Dienstag, 22. Februar 2011

Berufung zweiter Klasse ?

Heute wird in Köln ein verheirateter Familienvater zum Priester in der römisch-katholischen Kirche geweiht.
Der ehemalige Professor für evangelische Theologie Harm Klueting arbeitete lange als evangelischer Pfarrer und konvertierte 2004 zum katholischen Glauben. Mit seiner Frau, die ebenfalls konvertiert ist und inzwischen dem Dritten Orden der Kameliterinnen angehört, hat er zwei Kinder. Neben seinen wissenschaftlichen Aufgaben, die er unter anderem an der Universität Köln wahrnimmt, werde Klueting als Priester in der Hochschulseelsorge tätig sein. Eine solche Dispens vom Weihehindernis der Ehe kann der Papst in einem solchen Fall erfolgter Konversion gewähren. Das Erzbistum Köln weist noch darauf hin, dass Fälle wie dieser "vereinzelt" auch in anderen Bistümern vorgekommen seien. Diese Priester würden nicht in der ordentlichen Seelsorge eingesetzt, sondern nähmen "geeignete Aufgaben in der Kategorialseelsorge" wahr, wie eben nun jener Neupriester in der Hochschulseelsorge. Wenn das tatsächlich so grundsätzlich gehandhabt wird, wie es sich auf den ersten Blick liest, klingt das ein wenig danach, als scheue man sich, Gemeinden mit diesem Priestermodell in Kontakt bringen.

Vor etwa zehn Jahren bekam ich Kontakt zu einer Familie, die der mit Rom unierten katholischen Kirche in Mazedonien angehört. Der Großvater, schon über 90 Jahre alt, war der ehemalige Dorfpfarrer und pater familias. Sein Sohn wollte ebenfalls Theologie studieren, brach es dann jedoch ab, unter anderem wegen der kommunistischen Repressalien. Er erzählte jedenfalls voller Stolz, dass er durch die Bücher Karl Rahners Deutsch gelernt habe. Die drei Enkel studierten allesamt Theologie. Der zweitälteste Sohn ist seit einigen Jahren Priester in einem Nachbardorf, er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der jüngste wurde unter anderem im Rahmen einer Studienpartnerschaft mit dem Priesterseminar in Fulda ausgebildet. Seine Priesterweihe sowie die seines ältesten Bruders wurde von den kirchlichen Verantwortlichen jedoch immer weiter hinausgezögert, weil in der kleinen katholischen Kirche dort einfach nicht so viele Priester benötigt werden. Der Versuch, diese bestens ausgebildeten Theologen in Deutschland als Priester arbeiten zu lassen, zum Beispiel in Fulda, wo sie ja einen großen Teil ihres Weges zum Priestertum verbracht hatten, wurde nicht verfolgt. Warum eigentlich? Weil das Feuer der Gottesliebe etwa zu klein war, dass sie nicht das Heiraten vergessen haben, was vielleicht besser gewesen wäre? Wer einmal zum Osterfest der Ostkirche erlebt hat, wie sich vor dem Wohnhaus von Großvater Tasev und seiner Familie lange Schlangen von Menschen bildeten, die das Sakrament der Beichte empfangen wollten, oder wer einmal eine katholische Liturgie von ihm oder seinem Enkel mitgefeiert hat, kann über Sätze wie diese einfach nicht so nonchalant hinweglesen: "Gott und sein Reich sind für (den Priester) so sehr zur Priorität geworden, dass er die hohen Werte von Ehe und Familie nicht zu verwirklichen vermag." Gibt tatsächlich nur der zölibatäre Lebensstil dem priesterlichen Dienst eine Überzeugungskraft? Beweist nur der Zölibatäre mit seinem Lebensstil, was er in der Kirche predigt? "Die Priester sollen nicht nur reden, sondern das mit ihrem Leben bezeugen, was sie anderen sagen." Dieser Satz klingt wie Hohn, erinnert man sich an die Erzählungen Tasevs, wie er in der Zeit des Kommunismus auch unter lebensbedrohlicher Verfolgung zu seiner Berufung stand. 

