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Mittwoch, 9. Oktober 2024

Nur als Stempel spüre ich mich noch

Kirche im Modus des Stempelns: Eine Kirche, die die überschäumende Zuwendung Gottes in der Welt nicht mehr darstellen kann oder will - mit anderen Worten: nicht sakramental greifbar macht - ist vor allem eins: unglaubwürdig. 

Von Peter Otten

Gestern schickte mir eine bestürzte Mutter den Anmeldezettel zur Erstkommunion ihres Kindes in einer westdeutschen Gemeinde. Am Schluss des Dokuments unterschreibt sie, dass sie über die "verbindlichen Elemente der Erstkommunion informiert worden" sei. Insbesondere auf die Teilnahme an den Messfeiern und Wortgottesdiensten sei hingewiesen worden. "Die Erinnerungen an die Gottesdienste werden in einem Stempelheft der Kinder gesammelt. Darüber hinaus ist uns bewusst, dass nur dann eine ausreichende Vorbereitung auf die Erstkommunion erfolgt ist, wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind." Beim Lesen kam mir für einen Moment mit einer Spur Ironie in den Sinn, es könne nur wirklich kein Zufall sein, dass ich gerade vor wenigen Minuten einen Kaufvertrag für einen neuen Geschirrspüler unterschrieben hatte.

Montag, 9. September 2024

KRIEG UND WÄSCHE - eine Verheißung


Gedanken zur Eröffnung der Multimedia-Installation „KRIEG UND WÄSCHE von Christiane Rath am 7. September 2024 in St. Gertrud

Von Peter Otten

Als ich ein Kind war, lebte meine Großtante mit Herrn Rindermann zusammen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin gewesen. Und was vielleicht nur wenige wissen: Es gab eine Zeit, in der Lehrerinnen nicht heiraten durften. Nach außen diente meine Großtante Herrn Rindermann als eine Art Gesellschafterin. Herr Rindermann hatte keine Haare mehr auf dem Kopf. Und für diesen Umstand hatte er eine Erklärung, die mir, dem kleinen Jungen, gleichsam plausibel und rätselhaft erschien: Sie seien fortgeweht worden, als er bei einer Zugfahrt den Kopf aus dem Fenster gehalten habe. Herr Rindermann war Soldat im ersten Weltkrieg gewesen. In meiner Erinnerung war er der erste Mensch, der den Krieg in mein Kinderleben brachte. „Weltkrieg“, das klang bedrohlich, geheimnisvoll und unwirklich, als ich vor meinem Stück Sonntagskuchen auf dem dick gepolsterten Canapé gesessen bin.

Mittwoch, 12. Juni 2024

Losverfahren für mehr Beteiligung? Eine Einordnung

Foto: brit berlin / pixelio.de
Losverfahren sind „organisierter Zufall. Sie hängen maßgeblich
von Entscheidungen im Vorfeld ab.
Wenn das Erzbistum Köln nun mit stärkerer Beteiligung wirbt, bleibt die Frage, um wessen Beteiligung es hier eigentlich geht.

Von Jonas Maria Hoff

Das Erzbistum Köln stellt seinen Diözesanpastoralrat neu auf und greift dazu auf ein ungewöhnliches Entscheidungs- und Auswahlformat zurück: das Losverfahren. Dabei hat sich das Erzbistum – der eigenen Pressemitteilung zufolge – von Bürgerräten inspirieren lassen, die in verschiedenen Demokratien zu Beratungszwecken eingesetzt werden. Auch in Deutschland hat es jüngst einen solchen Bürgerrat zum Thema Ernährung gegeben. In diesem Gremium haben ausgeloste Büger:innen zu grundlegenden Fragen der Ernährung beraten und Handlungsempfehlungen für den Deutschen Bundestag beschlossen. Das Erzbistum Köln übernimmt nun nicht nur den Los-Mechanismus, sondern auch die zentrale politische Begründung für Losverfahren. Es gehe um „stärkere Beteiligung“.

Mittwoch, 27. März 2024

Die Banalität des Heils

Screenshot: Peter Otten
Wir dürfen gerade in der Kirche der Banalität des Bösen nicht die Banalität des Heils entgegensetzen. Denn Gott und mit ihm alles, was lebt können verschwinden. Gedanken zum Karfreitag.

