Dienstag, 11. Januar 2011

Vor vierzig Jahren: Katholische Demokratie in Würzburg

Im Januar 1971, also vor vierzig Jahren, begann die Würzburger Synode. In der Presse, aber auch im kirchrlichen Leben scheint diese Erinnerung weitgehend unbeachtet vorbeizustreichen, trotz - oder gerade wegen? - neuerlicher Dialogversuche zwischen Bischofskonferenz und Zentralkommitee der deutschen Katholiken. Trotzdem vielleicht für manche Interessierte der Anlass, sich mit der spannenden Geschichte der Synode nochmal zu beschäftigen oder den einen oder anderen Text nochmal zur Hand zu nehmen. 2008 habe ich das anlässlich einer kleiner Radioreihe zum Thema "Die 68er und die Kirche" tun dürfen. Edmund Erlemann, aber auch Karl Kardinal Lehmann erwiesen sich als spannende Zeitzeugen.

Anmoderation:

„Es war einmal ein katholisches Kirchenparlament in Deutschland.“ So geht der Anfang einer Geschichte, die sich heute fast wie ein Märchen anhört. Kaum zu glauben eben. Und doch hat es sie in den siebziger Jahren gegeben.
Im Januar 1971 beginnt die Synode im Würzburger Dom, der zu diesem Zweck in ein kleines Parlament umgestaltet wird. Sie wird in verschiedenen Kommissionen, Arbeitsgruppen und in insgesamt acht Vollversammlungen fast fünf Jahre tagen. Achtzehn offizielle verbindliche Beschlüsse werden gefasst – zum Beispiel zur Sakramentenpastoral, zur Verkündigung durch Laien. Die Synode forderte, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen und wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion nicht zu verweigern.

O-Ton 1 Erlemann 05 001 00:35 Was in der Gesellschaft passierte, passierte auch in der Kirche. Ich denke an den Katholikentag von Essen 1968: „Hengsbach, wir kommen, wir sind die linken Frommen!“

Auch  Edmund Erlemann, Priester aus Mönchengladbach erinnert sich noch an ein Forum auf dem Katholikentag, dass den Rücktritt von Papst Paul VI. forderte. Der hatte wenige Wochen zuvor erst die Enzyklika Humanae Vitae veröffentlicht und den Katholikinnen und Katholiken den Gebrauch von Pille und Kondom verboten. Drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils scheint die dort vereinbarte Öffnung der katholischen Kirche zur Welt bereits am Ende.

O-Ton 2 11:40 Lehmann Es war die Frage, wie diese zweifellos vorhandene nachkonzilliare Krise mit diesen ungeheuren Spannungen zwischen progressiven und konservativen einigermaßen zum Ausgleich gebracht werden könne.

So erinnert sich der Mainzer Bischof und langjährige Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann. Auf dem Essener Kirchentag fordern Katholische Jugendverbände und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ein Kirchenparlament, eine Synode, und die deutschen Bischöfe genehmigen tatsächlich ein Statut dafür: Es soll 312 Synodenmitglieder geben, darunter 140 Laien. Alle Bischöfe sind gesetzt. Sie berufen weitere vierzig Mitglieder. Aber auch die Laienräte in den Bistümern und das Zentralkomitee der Katholiken wählen Vertreter für die Synode. Die Kirche wagt – jedenfalls ein bisschen – Demokratie, denn die Synode wird auch verbindliche Beschlüsse fassen. Das ist Neuland für einige Bischöfe. Die sind es gewohnt, für ihr Bistum selbst zu entscheiden.
Edmund Erlemann, ein junger Priester, wird aus dem Bistum Aachen in die Synode gewählt. Er engagiert sich stark bei den Beschlüssen zur kirchlichen Jugendarbeit. Jugendliche sollen nicht mehr länger Objekte kirchlicher Autoritäten sein. Sie sollen selbst Träger kirchlicher Jugendarbeit und damit zum selbständigen Akteur werden.

O-Ton 3: Erlemann: 1:04 Sehr schwierig wurde die Verhandlung um den Beschluss „Ziele und Aufgabe kirchlicher Jugendarbeit“. Das hatte damit zu tun, dass besonders der Ansatz von Hermann Steinkamp in Münster umstritten war bei vielen Leuten, die diese emanzipatorische Jugendarbeit und den Ansatz der Selbstbestimmung der Jugendlichen nicht teilen wollten. Das entscheidende Stichwort war die „Reflektierte Gruppe“. (…) Also die Gruppe, die (…) selbst reflektiert ist. Ein emanzipatorischer Ansatz.