"Was heute (...) nicht überzeugt, vermutlich auch in früheren Epochen nicht überzeugt hat, ist eine Haltung, die es in einer äußerst gefährlichen pastoralen Not vorzieht, die Zölibatspflicht mit allen Mitteln festzuschrauben, und die dafür auf andere Arten von Priesterberufen, den Erhalt von Gläubigen und von Gemeinden, die sich im Großverband zu großen Teilen auflösen, aus Gründen des Prinzips verzichtet", schreibt Klaus Fischer in der aktuellen Ausgabe von Christ in der Gegenwart. "Dass Gott auch verheiratete Männer (um von Frauen zu schweigen) zu Priestern berufen will und beruft, kann ja niemand guten Gewissens in Abrede stellen. Wie es scheint, ist der vorrangige Grundsatz des Kirchenrechts - „das Heil der Seelen (Menschen) ist oberstes Gesetz" - ein Prinzip, an das - aus tiefster Seelsorge - Gott selbst sich hält." Es spricht nichts dagegen, wenn Erzbischog Zollitsch nun offensichtlich den angekündigten Dialog auf eine theologischere Ebene heben will, sich diese ganz und gar theologischen Argumente in Ruhe anzuschauen. Es wäre nützlich und würde die Kirche aus manchen Widersprüchen, die die heutige Weihe, aber auch das Übetrittsangebot an anglikanische Priester eben doch auch beinhalten, heraushelfen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Vernünftger Glaube - vernünftige Kirche?

In der derzeitigen Debatte sind neben dem Phänomen, den Inhalt des memorandums der TheologieprofessorInnen auf die Ämter- und Zölibatsfrage zu reduzieren, einige weitere Aspekte beachtenswert. Zum Beispiel verschiedene Versuche, die Kirchenkrise wahlweise zu einer Gotteskrise (ist denn Gott in einer Krise?) oder einer Glaubenskrise (falscher Glaube? zu wenig Glaube?) zu machen. Interessant ist dabei der Versuch, vermeintlich eher inhaltliche Aspekte von vermeintlich eher äußerlichen oder strukturellen zu trennen (vgl. zum Beispiel das "Sterbebettargument" von Manfred Lütz, am Ende des Lebens zähle nicht die Diskussion über den Zölibat, sondern wo man einen gnädigen Gott finde). Oder andererseits Versuche, den status quo der Kirchenstruktur als einen gottgegebenen und darum unveränderbaren Glaubeninhalt festzuschreiben. In beiden Fällen erscheint jedenfalls die Strukur der Kirche als etwas, was mit der Krise nichts zu tun hat und insofern auch nicht weiter beachtet oder gar diskutiert werden müsse. Das dieses Denken eigentlich nicht verantwortbar ist, zeigt jetzt auch Franz-Xaver Kaufmann in seinem neuen Buch.

Das zentralistische Kirchenmodell der katholischen Kirche hat sich seiner Ansicht nach erst im 19. Jahrhundert zu der Form entwickelt, wie sie Katholiken heute vermeintlich ganz selbstverständlich vorfinden. So sagt er es in einem Interview am vergangenen Sonntag. Er schlägt vor, das Prinzip der Subsidiarität, welches die Kirche für andere gesellschaftliche Aspekte selbtverständlich vorschlage, auch bei ihr selbst als Strukturprinzip anzuwenden. In seinem neuen Buch widmet er ein Kapitel der römischen Kurie und kommt in ihrer Strukturbeschreibung zu einem eindeutigen Urteil: "Die römische Kurie ist, was ihre Steuerungskompetenz betrifft, auf dem Niveau der höfischen Organisation des Absolutismus stehen geblieben" (145). Warum ist das so?

