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Montag, 10. Januar 2022

Der Himmel des kleinen Mannes

Foto: www.pixaby.de

Einer denkt, zwei von ihnen ersetzen drei von denen. Falsch gedacht. Denn Udo Jürgens bekommt den Backstage-Pass. Verdammt. Immerhin ist Herz-Jesu-Freitag, und wenigstens im Kaffee steckt Potential. Überraschende Szenen aus einer irritierenden Zwischenwelt. Mein Beitrag beim Preacher-Slam am 9. Januar 2022 in der Karl-Rahner-Akademie.

Von Peter Otten

Der Herr Kardinal stand hinter der Theke. Gedankenverloren
hielt er ein kariertes Geschirrtuch in den Händen und drehte ein langstieliges Weinglas darin. Behutsam stellte er es in einem Regal hinter sich ab und fischte ein neues aus dem dampfenden Bäuchlein des Tischgesirrspülers. Die Rückwand der Theke, die verspiegelt war, zeigte die schütteren Streifen seines Haars, die sich von links nach rechts über seinen Schopf legten. Dazwischen ragten Spirituosenflaschen wie die Türme von Miniaturkirchen hervor. Sie trugen Namen wie „Prinz Alte Marille“, „O´Donnel Moonshine“ oder auch „Hexenzauber Blutwurz“.

Hinter den mit dunklem Leder bezogenen Hockern begann eine ausladende Tanzfläche. An der linken Seite befand sich ein schwarzlackierter Flügel. Der Herr Kardinal beobachtete Udo Jürgens, der in einen Bademantel gewickelt mit aufrechtem Rücken federnd auf einem Klavierhocker saß. Offensichtlich stand er heute auf dem Dienstplan. Seine Finger glitten über die Tasten. Und wie er es zu seinen Lebzeiten in unzähligen Musik-ist-Trumpf-Folgen schon immer getan hatte, hatte er auch heute seinen Kopf um neunzig Grad abgewinkelt und blickte mit großen Udo-Jürgens-Augen in ein nicht vorhandenes Publikum. Es war Wunschstunde, und offensichtlich hatte ein älterer Herr sich ein Stück gewünscht, dass Jürgens nun in dieser unnachahmlichen *miiooommiiiioooom* - Udo-Jürgens-Art auf die Tanzfläche goss, die um diese Zeit noch fast leer war: „Ein Stern, der deinen Namen trägt, den wünsch ich mir heut Nacht.“

Donnerstag, 5. August 2021

Am Anfang war mal das Wort

Screenshot: Peter Otten
Das Erzbistum Köln möchte nicht mehr länger sieben Vertragsbüchereien mitfnanzieren. Das finanzielle Risiko sei zu groß, heißt es. Ich finde diese Haltung verhängnisvoll. War nicht am Anfang von allem das Wort? Und eine Kirche, die nur noch sät, wo sie mit Sicherheit erntet - wofür ist sie noch gut?

Von Peter Otten

Vor ein paar Jahren habe ich einen Schrifsteller beerdigt. Sein Lebensgefährte erzählte beeindruckend von dem langen Weg, den er zurück gelegt hatte, bis er sich traute, Zeit in seine Berufung zu investieren. Er berichtete von der Leidenschaft des Verstorbenen für das Wort. Für Wörter, Sätze und Bilder. Fürs Schreiben. Für das Erfinden von Geschichten.

Damals habe ich im Gottesdienst den Johannesprolog gelesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." In dem Gespräch mit dem Lebensgefährten des Schriftstellers hatte sich mir nämlich die Kraft dieses Gedankens neu erschlossen. Alles beginnt mit einem Wort, so dachte ich auf einmal. Alles beginnt damit, dass ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Bild losgelassen wird. Die erste Perle einer Geschichte. Verborgen darin die Haltung, das, was in mir ist nicht festzuhalten, sondern freizugeben, damit es woanders wieder neue Verbindungen schafft. Am Anfang der Lebendigkeit steht also das Wort. Das war das Thema des Verstorbenen gewesen, um das er lange gerungen hatte. Das ist aber auch der Pulsschlag dessen, was wir Offenbarung Gottes nennen. Das Offenbarwerden des Heils Gottes ist ohne die Erzählung, ohne das Erzählen nicht denkbar.

Montag, 19. April 2021

Die Erlösende Kraft des Erzählens

Als sich der Tod seiner Mutter abzeichnete, hat der Philosoph
und Journalist Jürgen Wiebicke viele Gespräche mit ihr geführt. Es ging ihm nicht nur darum, den lange geltenden Schweigemechanismus einer traumatisierten Kriegsgeneration zu verstehen. In seinem Buch "Sieben Heringe" zeigt er, wie erlösend Resonanzräume sein können. Also Gemeinschaften des Erzählens und Zuhörens. Jedenfalls wenn dort auch heikle Themen der menschlichen Existenz - die Kränkungen von Kontingenz, Krankheit, Leid, Sterben und Tod - nicht zu Vorgängen werden, sondern zum Teil des geglückten Lebens.