Die Debatte darüber, ob Laien auch in der Messe predigen dürfen, entwickelt sich zu einem hitzigen Höhepunkt. Rom hatte einen Beschluss darüber verboten. Daraufhin will ein Teil der Synode in römischem Gehorsam gar nicht mehr darüber diskutieren. Andere hingegen drohen entmutigt mit dem Abbruch der Synode. Doch der damals junge Theologieprofessor Karl Lehmann, öffnet, wie noch oft in seinem späteren Leben sein Diplomatenköfferchen:

O-Ton 4 (Lehmann) 32:20 Wir können nicht beschließen, aber wir können ein Votum formulieren. Und wir können das Votum nach Rom richten und sozusagen bitten, uns die Ausnahmegenehmigung zu geben. Das war nicht einfach in der hitzigen Atmosphäre der Synode zu vermitteln.

Es folgte eine Ausnahmegenehmigung aus Rom.

O-Ton 5 37:21 Und dann hat sich beim Codex von 1983 soweit ich weiß in (…) der letzten Phase durchgesetzt (…), dass man eine Laienpredigt in der Eucharistiefeier nicht dulden wird. (…) Und dann wurde die Regelung bei uns zurückgepfiffen.

Spannend gestaltet sich auch die Wahl der Mitglieder der Zentralkommission. Sie koordiniert die gesamte Arbeit der Synode.

Das katholische Doppel-R: Rahner und Ratzinger, noch mit Krawatte (KNA-Bild)
O-Ton 6 (Lehmann) 23:20 Und da war ein Ringen um Karl Rahner und Josef Ratzinger. Nun saßen die beiden auch nebeneinander, alphabetisch: Rahner – Ratzinger. Und es war dann interessant: Prominente Leute sind für Josef Ratzinger eingetreten, zum Beispiel Hans Maier. Und für Karl Rahner eigentlich weitgehend ein paar Kapläne.

 
Wie zum Beispiel der junge Edmund Erlemann, der als junger Priester bei der Synode war. Sie sorgen dafür, dass Rahner gewinnt.

O-Ton 7  (Erlemann) 05 004 8:38 Uns war das damals klar, dass das die Entscheidung der Synode (…) zwischen zwei Kirchen war. Und ich habe nachher als Mitglied der Zentralkommission mit Karl Rahner viel zusammen gearbeitet. Die ganze Sache mit Josef Ratzinger ist nicht mehr zur Sprache gekommen.

O-Ton 8 (Lehmann) 24:40 Ich weiß noch, dass er dann spätestens (…) Anfang 72 ausgeschieden ist. Wobei ich nicht glaube, dass es maßgebend war, dass er nicht in der Zentralkommission war. Das hat er verkraftet. Aber dieser Rummel lag ihm von seiner Persönlichkeit her gar nicht. Er hat damals ein Interview gegeben (…). Und am Ende eines Interviews mit ihm, da heißt es dann: „Ich setzte nicht auf Gremien, sondern auf prophetische Existenz.“ Und das war irgendwo auch sein theologisches Credo.

Ein wichtiger Beschluss der Synode heißt „Unsere Hoffnung“, eine Art geistliche Präambel, durch und durch geprägt von der politischen Theologie. Umstritten ist sie, wo  sie unmissverständlich Partei für die Armen ergreift. Diese seien die Privilegierten bei Jesus, und müssten daher auch die Privilegierten in seiner Kirche sein.

O-Ton 9 05 006 (Erlemann) 00:00 Ein großer Text, der eigentlich verdeutlicht, was Selbstmitteilung Gottes bedeutet. (…) Und der deswegen einmalig und unendlich kostbar ist. Das wir das so unbedingt dringend nötig brauchen in unserer Gesellschaft, wo man Hartz 4- Empfängerinnen und Empfänger zu Menschen zweiter Klasse stempelt. Wo man Fremde, so genannte Ausländer am liebsten vom Rücken sieht. Wo die Spaltung der Gesellschaft immer größer wird. (…) ich verehre diesen Text, weil er zeigt, dass Theologie für die Menschen da ist. 1:25 Diesen Text müsste man heute lesen und zur Grundlage der Pastoral machen.

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