Nun also ein Eucharistischer Kongress in Köln. Was das ist, erklärt das Päpstliche Komitee für die Eucharistischen Weltkongresse. In einem Eucharistischen Kongress, der als "Versammlung" bezeichnet wird, werde "exemplarisch bezeugt", dass Jesus Christus im Geheimnis der Eucharistie die Mitte des Lebens der Kirche und ihrer Sendung ist. Ziel sei, "durch Feier, Anbetung und Katechese Jesus Christus im Geheimnis der Eucharistie besser kennen und lieben zu lernen." Die Bischofskonferenz erklärt heute dazu, im Zentrum stünden "der Gottesdienst, die Anbetung, Glaubensverkündigung, Glaubensvertiefung und die Frage nach der Lebensführung aus dem Glauben."
Interessant sind die feinen Hinweise, die Daniel Deckers dazu in der FAZ macht. Der Beschluss der DBK sei im zweiten Anlauf erfolgt, nachdem im Herbst des vergangenen Jahres eine diesbezügliche Mehrheit "noch nicht in Sicht" gewesen sei. Das klingt nicht nach knappem Stimmverhalten. Nun gab es eine Mehrheit. Daraus folgt nach Deckers: "Im Jahr 2013 kann Köln auf eine 1700-jährige Tradition als Bischofssitz zurückblicken - und Meisner vollendet am 24. Dezember 2013 das 80. Lebensjahr", schreibt er. Eine vorzeitige Abberufung von dem Stuhl des Kölner Erzbischofs sei angesichts der jüngsten Planungen nicht sehr wahrscheinlich. Also 2013 zum 1700sten. Und einen schönen Frühstückskorb gibts dazu.
Freitag, 28. Januar 2011
Zölibatissimo
Ein offener Brief einiger Unions-Politiker an die deutschen Bischöfe sorgte in diesen Tagen für Aufsehen. Darin werden die Kirchenführer aufgefordert, sich in Rom für das Überdenken der derzeit geltenden Zölibatsregel einzusetzen. Die Argumentation geschieht in einer Art Güterabwägung: "Alle, zum Teil durchaus berechtigten Gründe, an der bisherigen traditionsreichen, wenn auch nicht durch ein Gebot Christi unabweisbaren Praxis festzuhalten, wiegen unseres Erachtens nicht so schwer wie die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen die sonntägliche Messfeier nicht mehr möglich ist." Tradition versus Seelenheil. Zur Not fordere man einen deutschen Sonderweg. An die Spitze der Bewegung setzt sich mit außergewöhnlich deutlichen Worten Bundestagspräsident Norbert Lammers. Er wünsche sich in dieser Frage mehr Tapferkeit von einigen Bischöfen. Rom befasse sich mit dem Thema in einer absolut nicht angemessenen Weise. Prompt kam Widerstand aus der eigenen Partei. Der Vorsitzende der AEK in der CDU, Martin Lohmann sagte, der Vorstoß einiger "älterer Männer" habe etwas Rührendes und Tragisches zugleich. Auch sei es seltsam, dass CDU-Politiker offenbar der Ansicht seien, sich in diese "theologische innerkirchliche Spezialfrage" einmischen zu müssen. Hinzu kam das in diesen Tagen von einigen anderen wiederholte Argument, es sei seltsam, dass Menschen, die nicht von dieser Lebensform betroffen seien, ausgerechnet darüber zu diskutieren sich berufen fühlten. Im Vergleich zu den 50er Jahren gebe es bezogen auf die Anzahl der Messbesucher mehr Priester, man komme von einem hohen Niveau, Menschen seien heute mobil, und wer zum Einkaufen fahre, könne dies auch zur Heiligen Messe tun, lautete eine andere Stimme. Der Kirche fehle nicht Geld und Personal, sondern der Glaube, dass es sich lohnt, Menschen für Christus zu gewinnen, lautete eine andere These in dieser Woche.
Es ist nicht überliefert, ob die dem Vernehmen nach ehelos lebenden Annette Schavan und Bernhard Vogel und die anderen Christinnen und Christen sich schwarz geärgert haben. Verstehen könnte man es. Keine ältere Christin oder kein Christ muss sich dafür entschuldigen oder schämen, wenn er oder sie vielleicht sogar persönlich die Diskussionen um die "viri probati" bei der Würzburger Synode mitgemacht und vorangetrieben (Vogel) oder engagiert mitgetragen oder begleitet hat (andere). Tragisch ist bestenfalls, wenn andere Christen dieses Engagement und damit diese Menschen und ihr Anliegen lächerlich machen. Und wer dauernd betont, dass man von einem hohen Niveau komme: Waren die, die mal an ein Gemeinde-, vor-Ort- oder Basisprinzip der Kirche geglaubt haben seinerzeit vom falschen Geist erfüllt? Hat man irgedwo schon einmal etwas von Sozialraumorientierung gehört? Ist es nicht so, dass die derzeitige pastorale Umstrukturierung, die gerade in den Bistümern läuft, sich zumeist an einer einzigen Größe bemisst: der Zahl der Priester - die dann ein theologisches Tarnmäntelchen umgehängt bekommt? Registriert niemand die Veränderungen in anderen Großkonzernen, denen mit Regulierung und Zentralisierung nicht beizukommen ist? Was ist mit Modernitätsverlierern, Mobilitätsverlierern? Und ist es wirklich romantisch oder lächerlich, wenn man, wie Thomas Ruster es fordert, sogar darüber diskutieren sollte, ob es ethisch überhaupt richtig ist, mit dem Auto zum Gottesdienst zu fahren?