Von Peter Otten

In Augenblicken, wenn Menschen das Sterben, den Tod erleben, ist die Konfrontation mit der Endlichkeit vielleicht die schwierigste Herausforderung. Es ist nicht nur der tote Mensch im Sarg, die Asche in der Urne. Es ist die Konfrontation mit der eigenen Kontingenz. Der Tote ist auf einmal das eigene Spiegelbild. Schonungslos lenkt das Wissen um den Inhalt von Sarg und Urne die Gedanken zur eigenen Hinfälligkeit, ja, zum eigenen Sterben. Deswegen ist eine Beerdigung eine Gratwandererung. Sie ist heikel, weil das Unangenehme, Verdrängte in den Vordergrund rückt. Sie kann aber auch lösend, erlösend wirken. Weil hoffentlich ein Schicksal nicht länger beschwiegen wird, das alle Menschen teilen: die Wirklichkeit des Todes. Daher ist eine Beerdigung vor allem für die Menschen wichtig, die zurück bleiben. Nicht so sehr für den Toten. Es geht um vier Dinge: Traurig sein dürfen und Trost finden. Erinnern. Danken. Und darum, aus dem Augenblick des Irrsinns etwas wie Zuversicht schöpfen zu können. Es ist im Grunde das, was im Lukasevangelium lapidar erzählt wird: "Wähernd sie noch darüber redeten trat Jesus in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch" (Lk 25, 36). Ein erlösender Dreischritt: Das Erzählen verwandelt Aussichtslosigkeit in einen Gottesort. Und der Gottesort bringt den (inneren und äußeren) Frieden. Der Dreitschritt des biblischen Auferstehungsgedankens.

Samstag, 11. April 2020

Nichts zu suchen

Verschlossene Kirchen - leere Gräber.
Die Frauen, die von der Sorge um die Erfüllung religiöser Pflichten zum Grab geführt wurden, müssen erkennen: Wir sind am falschen Ort!


Gedanken zum diesjährigen Osterfest von






Foto: Peter Otten
von Hans-Joachim Höhn

„Sie haben hier nichts zu suchen!" Mit barschem Ton gehen zwei Ordnungskräfte auf eine Gruppe von Menschen los, die am Rheinufer zusammen stehen. Unmissverständlich machen sie ihnen klar, dass sie am falschen Ort sind.Es ist Corona-Zeit. Behördliche Maßnahmen zur Reduzierung von Kontakten sollen die Virusübertragung eindämmen. Es gibt keine öffentlichen Orte mehr, an denen mehr als zwei Personen etwas zu suchen haben. „Machen Sie, dass Sie hier wegkommen!“ Wer sich dagegen sträubt, erhält eine Anzeige und muss sich auf einen Bußgeldbescheid einstellen.

„Was haben Sie hier zu suchen?“ – Diese Frage wird missverstanden, wenn man auf sie mit der Angabe eines verlorenen Gegenstandes antwortet. In Wahrheit geht es um eine fehlende Aufenthaltsberechtigung. Es geht um die Legitimation, sich an einem Ort einzufinden, der nur besonders befugten Personen zugänglich ist. Vor solchen Orten sind Warnschilder angebracht. Sie verkünden in großen Buchstaben: „staff only“ oder „Privatbesitz. Kein Durchgang!“ Wer solche Warnungen ignoriert, macht Bekanntschaft mit Objekt- und Personenschützern. Über ihren Auftrag klärt ihre Uniform auf: „Security“.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Der „Fall Wucherpfennig“ – Affäre oder mehr?

Diplomatische Formulierungen machten es möglich. Der gewählte Rektor der Jesuitenhochschule St. Georgen, Ansgar Wucherpfennig, kann sein Amt doch antreten. Der Ordensobere Arturo Sosa hat vom Vatikan das sogenannte Nihil obstat erhalten und Wucherpfennig zum Rektor ernannt. Ist der Fall somit geklärt? Im Rahmen einer Aktuellen Stunde der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Universität Bonn am 28. November hat Prof. Norbert Lüdecke ein Statement zu dieser Frage abgegeben.  


Der „Fall“
Im Frühsommer 2018 erhielt der Professor für Exegese des Neuen Testaments, Ansgar Wucherpfennig, nicht, was man in der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen der Jesuiten routinemäßig erwartet hatte: die Bestätigung seiner Wahl für eine dritte Amtszeit als Rektor durch das Nihil obstat der römischen Bildungskongregation (Art. 18 Sapientia Christiana, jetzt Art. 18 Veritatis Gaudium sowie Art. 5 § 4  n. 3 iVm. Art. 12 § 5 Fakultätssatzung St. Georgen). Der Grund: Wucherpfennig hatte 2016 in einem lokalen Zeitungsinterview geäußert, nur über Diakoninnen nachzudenken, sei noch zu kurz gegriffen, und die Ablehnung homosexueller Handlungen gehe auf eine irrige Paulusexegese zurück. Außerdem gehört er wohl zu jenen, die eine heimliche Segnung homosexueller Paare für unwürdig halten. Gegen diese Äußerungen hatte es Beschwerden gegeben. Glaubens- und Bildungskongregation verlangten nun eine öffentliche Loyalitätserklärung zur kirchlichen Lehre in beiden Fragen. Die Öffentlichkeit zeigte weit überwiegend Verständnislosigkeit, die FAZ etwa schrieb, das Ganze sei recht bizarr angesichts der Horrorzahlen von Priestern missbrauchter Kinder. Inzwischen wurde die Wahl Wucherpfennigs bestätigt, nachdem er die Kongregationen mit einer Erklärung zufriedenstellen konnte.
War das jetzt eine Affäre, ein unschöner bis skandalöser Zwischenfall? Oder war es mehr? – Aus kirchenrechtlicher Sicht war dieser Vorgang vor allem eines: legal und insoweit katholisch normal.

Samstag, 16. Juni 2018

Wenn der Pastor zweimal klingelt

Erik Flügge hat nach seinem Bestseller „Die Kirche verreckt an ihrer Sprache“ ein zweites Buch vorgelegt. Zusammen mit dem Kommunikationsberater David Holte plädiert er für „Eine Kirche für Viele“. Es könnte aber sein, dass am Ende sich nur noch wenige für die Kirche interessieren.
 

