gewesen und das ist es, was die Welt braucht und was sie zusammen hält.

Mein Respekt gilt allen, die heute hier sind: Den hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die Gesicht zeigen und allen, die den Weg auf sich genommen haben, um auf diesem Platz vor dem Kölner Dom zu zeigen: Wir brauchen nicht die Macht und die Herrlichkeit, den Prunk, die teuren Immobilien, die Dienstwagen und auch nicht den Segen einer solchen Kirche. Wir setzen der Kaltherzigkeit, der Enge und den Lügen etwas entgegen: Die klerikale Machtelite mag de facto über viel Geld und deshalb über Macht verfügen.

Montag, 6. März 2023

Wenn uneingestandene Ohnmacht verführbar macht

Screenshot: Peter Otten
Bei Abstimmungen in der Synodalversammlung des Synodalen
Weges haben namentliche Abstimmungen Vorfahrt gegenüber geheimen. Aber ist das auch rechtens? Anmerkungen vor der V. Vollversammlung

Von Georg Bier

In wenigen Tagen kommt der Synodale Weg zu seiner letzten Vollversammlung zusammen. Unter anderem soll über zehn Grund- und Handlungstexte abgestimmt werden. Dabei könnte, wie Beate Gilles, die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf der Abschlusspressekonferenz der Frühjahrs-Vollversammlung auf Nachfrage mitteilte, erneut das Verhältnis zwischen geheimen und namentlichen Abstimmungen zum Thema werden.

Freitag, 10. Februar 2023

Prozentrechnen auf dem Synodalen Weg

Foto: skitterfoto / www.pexels.com
Beim Synodalen Weg werden Enthaltungen als nicht
abgegebene Stimmen gewertet. Das bringt Laien und Bischöfe gleichermaßen in eine komfortable Situation. Meint Georg Bier und hat eine Rechnung aufgemacht.

Von Prof. Georg Bier

Vom 9. bis 11. März 2023 tritt der Synodale Weg zur abschließenden fünften Vollversammlung zusammen. Zehn weitere Grund- und Handlungstexte sollen zu Beratung und möglicher Beschlussfassung vorgelegt werden. Allerdings ist, was in der Synodalsatzung „Beschluss“ genannt wird, in Wirklichkeit bloß eine Empfehlung ohne rechtliche Verbindlichkeit. Es bleibt jedem Diözesanbischof freigestellt, ob er überhaupt und ggf. welche Konsequenzen er daraus zieht. Aber um dieses ebenso bekannte wie kommunikativ konsequent überspielte Faktum soll es hier nicht gehen.

Im Mittelpunkt steht vielmehr die nur auf den ersten Blick simple Frage nach den geforderten Mehrheiten. Bekanntlich ist für eine erfolgreiche „Beschluss“-Fassung die Zweidrittelmehrheit aller Anwesenden erforderlich, in der die Zweidrittelmehrheit der anwesenden Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz enthalten sein muss. Weil diese qualifizierte Bischofsmehrheit fehlte, scheiterte im September 2022 trotz ansonsten breiter Zustimmung der Grundtext „Leben in gelingenden Beziehungen“ – zur großen Enttäuschung vieler Synodalen.

Könnte sich so etwas wiederholen? Angenommen, es nehmen 60 Konferenzmitglieder an einer „Beschluss“-Fassung teil: Wie viele von ihnen müssen zustimmen, damit der „Beschluss“ die Zweidrittelmehrheit dieser Mitglieder erhält? Wer nach kurzer Überlegung „40“ antwortet, hat möglicherweise im Mathe-Unterricht der siebten Klasse aufgepasst. Von höherer Synodal-Mathematik hat er nichts verstanden. Die richtige Antwort lautet nämlich: „Kommt drauf an!“ 

Dienstag, 17. Januar 2023

Tear Down This Law!

Bischof Bode will mit Ausgetretenen sprechen. Über ein Interview mit Offenbarungscharakter.

Von Prof. Norbert Lüdecke

Am 12. Januar veröffentlichte „Katholisch.de“ – „das Nachrichten- und Erklärportal der katholischen Kirche in Deutschland“ – ein Interview mit Franz-Josef Bode, dem Bischof von Osnabrück und stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Lange beliebt, sieht er sich derzeit unter kirchenrechtlicher Anzeige und vor Rücktrittsforderungen. Über einem Foto, dass ihn gemütlich lächelnd nur in dunklem Pullover statt in Bischofs- oder auch nur in Klerikerkleidung zeigt, wird getitelt: „Bode: Die Türen der Kirchen müssen für Ausgetretene offen bleiben“. Ein Blick auf den Nachrichten- und Erklärwert dieses Interviews lohnt sich.

