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Sonntag, 26. Oktober 2025

...dass ich nicht so bin, wie der da

Vielleicht ist das die Pointe: Der Pharisäer könnte vom Zöllner lernen, was Demut ist. Mut zum Dienen, zur Dienstbarkeit. Zum Anerkennen der eigenen Zerbrechlichkeit. Der Zöllner vom Pharisäer, was Struktur ist und wie gut sie tut. Zusammen wären sie – ein normaler Mensch. Gedanken zum Severinusfest am 26. Oktober in St. Severin, Köln

Von Peter Otten 

Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu Reliquien. Mein
Dogmatikprofessor an der Uni – sicher kein Liberaler – hat damals gesagt: „Knochen gehören unter die Erde. Auf den Friedhof.“ Ich fand damals, da hatte er recht.

Die Goldene Kammer in St. Ursula – mit all den Knochen in Gold und Prunk – ist mir fremd. Und dieser Hype um den armen Carlo Acutis neulich – der heilige Teenager mit der Website über Eucharistiewunder – ich gebe zu, ich fand das eher befremdlich.

Und trotzdem. Trotzdem rühren mich Geschichten von Wallfahrtsorten. In Biesfeld, dem kleinen Dorf im Bergischen Land, wo ich herkomme, haben Menschen im 17. Jahrhundert angeblich eine Pietà in einem Baum gefunden. Und die Bauern haben dieser Pietà eine Kapelle gebaut. Später sogar eine Kirche. Das berührt mich. Weil es so menschlich ist. So vollkommen unvernünftig auch. Und diese Geschichten wiederholen sich ja. Auch heute tauchen bei uns in der Agneskirche plötzlich Gipsmadonnen auf. Rosenkränze. Kruzifixe. Einfach abgestellt. Anonym. Vielleicht, weil die Oma gestorben ist, und keiner weiß, wohin mit dem alten Glauben. Und irgendwer denkt sich: „Die Katholiken – die sollten schon wissen, was man damit macht.“

Sonntag, 10. November 2024

Mehr Simone wagen

Screenshot: Peter Otten
"Keine Kartoffeln schälen, aber die Weltlage analysieren. Sieht man ja an Sylt, wohin das führt." Ein schlecht gelaunter Jesus war neulich beim 100. Zeitfenster-Gottesdienst in Aachen dabei. Er zeigt sich WG-erfahren und gibt einen guten Rat: Wir sollten mehr Simone wagen.

Von Peter Otten

Ach du Sch***e. Seid ihr auch wieder da? Gabs heut nix bei Netflix? Oder hat es der Lieferando Fahrer wieder verkackt? Weil der die Süßkartoffeln nicht dabei hatte und das Thai-Curry vom Asiaten schon wieder sch***ekalt war? "Kann der nicht einfach ein bisschen schneller radfahren? habt ihr geflucht. Ist das denn zu viel verlangt?"

Und dann habt ihr gedacht: Ey, gehen wir zum Zeitfenster, vielleicht können wir da eine eine Ingwer-Limo abgreifen. Oder wenigstens ein Wegbier. 

Lieferando ... ey, echt jetzt?

Gut, dass ihr Luschen damals nicht beim Brotwunder dabei wart. Das wär ja ein Desaster geworden! 5000 Menschen, langer Tag, es wird dunkel, alle hundemüde und nichts zu essen.

Ihr so: Ach du Kacke! Die Leute haben Hunger.

Ich so: Und jetzt?

Ihr so: Sollen wir was bestellen?

Ich so: Wo denn?

Ihr so: Wir haben noch fünf Gutscheine von Lieferando und zwei Speisekarten von Domino-Pizza.

Ich so: Ach du Sch***e …

Ihr so: Ach nee, geht ja nicht, hier gibt’s kein Netz...

Mittwoch, 9. Oktober 2024

Nur als Stempel spüre ich mich noch

Kirche im Modus des Stempelns: Eine Kirche, die die überschäumende Zuwendung Gottes in der Welt nicht mehr darstellen kann oder will - mit anderen Worten: nicht sakramental greifbar macht - ist vor allem eins: unglaubwürdig. 