Von Norbert Bauer
 

Jedes Jahr erscheint ein „Schwarzbuch“ mit dem der Bund der Steuerzahler auf die Verschwendung öffentlicher Gelder aufmerksam macht. Mit „Eine Kirche für Viele“ hat Erik Flügge nun sein Schwarzbuch vorgelegt. Während sich der Bund der Steuerzahler über vermeintliche Luxus-Mülltonnen beklagt, regt sich Flügge über Gemeindehäuser und Pfarrämter auf: „Klar, auch ich könnte in ein muffiges Gemeindehaus gehen, um am Seniorennachmittag teilzunehmen – nur will ich das nicht.“ (9) Für ihn sind diese Räume pure Kirchensteuerverschwendung. Nun sind Steuern keine Zahlungen, die mit der kalkulierten Hoffnung auf möglichst maximale persönliche Gegenleistung gezahlt werden. Mit Steuern finanziere ich vor allem ein Gemeinwohl, auch mit meinen Kirchensteuern. Während ich diese Rezension schreibe, probt nebenan im Pfarrsaal ein Chor persischer Frauen. Sie bezahlen keine hohe Miete und sind noch nicht mal katholisch. Trotzdem halte ich meine Kirchensteuern dort für bestens investiert.

Montag, 16. April 2018

Katholisches Aschenputtel

Bei seiner Buchpräsentation in Köln  der Psychiater Lütz diagnostiziert in der Kirche eine schuldbeladene Grundstimmung. Man könne jeden Bischof nachts wecken und der würde sofort ein Referat über die Schuldgeschichte der Kirche halten können. Mit seinem neuen Buch will Lütz den Bischöfen wieder einen guten Schlaf ermöglichen. Ich befürchte aber, dass dies nicht so leicht möglich ist. Denn Lütz erweist sich als katholisches Aschenputtel.

Norbert Bauer

Jetzt hat Manfred Lütz sein aktuelles Buch auch in Köln vorgestellt. Musste er eigentlich nicht mehr, denn dank seiner hartnäckigen Journalistenkontakte ist „Die geheime Geschichte des Christentums“ durch zahlreiche Interviews selbstverständlich auf dem Sachbuchlistenplatz 1 gelandet.  Trotz des großen Erfolgs  blieben bei der Buchpräsentation zahlreiche Plätze im Kinosaal des Museum Ludwigs frei.  
Damit alle Anwesenden wissen, wie Manfred Lütz dieses Buch geschrieben hat, eröffnete er den Abend im Helmut-Markwort-Style, der ja mit seinen „Fakten, Fakten, Fakten“ bekannter Weise eine neue Stufe des deutschen Qualitätsjournalismus eingeführt hat.  Um die Fakten zu „Der Skandal der Skandale“ zu recherchieren, musste Lütz nicht selbst in die Archive steigen. Sein Buch ist eine Volksausgabe von Arnold Angenendts  „Toleranz und Gewalt“[1], das mit seinen 800 Seiten und 3000 Anmerkungen für seinen Friseur nicht lesbar sei. Lütz hat dieses dicke Buch des emeritierten Kirchenhistorikers gelesen. Vieles von dem, was er bei Angenendt gelesen habe, sei für ihn völlig neu gewesen, obwohl er fünf Jahre Theologie studiert habe. Deshalb habe er dieses Buch jetzt schreiben müssen. Ich habe auch Theologie studiert. Für mich war nicht alles neu. Auch für meinen Vater nicht. Und der hat 30 Jahre vor mir Theologie studiert. Während unseres Studiums haben wir aber auch gelernt, die Fakten einzuordnen.

Montag, 22. Mai 2017

Lass es Liebe sein

Foto: www.randomhouse.de
Stell dir vor, Frauen dürften nicht Priesterin werden und niemanden interessierte es? Christiane Florin
hat ein Buch über einen Weiberaufstand geschrieben, der nicht stattfindet. In einem klugen, gut recherchierten und, ja, auch amüsanten Buch nähert sie sich zudem der Frage, was das ist, was die katholische Kirche zumindest im Binnenverhältnis von Laien und Klerikern erstaunlicherweise immer noch zusammenhält - und kommt zu einem beunruhigenden Befund.

Von Peter Otten

An einer Stelle erzählt Christiane Florin von ihrem Erlebnis, als sie einmal an einer Arbeitsgruppe für mehr Weiblichkeit teilnahm. Dort sei die Idee erörtert worden, "eine Art Foto-Frauenquote einzuführen. Die sähe so aus: Immer wenn sich Bischöfe zur Vollversammlung treffen, sollten auch weibliche Wesen mit aufs Abschlussbild. Ganz gleich ob Referentinnen, Pressefrauen oder Servicekräfte - Hauptsache Seit an Seit mit Erzbischöfen. Die Idee schaffte es schließlich doch nicht auf die To-do-Liste, weil sie zu stark an einen Escort-Service gemahnte." Diese kleine Geschichte ist so skurril, dass sie wohl nur in der katholischen Kirche stattgefunden haben kann. "Wirklich weiblich - was auch immer das sein mag", so Florin jedenfalls weiter, "soll die Kirche dort, wo Entscheidungen fallen nicht werden. Sie soll nur danach aussehen."

Ihr Buch heißt "Der Weiberaufstand" und handelt von einem Aufstand, den es gar nicht gibt. Denn das ist das Bemerkenswerte: Warum regt es in der Kirche eigentlich immer weniger Menschen auf, dass Frauen systematisch benachteiligt werden? "Es geht mir um die kleinen Nadelstiche" schreibt die Autorin im Klappentext, "die ganz selbstverständlichen Benachteiligungen, nur weil das Gegenüber eine Frau ist. Würde man so handeln, weil das Gegenüber eine dunkle Hautfarbe hat, dann wäre man Rassist. Handelt und redet man so, weil das Gegenüber eine Frau ist, was ist man dann? Katholisch."