Von Peter Otten

Ein Häftling im KZ Auschwitz hat Hedwig Höß ein Wäschebündel gebracht. Die Wäschestücke werden auf einem Tisch ausgebreitet. Die Bediensteten, allesamt ebenfalls Häftlinge greifen schweigend zu. Ein Pelzmantel wird in ihr Ankleidezimmer getragen. Hedwig Höß, die Frau des Lagerkommandanten des KZ Auschwitz, schlüpft hinein. Die Kamera beobachtet, wie sie sich ein wenig ungelenk vor dem Spiegel hin- und herdreht. In der Tasche findet sie einen Lippenstift. Später wird sie sich mit diesem Lippenstift ihre Lippen färben; die Farbe später wieder mit einem Taschentuch abwischen. Den Pelzmantel wird sie einer ihrer namenlosen Bediensteten in die Hand drücken. Sie möge ihn reinigen und einen losen Saum wieder richten, wirft sie ihr im Vorbeigehen zu. 

Eine Szene aus dem Film „The Zone Of Interest“ des britischen Regisseurs Jonathan Glazer. Vor ein paar Wochen ist er mit fünf Oscars ausgezeichnet worden.

Montag, 6. März 2023

Wenn uneingestandene Ohnmacht verführbar macht

Screenshot: Peter Otten
Bei Abstimmungen in der Synodalversammlung des Synodalen
Weges haben namentliche Abstimmungen Vorfahrt gegenüber geheimen. Aber ist das auch rechtens? Anmerkungen vor der V. Vollversammlung

Von Georg Bier

In wenigen Tagen kommt der Synodale Weg zu seiner letzten Vollversammlung zusammen. Unter anderem soll über zehn Grund- und Handlungstexte abgestimmt werden. Dabei könnte, wie Beate Gilles, die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) auf der Abschlusspressekonferenz der Frühjahrs-Vollversammlung auf Nachfrage mitteilte, erneut das Verhältnis zwischen geheimen und namentlichen Abstimmungen zum Thema werden.

Donnerstag, 12. Mai 2022

Hören wir auf, einander das Wasser aufzudrehen

Foto: Peter Otten
Unglaublicherweise beginnt im Augenblick der Katastrophe die
Geschichte der Freiheit. Gott sagt: Nie wieder. Nie wieder Flut. Nie wieder Wasser. Nie wieder Verderben. Gott ist nicht dieser kleingeistige Kontrolletti-Gott, von dem vielleicht manche Menschen träumen. Machen wir Schluss mit den Flutgeschichten.

Gedanken zu Gen 9, 1.8-17 beim Segungsgottesdienst am 11. Mai 2022 in St. Agnes

Von Peter Otten

Es gibt wenig Schlimmeres, als sein Liebe verheimlichen zu müssen. Ich weiß ein bisschen was davon, denn ich habe meine Frau, weil sie geschieden ist, erst nach fast acht Jahren heiraten können. Und mittendrin ein vierjähriger würdeloser Eheannullierungsprozess. Das war unsere Flutgeschichte. Die alles mit sich gerissen hat.

Lesbische und schwule Paare, queere Paare, ohne Sanierung durch die Kirche zusammen lebende geschieden wiederverheiratete Paare müssen sich von der Kirche sagen lassen, sie lebten in einer widernatürlichen oder sündigen Beziehung. Allein das Wort! Widernatürlich! Die Folge davon sind doch Flutgeschichten. Leben im Untergrund. Prekäres Leben. Angst vor Jobverlust etc.

Menschen, Theologinnen und Theologen, Bischöfe und Priester scheinen genau zu wissen, wer Gott ist, was er verachtet und was er mag, was ihn sauer macht oder froh. Und viele von ihnen sagen etwas gestelzt, "praktizierte Homosexualität" beispielsweise sei etwas, was Gott ein Gräuel sei. Und sie berufen sich auf bestimmte Passagen des Alten Testamentes. Und erzeugen auch damit Flutgeschichten der Verachtung, der Verletzung und der Respektlosigkeit.