Von Peter Otten

Gestern schickte mir eine bestürzte Mutter den Anmeldezettel zur Erstkommunion ihres Kindes in einer westdeutschen Gemeinde. Am Schluss des Dokuments unterschreibt sie, dass sie über die "verbindlichen Elemente der Erstkommunion informiert worden" sei. Insbesondere auf die Teilnahme an den Messfeiern und Wortgottesdiensten sei hingewiesen worden. "Die Erinnerungen an die Gottesdienste werden in einem Stempelheft der Kinder gesammelt. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass nur dann eine ausreichende Vorbereitung auf die Erstkommunion erfolgt ist, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind." Beim Lesen kam mir für einen Moment mit einer Spur Ironie in den Sinn, es könne nur wirklich kein Zufall sein, dass ich gerade vor wenigen Minuten einen Kaufvertrag für einen neuen Geschirrspüler unterschrieben hatte.

Mittwoch, 27. März 2024

Die Banalität des Heils

Screenshot: Peter Otten
Wir dürfen gerade in der Kirche der Banalität des Bösen nicht die Banalität des Heils entgegensetzen. Denn Gott und mit ihm alles, was lebt können verschwinden. Gedanken zum Karfreitag.

Von Peter Otten

Ein Häftling im KZ Auschwitz hat Hedwig Höß ein Wäschebündel gebracht. Die Wäschestücke werden auf einem Tisch ausgebreitet. Die Bediensteten, allesamt ebenfalls Häftlinge greifen schweigend zu. Ein Pelzmantel wird in ihr Ankleidezimmer getragen. Hedwig Höß, die Frau des Lagerkommandanten des KZ Auschwitz, schlüpft hinein. Die Kamera beobachtet, wie sie sich ein wenig ungelenk vor dem Spiegel hin- und herdreht. In der Tasche findet sie einen Lippenstift. Später wird sie sich mit diesem Lippenstift ihre Lippen färben; die Farbe später wieder mit einem Taschentuch abwischen. Den Pelzmantel wird sie einer ihrer namenlosen Bediensteten in die Hand drücken. Sie möge ihn reinigen und einen losen Saum wieder richten, wirft sie ihr im Vorbeigehen zu. 

Eine Szene aus dem Film „The Zone Of Interest“ des britischen Regisseurs Jonathan Glazer. Vor ein paar Wochen ist er mit fünf Oscars ausgezeichnet worden.

Mittwoch, 20. September 2023

Diese Kirchenleitung hat keine Macht über uns

Foto: Maria Mesrian
Wir verschleiern mit diesem Segen heute nicht, dass die Lehre der katholischen Kirche zutiefst homophob ist. Mit dieser Haltung trägt sie weltweit dazu bei, dass sich queere Menschen ihres Lebens nicht sicher sind. Ihr alle zeigt heute, dass euch Gewissen wichtiger ist als Gehorsam, dass ihr der Angst keinen Raum mehr gebt. 

Von Maria Mesrian

„Du sollst ein Segen sein!“ Dieser Satz aus dem Buch Genesis ist der Taufspruch eines meiner Kinder. Ihr alle seid euch heute gegenseitig ein Segen gewesen und das ist es, was die Welt braucht und was sie zusammen hält.

Mein Respekt gilt allen, die heute hier sind: Den hauptamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die Gesicht zeigen und allen, die den Weg auf sich genommen haben, um auf diesem Platz vor dem Kölner Dom zu zeigen: Wir brauchen nicht die Macht und die Herrlichkeit, den Prunk, die teuren Immobilien, die Dienstwagen und auch nicht den Segen einer solchen Kirche. Wir setzen der Kaltherzigkeit, der Enge und den Lügen etwas entgegen: Die klerikale Machtelite mag de facto über viel Geld und deshalb über Macht verfügen.

Montag, 2. Januar 2023

Dass sich Sehnsucht in Heimat verwandelt

Foto: Peter Otten
Wir sind nicht in der komfortablen Situation der Sterndeuter in der Geschichte, dass da ein Stern ist, immer zu sehen, der uns die Richtung gibt. Unsere Suche ist anstrengender als für die in der Geschichte. Verwirrender. Zermürbender. Enttäuschender. Den Trost von Weihnachten könnte sein: Dass das rätselhafte Sehnen und Suchen dennoch ein Ende findet. Dass sich die Sehnsucht in Heimat verwandelt. Dass Hoffnung ist, selbst da, wo sie schwerfällt. Ein Text anlässlich der Beerdigung von B.

Von Peter Otten

Mt 2, 1-2; 9-11.