"Im Rahmen der vom römischen Recht geprägten "lateinischen Kirche" ist der Glaube an einen hierarischen Verfassungskern göttlichen Ursprungs wohl identitätsbestimmend. Insoweit als kirchliche Strukturen und Selbstverständnisse dem göttlichen Ursprung zugerechnet werden, werden sie daher sakralisiert (...) und als grundsätzlich unwandelbar angesehen" (152), sagt er. Kaufmann lobt, dass Benedikt an der Vision der Vermittekbarkeit von Glaube und menschlicher Vernunft festhalte. Das gelte aber auch für die Kirche selbst. Jedoch: "Wie sich das Verhältnis von Glaube und Vernunft jedoch in der inneren Verfassung der Kirche manifestiert, ist bisher kaum untersucht oder auch nur diskutiert worden" (ebd.): "Die römische Kurie versteht sich in besonderer Weise als Hüterin der Tradition und versteckt sich sozusagen hinter der dem jus divinum zugerechneten Position des Papstes, um selbst an Autorität zu gewinnen." Kaufmann findet dies insofern bemerkenswert, als dass in anderen Aspekten der Modernisierung der Kirche diese sich durchaus von den Erfordernissen einer dynamischen Umwelt habe prägen lassen, etwa in der Reaktion auf die Folgen der Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts oder in der Förderung der Medien Anfang des letzten Jahrhunderts. Aber in den Überlegungen bezüglich der eigenen Gestalt habe sie dies nicht getan: "Noch immer herrscht die triumphalistishe Vorstellung, die una, sancta, catholica et apostolica ecclesia des Glaubensbekenntnisses sei in der römisch-katholischen Kirche verkörpert" (153). Die mangelnde Transparenz in der Kurie berge die Gefahr der Willkür, die von manchen Mitarbeitern dort auch eingestanden werde (vgl. 152). "Die erfolgreichen Staaten der Neuzeit haben gegen diese Risiken (...) die Prinzipien des Rechtsstaates und der Gewaltenteilung und damit der gerichtlichen Überprüfbarkeit der Rechtsanwendung institutionalisiert" (ebd.). Ein fataler Zustand, so Kaufmann: "Man wird (...) das Beharren auf einer weithin ausgeformten und als unwandelbar geltenden Kirchenlehre ("der zu glaubende Glaube") zu erwarten haben. Was die daraus abgeleitete Kirchendisziplin betrifft, so wird sie weiterhin dem Ermessen eines unkontrollierbaren Geflechts vatikanischer Kleriker obliegen, dessen Entscheidungen dem Papst nur in Ausnahmefällen vorgelegt werden" (153).

Kaufmann macht deutlich, dass zum Beispiel die Forderung nach einer Diskussion über eine Verwaltungsgerichtsbarkeit in der katholischen Kirche wohl keine Marginalie ist, sondern wie andere Aspekte, die die Gestalt der Kirche betreffen, den Kern des Glaubens, des Evangeliums selbst sehr wohl berührt. Liest man sein Buch, scheinen jene wiederholten Forderungen, Struktur und Inhalt zu trennen, unzulässig zu sein, weil sie wohl auch Prinzipien theologischen Denkens nicht standhalten. 

Freitag, 11. Februar 2011

Eine Dialog ist ein Dialog ist ein...

Wird das Jahr 2011 das Jahr des Dialogs in der Kirche? Mal sehen. Betont wird auf allen Seiten, wie notwendig und wichtig dieser sei. Und doch gibt es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was unter Dialog zu verstehen ist. Verknüpfen die TheologInnen in ihrem memorandum den Dialog mit einer Agenda von Themen, damit der Dialog zu einem Aufbruch werden könne, geht es manchem Bischof zunächst noch um Grundsätzliches: "Wenn der Dialog Gemeinschaft stärken soll, müssen sich die Kräfte darauf konzentrieren, von vornherein auch alle mit auf den Weg zu nehmen. Ich empfinde im Augenblick, dass durch Initiativen wie das Memorandum der Hochschullehrer der Dialogprozess eher erschwert wird", sagte heute beispielsweise Bischof Felix Genn. Er sehe in dem, was die Professorinnen und Professoren vorschlagen, nicht den Weg, der die Bewältigung dieser Krise leiste. Vor allem stört er sich an der von den TheologInnen skizzierten Alternative: Dialog oder Grabesruhe: "Ich kann die Meinung der Hochschullehrer nicht teilen, die letzte Chance sei vertan, wenn ihre Überlegungen nicht verwirklicht würden." Aber stimmt es denn nicht, dass viele KatholikInnen ihr Glaubensleben privatisiert haben, um es vor der Institution zu schützen, wie es die TheologInnen beschreiben? Ist es nicht wirklich so, dass auch viele treue KatholikInnen nichts mehr oder nicht viel von ihrer Kirche erwarten? Ist es nicht so, dass MitarbeiterInnen im kirchlichen Dienst, die zum Beispiel einen Menschen lieben, der bereits einmal verheiratet war, gesagt bekommen, man freue sich - allerdings sei man gezwungen zu reagieren, sobald Aufsehen erregt werde? Was ist das anderes als - sagen wir - Grabesruhe?

