Seiten

Rubriken

Posts mit dem Label Sehen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sehen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 9. September 2024

KRIEG UND WÄSCHE - eine Verheißung


Gedanken zur Eröffnung der Multimedia-Installation „KRIEG UND WÄSCHE von Christiane Rath am 7. September 2024 in St. Gertrud

Von Peter Otten

Als ich ein Kind war, lebte meine Großtante mit Herrn Rindermann zusammen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin gewesen. Und was vielleicht nur wenige wissen: Es gab eine Zeit, in der Lehrerinnen nicht heiraten durften. Nach außen diente meine Großtante Herrn Rindermann als eine Art Gesellschafterin. Herr Rindermann hatte keine Haare mehr auf dem Kopf. Und für diesen Umstand hatte er eine Erklärung, die mir, dem kleinen Jungen, gleichsam plausibel und rätselhaft erschien: Sie seien fortgeweht worden, als er bei einer Zugfahrt den Kopf aus dem Fenster gehalten habe. Herr Rindermann war Soldat im ersten Weltkrieg gewesen. In meiner Erinnerung war er der erste Mensch, der den Krieg in mein Kinderleben brachte. „Weltkrieg“, das klang bedrohlich, geheimnisvoll und unwirklich, als ich vor meinem Stück Sonntagskuchen auf dem dick gepolsterten Canapé gesessen bin.

Montag, 10. Januar 2022

Der Himmel des kleinen Mannes

Foto: www.pixaby.de

Einer denkt, zwei von ihnen ersetzen drei von denen. Falsch gedacht. Denn Udo Jürgens bekommt den Backstage-Pass. Verdammt. Immerhin ist Herz-Jesu-Freitag, und wenigstens im Kaffee steckt Potential. Überraschende Szenen aus einer irritierenden Zwischenwelt. Mein Beitrag beim Preacher-Slam am 9. Januar 2022 in der Karl-Rahner-Akademie.

Von Peter Otten

Der Herr Kardinal stand hinter der Theke. Gedankenverloren
hielt er ein kariertes Geschirrtuch in den Händen und drehte ein langstieliges Weinglas darin. Behutsam stellte er es in einem Regal hinter sich ab und fischte ein neues aus dem dampfenden Bäuchlein des Tischgesirrspülers. Die Rückwand der Theke, die verspiegelt war, zeigte die schütteren Streifen seines Haars, die sich von links nach rechts über seinen Schopf legten. Dazwischen ragten Spirituosenflaschen wie die Türme von Miniaturkirchen hervor. Sie trugen Namen wie „Prinz Alte Marille“, „O´Donnel Moonshine“ oder auch „Hexenzauber Blutwurz“.

Hinter den mit dunklem Leder bezogenen Hockern begann eine ausladende Tanzfläche. An der linken Seite befand sich ein schwarzlackierter Flügel. Der Herr Kardinal beobachtete Udo Jürgens, der in einen Bademantel gewickelt mit aufrechtem Rücken federnd auf einem Klavierhocker saß. Offensichtlich stand er heute auf dem Dienstplan. Seine Finger glitten über die Tasten. Und wie er es zu seinen Lebzeiten in unzähligen Musik-ist-Trumpf-Folgen schon immer getan hatte, hatte er auch heute seinen Kopf um neunzig Grad abgewinkelt und blickte mit großen Udo-Jürgens-Augen in ein nicht vorhandenes Publikum. Es war Wunschstunde, und offensichtlich hatte ein älterer Herr sich ein Stück gewünscht, dass Jürgens nun in dieser unnachahmlichen *miiooommiiiioooom* - Udo-Jürgens-Art auf die Tanzfläche goss, die um diese Zeit noch fast leer war: „Ein Stern, der deinen Namen trägt, den wünsch ich mir heut Nacht.“

Mittwoch, 15. April 2020

»Open Source« statt »Gated Community«

Werden ansonsten die Kirchen pünktlich zum Gottesdienst aufgeschlossen, werden sie jetzt rechtzeitig davor zugeschlossen. 
Zwei Karfreitagserfahrungen von