1 Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem 2 und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen. (…) Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, zog vor ihnen her bis zu dem Ort, wo das Kind war; dort blieb er stehen. 10 Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. 11 Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar

Ich habe heute noch mal einen Teil der Weihnachtsgeschichte mitgebracht. Nach unserem Gespräch, was bei mir noch lange nachgeklungen hat, kam sie mir in den Sinn, als ich an der Veedelskrippe stand, die vor der Agneskirche aufgebaut ist. Sehr wahrscheinlich ist nichts an der Weihnachtsgeschichte historisch. Und dennoch ist sie für Christinnen und Christen so wichtig geworden, dass sie jedes Jahr millionenfach erzählt und gesungen wird. Warum? Und warum habe ich sie ausgerechnet heute mitgebracht? Weil die Menschen, die sie damals aufgeschrieben haben, etwas von ihrer Erfahrung festhalten wollten, die sie mit Gott gemacht haben. Weil sie davon überzeugt waren, diese Erfahrung ist wichtig. Und sie ist womöglich auch wichtig für die Menschen, die heute Mittag hier zum Friedhof gekommen sind, um sich von B. zu verabschieden und die Urne mit ihrer Asche zu ihrem Grab zu begleiten.

Sonntag, 6. November 2022

Die Tür ist auf, das Land ist weit

Wenn die Erschöpfung groß ist, können Menschen gemeinsam den Traum vom offenen Himmel träumen. Eine Trostrede zum Tod meiner Tante.

Von Peter Otten

Wenn ich nach Bildern von Resi in meinem Kopf suche, dann sind es vor allem solche: Kaffeetrinken mit unseren Eltern. Wie sie mit der Keksdose ankommt und den ersten Spekulatius anbietet und gespannt abwartet, wie wir ihn finden. Runde Geburtstage der Oma bei uns zu Hause. Es gibt Fotos mit den Schwägerinnen, wie sie nebeneinander an der Kaffeetafel sitzen, ins Gespräch vertieft. Es sind Bilder vom Rasten, von Gesprächen, vom Ausruhen. Denn auch Tante Resi war ja ein Teil der Generation unserer Eltern, deren Leben vor allem aus Arbeit und Mühe bestanden hat. Jetzt wo ich selbst älter werde denke ich darüber nach. Meine Eltern habe ich meistens im Modus des Arbeitens erlebt. Es wird euch mit eurer Mutter nicht anders gegangen sein. Vielleicht war das der Kriegsgeneration geschuldet. In der Rückschau habe ich manchmal den Gedanken, unsere Elterngeneration war vor allem deswegen im Modus des Arbeitens, Bauens, Werkelns, Mähens, Säens, Erntens, Hackens und Unkrautzupfens, weil sie als Kinder des Krieges erfahren haben, wie schnell sich alles drehen kann: Wie Krieg und Gewalt Fahrt aufnehmen können.

Donnerstag, 12. Mai 2022

Hören wir auf, einander das Wasser aufzudrehen

Foto: Peter Otten
Unglaublicherweise beginnt im Augenblick der Katastrophe die
Geschichte der Freiheit. Gott sagt: Nie wieder. Nie wieder Flut. Nie wieder Wasser. Nie wieder Verderben. Gott ist nicht dieser kleingeistige Kontrolletti-Gott, von dem vielleicht manche Menschen träumen. Machen wir Schluss mit den Flutgeschichten.

Gedanken zu Gen 9, 1.8-17 beim Segungsgottesdienst am 11. Mai 2022 in St. Agnes

Von Peter Otten

Es gibt wenig Schlimmeres, als sein Liebe verheimlichen zu müssen. Ich weiß ein bisschen was davon, denn ich habe meine Frau, weil sie geschieden ist, erst nach fast acht Jahren heiraten können. Und mittendrin ein vierjähriger würdeloser Eheannullierungsprozess. Das war unsere Flutgeschichte. Die alles mit sich gerissen hat.

Lesbische und schwule Paare, queere Paare, ohne Sanierung durch die Kirche zusammen lebende geschieden wiederverheiratete Paare müssen sich von der Kirche sagen lassen, sie lebten in einer widernatürlichen oder sündigen Beziehung. Allein das Wort! Widernatürlich! Die Folge davon sind doch Flutgeschichten. Leben im Untergrund. Prekäres Leben. Angst vor Jobverlust etc.

