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Mittwoch, 7. April 2021

Glaube ist vernünftiges Vertrauen – Das Credo von Hans Küng

Foto: Salvador Garciá Bardón
Viele Theologen haben den Versuch gemacht, das Glaubensbekenntnis auszulegen. Ein besonders prominenter Versuch ist der des katholischen Theologen Hans Küng. 1992 veröffentlichte er sein Buch „Credo – Das ApostolischeGlaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt.“ Viele Menschen wollten heutzutage glauben, aber so, wie im Mittelalter oder in der Reformationszeit könnten sie es nicht, stellte Küng damals fest. Ihm ging es, ermutigt durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Welt im Zweiten Vatikanischen Konzil um die Frage, wie Gottesglaube einerseits sowie die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Naturwissenschaften andererseits sinnvoll zusammengedacht werden können. Ein Thema, dem Küng in seiner gesamten Forschung verpflichtet blieb.

Von Peter Otten

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers gefällt Hans Küng. Weil es für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse enthält: Gott ist kein Gegenstand, der der menschlichen Vernunft so ohne weiteres zur Verfügung steht. Gott ist unendlich, daher nicht greifbar und auch nicht begreifbar. Küng hält es da lieber mit Immanuel Kant: Gott ist keine Frage der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft, was bedeutet: Gott ist zwar nicht beweisbar, aber es ist andererseits nicht unvernünftig, an ihn zu glauben:

"Ich kann den Sinn des Lebens nicht beweisen. Ich kann nicht den Sinn der Freiheit beweisen. Darum können wir auch Böses tun, nicht nur Gutes. Das sind grundlegende Zweifel, wo ich dann geantwortet habe mit dem Begriff eines vernünftigen Vertrauens (…) etwas, das mich bis heute trägt, wofür ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise habe für das, was ich glaube. Wohl aber viele Gründe, wonach ich meine, es kommt nicht alles aus dem Nichts und geht ins Nichts und so weiter."

Dienstag, 15. Dezember 2020

Glück auf

Screenshot: Peter Otten
Das ist Erlösung: Die Schaufel aus der Hand legen können.

Den Kopf heben. Das Licht sehen. Herausgezogen werden. Angenommen sein. Das ist Weihnachten: Es geht, geht auf, geht auf, geht aufwärts. Weil Gott hinab kommt. Gedanken zu "Glück auf" von Joris.

Von Peter Otten

Wer im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, dem ist dieses Lied womöglich viel vertrauter als Menschen, die im flachen gemütlichen Rheinland zu Hause sind. Denn Joris malt das Bild eines Kumpels unter Tage bei einem Wettersturz.
 

„Im Schutt vergraben.
Gibt kein Licht her, untertage
Schwerer Staub versperrt die Sicht
Nur den dunklen Schacht vor Augen
Zerfällt dein letztes bisschen Glauben.“


Ich denke an Lengede. Schwarz-Weiß-Bilder, die ich nur aus dem Fernseher kenne. Tagelanges Bangen nach einem Grubenunglück. Verängstigte Familien am Krater. Ich kenne Menschen aus dem Ruhrgebiet. Sie erzählen von ihren Eltern, den Vätern und Großvätern im Pütt. Jeden Tag ein Abstieg ins Loch mit ungewissem Ausgang. Ein rauhes schmutziges Leben. Pusschlag aus Stahl.

Dienstag, 8. Dezember 2020

One Of Us

Wie wollt ihr in der Kirche eigentlich Weihnachten feiern und ein Kind in die Krippe legen, wenn auf der anderen Seite klar ist: Angesichts eures Umgangs mit den Verbrechen sexualisierter Gewalt könnt und wollt ihr das Kind gar nicht schützen? Glauben wir eigentlich wirklich: Gott ist einer von uns? Gedanken zu "One Of Us" von Joan Osborne.

Von Peter Otten

"Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand." "Gott liebt dich." "Jesus ist bei dir." Ich finde: Inzwischen klingen Sätze wie diese zynisch. Und doch sind es Dauerbrenner im Verkündigungssprech. Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand? Sag das mal einem Betroffenen von sexualisierter Gewalt, nach Jahrzehnten voller Vertuschung und falscher Versprechen von Kirchenleitungen. Gott liebt dich. Sag das mal einer vergewaltigten Nonne (und machen wir uns nichts vor: das wurde ihnen gesagt). Jesus ist bei dir. Was wohl eine Frau dazu sagt, der Männer in der Kirche sagen: Deine Berufung ist nur deine Einbildung.