Genn sagt dazu nur, es sei ein falsches Kirchenbild, die "institutionelle Seite der Kirche, die notwendig zu ihr gehört, von der Innenseite, in der der Einzelne seinen Glauben lebt" zu trennen. Das zeigt ein Grundproblem der derzeitigen Debatte: Sie verstehen sich nicht. Geht es den einen um einen Befund, antworten die anderen mit einer nicht zu erörternden Wertung. Damit zeichnet sich auch das Grundproblem des Dialogs ab: Forden die TheologInnen einen Dialog, dessen Offenheit sich an seiner konkreten Agenda bemisst, will Genn sichergestellt wissen, dass alle auf dem Weg mitgenommen werden. Implizit heißt das: Auch jenseits der Dogmatik gibt es Tabuthemen, über die nicht zu reden ist. Das macht auch die aktuelle Äußerung von Kardinal Kasper heute in der FAZ deutlich, wenn er sagt, die Debatte um den Zölibat habe längst stattgefunden und sei erledigt. Seriöserweise dürften dieselben Argumente jetzt nicht wiederholt werden. Was also unter einem Dialogprozess überhaupt zu verstehen ist, darüber bestehen extrem unterschiedliche, vermutlich unversöhnliche Vorstellungen. "Zwischen meiner Verantwortung als Bischof in der Kirche und der Verantwortung, die der Bischof von Münster den Lehrenden übertragen hat, sehe ich einen starken Dissens", sagt Bischof Genn dazu. Wie und worüber zu reden ist und worüber eben nicht, bestimme ich, heißt das wohl.

Insgesamt habe ihn das Memorandum mit derzeit 228 Unterzeichnern „maßlos enttäuscht“, sagt Kasper. Er vermisse darin einen substanziellen Beitrag; von Theologen habe er „mehr erwartet“. Aber was denn? Die gegenwärtige Kirchenkrise sei aber eine Folge der Gotteskrise in der Gesellschaft und nicht in erster Linie auf die Kirchenverfassung zurückzuführen. Die entscheidende Frage sei „die Bezeugung des Glaubens in der Welt von heute“. Es brauche eine „radikale Erneuerung“ dieses Glaubens. Kasper macht etwas, was zur Zeit viele machen: Er versucht, zwischen Form und Inhalt zu trennen. Als ob das ginge! Bezeugen die TheologInnen in ihrem memorandum nicht auch und gerade ihren Glauben an die Wirkmächtigkeit und die Bedeutsamkeit des Evangeliums? Und zeigt sich diese Bedeutsamkeit und Wirkmächtigkeit nicht auch in Strukturen, zum Beispiel darin, in welcher Weise man miteinander worüber sprechen kann? Wäre eine offene Debattenkultur nicht gerade auch eine "radikale Erneuerung" des Glaubens? Was sonst, um Himmels Willen, meinen die damit, die gerade dauernd mit diesen Hülsen hantieren?

Dienstag, 8. Februar 2011

Die Dreifaltigkeit des Wellnessglaubens

Geh doch nach drüben! Diese Empfehlung war einst ein guter Brauch. Man sagte sie denen, die gesellschaftliche und politische Aspekte in der Bundesrepublik verbesserungsbedürftig fanden. Statt auf den Gegenstand und Inhalte der Kritik einzugehen lieber ein Totschlagargument: Wenns dir hier im Westen nicht passt, dann hau doch ab in die DDR.