Samstag, 11. Dezember 2021

Käsebrot und Pfirsischkernfleck

Nicht die Tatsache, dass an der Spitze der amtlichen katholischen Kirche Verantwortliche Verbrechen vertuscht haben und womöglich noch vertuschen überrascht mehr. Monströs ist, dass Menschen, für die Vertuschen gesund ist an nichts mehr glauben. Eine Kirche der Nihilisten aber braucht niemand.

Von Peter Otten

Die Recherche im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" endet mit einer bizarren Szene. Reporterinnen und Reporter stören eine Person, von der sie schreiben dürfen, dass sie auch unter Marx und Ackermann "ein ranghohes Mitglied des Bistums" war, beim Essen eines Käsebrots und beim Schauen eines Tierfilms. "Vertuscht haben wir" sagt die Person und lacht dazu. Vertuschen sei nichts Schlechtes, Vertuschen sei auch "gesund", es müsse nicht immer alles rauskommen. Und dann erläutert die Person, man habe die Akten der Priester nach ihrem Tod quasi gesäubert. Man sei sehr gründlich vorgegangen. Man habe sich die Akte angesehen und das Schlimmste herausgenommen, bevor sie ins Archiv gewandert sei. "Die Person im Wohnzimmer lacht ein bisschen über die eigene Teufelskerlhaftigkeit. Dann hält sie inne und fragt: "Aber das sagen Sie keinem, oder?"

Es ist nicht so, dass mich die Tatsache, dass an der Spitze der Amtskirche systematisch Verbrechen vertuscht worden sind noch überrascht. Die Monströsität dieser Szene überwältigt mich trotzdem. Denn diese Person, die in der Szene beschrieben wird eiht sich ein in die Schar von Stasi-Offizieren oder anderer willfähriger Stützen und Teile totalitärer politischer Systeme. Vertuschen ist gesund. Was für ein gruseliger schlimmer Satz. Für wen? Für was ist Vertuschen gesund? Doch nur für etwas, das Menschen wie diese Person als eine Art Kirchenvolkskörper zu betrachten scheinen. Vertuschen ist gesund. Sorry, aber das ist Nazi-Sprech.

Donnerstag, 5. August 2021

Am Anfang war mal das Wort

Screenshot: Peter Otten
Das Erzbistum Köln möchte nicht mehr länger sieben Vertragsbüchereien mitfnanzieren. Das finanzielle Risiko sei zu groß, heißt es. Ich finde diese Haltung verhängnisvoll. War nicht am Anfang von allem das Wort? Und eine Kirche, die nur noch sät, wo sie mit Sicherheit erntet - wofür ist sie noch gut?

Von Peter Otten

Vor ein paar Jahren habe ich einen Schrifsteller beerdigt. Sein Lebensgefährte erzählte beeindruckend von dem langen Weg, den er zurück gelegt hatte, bis er sich traute, Zeit in seine Berufung zu investieren. Er berichtete von der Leidenschaft des Verstorbenen für das Wort. Für Wörter, Sätze und Bilder. Fürs Schreiben. Für das Erfinden von Geschichten.

Damals habe ich im Gottesdienst den Johannesprolog gelesen: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." In dem Gespräch mit dem Lebensgefährten des Schriftstellers hatte sich mir nämlich die Kraft dieses Gedankens neu erschlossen. Alles beginnt mit einem Wort, so dachte ich auf einmal. Alles beginnt damit, dass ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Bild losgelassen wird. Die erste Perle einer Geschichte. Verborgen darin die Haltung, das, was in mir ist nicht festzuhalten, sondern freizugeben, damit es woanders wieder neue Verbindungen schafft. Am Anfang der Lebendigkeit steht also das Wort. Das war das Thema des Verstorbenen gewesen, um das er lange gerungen hatte. Das ist aber auch der Pulsschlag dessen, was wir Offenbarung Gottes nennen. Das Offenbarwerden des Heils Gottes ist ohne die Erzählung, ohne das Erzählen nicht denkbar.

Samstag, 5. Juni 2021

Apostolische Visitation - das katholisch Normale im Außergewöhnlichen

Für wen ist die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln eine Chance? Norbert Lüdecke mit
Antworten.