Gott ist groß. Jajaja.

Sonntag, 19. Juli 2020

Alle Girls, Mamas und Mädchen

Screenshot: Peter Otten
Carolin Kebekus hat ein Musikvideo gemacht, das von erstaunlichem theologischen Interesse durchzogen ist. Darin lenkt sie die Aufmerksamkeit auf eine Kirche, in der Liturgie und Diakonie nicht ohne einander denkbar sind. Das macht die Diskriminierung von Frauen allerdings noch absurder. 

Von Peter Otten

Vor einigen Tagen hat die Comedian Carolin Kebekus in ihrer Show ein Musikvideo veröffentlicht. Das Stück mit dem Titel "Im Namen der Mutter" ist bislang im Internet etwa 400000 mal angeklickt worden. Darin thematisiert Kebekus die anhaltende Diskriminierung der Frauen in der katholischen Kirche. "Alle Ladies in Gottes Gemeinden: Es ist Zeit unsre Stimmen zu vereinen. Ave Maria. Alle Girls, Mamas und Mädchen, werft die Hände hoch für die erste Päpstin. Ave Maria." Klare Ansage.

Man kann das Stück mit Martin Lohmann als "das selbstverliebte Erheischen billigen Applauses auf Kosten von Qualität und Anstand" bezeichnen, als "übertünchte Niveaulosigkeit vor feixender Kulisse der Anstandslosigkeit", um dann mit ihm zu dem Fazit zu kommen: "Hauptsache, man bedient die eigenen Komplexe und Lebensbrüche auf Kosten anderer. Das alles verkauft man dann mediengerecht als Komik."

Samstag, 11. April 2020

Nichts zu suchen

Verschlossene Kirchen - leere Gräber.
Die Frauen, die von der Sorge um die Erfüllung religiöser Pflichten zum Grab geführt wurden, müssen erkennen: Wir sind am falschen Ort!


Gedanken zum diesjährigen Osterfest von






Foto: Peter Otten
von Hans-Joachim Höhn

„Sie haben hier nichts zu suchen!" Mit barschem Ton gehen zwei Ordnungskräfte auf eine Gruppe von Menschen los, die am Rheinufer zusammen stehen. Unmissverständlich machen sie ihnen klar, dass sie am falschen Ort sind.Es ist Corona-Zeit. Behördliche Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten sollen die Virusübertragung eindämmen. Es gibt keine öffentlichen Orte mehr, an denen mehr als zwei Personen etwas zu suchen haben. „Machen Sie, dass Sie hier wegkommen!“ Wer sich dagegen sträubt, erhält eine Anzeige und muss sich auf einen Bußgeldbescheid einstellen.

„Was haben Sie hier zu suchen?“ – Diese Frage wird missverstanden, wenn man auf sie mit der Angabe eines verlorenen Gegenstandes antwortet. In Wahrheit geht es um eine fehlende Aufenthaltsberechtigung. Es geht um die Legitimation, sich an einem Ort einzufinden, der nur besonders befugten Personen zugänglich ist. Vor solchen Orten sind Warnschilder angebracht. Sie verkünden in großen Buchstaben: „staff only“ oder „Privatbesitz. Kein Durchgang!“ Wer solche Warnungen ignoriert, macht Bekanntschaft mit Objekt- und Personenschützern. Über ihren Auftrag klärt ihre Uniform auf: „Security“.

Donnerstag, 9. April 2020

Murder Most Foul: Ein höchst übler Tod

Screenshot: Peter Otten
Murder Most Foul:
Der Tod ist zu nichts nütze. Karfreitagsgedanken. 