Dieses ruhig unterirdisch zu nennende Niveau erreicht gerade die Auseinandersetzung um das "Memorandum Freiheit" von inzwischen rund 200 TheologInnen.  Das, was man fordere, sei in den "selbsternannten Kirchen der Freiheit" seit über 500 Jahren verwirklicht. Gläubigenmangel und Krisen gebe es gerade da zuhauf, heißt es dann.

Die Dreifaltigkeit dieser Gebetsmühle heißt Lütz, Kissler und Matussek. Letzterer wünscht sich in seinem blog, dass Kritiker, statt mitzureden, sich "öfter mal hinknieten, das Haupt senkten, den Rosenkranz beteten und um göttliche Gnade und Einsicht bäten". Und würde es begrüßen, wenn sie "weniger von Rechten sprächen, als von Pflichten, zu der auch die Gehorsamspflicht gehört. Und in den Vordergrund brächten, worum es geht, nämlich um die Liturgie, um die Sakramente, um die Beichte, um all das, was den Katholizismus im Kern ausmacht". Aha. Jetzt wissen wirs. Allerdings fehlt in der Aufzählung noch der Zölibat, wichtigstes Alleinstellungsmerkmal der Kirche, ultimativer Gottesbeweis gar.

"Die Kirche ist kein Selbstzweck", heißt es in dem memorandum. "Sie hat den Auftrag, den befreienden und liebenden Gott Jesu Christi allen Menschen zu verkünden." Was das heißt und wie das genau geht, hat Jesus selbst ziemlich einfach deutlich gemacht. Sein memorandum der Freiheit besteht aus Aktion: Sünden vergeben, heilen, befreien, dienen, lieben und lehren. Und hat ein Gegenüber im Blick: Einen anderen, der in Not ist und Hilfe braucht. Darin wird die Liebe zu Gott und zum Nächsten konkret. Wer Gott also suchen will, stolpert genaugenommen jeden Tag dutzendfach über ihn, heißt das.


In manchen Bildern des Katholizismus, die gerade immer wieder in neuen Varianten skizziert werden, geht es "nicht um den Nächsten, sondern ums Ich im Kontext ästhetischer Rituale", wie es Jens Schmitz in einem hellsichtigen Kommentar ausgedrückt hat. Und weiter: "Ein selbstbezogener Wellness-Glaube ohne Konsequenzen in der Welt – das ist kein seltenes Phänomen unter Katholiken, die sich als konservativ verstehen. Originellerweise sind es oft dieselben, die die mangelnde Resonanz der Kirche in dieser Welt beklagen." Natürlich dürfe man sich wünschen, in einer Gemeinschaft zu sein, in der man geführt werde, statt sich um ihre gemeinsame Gestaltung kümmern zu müssen. Einer Kirche, in der man vor dem Mysterium versinken könne, statt zu verstehen, was man zu glauben behaupte. Einer Kirche, die von der Aura ihrer Amtspersonen und von der Ästhetik geheimnisvoller Rituale lebe statt von einer klaren Botschaft. Aber, so Schmitz weiter: "Wenn diese Kirche die katholische sein soll, darf man aber nicht darauf verzichten, zu erklären, was das mit dem Evangelium Jesu zu tun haben soll. Sonst wird man kaum verhindern können, dass es Menschen gibt, die ein anderes Bild von Kirche für biblischer halten und die, gerade weil ihnen an der katholischen Kirche etwas liegt, für dieses Bild mit Argumenten werben, statt sie zu verlassen."

Das notwendige Gespräch in der Kirche wird auch ein Ringen um die Kultur werden, die in dieser Kirche herrschen soll. Die Debatte der letzten Tage zeigt, dass dies dringend überfällig ist. Es geht um die Ernsthaftigkeit dessen, was KatholikInnen mit Recht ihren Kern nennen können - und was eben nicht.