So viele Kirchenaustritte und der Körperschaftsstatus ist schuld?

Bode zeigt Verständnis für die Vielen, die aus Protest ihren Kirchenaustritt erklären. Und er denkt nach, wie sie dennoch beteiligt werden können. Zu wenig werde beachtet, dass „inzwischen“ viele Ausgetretene aus der Mitte der Kirche kommen und trotz Austritts ihre Glaubens- und Kirchenbeziehung behalten wollen. Wer das zu wenig beachtet hat und auf welchen Zeitraum das „inzwischen“ zielt, bleibt offen. Auf die Frage, ob er es denn richtig finde, wenn eine Kirchengemeinde auf Plakaten Ausgetretene zu den Sakramenten einlädt, obwohl das doch rechtlich nicht möglich sei, weicht er aus: Man müsse verschiedene Wege gehen. Ob eine solche widerrechtliche Einladung dazugehört oder nicht, bleibt ebenfalls offen. Zudem – so Bode weiter – gebe es in Deutschland eine Sondersituation. Hier sei Kirche ja Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das mache die Rückkehr nach einem Austritt anders als in anderen Ländern schwierig. – Wie bitte? Der Körperschaftsstatus ist schuld an der Situation ausgetretener Katholiken?

Sonntag, 10. Juli 2022

Marx und die Diakoninnen: Zelebration und Imagepflege

photo by Jon Tyson on Unsplash

Wenn Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wirklich möchte,
dass Frauen Diakoninnen werden sollen, könnte er ja den Papst um ein Indult bitten. Aber das passiert nicht, aus guten Gründen. Wer sich vor diesem Hintergrund mit dem „Die Zeit ist Reif“-Spruch vor Frauen in Szene setzt, zelebriert nur sich selbst. 

Von Norbert Lüdecke

Samstag, 2. Juli 2022 im Münchner Liebfrauendom: Kardinal Marx predigt im Festgottesdienst zum 150. Geburtstag von Ellen Ammann (1870-1932), einer zweifelsfrei interessanten und führenden Gestalt der katholischen Frauenbewegung. Über zwölf Minuten wiederholt Marx in Schleifen: Maria wie die Gefeierte teilten das richtige biblische Gottesbild, wonach Gott und die Menschen mit ihrem Leid, Gebet und Leben nicht zu trennen seien. Kennt man, alles so und anders vielfach gehört, man kann sich also dem Predigtschlummer hingeben. Aber kurz vor Ende der 14minütigen Predigt (bei Position 12:45) wird man unsanft geweckt, denn aus den anlassbegründet vor allem mit Frauen besetzten Kirchenbänken wird fast eine halbe Minute laut applaudiert. Was hat Marx gesagt? Marx hat das Amt des Diakons erwähnt und hinzugefügt: „Ich glaube, dass die Zeit reif ist, dass es für Männer und Frauen offenstehen muss und soll“. Das löste den spontanen Applaus aus und anschließend den Schlagzeilen-Durchmarsch: „Kardinal Marx für Frauen-Diakonat“. Na also, werden viele Reformhoffnungsgeneigte gedacht haben, da ist er doch wieder: einer der Guten unter den deutschen Bischöfen und Kardinälen, enger Papstberater, Mitinitiator und Stütze des „Synodalen Weges“, und stellt sich hinter das Anliegen der Frauenordination, mit der Diakoninnenweihe als erstem Schritt zur vollen Öffnung des Weihesakramentes auch für Frauen und damit zur wirklichen Teilung der Gewalten unter beiden Geschlechtern. Läuft doch endlich, oder? Eher „oder“, wenn man sich die Zeit nimmt, näher hinzuschauen, wozu da applaudiert wurde.

Donnerstag, 12. Mai 2022

Hören wir auf, einander das Wasser aufzudrehen

Foto: Peter Otten
Unglaublicherweise beginnt im Augenblick der Katastrophe die
Geschichte der Freiheit. Gott sagt: Nie wieder. Nie wieder Flut. Nie wieder Wasser. Nie wieder Verderben. Gott ist nicht dieser kleingeistige Kontrolletti-Gott, von dem vielleicht manche Menschen träumen. Machen wir Schluss mit den Flutgeschichten.