Von Peter Otten

Ende März hat Bob Dylan ein neues Lied veröffentlicht. "Murder Most Foul". Wobei: Es ist weniger ein Lied, eher schon eine Litanei, ein altmodischer Rap-Text, gewickelt in ein filigranes Seidenpapier aus wenigen Akkorden, hingestrichener Fidel und versonnenem scheuen Klavierspiel. Zu Beginn erzählt Bob Dylan von der Szenerie einer modernen Passion, die zugleich zu einen traumatischen Ereignis in der amerikanischen Geschichte geworden ist: der Mord am US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

Sonntag, 29. März 2020

Kirchensound mit Pessimismus-Bass

Papst Franziskus gelingt es mit Bildern und Worten zu berühren. Er kommt aber leider nicht ohne allgemeine Schuldzurufe aus. Die sind aber aktuell wenig hilfreich.
screenshot Vaticannews

von Norbert Bauer

Bob Dylan hat sich Freitag zu Wort gemeldet. Er, der ansonsten fast jeden Tag mit seinen Konzerten vor seiner Gemeinde steht, hat den Fans einen bisher unveröffentlichten Song geschenkt. Der SZ-Autor Willi Winkler vergleicht  „Murder most foul“ mit einem Rosenkranz.  Die 17 Minuten Musik konnten bei mir auch dank Dylans Stimme zumindest eine vergleichbare Wirkung erzielen. Der Literaturnobelpreisträger hat auch noch einige wenige Worte an seine Fans gerichtet: „Stay safe, stay observant and may God be with you.“ Der Segen der Kunst.

Ein anderer alter Mann hat am Freitag auch einen Segen gesprochen. Papst Franziskus, der ähnlich wie Dylan Tag für Tag Audienz hält, hat den Segen Urbi & Orbi gespendet -  allein auf dem Petersplatz stehend. Der Papst, der sonst gerne die Nähe zu den Menschen sucht, hält Abstand.

Sonntag, 5. Januar 2020

Ohne Dom. Ohne Rhein. Ohne Sonnenschein.

Screenshot: Peter Otten

Er war mehr für Beständigkeit. Text beim Preacher Slam zum Thema "Kölner Dom" beim Dreikönigsfest in der Karl-Rahner-Akademie

Von Peter Otten

„M´r losse d´r Dom in Kölle, denn do jehührt hä hin!“ summte der Dom. „Wat soll dä dann woanders? Dat hätt doch keine Sinn!“

Der Dom war in aufgeräumter Stimmung. Es war wohl ein tolles Gefühl, wenn Menschen Lieder über einen dichteten, dachte er und lächelte durch sein Rosettenfenster in den winterlichen Nebel. Man hatte eine gewisse Bedeutung. „Stell dir vüür d´r Kreml stünd um Ebertplatz.“ Wirklich eine absurde Vorstellung. Naja, der Dom war noch nie da gewesen. Nicht am Ebertplatz noch sonstwo. Reisetätigkeiten standen auf seiner Liste nicht sehr weit oben. Es schien ihm zu kompliziert. Allein die Vorstellung! Koffer packen, entscheiden, was man mitnimmt und was nicht, das schien dem ihm viel zu beschwerlich und unbequem.

Er war mehr für Beständigkeit.

Dienstag, 17. Dezember 2019

Love Is Enough

Screenshot: Peter Otten
Weihnachten ist das Versprechen, dass Liebe reicht. Ist das nicht zynisch angesichts aller schwerlich zu ignorierenden Lieblosigkeit? Findet Joe Henry nicht, dichtet kess "Love Is Enough" und stellt eine Prozession der Aufgerichteten in den trostlosen Schneeregen. Das Volk im Dunkeln hat ein Licht gesehen. Die Dornen haben Rosen getragen.

Von Peter Otten

Weihnachten ist ja das Versprechen, dass Liebe reicht. Weihnachten heißt ja "das Fest der Liebe." Doch dieses Versprechen ist zugleich eine zynische Provokation. Wie kann denn die Liebe reichen? Angesichts von Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen. Angesichts von Gewalt und Krieg. Klimawandel, Umweltzerstörung. Einsamkeit und Hunger und Leid ohne Maß.

Joe Henry stellt uns eine trostlose Winterszene in Amerika vor die Ohren. Eine Straße im Schnee, der schicksalergeben langsam zu Wasser zerfällt. Und in diese sterbende schmutzige Winterszene hinein malt der amerikanische Singer-/ Songwriter eine Prozession der Hoffnung. Eine Prozession von Heiligen, die nur vordergründig gar keine Heiligen sind. Denn auf drei Refrains verteilt zählt er sie alle auf, alle, die durch den Schneeregen die Straße hinaufziehen. 