Von Norbert Lüdecke 

Der Papst hat eine Apostolische Visitation des Erzbistums Köln angeordnet. Mit der Durchführung hat er einen Kardinal und Erzbischof aus Schweden sowie einen Diözesanbischof und Vorsitzenden der Niederländischen Bischofskonferenz als Visitatoren betraut. Sie sollen sich „ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum verschaffen und gleichzeitig eventuelle Fehler Seiner Eminenz Kardinal Woelkis, sowie des Erzbischofs von Hamburg S.E. Mons. Stefan Heße, als auch der Herren Weihbischöfe, S.E. Mons. Dominikus Schwaderlapp und Mons. Ansgar Puff im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs untersuchen“. In der Tat kein alltäglicher Vorgang. Aber wer sich jetzt in voreiliger Schadenfreude ergeht und das Ende der Amtszeit des Kölner Kardinals samt Entourage erwartet, übersieht – selbst wenn es so käme – wieder einmal gut katholisch, dass gerade das Außergewöhnliche an diesem Vorgang das Gewöhnliche ist, in dem sich das katholische System bestätigt.

Mittwoch, 7. April 2021

Glaube ist vernünftiges Vertrauen – Das Credo von Hans Küng

Foto: Salvador Garciá Bardón
Viele Theologen haben den Versuch gemacht, das Glaubensbekenntnis auszulegen. Ein besonders prominenter Versuch ist der des katholischen Theologen Hans Küng. 1992 veröffentlichte er sein Buch „Credo – Das ApostolischeGlaubensbekenntnis – Zeitgenossen erklärt.“ Viele Menschen wollten heutzutage glauben, aber so, wie im Mittelalter oder in der Reformationszeit könnten sie es nicht, stellte Küng damals fest. Ihm ging es, ermutigt durch die Öffnung der katholischen Kirche zur Welt im Zweiten Vatikanischen Konzil um die Frage, wie Gottesglaube einerseits sowie die Erkenntnisse der Humanwissenschaften und der Naturwissenschaften andererseits sinnvoll zusammengedacht werden können. Ein Thema, dem Küng in seiner gesamten Forschung verpflichtet blieb.

Von Peter Otten

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ Dieses Zitat Dietrich Bonhoeffers gefällt Hans Küng. Weil es für ihn eine der wichtigsten Erkenntnisse enthält: Gott ist kein Gegenstand, der der menschlichen Vernunft so ohne weiteres zur Verfügung steht. Gott ist unendlich, daher nicht greifbar und auch nicht begreifbar. Küng hält es da lieber mit Immanuel Kant: Gott ist keine Frage der theoretischen, sondern der praktischen Vernunft, was bedeutet: Gott ist zwar nicht beweisbar, aber es ist andererseits nicht unvernünftig, an ihn zu glauben:

"Ich kann den Sinn des Lebens nicht beweisen. Ich kann nicht den Sinn der Freiheit beweisen. Darum können wir auch Böses tun, nicht nur Gutes. Das sind grundlegende Zweifel, wo ich dann geantwortet habe mit dem Begriff eines vernünftigen Vertrauens (…) etwas, das mich bis heute trägt, wofür ich keine mathematisch-naturwissenschaftlichen Beweise habe für das, was ich glaube. Wohl aber viele Gründe, wonach ich meine, es kommt nicht alles aus dem Nichts und geht ins Nichts und so weiter."

Montag, 29. März 2021

Ecce homo! Missbrauchsgutachten: Schuld und Sühne nach Aktenlage

Christuskopf (Auswahl Drei, Kolumba. Repro: Peter Otten)
Christuskopf. (Kolumba, Auswahl Drei; Repro: Peter Otten)

Ein Jahr lang waren es die verbotensten 500 Seiten im
Erzbistum Köln, jetzt können sie 90 Minuten lang unter Aufsicht durchgeblättert werden: Das Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl (WSW) zum Umgang der Hierarchie mit sexualisierter Gewalt von Klerikern an Kindern und Jugendlichen. Christian Linker hat sich das Kölner Daumenkino in Spielfilmlänge angeschaut und ist auf interessante Nebenbefunde gestoßen.