Sonntag, 6. Februar 2011

IM Soundso



Zuspruch, aber auch heftige Kritik folgte der Veröffemtlichung des "Memorandum Freiheit" in dieser Woche. So schrieb Daniel Deckers in der FAZ, es sei wohl bezeichnend für den Zustand der katholischen Theologie in Deutschland, dass in "Kompaniestärke angetretene" Professorinnen und Professoren den Christinnen und Christen nach den Enthüllungen sexueller Übergriffe von Geistlichen auf Kinder und Jugendliche "wieder nichts anderes auftischen als den üblichen Kessel Buntes." Und: "Ganz so, als würden Ämter für Frauen (welche denn?), mehr Beteiligung von Laien, verheiratete Priester und der Respekt vor Gewissensentscheidungen in Gestalt gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften aus der verknöcherten katholischen Kirche von heute die glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums von morgen machen."

Warum ist oft nichts anderes zu lesen als ein Kurzzschluss oder eine Gleichung, die niemand aufgestellt hat? Es geht niemandem um das Ändern an einigen Stellschrauben, damit wie Phönix aus der Asche zwangsläufig die Kirche der Freiheit wiederentsteht. Es geht im übrigen auch nicht im Kern um Frauenordination und Zölibat. Diesbezüglich werden die TheologInnen gerade sehr missverstanden, mitunter auch diskreditiert.

Die Debatte ist doch schon weiter: Es geht darum, sich erneut zu vergewissern, was die Kirche ist, wie ihre Gestalt sein soll und was ihr Dienst eigentlich ist. Das Papier der Theologen macht deutlich, dass beides - das Nachdenken über die Kirche und der Dienst der Kirche selbst - Kulturfragen sind, die aufgrund ihrer Bedeutsamkeit nicht eben en passant zu erledigen sind, sondern über die ein ernsthaftes und gründliches Nachdenken lohnt. Und die Tatsache, dass die akademische Theologie dabei in dieser Weise ihre Unterstützung anbietet, wirft ein bezeichnendes Licht auf das derzeitige Verhältnis von Wissenschaft und Hirtenschar. "Um es vorsichtig zu sagen", sagt Prof. Magnus Striet aus Freiburg, "die akademische Theologie könnte hier mehr Gehör finden." Die Kirchenkrise hat sicher eine geistliche Dimension. Und gerade deswegen sie ist vor allem eine intellektuelle Krise, zu der die Theologie endlich einen wichtigen Beitrag leisten will - aber auch muss.
 

Denn, auch das muss gesagt sein, wer wie Peter Neuner nun betont, man wolle mit dem Papier die Gemeinden stärken, dem muss auch klar sein, dass die Stärkung nicht nur auf strukturelle Fragen beschränkt sein darf. Übersichtlichere Strukturen führen nicht per se zur christlichen Glückseligkeit. Denn ein Grund für das Dilemma, in dem sich viele Gemeinden zur Zeit befinden, liegt auch in ihrer theologischen und spirituellen Unmündigkeit, Ratlosigkeit oder Naivität - zum Beispiel im Umgang mit der Heiligen Schrift. Die Ämterkirche ist eben auch eine bequeme Kirche. Dies zu ändern oder hier wichtige Impulse zu setzen, dazu könnte die Theologie in der Tat mehr beigetragen. Insofern liegt in einem möglichen Dialogprozess auch ein Appell an die Wissenschaft, den garstigen Graben zwischen den Christen in den Gemeinden und der Theologie zuzuschütten und beim Mündigwerden der Christinnen und Christen stärker mitzuhelfen, bald fünfzig Jahre nach dem Konzil. Und die Hirten müssen wissen, dass es bei den zu führenden Gesprächen vor allem ums Niveau geht, zu wichtig ist der Gesprächsgegenstand. Denn es geht also um Kulturfragen.

Wie dünn der kulturelle Humus ist, zeigt Manfred Lütz heute in der FAZ am Sonntag. Sein nur knapp verdeckter Rat an die Bischöfe, gelegentlich wohl häufiger über das Instrument des Lehrentzugs nachzudenken, sein Verständnis für die Bischöfe, die sich solche unberechenbaren Berater lieber vom Hals hielten, das alles wird noch getoppt:

"Daher ist die Erklärung in Wirklichkeit ein Dokument der Resignation und Verzweiflung. Man weiß im Grunde sehr gut, dass das alles nicht eintreten wird. Schon einmal hat man sich vor 20 Jahren mit der sogenannten "Kölner Erklärung" ins Abseits gebracht."