Dienstag, 10. Dezember 2019

He will see you through

Screenshot: Peter Otten
Auch das ist ja Glaube: Die Trostlosigkeit, die Monströsität, die Dunkelheit der Welt, deine eigene Dunkelheit - dem zu übergeben, der dich begleitet. Gedanken zu "He Will See You Through" von Rhiannon Giddens.

Von Peter Otten

Ein Freund schickte mir dieses Lied. Er hatte die Künstlerin Rhiannon Giddens kürzlich auf einem Konzert erlebt. Über dieses Stück habe sie gesagt: "Sometimes when times seem bleakest, it's the perfect moment to focus on that which is greater than yourself. - Manchmal, wenn die Zeiten am trostlosesten scheinen ist genau das der perfekte Augenblick sich auf das zu besinnen, was größer ist als du selbst."

Es ist kein Geheimnis: Die Welt ist voll von Trostlosigkeiten. Trostlosigkeit: Ein betörendes, trauriges Wort. Kein Trost, nirgends. Gibt es ein passenderes Wort, um existenzielle Leere, Grenzerfahrung, Sinnlosigkeit, Einsamkeit auf den Punkt zu bringen? Ein Ort ohne Trost, ein Mensch ohne Trost inmitten von Tränen - gibt es etwas Schwärzeres, Traurigeres?
 

Vor ein paar Tagen war in den Nachrichten zu hören, dass psychische Krankheiten inzwischen die dritthäufigste Ursache für Krankschreibungen ist. Ihr Anteil an allen Krankschreibungen hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Dazu gehören Anpassungsstörungen und Depressionen. Erschöpfungssymptome aufgrund von Überforderungserfahrungen. Auch das: Erfahrungen von Trostlosigkeit.

Dienstag, 3. Dezember 2019

Follow Me

Screenshot: Peter Otten
Advent: Die eigene Ungewissheit ertragen können, weil ein anderer gewiss ist. Gedanken zu Steve Wynns "Follow Me"

Von Peter Otten


Wenn der Abend kommt und die Dunkelheit vom Tag Besitz ergreift, dann kriecht der Schatten mitunter auch in die eigenen Gedanken. Der Morgen hat bereits mit Geschäftigkeiten begonnen. Mitunter ein Hineinstolpern in die Welt des Jedentags: Sich hineinfügen in den stummen Strom der Menschen. Gedanken an Aufgaben und Herausforderungen, die lauern. Der Tag erscheint dann wie ein zu bewältigender Parcours, nicht wie ein sehnlich erwartetes und freudig begrüßtes Stück Leben. Freudiges und Trauriges, Erwartetes und Verdrängtes, Schönes und Hinderliches, Erschöpfendes und Forderndes. Vielleicht sind es gerade die dunklen und kurzen Tage, die Tage der tiefen Wolken und grauen Schemen, die Menschen auch ihr Verlorensein spiegeln. Ihre Melancholie. Ihre Traurigkeit. Ihr Zögern. Ihr Verlorensein.

Sonntag, 3. November 2019

Liturgie als inszenierte Ekklesiologie

Screenshot: Peter Otten
Das II. Vatikanische Konzil hatte nie die Absicht noch die Möglichkeit, die als gottverfügt geglaubte Sozialgestalt der Kirche als ständisch gegliederte klerikale Wahlmonarchie aufzugeben. Eine Sensibilisierung für den Zusammenhang von Liturgie und Ekklesiologie. 

Von Norbert Lüdecke

1. Im Mai- und Juli-Heft der Herder-Korrespondenz war in diesem Jahr ein bemerkenswerter liturgiewissenschaftlicher Disput zu lesen. Der langjährige Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft katholischer Liturgiewissenschaftlerinnen und Liturgiewissenschaftler im deutschen Sprachgebiet“ (2002-2018), Benedikt Kranemann (Erfurt), legte vor mit der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Liturgie als Inszenierung einer machtvollen Amtstheologie, die „liturgisch-rituell durch Gestik, Sprache, Raum und so weiter … verstärkt“ wird, und der Missbrauchskrise der Kirche. Sein Freiburger Kollege Helmut Hoping antwortete mit der Bestreitung eines solchen Zusammenhangs.