Menschen, Theologinnen und Theologen, Bischöfe und Priester scheinen genau zu wissen, wer Gott ist, was er verachtet und was er mag, was ihn sauer macht oder froh. Und viele von ihnen sagen etwas gestelzt, "praktizierte Homosexualität" beispielsweise sei etwas, was Gott ein Gräuel sei. Und sie berufen sich auf bestimmte Passagen des Alten Testamentes. Und erzeugen auch damit Flutgeschichten der Verachtung, der Verletzung und der Respektlosigkeit.

Donnerstag, 14. April 2022

Heute ist Ruhetag

Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an?

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Kölner Vorort eine Frau beerdigt. Innerhalb von zehn Tagen war sie erkrankt und gestorben. Ich bin auf einen fassungslosen hilflosen Witwer getroffen, sichtlich kaputt gearbeitet und der nach 55 Jahren gemeinsamen Lebens mit seiner Frau zum ersten Mal von ihr getrennt war. Und der deswegen so geschockt war, weil er gemerkt hat: die Trennung ist für immer. Ich habe eine Tochter kennen gelernt, die für wenig Lohn in drei Krankenhäusern saubermacht. Und zwischendurch aus Mitleid wegen der überarbeiteten Pflegerinnen und Pfleger das benutzte Essensgeschirr der Patienten einsammelt. Zwei Menschen am Ende ihrer Kraft und am Ende ihres Lateins. Im Januar hatten sie noch den Sohn / den Bruder beerdigt, der beim Angeln einfach umgefallen war. Und nun das.

Im Mahlstrom der Bilder

Im Büro der Gemeinde, in der die Frau gestorben war wurde der Bestatterin gesagt, am Tag der geplanten Beerdigung, einem Montag, sei in der Gemeinde Ruhetag. Man könne da leider nichts machen. Dienstag gern, aber Montag halt nicht. Und so hatte sich die Bestatterin verzweifelt durch die Stadt telefoniert und war freitags dann bei mir gelandet mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne zu helfen.

Und als ich zwei Stunden später bei der Familie am Esszimmertisch gesessen bin und Filterkaffee geschlürft und die rotgeränderten und von den Tränen völlig aufgeweichten Augen gesehen habe, da gab es mir einen Stich, weil ich auf einmal geahnt habe, was das für ein Gefühl ist, wenn du den Eindruck haben musst: „Ich bin euch total egal. Ich interessiere euch einen Dreck.“

Samstag, 11. Dezember 2021

Käsebrot und Pfirsischkernfleck

Nicht die Tatsache, dass an der Spitze der amtlichen katholischen Kirche Verantwortliche Verbrechen vertuscht haben und womöglich noch vertuschen überrascht mehr. Monströs ist, dass Menschen, für die Vertuschen gesund ist an nichts mehr glauben. Eine Kirche der Nihilisten aber braucht niemand.

Von Peter Otten

Die Recherche im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" endet mit einer bizarren Szene. Reporterinnen und Reporter stören eine Person, von der sie schreiben dürfen, dass sie auch unter Marx und Ackermann "ein ranghohes Mitglied des Bistums" war, beim Essen eines Käsebrots und beim Schauen eines Tierfilms. "Vertuscht haben wir" sagt die Person und lacht dazu. Vertuschen sei nichts Schlechtes, Vertuschen sei auch "gesund", es müsse nicht immer alles rauskommen. Und dann erläutert die Person, man habe die Akten der Priester nach ihrem Tod quasi gesäubert. Man sei sehr gründlich vorgegangen. Man habe sich die Akte angesehen und das Schlimmste herausgenommen, bevor sie ins Archiv gewandert sei. "Die Person im Wohnzimmer lacht ein bisschen über die eigene Teufelskerlhaftigkeit. Dann hält sie inne und fragt: "Aber das sagen Sie keinem, oder?"

Es ist nicht so, dass mich die Tatsache, dass an der Spitze der Amtskirche systematisch Verbrechen vertuscht worden sind noch überrascht. Die Monströsität dieser Szene überwältigt mich trotzdem. Denn diese Person, die in der Szene beschrieben wird eiht sich ein in die Schar von Stasi-Offizieren oder anderer willfähriger Stützen und Teile totalitärer politischer Systeme. Vertuschen ist gesund. Was für ein gruseliger schlimmer Satz. Für wen? Für was ist Vertuschen gesund? Doch nur für etwas, das Menschen wie diese Person als eine Art Kirchenvolkskörper zu betrachten scheinen. Vertuschen ist gesund. Sorry, aber das ist Nazi-Sprech.