Norbert Bauer
Foto: Ulrike Schulte-Richtering

Am Karfreitag sind meine Frau und ich quer durch die fast stille Stadt gelaufen, mit dem Ziel, eine offene Kirche aufzusuchen. An den Kar- und Ostertagen, so war zu lesen, wären die Kirchen in der Kölner Innenstadt erfreulicherweise zum Gebet geöffnet. Kirchen sind in diesen Tagen besonders: »Sie sind still und sprechen doch, sie sind stark und doch von angenehmer Stille und vorbildlichem Schweigen. Sie sind voller Angebote, zu denen man ebenfalls schweigen, vor denen man, wenn man will, beten, zu denen man hingehen oder kommentarlos weggehen kann.« (Rainer Bucher) Das wollten auch wir tun, am Karfreitag, um 15.00 Uhr. Kurz nach drei betraten wir eine Kirche. Die Türen waren geöffnet, ein verschlossenes Gittertor verhinderte uns jedoch den Zutritt zum Kirchenraum. Durch das Schmiedewerk schauten wir über die unbesetzten Bänke hinweg hinein in den leeren Altarraum. Aus dem Kirchenraum hörten wir Stimmen und nach wenigen Augenblicken realisierten wir: hier wird ein Gottesdienst gefeiert. Tatsächlich, ein Blick nach rechts vorne zeigte, am Marienaltar feierten wenige Menschen die Karfreitagsliturgie. Wir identifizierten einen Psalm, eine Lektorin trug die Lesung vor.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Loss of Empathy

Loss of Empathy Foto: Sandra Jaeger
Was passiert, wenn nicht Theologen und Theologinnen sondern Designexperten für eine Woche das Sagen in der Kirche haben?  Es wird z.B. über Todsünde gesprochen.
Ein Praxisbericht über die Möglichkeit, Menschen Kirche anzubieten und Kirche neu zu denken.

von Janka Keimer und Norbert Bauer


„Füße nicht auf die Kniebank!“ „Altarraum nicht betreten!“ „Keine eigenen Kerzen anzünden!“ Solche oder ähnliche Verbotsschilder finden sich oft in unseren Kirchenräumen. An Verbotsschildern mangelt es in unseren Gotteshäusern nicht. Auch auf das Äußere muss der Kirchenbesucher achten. Männer dürfen keine Kopfbedeckung und kurze Hosen tragen und Frauen müssen darauf achten, dass die Schultern nicht frei sind. Für jede Regel mag es gute Gründe geben. Grundsätzlich vermitteln die kleinen und großen Hinweisschilder dem Besucher eine eindeutige Botschaft: „Du betrittst fremdes Terrain. Dies hier ist unsere Kirche, nicht Deine. Hausrecht haben wir – nicht Du!“

Die Pfarrgemeinde St. Gereon versucht mit dem Projekt „Art & Amen“ in der Kirche St. Michael eine andere Haltung zu vermitteln. Wir bieten diese Kirche im Belgischen Viertel mitten in Köln an. Wir bieten die Kirche den Menschen an, die Lust daran haben, diesen Kirchenraum zu ihrer Kirche zu machen und selbst ein Angebot zu machen.
Auf hervorragende Weise haben das Professoren und Studierende der Detmolder Schule für Architektur an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe im Januar 2017 umgesetzt. Im Rahmen der Passagen, einem Designevent zur Möbelmesse in Köln, wurde die Kirche St. Michael zu einem anderen Ort und hat gerade so ihre Bestimmung neu entfaltet.
Vorausgegangen war eine intensive Kommunikation zwischen Köln und Detmold. Bei drei Ortsterminen erkundeten die Studenten den Raum, fotografierten Details, machten Tonproben. Bei diesen Begehungen entwickelten sich intensive Gespräche über die Möglichkeiten und Grenzen, einen Kirchenraum temporär zu verändern, die auch für uns, die wir diesen Kirchenraum fast täglich nutzen, neue Fragestellungen mit sich brachten.
Nach vier Monaten Planungszeit startete das siebentägige Festival „amkastenrasten“, das durch die Kategorien „Sound, Space, Image“ geprägt war.

Montag, 22. August 2016

„Was du auch machst - mach es nicht selbst“

Foto: Sebastian Linnerz / www.sebastianlinnerz.de
Stundenlang haben Menschen auf Einlass in den Kölner Dom gewartet. Und das um Mitternacht. Vielleicht auch deshalb, weil Kirche das war, was sie viel zu selten ist: höflich.
 