Sonntag, 13. Oktober 2019

Plädoyer für den Grenzgang

Foto: Peter Otten
Ausgerechnet der Fremde, der religiös Unmusikalische wird zum Heilsträger.  Katechese über Lk 17, 11-18 im DLF-Familiengottesdienst am 13. Oktober 2019.

Von Peter Otten

1. Grenzen

Im Purtschellerhaus, einer Berghütte unterhalb des Kehlstein im Berchtesgadener Land gibt es etwas Besonderes: Die Grenze zwischen Österreich und Deutschland führt mitten durch die Stube. Du kannst also quasi beim Bierholen vom einen Land ins andere hüpfen. Überhaupt: Wenn du in dieser Region wanderst weißt du nicht immer, in welchem Land du dich gerade befindest. Die Grenzen sind fließend. Es gibt nicht „wir hier“ und „die da“.

Die Erfahrung fließender Grenzen haben wir heute auch. Wir fahren nach Portugal und überqueren viele Ländergrenzen – und merken es fast nicht. Kein Pass. Kein Personalausweis muss gezeigt werden. Viele von euch werden mir zustimmen: es ist ein Segen, wenn Grenzen fallen.

Mittwoch, 17. April 2019

Der Moment, als es passiert ist

Foto: Peter Otten
Der Karsamstag ist der Moment, als es passiert ist. Gedanken zum Triptychon "Triduum. Drei Mal heilig" von Bruder Stephan Oppermann OSB und "Passiert" von Pohlmann

Von Peter Otten

Bruder Stephan scheibt zu seinem Werk: 

„Violett: Sehnsucht nach Nähe, die nicht greifbar ist. Hingabe und Annahme von dem, was einmalig ist.“

Ich habe lange darüber nachgedacht, was das heute bedeuten könnte. Nach dem Lied „Passiert“ von Pohlmann war es mir auf einmal klar. Pohlmann singt über eine klassische Geschichte, die jeden Tag tausendfach, ja: passiert. Eine Beziehung, eine Liebe ist zerbrochen. Es ist passiert. Passivisch ausgedrückt. Es ist passiert beschreibt ja auf der Rückseite auch das Lähmende, die Ratlosigkeit derjenigen, denen dies ... passiert.

Und jetzt ist es passiert, hätte ich nicht gedacht.

Dienstag, 16. April 2019

Da ist nichts, woran wir beide uns festhalten können

Foto: Br. Stephan Oppermann OSB

Es ist gut, in den Kartagen den Gedanken an das "Nichts" nicht auszusweichen. Gedanken zu "Requiem" von Tom Liwa und dem Triptychon "Triduum. Drei Mal heilig" von Bruder Stephan OSB. 

Von Peter Otten

Zwei Menschen. Der eine singt. Der andere ist gestorben. „Was hätte ich für Dich tun können?“ Der Text, voller melancholischer Lakonie. Was ist passiert: „Da ist nicht zu verstecken und nichts zu verstehn / Mein Herz schlägt weiter und Dein Herz bleibt stehn.“ So ist das gewesen bei dem, der da singt und seinem Freund, der gestorben ist. So passiert es tausendfach jeden Tag: Das eine Herz bleibt stehen. Das andere schlägt weiter. Der eine stirbt. Die andere lebt. Warum so und nicht andersrum? Keine Ahnung. „Ich habe diese Welt nicht erfunden / Die war immer hier.“ Hätte ich sie erfunden, vielleicht hätte ich sie anders gemacht. Vielleicht mit etwas, woran sich die Menschen offensichtlich festhalten können, damit der Tod sie nicht holt und nicht darüber nachsinnt oder schlicht das Los wirft, welches Herz nun weiter schlägt und welches stehenbleibt. Aber weil der, der da singt die Welt nicht erfunden hat, bleiben nur die beiden einsamen, tieftraurigen Zeilen, die im Song gleich drei Mal wiederholt werden:

Da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.