Gedanken zu Gen 9, 1.8-17 beim Segungsgottesdienst am 11. Mai 2022 in St. Agnes

Von Peter Otten

Es gibt wenig Schlimmeres, als sein Liebe verheimlichen zu müssen. Ich weiß ein bisschen was davon, denn ich habe meine Frau, weil sie geschieden ist, erst nach fast acht Jahren heiraten können. Und mittendrin ein vierjähriger würdeloser Eheannullierungsprozess. Das war unsere Flutgeschichte. Die alles mit sich gerissen hat.

Lesbische und schwule Paare, queere Paare, ohne Sanierung durch die Kirche zusammen lebende geschieden wiederverheiratete Paare müssen sich von der Kirche sagen lassen, sie lebten in einer widernatürlichen oder sündigen Beziehung. Allein das Wort! Widernatürlich! Die Folge davon sind doch Flutgeschichten. Leben im Untergrund. Prekäres Leben. Angst vor Jobverlust etc.

Menschen, Theologinnen und Theologen, Bischöfe und Priester scheinen genau zu wissen, wer Gott ist, was er verachtet und was er mag, was ihn sauer macht oder froh. Und viele von ihnen sagen etwas gestelzt, "praktizierte Homosexualität" beispielsweise sei etwas, was Gott ein Gräuel sei. Und sie berufen sich auf bestimmte Passagen des Alten Testamentes. Und erzeugen auch damit Flutgeschichten der Verachtung, der Verletzung und der Respektlosigkeit.

Donnerstag, 14. April 2022

Heute ist Ruhetag

Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an?

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Kölner Vorort eine Frau beerdigt. Innerhalb von zehn Tagen war sie erkrankt und gestorben. Ich bin auf einen fassungslosen hilflosen Witwer getroffen, sichtlich kaputt gearbeitet und der nach 55 Jahren gemeinsamen Lebens mit seiner Frau zum ersten Mal von ihr getrennt war. Und der deswegen so geschockt war, weil er gemerkt hat: die Trennung ist für immer. Ich habe eine Tochter kennen gelernt, die für wenig Lohn in drei Krankenhäusern saubermacht. Und zwischendurch aus Mitleid wegen der überarbeiteten Pflegerinnen und Pfleger das benutzte Essensgeschirr der Patienten einsammelt. Zwei Menschen am Ende ihrer Kraft und am Ende ihres Lateins. Im Januar hatten sie noch den Sohn / den Bruder beerdigt, der beim Angeln einfach umgefallen war. Und nun das.

Im Mahlstrom der Bilder

Im Büro der Gemeinde, in der die Frau gestorben war wurde der Bestatterin gesagt, am Tag der geplanten Beerdigung, einem Montag, sei in der Gemeinde Ruhetag. Man könne da leider nichts machen. Dienstag gern, aber Montag halt nicht. Und so hatte sich die Bestatterin verzweifelt durch die Stadt telefoniert und war freitags dann bei mir gelandet mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne zu helfen.

Und als ich zwei Stunden später bei der Familie am Esszimmertisch gesessen bin und Filterkaffee geschlürft und die rotgeränderten und von den Tränen völlig aufgeweichten Augen gesehen habe, da gab es mir einen Stich, weil ich auf einmal geahnt habe, was das für ein Gefühl ist, wenn du den Eindruck haben musst: „Ich bin euch total egal. Ich interessiere euch einen Dreck.“

Samstag, 11. Dezember 2021

Käsebrot und Pfirsischkernfleck

Nicht die Tatsache, dass an der Spitze der amtlichen katholischen Kirche Verantwortliche Verbrechen vertuscht haben und womöglich noch vertuschen überrascht mehr. Monströs ist, dass Menschen, für die Vertuschen gesund ist an nichts mehr glauben. Eine Kirche der Nihilisten aber braucht niemand.