Von Norbert Bauer

„Was du auch machst - mach es nicht selbst“ ist eine der schönsten und klügsten Textzeilen von Tocotronic. Die Rockband aus Hamburg richtet sich mit ihrem Song vor allem gegen eine selbstgerechte Heimwerkerromantik. Es könnte aber ein Motto-Lied für die Kirche sein, die sich angesichts leerer Kirchenbänke und Priesterseminare mal wieder fragt, wie ihre Zukunft aussehen könnte. Die katholische Kirche in Deutschland wählt bei aller Unterschiedlichkeit folgenden Weg: Identitätsstärkung in kleinen Gemeinschaften bei gleichzeitiger Entprofessionalisierung. Wie schön, dass am Wochenende im Kölner Dom genau das Gegenteil passierte. Drei Nächte lang hat die Licht-und-Klang-Installation „silentMod“ tausende Menschen motiviert, stundenlang vor dem Dom auf den Einlass zu warten und sich anschließend mit großer Andacht der Inszenierung auszusetzen. 

Mittwoch, 9. Dezember 2015

FuckUpNight

Ein Beitrag zum Jahr der Barmherzigkeit.



von Norbert Bauer

Papst Franziskus hat am 8. Dezember die Heilige Pforte des Petersdoms geöffnet und damit das "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" eröffnet.
An die Kirchentür von St. Michael am Brüsseler Platz in Köln klopften im Frühjahr Anja und Milad. Sie erhofften Einlass für eine FuckupNight. Ich hatte von dieser Bewegung gehört. Von Mexiko ausgehend treffen sich seit 2012 meist junge Leute zu gemeinsamen Events. Bei diesen haben Menschen, die mit einer Idee oder Unternehmen gescheitert sind, Gelegenheit und Mut von ihren Fehlschlägen zu berichten. „Ihr als Kirche habt doch oft mit Menschen zu tun, die gescheitert sind“ argumentierten die Kölner Fuck-up-Vertreter, die zuvor schon Nächte der Gescheiterten in Clubs und Bars organisiert hatten.

Montag, 30. Dezember 2013

Nackte Brüste in gotischen Bögen

Ein Sinn für Weihnachten offenbart sich bei der vom Empörungskonsens begleiteten Femen-Aktion im Kölner Dom.

von Norbert Bauer

screenshot Norbert Bauer

Am 1. Weihnachtstag springt die Femen-Aktivistin Josephine Witt um 10.05 Uhr auf den Altar des Kölner Doms. Dom-Radio überträgt wie immer den Gottesdienst als live-stream. Der Mann (oder Frau?) hinter der Kamera reißt die Kamera nach oben und filmt statt nackter Brüste gotische Bögen. Der EXPRESS berichtet wenige Minuten später online mit Fotostrecke und Namen über die nackte Frau am Altar. Im Internet verbreitet sich die Aktion schnell und Menschen ohne Internetanschluss werden spätestens durch die heute-Nachrichten um 19.00 Uhr informiert.

Der Kölner Stadtanzeiger schreibt einen Tag später: „Nicht mal ignorieren.“ Hält aber diese Empfehlung selbst nicht ein, sondern berichtet seitdem mehrfach über diese Aktion. Sogar der Theaterkritiker rezensiert diese Inszenierung und hebt das Gebet des Kardinals als die gelungenere Provokation hervor. Nicht nur die lokale Presse räumt Platz für Berichterstattung ein: die taz widmet eine ganze Spalte auf der Seite 2 und Heribert Prantl, Ressortleiter für Innenpolitik, schreibt sogar einen Kommentar in der SZ („Zieh dir etwas an“). Weihbischof Schwaderlapp will eigentlich der Sache keine große Aufmerksamkeit schenken und spricht von einer „indiskutablen Aktion“. Auch umsonst: Seit dem ersten Weihnachtstag habe ich über nichts so sehr diskutiert wie über diese angeblich nicht diskutable Aktion. Kein Familienbesuch, kein Weihnachtsanruf, kein Freundestreffen kam ohne Kommentierung und Diskussion aus. Mein Standpunkt: eine erfolgreiche Aktion. Die fünf Minuten im Kölner Dom brachten Josephine Witt mit ihrer oszillierenden Botschaft zwischen „alle Menschen sind gleich“ und „ich bin Gott“ nicht nur ein SPIEGEL-Interview ein, sondern auch noch ein Gesprächsangebot des Hamburger Erzbischofs. Auch die Verantwortlichen um den Kölner Dom können zufrieden sein. Die zurückhaltende Kommentierung von Kardinal Meisner und dem Domkapitel, die sich offensichtlich dank anonymer Hinweise auf die Aktion einstellen konnten, brachte mehr gute Presse als jede wohlfeile Weihnachtspredigt. Eine Win-Win Situation für alle Beteiligten, würde jeder PR-Stratege rückblickend sagen.