Montag, 15. April 2019

Café Nirgendwo


Foto: Peter Otten

Vielleicht geht die Angst. Wegen des Traums, der Erinnerung an die, die mit dir an dem Tisch sitzen. Gedanken zu „Triduum. Drei Mal Heilig“ von Bruder Stephan OSB und „This Dream Of You“ von Bob Dylan

Von Peter Otten


Es ist Nacht. Draußen ist es schwarz. Die Wolken und dazwischen das Tintenfaßblau. Du kannst nicht schlafen. Du bist schon ganz schwer eingeschlafen.  Oder war es vielleicht sogar anders: Du wolltest gar nicht einschlafen? Denn morgen wartet etwas auf dich: Etwas Schwieriges. Etwas Unangenehmes. Etwas sogar, das dir Angst machen kann. Etwas wartet auf dich, was du am liebsten überschlagen möchtest wie ein paar Seiten in einem Buch.


Wie lange kann ich in diesem Café Nirgendwo bleiben / Ehe die Nacht zum Tag wird / Ich frage mich warum ich solche Angst vor dem Morgengrauen habe.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Du, wunderschöne Hoffnung

Screenshot: Peter Otten
Es fällt mir leichter in dem Wahnsinn zu hoffen, wenn du mit mir hoffst. Es ist leichter, wenn ich dich sehe und merke, wie ein Lied, das zum Gebet wird und sein Rhythmus uns verbindet.

Von Peter Otten

Kontra K: Hoffnung
 

Denn nur du stirbst zuletzt, schenkst uns den Glauben an uns selbst
Und dass Morgen alles besser wird als jetzt
Du nimmst uns die Schmerzen von heute
Du wunderschöne Hoffnung, oh du wunderschöne Hoffnung
Denn nur du stirbst zuletzt, schenkst uns den Glauben an uns selbst
Und dass Morgen alles besser wird als jetzt
Beschütz unsere Träume
Du wunderschöne Hoffnung, oh du wunderschöne Hoffnung, bitte geh nicht weg

Songwriter: Daniel Grossmann / Matthias Mania / Maximilian Diehn 

Songtext von Hoffnung © Budde Music Publishing GmbH (der ganze Text: hier)
 

Ich bin auf dieses Lied aufmerksam geworden, als ich gebeten wurde, für einen verstorbenen Jugendlichen eine Trauerfeier vorzubereiten. Ich dachte darüber nach mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen zu sitzen und Musik zu hören. Aber welche bloß? Die Tochter eines Freundes kam dann mit diesem Stück. Eine Entdeckung.

Dienstag, 4. Dezember 2018

Zu Asche, zu Staub

Screenshot: Peter Otten
Ich lebe im Dunkeln und tanze durch die Welt, die mir oft Heimat und Fremde zugleich ist. Auch ein Stück über Advent: Warten auf das Wunder, bis zuletzt, weil ich es doch auch nicht besser weiß: „Du bist dem Tod so nah, und doch dein Blick so klar, erkenne mich, ich bin bereit, und such mir die Unsterblichkeit.“

Zu Asche, zu Staub Zu Asche, zu Staub 
dem Licht geraubt
doch noch nicht jetzt
Wunder warten bis zuletzt
Ozean der Zeit
ewiges Gesetz
zu Asche, zu Staub 

zu Asche
doch noch nicht jetzt

 
Zu Asche, zu Staub
dem Licht geraubt
doch noch nicht jetzt
Wunder warten
doch noch nicht jetzt
Wunder warten bis zuletzt

 
Es ist wohl nur ein Traum
das bloße Haschen nach dem Wind
Wer weiß es schon genau?
Die Uhr an deiner Wand
sie ist gefüllt mit Sand
leg deine Hand in mein'
und lass uns ewig sein

 
Du triffst nun deine Wahl
und wirfst uns zwischen Glück und Qual
doch kann ich dir verzeihn
Du bist dem Tod so nah
und doch dein Blick so klar
erkenne mich
ich bin bereit 

und such mir die Unsterblichkeit

(Babylon Berlin. Original Motion Picture Soundtrack. BMG 2017.)

Das, was dem Licht geraubt wird zerfällt zu Staub. Das, was kein Licht bekommt stirbt. Licht und Leben bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Das ewige Gesetz des Lebens ist aber die Verwiesenheit auf das Ende. Der Ozean der Zeit: Werden und Vergehen.

Kein Licht - kein Leben.

Wer das Video zu diesem Stück kennt, dem wird sein Thema noch eindringlicher erscheinen. „Zu Asche, zu Staub“ ist Teil des Endes der ersten Folge von „Babylon Berlin“, die vor einigen Wochen mit großer Resonanz in der ARD gelaufen ist, einer aufwändigen Krimiserie, die im Berlin der 20er Jahre spielt.