Donnerstag, 30. Juni 2016

Vom Hühnerauge zum Seelenheil

Foto: Norbert Bauer
Erik Flügge hat ein gutes Buch geschrieben: „Der Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt.“ Offensichtlich hat er das passende Buch zum richtigen Zeitpunkt geschrieben. Vier Wochen nach dem Erscheinungsdatum wird schon die dritte Auflage gedruckt. Aber muss man deswegen gleich die Kirche verlassen und ein Nagelstudio aufmachen? Fragt sich der ehemalige Fußpfleger
 

Norbert Bauer
 

Erik Flügge ist optimistisch. Er glaubt weiterhin daran, dass „eine Predigt wirken kann"(12). Obwohl er oft enttäuscht wird und das gesprochene Wort der Prediger und Predigerinnen „zu nett, zu klein, zu brav“ (55) ist.

Er hat Recht. Auch ich stöhne schon oft früh morgens im Bad bei der Morgenandacht: „Nein, bitte noch schon wieder.“ Nicht selten denke ich in der Kirchenbank: „Und jetzt?“ Und ab und zu lege ich selbst das Mikrofon beiseite und frage mich: „Was hast Du denn jetzt gesagt?“


Erik Flügge weiß wovon er spricht. Er selbst hat einige Semester Theologie studiert hat und dazu noch den Jugendverbandskatholiszismus aufgesogen.
Flügge weiß aber auch, dass das Problem bei vielen Predigten nicht nur die Wortwahl, sondern der Inhalt ist. Die beste Rhetorik macht auch keine inhaltlose Predigt wett. Daher empfiehlt er neben Emotion und Pointiertheit eben auch Relevanz und theologische Substanz. Vor allem will er vor Vereinfachungen verschont werden. „Bitte ersparen Sie uns allen, die gesamte Komplexität von Alten und Neuen Testament auf den barmherzigen Samariter und die Formel ‚Gott ist die Liebe“ viel zu unterkomplex zu reduzieren.“ (72)

Dienstag, 31. Mai 2016

Katholikentage der Ungleichzeitigkeit

Der Katholikentag im säkularen Leipzig wurde immer wieder als Experiment bezeichnet, das dringend notwendig sei. Tatsächlich erzeugte das Aufeinandertreffen von Säkularismus und frommem theologischen Treiben immer wieder für Spannung. Schwierig war sie, wenn katholische Amtskirche im missionierenden Festgewand auf Stadt und Menschen herab sah. Fruchtbar hingegen, wenn Theologie und Kirche den Eindruck zuließen, andere Religionen oder gar die säkulare Welt hätten ihr durchaus etwas zu sagen – oder sogar Mut zur Leerstelle bewiesen.

Von Norbert Bauer

Eröffnungsgottesdienst Fronleichnam mit ca. 10 000 Menschen. Unter freien Himmel, mitten in der Stadt an einem normalen Arbeitstag in Leipzig. Erzbischof Dr. Heiner Koch braucht genau 30 Sekunden, um den fröhlich Versammelten und den Neugierigen in gedrechselten Worten zu sagen, wie schlecht sie sind: „Und immer wieder wird aus der Sehnsucht nach mehr eine Sucht: die Armut an Lebenssinn wird zur Gier nach Lebensmitteln, die Armut an Gewissheit zur Gier nach Sicherheit, die Armut an Anerkennung zur Gier nach Beifall. Und immer wieder dieser völlig überfordernde Glaube vieler Menschen, sie könnten ihren Hunger nach mehr selber stillen mit allen Konsequenzen: verhärtete Herzen, eine entsolidarisierte Ellenbogengesellschaft und Mauern, die Menschen abweisen.“

Montag, 28. März 2016

Lieber nicht an Gottes Stelle

Heinz Strunk, Emmanuel Carrère, Peter Esterhazy, Benedict Wells. Vier Autoren erzählen mehr von Gott als sich mancher Bischof in der Morgenandacht vorstellen kann.

 von Norbert Bauer

Mitte März hatte der Berliner Erzbischof Koch eine Woche lang im Deutschlandfunk jeden Morgen das Wort. Bei dieser Gelegenheit beschwerte er sich darüber, dass Gott heute in der Öffentlichkeit, vor allem in den Medien nicht mehr vorkommt. „Wenn in ihren zahlreichen Medien mit ihrem großen Einfluss auf das Denken und Empfinden der Menschen die Gottesrede faktisch verstummt, dann kann es nicht verwundern, dass auch im Leben vieler Zeitgenossen Gott an den Rand gedrängt wird und sie in den Glauben des Atheismus hineingeraten. Doch gerade in den Grundfragen des Lebens so manipuliert zu werden, widerspricht der Größe und Würde des Menschen.“ Nun hat man bei manch bischöflichen Worten schon den Eindruck, dass nur noch sehr klein von Gott gesprochen wird und gerade deswegen keiner mehr zuhört. Das das nicht so sein muss beweist, ein Blick in vier aktuelle Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt, bei denen Gott mehr ist als eine Hoffsümmer-Geschichte. 

Freitag, 25. März 2016

Wahrheit. Fragezeichen

Warum der Karfreitag eine Schutzimpfung gegen Fundamentalismus sein kann. Ein Plädoyer für Haltung, aber auch für den verpönten Relativismus.