Sonntag, 31. März 2013

Skyfall


Ein guter Platz, den Tod zu treffen und dabei dennoch in Distanz zu ihm bleiben zu können ist neben dem sonntäglichen heimischen Sofa beim rituellen „Tatort“-Schauen der Kinosessel. „Sterben und Tod“ sind zweifellos vielfältig variierteThemen des Kinos. Aber auch die Frage, wie es wohl danach weitergeht, wird in Filmen erörtert. Und nicht immer wird Auferstehung ironisch inszeniert wie im jüngsten James-Bond-Film „Skyfall“: Der Held überlebt knapp eine schwere Schussverletzung, was der Zuschauer zunächst nicht weiß. Seine Auferstehung – das heißt seine ganz irdische Wiederherstellung für den Dienst als Geheimagent seiner Majestät – scheitert aber fast aufgrund seines schlechten körperlichen Zustands.

Christen glauben: Jesus Christus ist nicht umsonst gestorben, sondern er hat damit die Schuld aller Menschen auf sich genommen und durch seine Auferstehung gezeigt: Für niemanden ist der Tod das letzte Wort. Etwa einhundermal haben Regisseure versucht, im Genre sogenannter „Jesusfilme“ diesen Kern der christlichen Botschaft auf die Leinwand zu bringen. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten – und unterschiedlich überzeugend.

Freitag, 22. März 2013

Dies ist ein heiliger Ort

Foto: Elya/www.wikipedia.de
Theater in der Kirche: Die "Rheinischen Rebellen" spielen ihr Stück über die Zehn Gebote und machen ein Gotteshaus lebendig.

Ein schwarzes Fünfeck. Darin große Sitzblöcke für die Zuschauer. Ein Raum im Kirchenraum. Zelt im Kirchenzelt. Die Seitenwände werden sich im Laufe der zweieinhalb Stunden immer wieder öffnen. Sie geben dann für die Dauer einer Szene den Blick frei auf für den einen vertrautes, andere irritierendes Kircheninterieur und rahmen es neu: Altar und Ambo, Orgel und Beichtstuhl, und immer wieder schroffe kiesige Betonwände, roter Ziegelboden. Die Zuschauer drinnen, „eine Gemeinschaft auf Zeit“, die Schauspieler drumherum. Dann geht es los. Und zuerst erzählen die jungen Schauspieler etwas von sich: „Ich glaube an Gott“, sagt da einer, „aber ich glaube nicht an irgendwelche Schriften. Der Glaube ist etwas, was einen am Leben erhält, was aber schnell in Fanatismus umschlagen kann.“ Marie ist evangelisch, „weil es im Pass drin steht“. Sie glaubt nicht an Gott, sagt sie, erst recht nicht an Religion. „Das sind zwar alles wunderschöne Geschichten. Aber letztlich Mittel zum Zweck.“  Herbert hat sich informiert. Er weiß, dass der Kirchenaustritt 30 Euro kostet. Daher stand er vor der Entscheidung: „Trete ich aus der Kirche aus oder kaufe ich mir eine neue Badehose?“ Gelächter. „Sofatexte“ nennt Regisseurin Anna Horn diese Monologe, die das Stück genauso strukturieren wie die Songs und Choreographien. „Sie sind hier auf dem Sofa entstanden, wo wir sonntags zusammensaßen und Interviews geführt haben.“ Um sich dem Thema zu nähern, es einzukreisen, ein Pack-an zu bekommen.