Von Christian Linker

Joachim Kardinal Meisner betonte gern, dass die christliche Botschaft nicht abstrakt, sondern im Gegenteil sehr konkret und handfest sei. „Das Evangelium“, pflegte der frühere Kölner Oberhirte gern zu sagen, „beginnt mit schmutzigen Windeln und endet mit blutigen Laken.“

Kaum irgendwo scheinen Blut und Schmutz weiter weg als im Dreikönigssaal des Kölner Maternushauses, wo sich zehn Lesetische zwischen hohen Spuckschutzwänden verlieren. Unter der Aufsicht eines Wachmannes in Security-Montur liegt das verbotene Gutachten zur Einsichtnahme bereit – und direkt daneben, zum Vergleich, das kurz zuvor veröffentlichte Gutachten aus dem Hause Gercke/Wollschläger (GW). Beides sind natürlich juristische Texte, sogar Meta-Texte gewissermaßen, denn sie handeln nicht von Personen, sondern von Personalakten, die über jene Personen geführt wurden, welche wiederum an anderen Personen Verbrechen verübt haben. Von den Betroffenen aus gesehen ist das die Meta-meta-meta-Ebene. Und wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird.

Richtige Antworten auf die falsche Frage

Im Vergleich beider Gutachten zeigen WSW deutlich mehr Empathie, und das war offensichtlich ihr Fehler. Das Münchner Team (klingt fast, als schreibe man über eine Tatort-Folge) referiert weitgehend dieselben Vorgänge, liefert aber gleich die Interpretation mit. Wenn es über einen Spitzenfunktionär des Erzbistums heißt, er gäbe sich mit halbherzigen Maßnahmen zufrieden, über einen anderen, er sei nicht einsichtsfähig, während einer dritten Person ein totalitärer Leitungsstil attestiert wird, sind die Grenzen der rein juristischen Begutachtung überschritten, das steht außer Frage. Dennoch präsentieren WSW eigentlich genau die Erkenntnisse, die das Bistum jetzt bräuchte, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Problem ist nur: danach hatte Erzbischof Rainer Kardinal Woelki gar nicht gefragt. Letztlich aber liefern WSW auch bloß diejenigen Antworten, die sich bei Lektüre des GW-Gutachtens ebenso aufdrängen. Ja, vielleicht ist es gerade die Stärke von Gercke/Wollschläger, dass in der Nüchternheit der Darstellung die menschlichen Abgründe zwischen den Zeilen nur noch tiefer klaffen.

Dienstag, 9. Februar 2021

Woelki-Gate oder Kurien-Gate?

Schon seit 2001 und nicht erst seit 2020 waren Ortsbischöfe verpflichtet, Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs durch Kleriker unabhängig vom Ergebnis der Voruntersuchung nach Rom zu melden. Es nun anders darzustellen entlarvt die angeblich so konsequente Missbrauchsbekämpfung durch Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus als Mythos und Fake.

Von Norbert Lüdecke

Laut Medienberichten hat die Bischofskongregation das Vorgehen des Erzbischofs von Köln, einen erwiesenen Fall von Missbrauch nicht der Glaubenskongregation zu melden, für kirchenrechtskonform erklärt. Es sei vielleicht unklug gewesen, eine Rechtspflicht zur Meldung gebe es aber erst seit 2020.

Moment - wie lautet noch mal das Mantra der römischen Missbrauchsbekämpfung? Der Heilige Stuhl sei auch der Kirche in Deutschland immer weit voraus gewesen. Auf Betreiben von Kardinal Ratzinger hat Papst Johannes Paul II. mit Sondernormen aus dem Jahre 2001 hart durchgegriffen: Weil die Bischöfe in der Verfolgung dieser Taten versagten, entzog er ihnen die strafgerichtliche Zuständigkeit dafür und stellte ihr Handeln unter die vorgängige Kontrolle der Glaubenskongregation. Dazu verfügte er u. a., die Diözesanbischöfe müssten, sooft sie „wenigstens eine wahrscheinliche Kenntnis“ von einer solchen Tat haben, „dies der Kongregation für die Glaubenslehre mitteilen, sobald die Vorerhebung durchgeführt wurde“ (Art 13, 2001). Auf der Grundlage dieser Meldung würde die Kongregation dann über das weitere Vorgehen entscheiden. Das war unzweideutiger Klartext: Jedem auch nur wahrscheinlichem Verdacht ist durch eine Voruntersuchung nachzugehen, anschließend ist zu melden, unabhängig vom Ergebnis. Punkt. Aus. Ende. Und das war auch gut so – denn nur so konnte eine Kontrolle der bislang säumigen oder fahrlässigen Bischöfe funktionieren.