Donnerstag, 5. August 2021

Am Anfang war mal das Wort

Screenshot: Peter Otten
Das Erzbistum Köln möchte nicht mehr länger sieben Vertragsbüchereien mitfnanzieren. Das finanzielle Risiko sei zu groß, heißt es. Ich finde diese Haltung verhängnisvoll. War nicht am Anfang von allem das Wort? Und eine Kirche, die nur noch sät, wo sie mit Sicherheit erntet - wofür ist sie noch gut?

Von Peter Otten

Vor ein paar Jahren habe ich einen Schrifsteller beerdigt. Sein Lebensgefährte erzählte beeindruckend von dem langen Weg, den er zurück gelegt hatte, bis er sich traute, Zeit in seine Berufung zu investieren. Er berichtete von der Leidenschaft des Verstorbenen für das Wort. Für Wörter, Sätze und Bilder. Fürs Schreiben. Für das Erfinden von Geschichten.

Damals habe ich im Gottesdienst den Johannesprolog gelesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." In dem Gespräch mit dem Lebensgefährten des Schriftstellers hatte sich mir nämlich die Kraft dieses Gedankens neu erschlossen. Alles beginnt mit einem Wort, so dachte ich auf einmal. Alles beginnt damit, dass ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Bild losgelassen wird. Die erste Perle einer Geschichte. Verborgen darin die Haltung, das, was in mir ist nicht festzuhalten, sondern freizugeben, damit es woanders wieder neue Verbindungen schafft. Am Anfang der Lebendigkeit steht also das Wort. Das war das Thema des Verstorbenen gewesen, um das er lange gerungen hatte. Das ist aber auch der Pulsschlag dessen, was wir Offenbarung Gottes nennen. Das Offenbarwerden des Heils Gottes ist ohne die Erzählung, ohne das Erzählen nicht denkbar.

Freitag, 7. Mai 2021

Viel ging, als Vertrauen ging

Am Anfang war das Wort. Wenn das Wort aber nicht mehr bei Gott ist, ist die seelsorgerische Arbeit unmöglich. Ein paar Gedanken an die Bistumsleitung, vor allem über Vertrauen, eine Woche später.

Von Peter Otten

Nun hat die Dunkelheit also auch St. Agnes erreicht. Der Sachverhalt ist hier nachzulesen. Der leitende Pfarrer hat hier Stellung bezogen. Als Ergebnis steht fest, dass ihr in der Bistumsleitung in dieser Causa weder mich noch meine damaligen KollegInnen über den Sachverhalt informiert habt. Und uns damit sehenden Auges in die schlimme Situation gebracht habt: dass wir uns auf eigene Faust unter großem Zeitdruck mit einer eidesstattlichen Erklärung gegen absurde Vorwürfe wehren mussten.

Und ich frage mich ungläubig: Ist euch das eigentlich egal? Offensichtlich, denn das Gegenteil habe ich jedenfalls noch nicht vernommen. Es scheint euch egal zu sein. Sonst hättet ihr es ja sagen können. Ihr hättet sagen können: „Entschuldigung, wir haben euch in eine schlimme Situation gebracht.“ Tja. Aber vielleicht findet ihr sie ja gar nicht schlimm. Deswegen muss ich sagen: Ich finde sie sehr schlimm. Und deswegen muss ich nach dieser Woche für mich feststellen, was auf dem Spiel steht: So ziemlich alles. Das Vertrauen nämlich.

Mittwoch, 7. April 2021

Glaube ist vernünftiges Vertrauen – Das Credo von Hans Küng

Foto: Salvador Garciá Bardón
Viele Theologen haben den Versuch gemacht, das Glaubensbekenntnis auszulegen. Ein besonders prominenter Versuch ist der des katholischen Theologen Hans Küng. 1992 veröffentlichte er sein Buch „Credo – Das ApostolischeGlaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt.“ Viele Menschen wollten heutzutage glauben, aber so, wie im Mittelalter oder in der Reformationszeit könnten sie es nicht, stellte Küng damals fest. Ihm ging es, ermutigt durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Welt im Zweiten Vatikanischen Konzil um die Frage, wie Gottesglaube einerseits sowie die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Naturwissenschaften andererseits sinnvoll zusammengedacht werden können. Ein Thema, dem Küng in seiner gesamten Forschung verpflichtet blieb.