Freitag, 18. Mai 2012

Der Papst schreit

Foto: Peter Otten
Ob der Papst manchmal ausflippt? Ob er manchmal rumschreit? Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anmacht? Oder ob er manchmal einfach nur aus Frust schimpft, so wie ich gestern, als ich die“ Mannheimer Quadrate“ - zum wievielten Mal eigentlich - verfluchte?
Es gibt einen, der konnte sich das vorstellen. Francis Bacon heißt er, ein irischer Maler, der 1992 starb. Und ein großes Glück bei diesem Katholikentag ist, dass man eines seiner bedeutendsten Werke „Schreiender Papst“ im Mannheimer Kunstmuseum besichtigen kann. Es zeigt einen schemenhaften Mann, weiße spärliche Striche auf einem blauen unruhigen Hintergrund. Der Mann, mit den päpstlichen Insignien ausgezeichnet, sitzt auf einem Thron, eingesperrt in einem Kasten, der ebenfalls aus Strichen wie hinskizziert wirkt. Und er schreit, aus Leibeskräften.

Dienstag, 27. März 2012

"Nää – war mal was anderes!"

Foto: Peter Otten
Der Kabarettist Jürgen Becker mischt die Welt der Kunst auf: Zum 40. Geburtstag von Publik-Forum wandert er in Köln durch eine Ausstellung, die er selbst auf die Bühne gezaubert hat. 500 Gäste macht er mit seinen Gedanken zu Rubens, Rembrandt und Richter glücklich. Und Freibier gibt´s auch...

Weiterlesen...

Samstag, 30. Juli 2011

Ich bin...der ich bin?

Foto: Peter Otten
Die Suche nach Identität offenbart sich im Film - und im Computerspiel. Eindrücke einer Fachtagung

Es beginnt mit einem gut fünf Minuten langen Sonnenaufgang. Leben dämmert aus der Finsternis herauf. Grillen zirpen. Umrisse von Bäumen zeichnen sich ab. Morgenröte. Minutenlang verharrt die Kamera auf diesem Bild. Dann springt Carlos Reygadas Film „Stilles Licht“ an den Küchentisch von Johan und Esther. Sie sind Mitglieder einer mennonitischen Gemeinde, Nachfahren deutscher Siedler, die sich in den zwanziger Jahren in Mexiko niederließen. Der Vater sitzt allein am Tisch, weinend. Seine Frau Esther stellt sich dazu. „Ich liebe dich, Johan“, sagt sie, und er sagt, er liebe sie auch. Doch der Mann liebt zugleich eine andere Frau. Das ist die Geschichte, ein Ehedrama. Diese Liebe sei das Werk des Teufels, sagt Johans Vater, als er erfährt, was seinem Sohn passiert ist. „Ich glaube, dass sie das Werk Gottes ist“, antwortet Johan. Und unausgesprochen ist klar, dass beide Recht haben. Insofern führte dieser Film, 2007 in Cannes mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet, beispielhaft mitten in das Thema, das sich die internationale Forschungsgruppe „Film und Theologie“ bei ihrer diesjährigen Jahrestagung gestellt hatte: Dem Phänomen des Grenzgängers in näher zu kommen. Menschen zu zeigen, die die Orientierung verloren haben und auf Identitätssuche sind. „Lost in transition“ – der Titel der Tagung spielte somit nicht zufällig mit dem ähnlich klingenden Namen des Films „Lost in translation“ von Sofie Coppola aus dem Jahr 2003. Darin streift ein alternder Schauspieler schlaflos, müde und mit galligem Humor angesichts seiner Verlorenheit und Sprachlosigkeit in einer völlig fremden Metropole ziellos mit einer jungen Frau als Komplizin durch das nächtliche Tokio. Filme wie diese beiden dort gezeigten markieren jenen unbehaglichen „Transitbereich“ zwischen Gewissheiten, der jemanden wie Johan wie ein Eindringling überfällt, einen anderen wie den von Bill Murray gespielten Bob Harris in Coppolas Film zunächst in einer stoischen Tappigkeit gefangen hält. Und der aber bewältigt und durchmessen werden will.


Dienstag, 28. Dezember 2010

Wegen des Glaubens

"Xavier Beauvois' großartiger Film „Von Menschen und Göttern“ schildert die Ermordung der Mönche im algerischen Tibhirine. Die unaufgelöste Gewalttat schockierte damals die französische Nation. Beauvois stellt dazu die einzig richtige Frage," schreibt Alard von Kittlitz in der FAZ. Der Film ist eine eindringliche Katechese des Weihnachtsfestes. Und konfrontiert den Zuschauer schmerzhaft damit, dass niemand, der glaubt, dieser Katechese ausweichen kann. Ob er nun Mönch ist oder nicht.