Montag, 11. Januar 2021

Zwischen den Jahren

Foto: Peter Otten
 Wenn es um die Vernuft herum in der Kirche einsam wird ist
es schön, einen Hund zu haben. Beitrag zum Preacher-Slam am 10. Januar in der Karl-Rahner-Akademie.

 

Von Peter Otten

„Du“, fragt mich mein Hund plötzlich unvermittelt. „Was bedeutet eigentlich „Zwischen den Jahren“?

Ich bin mit meinen Gedanken gerade woanders. Und starre jetzt doch auf den Hund, der unter dem Schreibtisch liegt.

„Was ist los?“

„Na ja, was bedeutet „Zwischen den Jahren“? Du hast doch neulich auf der Straße deinen Friseur gefragt, ob er „zwischen den Jahren“ geöffnet hat. Ich dachte bislang immer: ein Jahr geht zu Ende und ein anderes fängt an.“

Okay, Hunde sind im allgemeinen kluge Tiere. Das ist bekannt. Aber manchmal übertreiben sie einfach. Und dann schlägt ihr Verhalten ein bisschen zu sehr ins Klugscheißerische. Ich schaue unter meinen Schreibtisch, wo der Hund gewöhnlich liegt und hätte mich nicht groß gewundert, wenn er mit einer lässig auf der Hundenase balancierten Lesebrille über die Gläser hinweg mich angeschaut und dabei in der FAZ geblättert hätte.

Samstag, 12. Dezember 2020

Wir sind keine Jakobiner

Wir sind keine Jakobiner. Wir lieben das Evangelium. Mein
Statement bei der Digitalen Domdemo am 12. Dezember.

Von Peter Otten 

Vor einigen Tagen hat mich ein Mensch aus der Agnespfarrei gefragt: Ich frag mich Wie wollt ihr eigentlich Weihnachten feiern und ein Kind in die Krippe legen, wenn man an eurem Umgang mit den Verbrechen sexueller Gewalt in der Kirche ablesen kann: Die können und wollen das Kind gar nicht schützen?

Diese Frage ist berechtigt. Ich stelle sie mir auch.

Mittwoch, 7. Oktober 2020

Du sollst deinen Superspreader lieben wie dich selbst

Foto: Peter Otten

Was kommunizieren Gesellschaften, die andere zum Gegner
erklären und gleich das ganze Land zum Risikogebiet? Was passiert in Schulen und Kirchen, in denen der Nächste nicht mehr der Nächste ist, sondern einer, der möglicherweise krank macht? Schon länger finden an vielen Stellen semantische Verschiebungen statt - mit beachtlichen Folgen. In der Corona-Pandemie verschärfen sie sich. Theologie, Kirche und Seelsorge hätten dazu einiges zu sagen.

Von Peter Otten

Ein Einschulungsgottesdienst nach den Sommerferien. Wegen Corona findet er auf dem Schulhof statt. Eine beeindruckend ernsthafte und doch fröhliche Feier. Zu Beginn spricht ein Lehrer zu einer neuen Schülerin. Er bittet sie, eine Maske aufzusetzen. Das Kind ist offensichtlich erschrocken. Der Lehrer wiederholt seine Bitte. Das Klind bleibt starr und schweigt. Mir wird klar: Es hat den Lehrer nicht verstanden. Er trägt ja eine Maske, und offensichtlich ist es für das Kind schwer, das Gesagte zu entschlüsseln - so ganz ohne die Bewegungen des Gesichts, ohne die Bewegungen von Mund und Lippen. Das Kind beginnt zu weinen. Die Mutter läuft herbei, nestelt eine Maske aus der Tasche, gibt sie dem Kind. Nimmt das Kind in den Arm.