Von Peter Otten

Die Recherche im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" endet mit einer bizarren Szene. Reporterinnen und Reporter stören eine Person, von der sie schreiben dürfen, dass sie auch unter Marx und Ackermann "ein ranghohes Mitglied des Bistums" war, beim Essen eines Käsebrots und beim Schauen eines Tierfilms. "Vertuscht haben wir" sagt die Person und lacht dazu. Vertuschen sei nichts Schlechtes, Vertuschen sei auch "gesund", es müsse nicht immer alles rauskommen. Und dann erläutert die Person, man habe die Akten der Priester nach ihrem Tod quasi gesäubert. Man sei sehr gründlich vorgegangen. Man habe sich die Akte angesehen und das Schlimmste herausgenommen, bevor sie ins Archiv gewandert sei. "Die Person im Wohnzimmer lacht ein bisschen über die eigene Teufelskerlhaftigkeit. Dann hält sie inne und fragt: "Aber das sagen Sie keinem, oder?"

Es ist nicht so, dass mich die Tatsache, dass an der Spitze der Amtskirche systematisch Verbrechen vertuscht worden sind noch überrascht. Die Monströsität dieser Szene überwältigt mich trotzdem. Denn diese Person, die in der Szene beschrieben wird eiht sich ein in die Schar von Stasi-Offizieren oder anderer willfähriger Stützen und Teile totalitärer politischer Systeme. Vertuschen ist gesund. Was für ein gruseliger schlimmer Satz. Für wen? Für was ist Vertuschen gesund? Doch nur für etwas, das Menschen wie diese Person als eine Art Kirchenvolkskörper zu betrachten scheinen. Vertuschen ist gesund. Sorry, aber das ist Nazi-Sprech.

Donnerstag, 5. August 2021

Am Anfang war mal das Wort

Screenshot: Peter Otten
Das Erzbistum Köln möchte nicht mehr länger sieben Vertragsbüchereien mitfnanzieren. Das finanzielle Risiko sei zu groß, heißt es. Ich finde diese Haltung verhängnisvoll. War nicht am Anfang von allem das Wort? Und eine Kirche, die nur noch sät, wo sie mit Sicherheit erntet - wofür ist sie noch gut?

Von Peter Otten

Vor ein paar Jahren habe ich einen Schrifsteller beerdigt. Sein Lebensgefährte erzählte beeindruckend von dem langen Weg, den er zurück gelegt hatte, bis er sich traute, Zeit in seine Berufung zu investieren. Er berichtete von der Leidenschaft des Verstorbenen für das Wort. Für Wörter, Sätze und Bilder. Fürs Schreiben. Für das Erfinden von Geschichten.

Damals habe ich im Gottesdienst den Johannesprolog gelesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." In dem Gespräch mit dem Lebensgefährten des Schriftstellers hatte sich mir nämlich die Kraft dieses Gedankens neu erschlossen. Alles beginnt mit einem Wort, so dachte ich auf einmal. Alles beginnt damit, dass ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Bild losgelassen wird. Die erste Perle einer Geschichte. Verborgen darin die Haltung, das, was in mir ist nicht festzuhalten, sondern freizugeben, damit es woanders wieder neue Verbindungen schafft. Am Anfang der Lebendigkeit steht also das Wort. Das war das Thema des Verstorbenen gewesen, um das er lange gerungen hatte. Das ist aber auch der Pulsschlag dessen, was wir Offenbarung Gottes nennen. Das Offenbarwerden des Heils Gottes ist ohne die Erzählung, ohne das Erzählen nicht denkbar.

Samstag, 5. Juni 2021

Apostolische Visitation - das katholisch Normale im Außergewöhnlichen

Für wen ist die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln eine Chance? Norbert Lüdecke mit
Antworten.

Von Norbert Lüdecke 

Der Papst hat eine Apostolische Visitation des Erzbistums Köln angeordnet. Mit der Durchführung hat er einen Kardinal und Erzbischof aus Schweden sowie einen Diözesanbischof und Vorsitzenden der Niederländischen Bischofskonferenz als Visitatoren betraut. Sie sollen sich „ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum verschaffen und gleichzeitig eventuelle Fehler Seiner Eminenz Kardinal Woelkis, sowie des Erzbischofs von Hamburg S.E. Mons. Stefan Heße, als auch der Herren Weihbischöfe, S.E. Mons. Dominikus Schwaderlapp und Mons. Ansgar Puff im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs untersuchen“. In der Tat kein alltäglicher Vorgang. Aber wer sich jetzt in voreiliger Schadenfreude ergeht und das Ende der Amtszeit des Kölner Kardinals samt Entourage erwartet, übersieht – selbst wenn es so käme – wieder einmal gut katholisch, dass gerade das Außergewöhnliche an diesem Vorgang das Gewöhnliche ist, in dem sich das katholische System bestätigt.