Schon vergessen, dass seinerzeit das Wahlrecht durch den Papst geändert wurde und damit auch Staatskirchenrecht, bestehende Verträge ignoriert wurden?

"Hier gilt die psychotherapeutische Einsicht: "Wenn man immer wieder etwas tut, was nicht funktioniert, dann hat man ein Problem."

So können nur die sprechen, die - Gott sei Dank! - noch nie in ihrem Leben Widerstand leisten mussten, noch nie wegen Überzeugungen Nachteile erlitten haben. Und nun kommt ein Drehbuch, dass allem, was an Freiheitssehnsucht sich in den letzten Jahrzehnten und doch gerade wieder Bahn bricht, Hohn spricht:

"Wieder werden diejenigen, die die Erklärung unterschrieben haben, sich von bestimmter Seite kritisch betrachtet und ausgeschlossen fühlen. Das wird ihre Verbitterung und Entmutigung verstärken. Sie werden der Versuchung kaum widerstehen können, diejenigen Professoren, die die Erklärung nicht unterschrieben haben, als obrigkeitshörige Speichellecker zu diskreditieren und ohnehin jede Kritik an ihrer Erklärung als perfiden Dolchstoß gegen mutige Neuerer angreifen. Das alles wird die schon vorhandene Spaltung in vielen Fakultäten vertiefen. Bei den Bischöfen werden sich einige verständnisvoll äußern, um die 144 nicht gänzlich vor den Kopf zu stoßen, das werden andere Bischöfe als Opportunismus geißeln, und auch die ohnehin vorhandenen Spannungen in der Bischofskonferenz werden sich eher verstärken. Bei den Laien an der Basis wird zwar auch der Frust mal wieder steigen, aber diejenigen, die noch in die Kirche gehen, sind inzwischen gegen diese alle paar Jahre über Land gehenden Wellen abgehärtet."

Nun sollen hier nicht Revolutionen von Völkern mit den Zuständen in der katholischen Kirche leichtfertig in einen Topf geworfen werden, und doch: Das könnte ein IM Soundso auch Christen in der DDR ins Gebetbuch diktiert haben! Es gibt die Kirche nicht um ihrer selbst willen! Die Kirche ist ausschließlich da wegen der Menschen und deren Heil, übrigens auch wegen dem Heil derer, die nicht zur Kirche gehen.



„Warum habt ihr solche Angst? Ist euer Glaube so klein?“ fragen die TheologInnen am Ende ihres Papiers mit dem Blick auf die Geschichte des Petrus auf dem See. In der Tat ist das die Frage. Der Glaube ist größer, als dass er sich nur mit der Kirche beschäftigen darf. Der Glaube ist groß genug für die Welt. Allerdings steht genau das gerade auf dem Spiel.

Freitag, 4. Februar 2011

Verantwortung übernehmen

Am stärksten und wichtigsten ist vielleicht dieser Satz: "Als Theologieprofessorinnen und -professoren dürfen wir nicht länger schweigen. Wir sehen uns in der Verantwortung zu einem echten Neuanfang beizutragen: 2011 muss ein Jahr des Aufbruchs für die Kirche werden." Die, die da unterzeichnet haben, wissen wohl, dass sie mit ihrer Karriere spielen - zumindest die, die noch keine PensionärInnen sind. Nicht alle haben das getan, viele sollen mündlich ihre Unterstützung geäußert haben. Für Christinnen und Christen, die sich in den Gemeinden gerade oftmals als Einzelkämpfer fühlen müssen, wird das ein wichtiges Zeichen sein, dass sich hier noch andere - VertreterInnen der theologischen Wissenschaft - in der Verantwortung sehen. Auf der anderen Seite ist es eine deutliche Einladung an die Bischöfe, das Teilhabe der Wissenschaft an Entwicklungs- und Entscheidungsprozessen auch für diese auch für sie konstruktiv oder einfach nur erleichternd sein kann. Allerdings auch ein Indikator dafür, dass es mit den Beziehungen zwischen theologischer Wissenschaft und Episkopat insgesamt nicht zum besten zu steht.