Ein Gespräch mit Eltern. Darunter ein Lehrer. Er hat nach den Ferien eine neue Klasse übernommen. In der Klasse tragen ale Fünftklässler eine Maske. Die Schule hat sich freiwillig darauf geeinigt. Der Lehrer sagt, er sei eines Tages mit allen Kindern während einer Unterrichtsstunde auf den leeren Schulhof gegangen. Dort hätten alle Kinder die Masken abgenommen. Er habe endlich mal alle Kinder wahrgenommen und zum ersten Mal in alle Gesichter geschaut. Er habe ja gar nicht gewusst, wer sie wirklich seien.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Ich setzte den Fuß in die Luft. Und sie trug


Foto: Peter Otten
Den Fuß in die Luft stellen und merken: Sie trägt. Darin ist Maria Magdalena ein Vorbild für Frauen und Männer zugleich. Eine Text darüber, dass Vertrauen lohnt. Wir dokumentieren die Predigt, die Friederike Cremer im Gottesdienst zum Fest Maria Magdalena am 20. Juli in St. Agnes gehalten hat

Von Friederike Cremer


Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.

Diesen Satz schrieb die Dichterin Hilde Domin in einem Brief an ihren Bruder. Es ist nicht klar, ob sie ihn auch abgeschickt hat. Dieser Satz stammt aus einer für Hilde Domin sehr dunklen Zeit. Sie fühlte sich nach dem Tod ihrer Mutter von allen allein gelassen. Sie geriet in eine tiefe Krise. Die Gedichte, die wie sie schreibt, zu ihr kamen, haben ihr geholfen, da rauszukommen. Sie setzte damit ihren Fuß in die Luft, und sie trug.

Ich habe diesen Satz vorletzte Woche in einem Impuls gehört und er hat mich sofort getroffen, berührt, ja fasziniert, ohne den Hintergrund des Satzes zu kennen.

Ich setzte den Fuß in die Luft, / und sie trug.

Wann habe ich einen Schritt ins Ungewisse getan? Wann bin ich weiter- oder losgegangen, obwohl ich den Weg nicht sehen konnte oder befürchtete, ins Leere zu treten? Wann hat sich dieser Mut gelohnt? Und wie passend ist, wie ich finde, dieser Satz mit Blick auf Maria Magdalena. Mit diesem und noch einen anderen Satz habe ich mich Maria Magdalena genähert.

Dienstag, 26. Mai 2020

"Ich kann es nicht mehr verantworten"

Foto: Peter Otten
Doris Bauer wohnt im Kölner Agnesviertel. Sie ist seit vielen Jahren ein wichtiger Mensch in der Agnespfarrei. Als Lektorin, Kantorin und Kommunionhelferin ist sie ein sichtbarer Teil in der Verkündigung der frohen Botschaft. Sie hat Maria 2.0 in St. Agnes mit auf die Welt gebracht. Ende des Monats wird sie aus der Kirche austreten. Wir dokumentieren den Text, in dem sie ihre Gründe darlegt. Denn wir denken: Dieser Text ist ein wichtiges Zeugnis für das, was gerade überall in vielen Gemeinden passiert: Es gehen nicht mehr die partiell Identifizierten oder die Uninteressierten. Die Erosion hat längst die Herzkammer der Kirche erreicht. Insofern macht der Text sehr deutlich, welcher spirituelle und menschliche Verlust schon längst voll im Gang ist.

Beweggründe für meinen Austritt aus der römisch-katholischen Kirche 

Dank, Ausblick und Wunsch für die Kirche von Morgen

Von Doris Bauer

Es war ein längerer Prozess, in dem ich mit dieser Entscheidung gerungen habe. Durch meine intensive Auseinandersetzung in den vergangenen zwei Jahren mit den Haltungen und mit dem Umgang der katholischen Kirche in Bezug auf die christlichen Werte und der frohen Botschaft ist bei mir die Entscheidung gewachsen, dieses System der Macht, der Ausgrenzung und der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechtes, ihrer sexuellen Orientierung nicht weiter mitzutragen. Zudem halte ich die beharrliche Weigerung der Kirchenführung, Verantwortung für die von Geistlichen begangenen und/oder vertuschten Verbrechen zu übernehmen für unerträglich. Ich kann es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, ein System mit aufrecht zu erhalten, das „im Namen Gottes“ den Menschen Unrecht zufügt.