Von Peter Otten

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers gefällt Hans Küng. Weil es für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse enthält: Gott ist kein Gegenstand, der der menschlichen Vernunft so ohne weiteres zur Verfügung steht. Gott ist unendlich, daher nicht greifbar und auch nicht begreifbar. Küng hält es da lieber mit Immanuel Kant: Gott ist keine Frage der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft, was bedeutet: Gott ist zwar nicht beweisbar, aber es ist andererseits nicht unvernünftig, an ihn zu glauben:

"Ich kann den Sinn des Lebens nicht beweisen. Ich kann nicht den Sinn der Freiheit beweisen. Darum können wir auch Böses tun, nicht nur Gutes. Das sind grundlegende Zweifel, wo ich dann geantwortet habe mit dem Begriff eines vernünftigen Vertrauens (…) etwas, das mich bis heute trägt, wofür ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise habe für das, was ich glaube. Wohl aber viele Gründe, wonach ich meine, es kommt nicht alles aus dem Nichts und geht ins Nichts und so weiter."

Mittwoch, 31. März 2021

Der Tag der Ohnmacht

Kolumba, Auswahl Drei, Repro: Peter Otten
Der Karfreitag ist der Tag, an dem Gott die Ohnmacht ermächtigt. Drei Ikonen der Karwoche machen
klar, dass es so nicht weitergehen kann. Gedanken zum lästigen Karfreitag.

Von Peter Otten

Die Gemeindereferentin Regina Nagel hat die Geschichte ihrer Kollegin Karin Weißenfels vor dem Synodalen Forum erzählt. „Karin Weißenfels wurde von ihrem dienstvorgesetzten Pfarrer jahrelang sexuell missbraucht. Als sie schwanger wurde, verlangte er die Abtreibung. Danach möge sie bei einem Freund von ihm beichten. Noch schwanger, bat sie diesen Priesterfreund in der Beichte um Hilfe. Dieser sagte zu ihr, sie müsse abtreiben und gab ihr in dieser Beichte die Lossprechung. Bis heute leidet diese Frau unter diesem Missbrauch und natürlich auch sehr unter dieser Abtreibung. Sie ist extrem belastet durch den Umgang der Verantwortlichen mit ihrem Fall. Der Beichtpriester machte Karriere. Sie selbst ist vom Dienst freigestellt, ist vereinsamt und leidet.“ Der Deutschlandfunk hat vor ein paar Wochen diese Geschichte weiter recherchiert. Sie ist auch in dem bestürzenden wie lesenswerten Buch „Erzählen als Widerstand“ aufgeschrieben.

Heute ist der Tag der Ohnmacht.

Montag, 29. März 2021

Ecce homo! Missbrauchsgutachten: Schuld und Sühne nach Aktenlage

Christuskopf (Auswahl Drei, Kolumba. Repro: Peter Otten)
Christuskopf. (Kolumba, Auswahl Drei; Repro: Peter Otten)

Ein Jahr lang waren es die verbotensten 500 Seiten im
Erzbistum Köln, jetzt können sie 90 Minuten lang unter Aufsicht durchgeblättert werden: Das Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl (WSW) zum Umgang der Hierarchie mit sexualisierter Gewalt von Klerikern an Kindern und Jugendlichen. Christian Linker hat sich das Kölner Daumenkino in Spielfilmlänge angeschaut und ist auf interessante Nebenbefunde gestoßen.

Von Christian Linker

Joachim Kardinal Meisner betonte gern, dass die christliche Botschaft nicht abstrakt, sondern im Gegenteil sehr konkret und handfest sei. „Das Evangelium“, pflegte der frühere Kölner Oberhirte gern zu sagen, „beginnt mit schmutzigen Windeln und endet mit blutigen Laken.“

Kaum irgendwo scheinen Blut und Schmutz weiter weg als im Dreikönigssaal des Kölner Maternushauses, wo sich zehn Lesetische zwischen hohen Spuckschutzwänden verlieren. Unter der Aufsicht eines Wachmannes in Security-Montur liegt das verbotene Gutachten zur Einsichtnahme bereit – und direkt daneben, zum Vergleich, das kurz zuvor veröffentlichte Gutachten aus dem Hause Gercke/Wollschläger (GW). Beides sind natürlich juristische Texte, sogar Meta-Texte gewissermaßen, denn sie handeln nicht von Personen, sondern von Personalakten, die über jene Personen geführt wurden, welche wiederum an anderen Personen Verbrechen verübt haben. Von den Betroffenen aus gesehen ist das die Meta-meta-meta-Ebene. Und wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird.