Irgendwann sagt ein Mönch am Krankenbett von Bruder Luc, dem Arzt, ein Zitat von Blaise Pascal. Sinn gemäß geht es darum, dass ein Mensch erst dann richtig Bösartiges tue, tue er es im Namen der Religion. Das ist spürbar nicht nur im Blick auf diejenigen gemeint, die da schon längst das Dorf durchstreifen, die jeden Tag auch dem Kloster immer näher kommen, vor denen die Dorfbewohner voller Angst weglaufen. Das bleibt auch im Hinblick auf eine stetige Selbstreflexion der Mönche hin gesagt, im Blick auf ihre eigene Existenz und den persönlichen Glaubenskampf, den die Kamera in jedem der Männer entdeckt. Es ist im letzten die Frage, die dem Weihnachtsgeschehen zu Grunde liegt, deren Liturgie im Film ausdrücklich und ausführlich gezeigt wird. Und deren Dringlichkeit auch der Terroristenchef spürt, als im Abt Christian schon beim Weggehen fragt, ob er denn nicht wisse, dass man heute die Geburt des Friedensfürsten feiere. Wer ist das für mich, der Friedensfürst? Welche Bedeutung hat er für mich? Und welche ganz konkrete Konsequenzen hat das? Dies sind vielleicht die drei dringendsten Fragen, die der Film für den Zuschauer durchbuchstabiert. Denn der wird selbst Teil der ergreifenden, äußerst kargen Liturgie. Sitzt mit am Beratungstisch der Mönche, als jeder von ihnen erzählt, ob er angesichts der sich nähernden Gewalt bleiben oder gehen möchte und muss auf einmal selber die Frage beantworten: Wie hältst du´s mit der Gewalt? Der blickt wie in einen Spiegel, schaut er in Gesichter der Mönche, jedes von Lebensspuren gegerbt. Der Zuschauer kann in diesen zwei Stunden diesen Fragen nicht ausweichen. "Warum ist der Glaube so bitter?" liest jemand beim Mittagessen den anderen vor. Kein holder Knabe im lockigen Haar, nirgends. Abt Christian erörtert die Frage auch mit dem Imam, den er zu seinen Freunden zählt. Auch der findet den Glauben bitter. Seine Nichte ist erstochen worden, nur weil sie keinen Schleier tragen wollte. "Was geht in diesen Leuten vor? Das versteht man nicht mehr, das ist neu“, sagt der Imam. „Niemand von denen kennt den Koran! Die Welt wird verrückt, Christian!“ Und die Frau des Imams ergänzt mit dem Blick auf das Kloster: "Ihr seid der Baum, wir sind die Vögel. Wenn ihr geht, können wir nirgend Unterschlupf finden." Diese Begegnungen gehören zu den Eindrucksvollsten Szenen des Films. Höhepunkt aller Höhepunkte ist vielleicht das letzte gemeinsame Abendessen der Mönche. Sie ahnen, dass der Tod kommen wird. Bruder Luc bringt zwei Flaschen Wein. Ein Cassettenrekorder spielt Tschaikowskys Schwanensee. Minutenlang liest die Kamera in den Gesichtern eines jeden Mönches. "Mein Leben hat sich erfüllt," sagt jedes einzelne, der Zuschauer muss es zur Kenntnis nehmen. "Wegen meines Glaubens." Wenn Bruder Luc im Angesicht der Gewalt sagt, er sei ein freier Mensch, er habe vor nichts mehr Angst, wirkt das wie eine Provokation, ist aber eigentlich nur eine präzise Zusammenfassung des Glaubens, deren Spannungsbogen von der weihnachtlichen Krippe bis hinauf auf das verschneite Golgotha des Atlasgebirges der Film beschreibt. "Dass das nicht wie Wahnsinn aussieht und nicht wie Fanatismus, ist das große Verdienst des Films und der grandiosen Schauspieler, die ihr ganzes Seelenleben auf dem Gesicht tragen. „Von Menschen und Göttern“ ist am Ende kein Film über den Tod, sondern einer über menschliche Existenzmöglichkeiten: über die unglaubliche Vielfalt der Weisen, in der diese Spezies die Welt zu sehen vermag", schreibt Alard von Kittlitz in der FAZ. Und eine dringliche Anfrage an meine eigene Existenzweise, von der ich doch weiß, dass die Krippe sie auf den Kopf gestellt hat.