Mittwoch, 6. Mai 2020

Safety first

Screenshot: Peter Otten
Schon wochenlang werden in der katholischen Kirche Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefeiert. Seit dem letzten Sonntag haben Menschen wieder beschränkt Zugang. Aber ist exklusives Feiern sinnvoll? Erlösung ist doch deswegen erlösend, weil sie nicht hermetisch ist.

Von Peter Otten


"Eines Tages hingen im Viertel Plakate. Der Karnevalsverein feierte Jubiläum. So stand auf den Plakaten eben auch ganz dick: "11 Uhr Festgottesdienst in St. Theodor." Niemand war auf die Idee gekommen, etwa den Pfarrer oder den Pfarrgemeinderat zu fragen oder über die Absicht zu informieren, ihr Fest mit einem Gottesdienst zu beginnen. Und was gewöhnlich mitunter zu viel Zank und Streit führen kann, löste sich hier in einem wunderbaren Ereignis auf. Denn natürlich erfüllte Marschmusik den Vorplatz der Kirche, als die Mitglieder des Karnevalsvereins in einer munteren Prozession vom Vereinslokal zur Kirche zogen (...). Natürlich sang der Kirchenchor in diesem Gottesdienst, auf den Bänken lagen bunte Tröten, durch die die Feiernden zwischendurch fröhlich bliesen. Natürlich gab es Ehrenplätze für den Präsidenten und Blumen für die Gattin. Natürlich würdigte die Katechese den Beitrag des Karnevals für die Kultur und den Frieden in einem Viertel. Ein Gottesdienst ist öffentlich und für alle da. Mit ihrem Plakat hatten die Karnevalisten gezeigt, dass sie verstanden haben: Der Gottesdienst ist auch unser Gottesdienst. Und unsere Sache hat dort eine Platz. Ganz selbstverständlich. Ohne Anmeldung." (aus Franz Meurer, Peter Otten; Wenn nicht hier, wo sonst? Kirche gründlich anders, Gütersloh 2010, S. 50).

Donnerstag, 9. April 2020

Murder Most Foul: Ein höchst übler Tod

Screenshot: Peter Otten
Murder Most Foul:
Der Tod ist zu nichts nütze. Karfreitagsgedanken. 

Von Peter Otten

Ende März hat Bob Dylan ein neues Lied veröffentlicht. "Murder Most Foul". Wobei: Es ist weniger ein Lied, eher schon eine Litanei, ein altmodischer Rap-Text, gewickelt in ein filigranes Seidenpapier aus wenigen Akkorden, hingestrichener Fidel und versonnenem scheuen Klavierspiel. Zu Beginn erzählt Bob Dylan von der Szenerie einer modernen Passion, die zugleich zu einen traumatischen Ereignis in der amerikanischen Geschichte geworden ist: der Mord am US-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy.

Sonntag, 29. März 2020

Kirchensound mit Pessimismus-Bass

Papst Franziskus gelingt es mit Bildern und Worten zu berühren. Er kommt aber leider nicht ohne allgemeine Schuldzurufe aus. Die sind aber aktuell wenig hilfreich.
screenshot Vaticannews

von Norbert Bauer

Bob Dylan hat sich Freitag zu Wort gemeldet. Er, der ansonsten fast jeden Tag mit seinen Konzerten vor seiner Gemeinde steht, hat den Fans einen bisher unveröffentlichten Song geschenkt. Der SZ-Autor Willi Winkler vergleicht  „Murder most foul“ mit einem Rosenkranz.  Die 17 Minuten Musik konnten bei mir auch dank Dylans Stimme zumindest eine vergleichbare Wirkung erzielen. Der Literaturnobelpreisträger hat auch noch einige wenige Worte an seine Fans gerichtet: „Stay safe, stay observant and may God be with you.“ Der Segen der Kunst.

Ein anderer alter Mann hat am Freitag auch einen Segen gesprochen. Papst Franziskus, der ähnlich wie Dylan Tag für Tag Audienz hält, hat den Segen Urbi & Orbi gespendet -  allein auf dem Petersplatz stehend. Der Papst, der sonst gerne die Nähe zu den Menschen sucht, hält Abstand.