Freitag, 7. Mai 2021

Viel ging, als Vertrauen ging

Am Anfang war das Wort. Wenn das Wort aber nicht mehr bei Gott ist, ist die seelsorgerische Arbeit unmöglich. Ein paar Gedanken an die Bistumsleitung, vor allem über Vertrauen, eine Woche später.

Von Peter Otten

Nun hat die Dunkelheit also auch St. Agnes erreicht. Der Sachverhalt ist hier nachzulesen. Der leitende Pfarrer hat hier Stellung bezogen. Als Ergebnis steht fest, dass ihr in der Bistumsleitung in dieser Causa weder mich noch meine damaligen KollegInnen über den Sachverhalt informiert habt. Und uns damit sehenden Auges in die schlimme Situation gebracht habt: dass wir uns auf eigene Faust unter großem Zeitdruck mit einer eidesstattlichen Erklärung gegen absurde Vorwürfe wehren mussten.

Und ich frage mich ungläubig: Ist euch das eigentlich egal? Offensichtlich, denn das Gegenteil habe ich jedenfalls noch nicht vernommen. Es scheint euch egal zu sein. Sonst hättet ihr es ja sagen können. Ihr hättet sagen können: „Entschuldigung, wir haben euch in eine schlimme Situation gebracht.“ Tja. Aber vielleicht findet ihr sie ja gar nicht schlimm. Deswegen muss ich sagen: Ich finde sie sehr schlimm. Und deswegen muss ich nach dieser Woche für mich feststellen, was auf dem Spiel steht: So ziemlich alles. Das Vertrauen nämlich.

Montag, 29. März 2021

Ecce homo! Missbrauchsgutachten: Schuld und Sühne nach Aktenlage

Christuskopf (Auswahl Drei, Kolumba. Repro: Peter Otten)
Christuskopf. (Kolumba, Auswahl Drei; Repro: Peter Otten)

Ein Jahr lang waren es die verbotensten 500 Seiten im
Erzbistum Köln, jetzt können sie 90 Minuten lang unter Aufsicht durchgeblättert werden: Das Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl (WSW) zum Umgang der Hierarchie mit sexualisierter Gewalt von Klerikern an Kindern und Jugendlichen. Christian Linker hat sich das Kölner Daumenkino in Spielfilmlänge angeschaut und ist auf interessante Nebenbefunde gestoßen.

Von Christian Linker

Joachim Kardinal Meisner betonte gern, dass die christliche Botschaft nicht abstrakt, sondern im Gegenteil sehr konkret und handfest sei. „Das Evangelium“, pflegte der frühere Kölner Oberhirte gern zu sagen, „beginnt mit schmutzigen Windeln und endet mit blutigen Laken.“

Kaum irgendwo scheinen Blut und Schmutz weiter weg als im Dreikönigssaal des Kölner Maternushauses, wo sich zehn Lesetische zwischen hohen Spuckschutzwänden verlieren. Unter der Aufsicht eines Wachmannes in Security-Montur liegt das verbotene Gutachten zur Einsichtnahme bereit – und direkt daneben, zum Vergleich, das kurz zuvor veröffentlichte Gutachten aus dem Hause Gercke/Wollschläger (GW). Beides sind natürlich juristische Texte, sogar Meta-Texte gewissermaßen, denn sie handeln nicht von Personen, sondern von Personalakten, die über jene Personen geführt wurden, welche wiederum an anderen Personen Verbrechen verübt haben. Von den Betroffenen aus gesehen ist das die Meta-meta-meta-Ebene. Und wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird.