Eine Predigt von Norbert Bauer

Auch an diesem Karfreitag denken wir an den gekreuzigten Jesus.
Ich kann aber heute nicht an diesen einen unschuldig getöteten Menschen denken, ohne auch zugleich an die zahlreichen ebenso unschuldig getöteten Menschen der letzten Tage denken. An die in Brüssel, in Instanbul, in Syrien oder auch an die in Jemen: dort wurden vor wenigen Tagen Nonnen und ihre Mitarbeiterinnen, die gemeinsam ein Behindertenheim betreuten von Dschihadisten erschossenen.
Auch diese Ereignisse bestimmen den Karfreitag 2016.

Dabei unterscheidet sich der Tod auf Golgatha in einem Punkt von den Toten in Belgien, Syrien oder Türkei.
Jesu Tod meinen wir erklären zu können. Mehr noch: Wir meinen ihn nicht nur erklären zu können, wir meinen sogar dem Sterben Jesu einen Sinn zusprechen zu können: „Er ist für unsere Sünden gestorben“ – „Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben“. Der Katechismus spricht gar davon, dass es Gottes Plan war, durch den gewaltsamen Tod Jesu Heil zu schaffen.

Ich will und kann heute nicht die aktuellen Gewaltopfer im Lichte der vermeintlichen Heilswirklichkeit des Kreuzesopfers betrachten.
Ich will aber trotzdem das Geschehen von damals mit dem Geschehen von heute zusammenbringen und dabei vor allem Pilatus in den Blick nehmen.

Freitag, 16. Oktober 2015

Katholischer Markenkern


Das Herrenmagazin Playboy gibt das Alleinstellungsmerkmal „Nacktheit“ auf. Männer im FAZ - Feuilleton sorgen sich angesichts der Familien-Synode um den Markenkern der katholischen Kirche.   

Von Norbert Bauer

Natürlich schütteln manche nachdenklich den Kopf über die Entscheidung des Playboys, ab kommenden März Frauen nur noch bekleidet abzulichten. „If you take nudity out, what‘s left?“ sorgt sich der verantwortliche Herausgeber des Herrenmagazins.

Besorgt sind auch manche Männer bei der FAZ, aber um eine andere männlich dominierte Institution: um die katholische Kirche. Ihre Führungskräfte verhandeln gerade in Rom um ihren vermeintlichen Markenkern: „Der Geschlechtsakt darf ausschließlich in der Ehe stattfinden; außerhalb der Ehe ist er stets eine schwere Sünde und schließt vom Empfang der Heiligen Kommunion aus“ (Katechismus der Katholischen Kirche 2390). Was bleibt, wird in der Zeitung angesichts der Synodendebatten fürsorglich gefragt, wenn die Kirche an diesem Prinzip rüttelt?
Feuilletonredakteur Christian Geyer beklagt (nicht zu unrecht) die pastorale Weichspülersprache der deutschsprachigen Synodenväter und formuliert seine Kritik entsprechend komplex: „Was soll man von einer Position halten, welche am liebsten den Pluralismus der Gesellschaft in der eigenen Position abbilden würde, die aber, wenn wissenssoziologische Analysen nicht täuschen, doch nur als eigensinnige, eben nicht-plurale Stimme eine Chance hat, im Orchester der Stimmen gehört zu werden?“ Trotz intensiver Meditation: Ich frage mich weiterhin, was eine „nicht-plurale Stimme“ sein soll? Vielleicht kann mir unser Kantor Auskunft geben. Ich ahne jedoch was Geyer sagen will: ganz im Sinne einer Beraterkultur muss die Kirche Dinge sagen, die sie von allen anderen unterscheidet. In Sachen Sexualität hat sie da ja einiges zu bieten. Aber muss sich die Kirche einer Unternehmungslogik anschließen, die ihre Markfähigkeit durch Alleinstellungsmerkmale zu verteidigen versucht? Verfällt so eine Kirche nicht der „Augenblicklichkeit des Zeitgeistes“, die Christian Geyer mit seinem Gewährsmann Ratzinger im selben Beitrag ablehnt?
Christian Geyer kritisiert die deutschsprachigen Kardinäle auch deswegen, weil sie alles „Normative, Negative, Anstößige“ aus dem Schlussdokument der Synode auszuklammern versuchen. Aber ist Anstößigkeit schon ein Qualitätsmerkmal kirchlicher Texte?

Mit Texten kennt sich auch Hans Ulrich Gumbrecht aus. Als Professor für Literatur wird er wissen, dass Bücher wie Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ oder auch das des aktuellen Preisträgers des Deutschen Buchhandels Frank Witzel mit dem unglaublichen Titel "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" von der Widersprüchlichkeit katholischer Existenz leben. Vielleicht warnt der in Stanford lehrende Gumbrecht deswegen auch in seinem aktuellen FAZ-Blog die Kirche davor, „ihre am deutlichsten aus der Lebenspraxis der Gegenwart ausscherenden Verschreibungen auch offiziell aufzuheben“. Warum auch? „Die liberal-engagierten Katholiken haben ja ohnehin seit Jahrzehnten bestimmte Freiheiten in ihrer privaten Lebensführung mehr oder weniger stillschweigend in Anspruch genommen. Diese bürgerlichen Freiheiten zu theologisch-institutionellen Positionen zu machen, bedeutete, jene Geschlossenheit gegenüber dem fortschreitenden Säkularisierungsprozess aufzugeben, welche wohl die besondere Faszination der katholischen Kirche ausmacht.“ Ja was würde bleiben von der katholischen Kirche, wenn der geschiedene Erzieher einer katholischen Kindertagestätte seine neue Partnerin heiraten könnte, der schwul lebende Priester seine Liebe nicht verstecken müsste und das wiederverheiratete Ehepaar zum Kommunionempfang nicht in eine fremde Gemeinde gehen müsste? Würde diese Kirche wirklich was verlieren, wenn Mitglieder und Mitarbeiter nicht verborgen stillschweigend, sondern selbstverständlich offen ihre Lebensform wählen könnten? „Verlöre die katholische Kirche ihre Sonderstellung als eine auf dem (angeblich) überzeitlichen Wort Gottes ruhende Institution?“

Donnerstag, 8. Oktober 2015

Prophet im Hier und Jetzt


Foto: PalFest/wikipedia.de
Henning Mankell ist gestorben. Mit der Religion tat er sich schwer, zumal mit der institutionellen. Doch auch Christinnen und Christen wird neben Kommissar Wallander auch Mankells Aufrichtigkeit fehlen. Ein Nachruf.