Richtige Antworten auf die falsche Frage

Im Vergleich beider Gutachten zeigen WSW deutlich mehr Empathie, und das war offensichtlich ihr Fehler. Das Münchner Team (klingt fast, als schreibe man über eine Tatort-Folge) referiert weitgehend dieselben Vorgänge, liefert aber gleich die Interpretation mit. Wenn es über einen Spitzenfunktionär des Erzbistums heißt, er gäbe sich mit halbherzigen Maßnahmen zufrieden, über einen anderen, er sei nicht einsichtsfähig, während einer dritten Person ein totalitärer Leitungsstil attestiert wird, sind die Grenzen der rein juristischen Begutachtung überschritten, das steht außer Frage. Dennoch präsentieren WSW eigentlich genau die Erkenntnisse, die das Bistum jetzt bräuchte, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Problem ist nur: danach hatte Erzbischof Rainer Kardinal Woelki gar nicht gefragt. Letztlich aber liefern WSW auch bloß diejenigen Antworten, die sich bei Lektüre des GW-Gutachtens ebenso aufdrängen. Ja, vielleicht ist es gerade die Stärke von Gercke/Wollschläger, dass in der Nüchternheit der Darstellung die menschlichen Abgründe zwischen den Zeilen nur noch tiefer klaffen.

Montag, 11. Januar 2021

Zwischen den Jahren

Foto: Peter Otten
 Wenn es um die Vernuft herum in der Kirche einsam wird ist
es schön, einen Hund zu haben. Beitrag zum Preacher-Slam am 10. Januar in der Karl-Rahner-Akademie.

 

Von Peter Otten

„Du“, fragt mich mein Hund plötzlich unvermittelt. „Was bedeutet eigentlich „Zwischen den Jahren“?

Ich bin mit meinen Gedanken gerade woanders. Und starre jetzt doch auf den Hund, der unter dem Schreibtisch liegt.

„Was ist los?“

„Na ja, was bedeutet „Zwischen den Jahren“? Du hast doch neulich auf der Straße deinen Friseur gefragt, ob er „zwischen den Jahren“ geöffnet hat. Ich dachte bislang immer: ein Jahr geht zu Ende und ein anderes fängt an.“

Okay, Hunde sind im allgemeinen kluge Tiere. Das ist bekannt. Aber manchmal übertreiben sie einfach. Und dann schlägt ihr Verhalten ein bisschen zu sehr ins Klugscheißerische. Ich schaue unter meinen Schreibtisch, wo der Hund gewöhnlich liegt und hätte mich nicht groß gewundert, wenn er mit einer lässig auf der Hundenase balancierten Lesebrille über die Gläser hinweg mich angeschaut und dabei in der FAZ geblättert hätte.

Dienstag, 15. Dezember 2020

Glück auf

Screenshot: Peter Otten
Das ist Erlösung: Die Schaufel aus der Hand legen können.

Den Kopf heben. Das Licht sehen. Herausgezogen werden. Angenommen sein. Das ist Weihnachten: Es geht, geht auf, geht auf, geht aufwärts. Weil Gott hinab kommt. Gedanken zu "Glück auf" von Joris.

Von Peter Otten

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, dem ist dieses Lied womöglich viel vertrauter als Menschen, die im flachen gemütlichen Rheinland zu Hause sind. Denn Joris malt das Bild eines Kumpels unter Tage bei einem Wettersturz.
 

„Im Schutt vergraben.
Gibt kein Licht her, untertage
Schwerer Staub versperrt die Sicht
Nur den dunklen Schacht vor Augen
Zerfällt dein letztes bisschen Glauben.“


Ich denke an Lengede. Schwarz-Weiß-Bilder, die ich nur aus dem Fernseher kenne. Tagelanges Bangen nach einem Grubenunglück. Verängstigte Familien am Krater. Ich kenne Menschen aus dem Ruhrgebiet. Sie erzählen von ihren Eltern, den Vätern und Großvätern im Pütt. Jeden Tag ein Abstieg ins Loch mit ungewissem Ausgang. Ein rauhes schmutziges Leben. Pusschlag aus Stahl.