Richtige Antworten auf die falsche Frage

Im Vergleich beider Gutachten zeigen WSW deutlich mehr Empathie, und das war offensichtlich ihr Fehler. Das Münchner Team (klingt fast, als schreibe man über eine Tatort-Folge) referiert weitgehend dieselben Vorgänge, liefert aber gleich die Interpretation mit. Wenn es über einen Spitzenfunktionär des Erzbistums heißt, er gäbe sich mit halbherzigen Maßnahmen zufrieden, über einen anderen, er sei nicht einsichtsfähig, während einer dritten Person ein totalitärer Leitungsstil attestiert wird, sind die Grenzen der rein juristischen Begutachtung überschritten, das steht außer Frage. Dennoch präsentieren WSW eigentlich genau die Erkenntnisse, die das Bistum jetzt bräuchte, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Problem ist nur: danach hatte Erzbischof Rainer Kardinal Woelki gar nicht gefragt. Letztlich aber liefern WSW auch bloß diejenigen Antworten, die sich bei Lektüre des GW-Gutachtens ebenso aufdrängen. Ja, vielleicht ist es gerade die Stärke von Gercke/Wollschläger, dass in der Nüchternheit der Darstellung die menschlichen Abgründe zwischen den Zeilen nur noch tiefer klaffen.

Dienstag, 9. Februar 2021

Woelki-Gate oder Kurien-Gate?

Schon seit 2001 und nicht erst seit 2020 waren Ortsbischöfe verpflichtet, Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker unabhängig vom Ergebnis der Voruntersuchung nach Rom zu melden. Es nun anders darzustellen entlarvt die angeblich so konsequente Missbrauchsbekämpfung durch Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus als Mythos und Fake.

Von Norbert Lüdecke

Laut Medienberichten hat die Bischofskongregation das Vorgehen des Erzbischofs von Köln, einen erwiesenen Fall von Missbrauch nicht der Glaubenskongregation zu melden, für kirchenrechtskonform erklärt. Es sei vielleicht unklug gewesen, eine Rechtspflicht zur Meldung gebe es aber erst seit 2020.

Moment - wie lautet noch mal das Mantra der römischen Missbrauchsbekämpfung? Der Heilige Stuhl sei auch der Kirche in Deutschland immer weit voraus gewesen. Auf Betreiben von Kardinal Ratzinger hat Papst Johannes Paul II. mit Sondernormen aus dem Jahre 2001 hart durchgegriffen: Weil die Bischöfe in der Verfolgung dieser Taten versagten, entzog er ihnen die strafgerichtliche Zuständigkeit dafür und stellte ihr Handeln unter die vorgängige Kontrolle der Glaubenskongregation. Dazu verfügte er u. a., die Diözesanbischöfe müssten, sooft sie „wenigstens eine wahrscheinliche Kenntnis“ von einer solchen Tat haben, „dies der Kongregation für die Glaubenslehre mitteilen, sobald die Vorerhebung durchgeführt wurde“ (Art 13, 2001). Auf der Grundlage dieser Meldung würde die Kongregation dann über das weitere Vorgehen entscheiden. Das war unzweideutiger Klartext: Jedem auch nur wahrscheinlichem Verdacht ist durch eine Voruntersuchung nachzugehen, anschließend ist zu melden, unabhängig vom Ergebnis. Punkt. Aus. Ende. Und das war auch gut so – denn nur so konnte eine Kontrolle der bislang säumigen oder fahrlässigen Bischöfe funktionieren.

Montag, 11. Januar 2021

Zwischen den Jahren

Foto: Peter Otten
 Wenn es um die Vernuft herum in der Kirche einsam wird ist
es schön, einen Hund zu haben. Beitrag zum Preacher-Slam am 10. Januar in der Karl-Rahner-Akademie.

 

Von Peter Otten

„Du“, fragt mich mein Hund plötzlich unvermittelt. „Was bedeutet eigentlich „Zwischen den Jahren“?

Ich bin mit meinen Gedanken gerade woanders. Und starre jetzt doch auf den Hund, der unter dem Schreibtisch liegt.

„Was ist los?“

„Na ja, was bedeutet „Zwischen den Jahren“? Du hast doch neulich auf der Straße deinen Friseur gefragt, ob er „zwischen den Jahren“ geöffnet hat. Ich dachte bislang immer: ein Jahr geht zu Ende und ein anderes fängt an.“

Okay, Hunde sind im allgemeinen kluge Tiere. Das ist bekannt. Aber manchmal übertreiben sie einfach. Und dann schlägt ihr Verhalten ein bisschen zu sehr ins Klugscheißerische. Ich schaue unter meinen Schreibtisch, wo der Hund gewöhnlich liegt und hätte mich nicht groß gewundert, wenn er mit einer lässig auf der Hundenase balancierten Lesebrille über die Gläser hinweg mich angeschaut und dabei in der FAZ geblättert hätte.