Bislang 144 Theologieprofessorinnen und -professoren haben ein Memorandum unterzeichnet, in dem sie tiefgreifende Reformen in der katholischen Kirche fordern. Sie nehmen die Fährten des Prozesses auf, die in den letzten Tagen auf verschiedenen Seiten gelegt worden sind: "Die Unruhe eines offenen Dialogs ohne Tabus ist nicht allen geheuer, schon gar nicht wenn ein Papstbesuch bevorsteht. Aber die Alternative: Grabesruhe, weil die letzten Hoffnungen zunichte gemacht wurden, kann es erst recht nicht sein", heißt es. Im vergangenen Jahr seien so viele Christen wie nie zuvor aus der katholischen Kirche ausgezogen; sie hätten der Kirchenleitung ihre Gefolgschaft gekündigt oder ihr Glaubensleben "privatisiert", um es "vor der Institution zu schützen". Eine bittere Bilanz für eine Kirche, die sich selbt einmal als "Heilsanstalt" sah. Und doch: "Wir wenden uns an alle, die es noch nicht aufgegeben haben, auf einen Neuanfang in der Kirche zu hoffen und sich dafür einzusetzen."
 
Es geht um Teilhabe und Mitbestimmung als selbstverständliche Strukturprinzipien in der Kirche; darum, dass das Amt dem Leben in den Gemeinden zu dienen habe und nicht umgekehrt. Daraus folgt für die Unterzeichner die Notwendigkeit verheirateter Priester und Frauen als Amtsträgerinnen. Es geht um die Achtung vor dem Gewissen der Menschen, die zum Vertrauen auf persönliche Entscheidungen führen müsse. Es geht auch um Respekt vor Menschen, die die "hochgeschätzten" Lebensformen Ehe und Ehelosigkeit nicht leben können und in anderen Lebensformen verantwortlich leben; es geht um Rechtskultur und Rechtssicherheit.

Zweiundzwanzig Jahre nach der Gründung der Kölner Erklärung, an das sich nur noch die wenigsten erinnern, vierzig Jahre nach Beginn der Würzburger Synode und bald fünfzig Jahre nach Verabschiedung der Liturgiekonstitution, die nun Anlass geben soll für einen Euchristischen Kongress in Köln ist das Signal von immerhin einem Drittel der deutschsprachigen katholischen TheologInnenschaft ein wichtiges und längst überfälliges Signal. Die Kirche befindet sich in einer Kulturkrise. Ein Symptom dafür nicht nur die Art und Weise, wie in den letzten Tagen diskutiert und abgemeiert wurde. Aber es geht nicht nur um die Kultur des Gesprächs, des Diskurses, des Argumentierens, die dringend wiederbelebt werden muss. Es geht auch darum, ob die Kirche die Rolle ausfüllen will, die sie hat: Als Teil der Kultur für Menschen und Gesellschaften bedeutsam zu sein. In Abwehrbewegungen - gegen angeblichen Relativismus, gegen andere Konfessionen und Religionen - hat sie damit kein Problem. Aber in einer konstruktiven Weise geschieht das schon länger nicht mehr


Wer wie Kardinal Brandmüller Zölibatsskeptiker mit Häretikern gleichsetzt und ihnen vorwirft, sie beleidigten Christus selbst und die Priester, die doch nur die Lebensform des Meisters nachahmten oder wer den Eindruck erweckt, vor allem der Zölibat sei das katholische Alleinstellungsmerkmal muss sich die Frage gefallen lassen, ob in der Lebensform des besitzlosen Sandalenträgers noch ein paar andere Kulturleistungen verborgen liegen, die ebenfalls dringend auf eine Nachahmung warten. An ein paar offensichtliche erinnern nun - dankenswerterweise - die Theologinnen und Theologen mit diesem Papier.