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen ist Henning Mankell gestorben. Er blickte mich an, melancholisch, die schlohweißen Haare wie so oft ein wenig zerzaust und hinten kragenlang, auf dem Nachruf-Bild der Tagesschau. Mankell hatte Lungenkrebs und eine Metastase im Nacken. Dem „Stern“ beschrieb er den Moment, nachdem sein Arzt ihm das alles erzählt hatte: „Meine Frau und ich fuhren mit dem Taxi nach Hause. An einer Kreuzung sah ich ein kleines Mädchen, sechs, sieben Jahre alt, sie hüpfte voller Freude in einer Schneewehe auf und ab. Ich dachte, dass ich so auch oft gehüpft bin. Und dass ich jetzt nicht mehr hüpfe. Dass jetzt nur noch sie hüpft. Dass sich mein Leben gerade fundamental verändert hat, für immer."

Montag, 25. Mai 2015

Spargel mit Orange

Ein pfingstlicher Kommentar zu einem absurden Vergleich in der Kölner Kirchenzeitung.

Von Norbert Bauer


In der Zwischenzeit  hat
sich die Kirchenzeitung nach Angeben des KSTA für den Artikel entschuldigt und den entsprechenden Beitrag von ihrer Homepage entfernt.

Es war ein schöner Abend. Geradezu pfingstlich. Es saßen Menschen bei uns am Tisch, die bisher noch nicht zusammen gesessen hatten. Sie verstanden sich auf Anhieb, obwohl sie aus den unterschiedlichsten Teilen der Republik stammen. Es waren zwar keine Parther, Meder und Elamiter anwesend, dafür aber Veganer, Pescetarier, Flexitarier. Zusätzlich zeigten die unterschiedlichsten Professionen (Kultur, Kirche und Karosserie) und die biographisch bedingten Erfahrungsdifferenzen beim European Song Contest (wie alt warst du bei „Ein bisschen Frieden“?) auch an diesem Abend, wie Vielfalt das Leben bereichert. Und die dargereichten Speisen demonstrierten: manchmal wächst zusammen, was erst mal nicht zusammengehört, wie z.B. Spargel und Orangen. Es wurde sogar am Abend eindrucksvoll das alte Dogma widerlegt, dass Riesling und Spargel sich nicht vertragen. Spontanvergorene Moselrieslinge harmonieren besser mit Spargel als jeder Silvaner. Die Zutaten waren also präsent, um die Tagesthemen Bundesligafinale, Kita-Streik und „Irland hat abgestimmt“ mit der notwendigen Pluralität zu diskutieren. Beim letzten Thema, der Zustimmung des katholischen Irlands zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften brachte einer der Anwesenden noch eine Außenperspektive mit ein: Den Kommentar der Kölner Kirchenzeitung zu einem anderen aktuellen katholischen Aufreger, bei dem der Autor Homosexualität und Ladendiebstahl miteinander vergleicht.

Freitag, 23. Januar 2015

Dass Du Dich selbst behauptest....

Es ist immer prekär als Nachgeborener aus dem Verhalten während des Nationalsozialismus Rückschlüsse zu ziehen. Da die Kirche aber mit der Seligsprechung Nikolaus Groß dies für sich reklamiert, lohnt ein Blick auf seine Biographie. Einige Gedanken über Dissens und Autonomie anlässlich des 70ten Todestags von Nikolaus Groß.
Nikolaus Groß


Von Norbert Bauer

Das kirchliche Gesetzbuch ist eindeutig: „Die Gläubigen sind verpflichtet, auch in ihrem eigenen Verhalten, immer die Gemeinschaft mit der Kirche zu wahren.“ (Can. 209 § 1) Wer das verinnerlicht hat, ahnt, dass Dissens und Autonomie keine Begriffe sind, die das Selbstverständnis von Kirche prägen.

In seinem Widerstand gegen den Nationalsozialismus waren diese Haltungen für Nikolaus Groß jedoch bestimmend. Für ihn und die vielen anderen Christen in den Widerstandsgruppen galt: sie handelten ohne kirchlichen Auftrag und Rückendeckung. „Im Hinblick auf die Position der Kirchenleitung sind die christlichen Widerstandskämpfer nicht aus einem Gehorsam, sondern aus einem Ungehorsam heraus in der Widerstand gegangen“, analysiert sein Sohn Alexander Groß treffend.

Montag, 3. November 2014

Ausgelacht


Ich habe mich als Christ noch nie vom Christen Wladimir Putin distanziert. Der muslimische Mitbürger hingegen ist  notgedrungen den ganzen Tag damit beschäftigt, sich von irgendetwas zu distanzieren. Jetzt muss er auch noch einem katholischen Kabarettisten auch noch seine Humorfähigkeit beweisen.