Dienstag, 15. Dezember 2020

Glück auf

Screenshot: Peter Otten
Das ist Erlösung: Die Schaufel aus der Hand legen können.

Den Kopf heben. Das Licht sehen. Herausgezogen werden. Angenommen sein. Das ist Weihnachten: Es geht, geht auf, geht auf, geht aufwärts. Weil Gott hinab kommt. Gedanken zu "Glück auf" von Joris.

Von Peter Otten

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, dem ist dieses Lied womöglich viel vertrauter als Menschen, die im flachen gemütlichen Rheinland zu Hause sind. Denn Joris malt das Bild eines Kumpels unter Tage bei einem Wettersturz.
 

„Im Schutt vergraben.
Gibt kein Licht her, untertage
Schwerer Staub versperrt die Sicht
Nur den dunklen Schacht vor Augen
Zerfällt dein letztes bisschen Glauben.“


Ich denke an Lengede. Schwarz-Weiß-Bilder, die ich nur aus dem Fernseher kenne. Tagelanges Bangen nach einem Grubenunglück. Verängstigte Familien am Krater. Ich kenne Menschen aus dem Ruhrgebiet. Sie erzählen von ihren Eltern, den Vätern und Großvätern im Pütt. Jeden Tag ein Abstieg ins Loch mit ungewissem Ausgang. Ein rauhes schmutziges Leben. Pusschlag aus Stahl.

Samstag, 12. Dezember 2020

Wir sind keine Jakobiner

Wir sind keine Jakobiner. Wir lieben das Evangelium. Mein
Statement bei der Digitalen Domdemo am 12. Dezember.

Von Peter Otten 

Vor einigen Tagen hat mich ein Mensch aus der Agnespfarrei gefragt: Ich frag mich Wie wollt ihr eigentlich Weihnachten feiern und ein Kind in die Krippe legen, wenn man an eurem Umgang mit den Verbrechen sexueller Gewalt in der Kirche ablesen kann: Die können und wollen das Kind gar nicht schützen?

Diese Frage ist berechtigt. Ich stelle sie mir auch.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Du sollst deinen Superspreader lieben wie dich selbst

Foto: Peter Otten

Was kommunizieren Gesellschaften, die andere zum Gegner
erklären und gleich das ganze Land zum Risikogebiet? Was passiert in Schulen und Kirchen, in denen der Nächste nicht mehr der Nächste ist, sondern einer, der möglicherweise krank macht? Schon länger finden an vielen Stellen semantische Verschiebungen statt - mit beachtlichen Folgen. In der Corona-Pandemie verschärfen sie sich. Theologie, Kirche und Seelsorge hätten dazu einiges zu sagen.

Von Peter Otten

Ein Einschulungsgottesdienst nach den Sommerferien. Wegen Corona findet er auf dem Schulhof statt. Eine beeindruckend ernsthafte und doch fröhliche Feier. Zu Beginn spricht ein Lehrer zu einer neuen Schülerin. Er bittet sie, eine Maske aufzusetzen. Das Kind ist offensichtlich erschrocken. Der Lehrer wiederholt seine Bitte. Das Klind bleibt starr und schweigt. Mir wird klar: Es hat den Lehrer nicht verstanden. Er trägt ja eine Maske, und offensichtlich ist es für das Kind schwer, das Gesagte zu entschlüsseln - so ganz ohne die Bewegungen des Gesichts, ohne die Bewegungen von Mund und Lippen. Das Kind beginnt zu weinen. Die Mutter läuft herbei, nestelt eine Maske aus der Tasche, gibt sie dem Kind. Nimmt das Kind in den Arm.

Ein Gespräch mit Eltern. Darunter ein Lehrer. Er hat nach den Ferien eine neue Klasse übernommen. In der Klasse tragen ale Fünftklässler eine Maske. Die Schule hat sich freiwillig darauf geeinigt. Der Lehrer sagt, er sei eines Tages mit allen Kindern während einer Unterrichtsstunde auf den leeren Schulhof gegangen. Dort hätten alle Kinder die Masken abgenommen. Er habe endlich mal alle Kinder wahrgenommen und zum ersten Mal in alle Gesichter geschaut. Er habe ja gar nicht gewusst, wer sie wirklich seien.