Mittwoch, 28. März 2018

Piper At The Gates Of Dawn

Von Art Siegel - https://www.flickr.com/photos/artolog/407217985, CC BY-SA 2.0,
Was passiert bei der Überfahrt vom Leben über den Tod in das Danach? Heute Abend will ich mit diesem Trostgedanken in die Nacht gehen: Du brauchst keine Angst zu haben. Du wirst freundlich empfangen. Über Piper At The Gates Of Dawn von Van Morrison.

Von Peter Otten

Diese sanfte musikalische Miniatur, das Schlusstück auf Van Morrisons 1997 erschienenen Album "The Healing Game" beschreibt eine Epiphanie, eine Gottesbegegnung zwischen "Trance und Schilf", irgendwo beim Anbruch der Dämmerung, vielleicht im Niemandsland zwischen Traum und Wirklichkeit. Epiphanien kennen wir aus der Bibel. Und sehr oft spielen sie vor der Kulisse der Natur. Mose entdeckt in der Wüste einen Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt und erkennt in ihm das Prinzip des Ich-bin-Da-Gottes, der sich unendlich für immer mit der Welt verwoben hat. Er steigt nach einer anderen biblischen Überlieferung auf den Berg Tabor und empfängt dort von Gott die Gesetzestafeln. Oder denken wir an den Propheten Elija: Als er Gottes Aufforderung, aus der Höhle zu kommen, sich auf den Berg vor Gott zu stellen (was er im Übrigen dann nicht tut) erkennt er diesen nicht im vorüberziehenden Sturm und auch nicht im Erdbeben - wie er vielleicht vermutet und befürchtet hatte. Zum Schluss bleibt, wie die Bibel erzählt, ein leises sanftes Säuseln. Und als Elija das hört, hüllt er sein Gesicht in den Mantel und kann aus seiner Höhle herauskommen.

Dienstag, 27. März 2018

Roll on John

Screenshot: Peter Otten
Dies ist ein Lied über alle John Lennons dieser Welt, jeden Hans im Unglück, jeden Eisenhans auf dem Grund jedes Sees, jede Johanna auf allen Scheiterhaufen dieser Welt. Über Bob Dylans Roll On John.

Von Peter Otten

Ein Lied, das über fast siebeneinhalb Minuten lediglich aus drei Akkorden besteht - wovon der dritte Akkord lediglich im Refrain auftaucht - kann das etwas taugen? Wenn noch dazu eine Melodie, hingezupft von einer elektrischen Gitarre ständig wiederholt wird? Es kann. Absolut.

Bob Dylan nimmt die Hörerinnen und Hörer mit in die Abteilung Balladen. Und in dieser Ballade hat er sich einem besonderen Sujet gewidmet – dem Totengedenken. Eingerahmt wird der Text in der ersten und vorletzten Strophe von der Beschreibung eines Mordes. Einem nicht näher bezeichneten John wird in den Rücken geschossen- beziehungsweise er gerät in einen Hinterhalt. Kritiker wie der katholische Theologe Knut Wenzel sahen in diesem Text daher vor allem eine Homage an John Lennon und seine Ermordung in New York im Jahr 1980. Dylan skizziert in diesem Lied in schnellen Strichen wesentliche Etappen des Beatles-Sängers: Von den Anfängen des Sängers in den Liverpooler Docks über den Durchbruch der Beatles im Hamburger Star-Club hinaus in die Welt. Dabei schildert er Lennons Leben nicht als Heldensaga. Sondern er schildert es als mühsamen, beschwerlichen Weg, den er folgerichtig vom Ende her beschreibt: „Wieder ein Tag im Leben auf deinem Weg zum Ende der Reise“. Keine großen Konzerte und Posen, sondern „Spielen für die große Masse, spielen für die billigen Plätze“. Das Leben dieses John erscheint wie das Leben eines Abhängigen, eines unfreien Knechtes, eines Sklaven „wie jeder andere Sklave“, der auf einem Schiff gen Süden segelt, bis es am Tag des Todes auf den Strand gezogen wird. „Jetzt ist die Stadt verdunkelt, keine Freude mehr / Sie haben das Herz herausgerissen und tief hineingeschnitten.“