Von Norbert Bauer

Ich kenne Erhat Toka nicht. Aber alles was ich über ihn gelesen habe, deutet darauf hin, dass er ein Musterbeispiel an Integration ist. Er ist berufstätig, er beherrscht die Sprache seiner Heimat, hat eine Partei gegründet und weiß, dass man bei Konflikten den Rechtsweg einschlagen kann. Eigenschaften über die der gewöhnliche deutsche Hooligan nicht verfügt. Trotzdem steht er in der Kritik. Denn er hat Anzeige erstattet gegen Dieter Nuhr, einem deutschen Kabarettisten, der sich in seinem Programm auch kritisch gegenüber dem Islam äußert. Toka wirft Nuhr vor, unter dem Deckmantel der Satire eine „blöde, dumme Hetze“ gegen eine Minderheit zu betreiben. Dieter Nuhr muss sich aber keine Sorgen um sein Programm machen. Die Staatsanwaltschaft bestätigt zwar den Eingang der Strafanzeige, geht aber davon aus, dass wie in vergleichbaren Fällen das Verfahren wahrscheinlich eingestellt wird. Also eigentlich kein großer Grund zur Aufregung. Spätestens als am Dienstag, einen Tag nach dem der Fall bekannt wurde, sich der Zentralrat der Muslime von der Strafanzeige distanzierte, hätte man also den Fall ad acta legen können. Aber das scheint nicht jedermanns Interesse zu sein. So erschien am Donnerstag in Christ & Welt ein Beitrag von Willibald Pauels. „Lasst das Lachen zu!“ Und Pauels spielt das so beliebte „Muslim- bewähre-dich!“ Spiel.

Freitag, 17. Oktober 2014

man of the match

Theosaolon findet die Synode in Rom auch super. Vor allem weil Papst Franziskus nicht nur von Barmherzigkeit spricht, sondern gleich exemplarisch handelt. Das zeigt die Seligsprechung von Papst Paul VI.

Von Norbert Bauer

Ab und zu wird uns vorgehalten, allzu nörgelnd die kirchlichen Entwicklungen zu begleiten. Damit wird jetzt Schluss sein. Die Synode in Rom hat uns eines Besseren belehrt. Vor allem finden wir gut, dass der Papst mit den Kardinälen und Bischöfen nicht nur von Barmherzigkeit redet, sondern sie auch gleich Wirklichkeit werden lässt. Gleich zu Ende der Synode setzen sie ein Beispiel: Papst Paul VI. wird seliggesprochen. Ein wahrer Akt der Barmherzigkeit. Das ist so ähnlich als würde ein Spieler, der in der 90. Minute bei eigener 1:0 Führung den Ball unbedrängt ins eigene Tor schießt, anschließend zum „man of he match“ erklärt, nachdem das Spiel in der Verlängerung dann doch noch verloren wurde. Zu Erinnerung: Paul VI. war der Papst, der gegen die Mehrheit beratender Theologen und Bischöfe in der Enzyklika Humanae Vitae den ehelichen Geschlechtsverkehr ausschließlich für Fortpflanzungszwecke reservierte. Vielleicht wird der eine oder andere Synodenteilnehmer denken, den ganzen Stress müssen wir uns nur antun, weil Papst Paul VI unbedingt Pillen-Paul sein wollte. In einer anderen Organisation würde ein ehemaliger Chef mit so einer Wirkungsgeschichte nur als Fußnote in der Chronik auftauchen. Die Katholische Kirche ist da anders. Sie ist barmherzig und ehrt so eine Geschichte mit einer Seligsprechung.

Freitag, 29. August 2014

Im Zweifel für den Zweifel

Cover Single "Im Zweifel für den Zweifel"
Eigentlich müssten Theologen bei ihrer Rede von Gott besonders vorsichtig sein. Ein Tocotronic-Song erinnert sie an alte kirchliche Lehren. Eine Ansprache anlässlich eines Stellenwechsels.

Von Norbert Bauer

 

Beim ökumenischen Kirchentag in München vor vier Jahren wurde Podiumsdiskussion angesetzt, die sich der Herausforderung stellte, wie wir heute angemessen von Gott reden können. An einen Diskussionsbeitrag kann ich mich noch gut erinnern. Der Schriftsteller und Theologe Christian Lehnert berichtete von einem Besuch mit dem Komponisten Hans Werner Henze in einem Gottesdienst. Beim Rausgehen meinte der Musiker zum Theologen: „Ihr tut immer so, als hättet ihr etwas von Gott verstanden.“
 

Was für eine kluge Beobachtung. Dabei wissen wir so wenig über Gott. Keiner müsste das besser wissen, als wir Theologen, was ja eigentlich ein Paradox ist, denn in dem Wort Theologie steckt ja genau das drin: Die Theologen sind die, die für Gott - „Theos“ –Worte - „Logoi“- haben sollten. Wir Theologen müssten am besten wissen, wie unsicher immer eine Rede von Gott ist, haben wir doch alle einer der wichtigsten Lehren der Dogmengeschichte gelernt: „Zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man keine so große Ähnlichkeit feststellen, daß zwischen ihnen keine noch größere Unähnlichkeit festzustellen wäre.“ Dieser Satz vom IV Laterankonzil aus dem 13. Jh, ist das Vorzeichen vor jedes Gottesrede. Wenn wir von Gott reden, müssen wir uns bewusst sein, dass wir mit unseren Worten über Gott und von Gott immer auch daneben liegen können, dass unsere menschlichen Worte für Gott ihm unähnlicher sind, als ähnlich. Dies ist jetzt kein Geheimwissen für uns Theologen, es ist die Richtschnur für jeden Katholiken, steht dieser Satz ja auch im katholischen Katechismus. Ich bin immer skeptisch, wenn Menschen sagen, sie hätten Gott verstanden. Ebenso skeptisch bin ich, wenn Menschen vorgeben, sie wüssten genau, was Gottes Wille ist.