Samstag, 12. Dezember 2020

Wir sind keine Jakobiner

Wir sind keine Jakobiner. Wir lieben das Evangelium. Mein
Statement bei der Digitalen Domdemo am 12. Dezember.

Von Peter Otten 

Vor einigen Tagen hat mich ein Mensch aus der Agnespfarrei gefragt: Ich frag mich Wie wollt ihr eigentlich Weihnachten feiern und ein Kind in die Krippe legen, wenn man an eurem Umgang mit den Verbrechen sexueller Gewalt in der Kirche ablesen kann: Die können und wollen das Kind gar nicht schützen?

Diese Frage ist berechtigt. Ich stelle sie mir auch.

Dienstag, 8. Dezember 2020

One Of Us

Wie wollt ihr in der Kirche eigentlich Weihnachten feiern und ein Kind in die Krippe legen, wenn auf der anderen Seite klar ist: Angesichts eures Umgangs mit den Verbrechen sexualisierter Gewalt könnt und wollt ihr das Kind gar nicht schützen? Glauben wir eigentlich wirklich: Gott ist einer von uns? Gedanken zu "One Of Us" von Joan Osborne.

Von Peter Otten

"Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." "Gott liebt dich." "Jesus ist bei dir." Ich finde: Inzwischen klingen Sätze wie diese zynisch. Und doch sind es Dauerbrenner im Verkündigungssprech. Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? Sag das mal einem Betroffenen von sexualisierter Gewalt, nach Jahrzehnten voller Vertuschung und falscher Versprechen von Kirchenleitungen. Gott liebt dich. Sag das mal einer vergewaltigten Nonne (und machen wir uns nichts vor: das wurde ihnen gesagt). Jesus ist bei dir. Was wohl eine Frau dazu sagt, der Männer in der Kirche sagen: Deine Berufung ist nur deine Einbildung.

Gott ist groß. Jajaja.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Du sollst deinen Superspreader lieben wie dich selbst

Foto: Peter Otten

Was kommunizieren Gesellschaften, die andere zum Gegner
erklären und gleich das ganze Land zum Risikogebiet? Was passiert in Schulen und Kirchen, in denen der Nächste nicht mehr der Nächste ist, sondern einer, der möglicherweise krank macht? Schon länger finden an vielen Stellen semantische Verschiebungen statt - mit beachtlichen Folgen. In der Corona-Pandemie verschärfen sie sich. Theologie, Kirche und Seelsorge hätten dazu einiges zu sagen.

Von Peter Otten

Ein Einschulungsgottesdienst nach den Sommerferien. Wegen Corona findet er auf dem Schulhof statt. Eine beeindruckend ernsthafte und doch fröhliche Feier. Zu Beginn spricht ein Lehrer zu einer neuen Schülerin. Er bittet sie, eine Maske aufzusetzen. Das Kind ist offensichtlich erschrocken. Der Lehrer wiederholt seine Bitte. Das Klind bleibt starr und schweigt. Mir wird klar: Es hat den Lehrer nicht verstanden. Er trägt ja eine Maske, und offensichtlich ist es für das Kind schwer, das Gesagte zu entschlüsseln - so ganz ohne die Bewegungen des Gesichts, ohne die Bewegungen von Mund und Lippen. Das Kind beginnt zu weinen. Die Mutter läuft herbei, nestelt eine Maske aus der Tasche, gibt sie dem Kind. Nimmt das Kind in den Arm.

Ein Gespräch mit Eltern. Darunter ein Lehrer. Er hat nach den Ferien eine neue Klasse übernommen. In der Klasse tragen ale Fünftklässler eine Maske. Die Schule hat sich freiwillig darauf geeinigt. Der Lehrer sagt, er sei eines Tages mit allen Kindern während einer Unterrichtsstunde auf den leeren Schulhof gegangen. Dort hätten alle Kinder die Masken abgenommen. Er habe endlich mal alle Kinder wahrgenommen und zum ersten Mal in alle Gesichter geschaut. Er habe ja gar nicht gewusst, wer sie wirklich seien.