Skeptisch bin ich daher weiterhin, wenn behauptet wird, Frauen könnten keine Priesterinnen werden und die Begründung auch noch lautet: Wir dürfen Frauen nicht zu Priesterinnnen weihen, weil Gott das nicht will. „Der Ausschluß von Frauen vom Priesteramt steht in Übereinstimmung mit Gottes Plan für seine Kirche".(Ordinatio sacerdotalis) Woher wollen wir wissen, dass es tatsächlich Gottes Plan bzw Wille ist, dass Frauen keine Priesterinnen werden können?


Einer der ersten Theologen, die wir kennen, ist sich der Unschärfe der Gottesrede bewusst gewesen: der Apostel Paulus. In seinen Briefen, die er an die unterschiedlichen Gemeinden geschickt hat schreibt er viel über Gott. Aber ab und zu scheint er mit dem Schreiben inne zu halten und sich zu bremsen. „Hier spricht jemand von Herzen, überstürzt und wie ins unreine, er korrigiert sich und treibt dann alles ins unreine weiter.“ (Christian Lehnert) So wie eben im vorgetragenen Römerbrief. „Denn wer hat die Gedanken des Herrn gekannt? Wie unergründlich sind seine Wege?“Röm 11,33 In diesem Text gibt es mehr Fragen als Aussagesätze. Es lohnt sich bei der Bibellektüre darauf zu achten, wie oft in der Bibel Fragen gestellt werden, und dass längst nicht alle beantwortet werden. So lässt Jesus Pilatus mit seiner Frage: „Was ist Wahrheit?“ einfach alleine zurück. Und die quälende Frage Jesu am Kreuz: „Warum hast Du mich verlassen?“ bleibt auch ohne Antwort.


Als ich mich nach meinen Theologiestudium in Frankfurt und Bonn beim Erzbistum Köln bewarb, musste ich mein Selbstverständnis für diesen Beruf formulieren. Damals schrieb ich, dass ich meine Aufgabe nicht darin sehen würde, den Menschen in den Pfarrgemeinden Antworten vorzulegen, sondern vielmehr zusammen mit ihnen die Frage nach Gott zu stellen und offen zu halten. Das ist bis heute meine Überzeugung geblieben und ich hoffe, das war auch in den letzten vierzehn Jahren meines Wirkens hier vor Ort spürbar. Ich habe versucht, mein Handeln vor Gott, mein Reden vor Gott immer als Fragender zu tun. Mein Glaube an Gott stellt mich immer wieder vor neue Fragen: als Mensch, als Christ - aber besonders auch als Theologe. Ich bin davon überzeugt, dass wir diese Fragen stellen und immer wieder neue Antworten suchen müssen. 


Manchmal müssen wir auch aushalten, dass wir keine Antwort auf unsere Fragen finden. Dann kommt der Zweifel zu seinem Recht. Ohne Zweifel droht Glaube immer in Fundamentalismus zu kippen. „Im Zweifel für den Zweifel“ hat die Hamburger Pop Band Tocotronic diese manchmal anstrengende Grundhaltung beschrieben.
 

In den zurückliegenden Jahren habe ich mich immer dafür eingesetzt, dass St. Agnes und auch St. Gertrud ein Ort für Kunst und Kultur ist. Zusammen mit dem Literaturkreis und dem Kunstkreis habe ich nie darauf geachtet, ob der Schriftsteller oder die Künstlerin fromm ist. Das war nicht unser Kriterium. Ein Grund dafür liegt in meiner Grundüberzeugung von der Gottesrede. Wir Christen, wir, die wir glauben können, dürfen nicht unter uns bleiben. Wir dürfen uns nicht mit unseren Gewissheiten und unseren Gewohnheiten einigeln, denn sonst laufen wir Gefahr, dass unsere Rede von Gott zu klein wird, zu routiniert. Unser Reden und Denken von Gott muss ab und zu verunsichert werden – so können wir seiner Größe gerecht werden.

Dienstag, 1. Juli 2014

Wenn ich Freiheit sage


Anlässlich aktueller Arbeitspapiere aus Rom begeht der Autor einen persönlichen Tabu-Bruch: Er empfiehlt die FDP.

Von Norbert Bauer


Manchmal habe ich die Sorge, dass ich in einen Text hineingehe und als jemand anderes herauskomme. So treibt mich dieses Mal um, nachher als FDP-Sympathisant gegrüßt zu werden, obwohl ich diese Partei noch nie gewählt habe. Mein Vater wohl auch nicht. Aber ich werde dieses Mal viel über Freiheit, bürgerliche Rechte, Liberalität und Selbstbestimmung schreiben, alles Schlagwörter, die zumindest im Parteiprogramm und auf Wahlplakaten der FDP populär sind. Auch alles Begriffe, die beim Tabu-Ratespiel dem Kandidaten helfen würde, den Begriff „westliche Gesellschaft“ zu umschreiben. Aber der Westen steht mit seinen (oft nicht eingelösten) Werten am Pranger. So empfahl sich Putin im Dezember bei einer Rede an die Nation als Schirmherr „traditioneller Werte“, da „in vielen Ländern heute die Normen von Moral und Sittlichkeit umgekrempelt werden.“ Noch radikaler ist die nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Der Name ist Programm und bedeutet in örtlichen Dialekt schlicht „Westliche Bildung ist eine Sünde".
In die Reihe der West-Kritiker reiht sich auch der Vatikan ein, aktuell mit DIE PASTORALEN HERAUSFORDER-UNGEN IM HINBLICK AUF DIE FAMILIE
IM KONTEXT DER EVANGELISIERUNG, einem Papier, mit dem sich die Bischöfe auf die außerordentliche Synode vorbereiten sollen.