Die Gleichung, dass es gemessen am Messbesuch (das Wort ist schon doof) mehr Priester gebe als früher, gibt zudem Anlass zu unguten Gefühlen. Denn es lässt Bilder entstehen, als sei die wahre Kirche eine Kirche, die ausschließlich Sorge zu tragen hat für die Eingeweihten, die Initiierten. Was mischt ihr euch ein? Was geht euch das an? Gerade dieser Ton, der in der Debatte liegt, gibt Anlass zur Besorgnis. Er erreichte seinen Höhepunkt mit einem Brief des neuen Kardinals Walter Brandmüllers in der FAZ: "Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?" Persönlich nicht betrifft, da wäre ich vorsichtig. Es soll auch Laien geben, die aus Überzeugung ehelos leben. Zur anderen Frage: Taufe und Firmung, würde ich sagen. Brandmüller wirft Vogel, Lammert und co. vor, eine "andere Kirche" zu wollen, ohne sie näher zu beschreiben. Einen deutschen Sonderweg zu beschreiten, führe zu einer Nationalkirche, einem Schisma. Für Priester, die in einer überwältigenden Mehrheit diese Lebensform lebten, "bedeutet Ihre Kampagne eine persönliche Beleidigung." Aber nicht nur die Priester würden beleidigt: "Es kommt Ihnen anscheinend nicht in den Sinn, daß Sie damit auch Jesus Christus, den Sohn Gottes, selbst beleidigen. Der ehelos lebende Priester tut als Jünger Jesu doch nichts anderes als die Lebensweise des Meisters sich zu eigen zu machen." Jemand, der den Zölibat in Frage stellt ist ein Häretiker? Das ist schon eine steile These.
Es ist der scharfe römische/kirchliche Ton, der überrascht. Auch den Verantwortlichen in der Kirche wird klar sein, so kann man daraus lesen, dass es nicht darum geht, was Nostalgiechristen zum Zölibat sagen. Es geht darum, was Kirche sein soll. Der Zölibat ist da nur ein Symbol, wenn auch ein wichtiges. Längst haben sich Bischöfe in ihren Winschatten gehängt, wenn auch vorerst aus der zweiten Reihe. Christen, durchaus politsich aktive, fragen sich durchaus mit Sorge, welche Gestalt die Kirche haben wird. Wird sie ein selbstreferentieller Club? Oder leistet sie einen Dienst zum Heil - aller - Menschen?
Montag, 24. Januar 2011
Ein Jahr danach
Vor einem Jahr brachen die Dämme. Drei ehemalige Schüler des Canisius-Kollegs in Berlin vertrauten sich dem Rektor der Schule Klaus Mertes an. Was dann ins Rollen kam, ist bekannt.
Joachim Frank erinnert die Verantwortlichen in der Kirche in diesen Tagen daran, dass wer sexuellen Missbrauch möglichst umfassend verhindern wolle, an die Tiefenursachen heran müsse. Hierzu laute die scheinbar paradoxe Auskunft der Humanwissenschaften: Sexueller Missbrauch habe weniger mit Sexualität zu tun als mit Macht. Also müsse die Kirche ihr Verständnis von Sexualität ändern, speziell ihre Haltung zur Homosexualität. Denn Opfer bei sexuellem Missbrauch durch Priester seien in vier von fünf Fällen Jungen zwischen 14 und 17 Jahren. Gemäß Wunibald Müller seien sie „in ihrer sexuellen und da auch homosexuellen Entwicklung stehen geblieben“. Ihren Anteil am Klerus beziffert er auf bis zu vier Prozent, eine erschreckende Quote. Für diese Personengruppe wiederum sei der Zölibat oft eine Möglichkeit, „die mitunter schmerzvolle Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zu vermeiden“. Daraus folge: Der Anteil der „unreifen“ homosexuellen Männer sei unter den homosexuellen Priestern überdurchschnittlich hoch, und diese Gruppe von Priestern hinsichtlich des Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen besonders gefährdet.
Folgt man dieser Argumentation, führt die Haltung des Vatikans, die Männer nicht zur Priesterweihe zuzulassen, "die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine so genannte homosexuelle Kultur unterstützen", Menschen, die sich zum Priester berufen fühlen, in ein Dilemma. Der Druck, als Homosexueller kein Priester werden zu können, führt dazu, dass die offene Auseinandersetzung mit der eigenen (sexuellen) Identität unterbleibt, ja unterbleiben muss. Das machtvolle System fördert zwangsläufig Unreife, also das, was es ihrer eigenen Zulassungsdefinition nach nicht gibt.
Denn über Sexualität wird entweder geschwiegen. Oder es wird mit Hilfe und in Formen von Sprachspielen gesprochen, erklärt Klaus Mertes in einem Interview an diesem Wochenende: "Sie können es an dem katholischen Katechismus sehen. Da steht Homosexualität direkt neben Prostitution, neben Ehebruch und vorehelichem Geschlechtsverkehr. Und das sind vier vollkommen verschiedene Dinge, die in dieser dunklen Nacht eben alle gleich aussehen. In der Nacht sind alle Katzen eben grau." Fraglich, ob sich dies im pünktlich zum Weltjugendtag in diesem Jahr vorgestellten Jugendkatechismus, einer Variante des offizellen Erwachsenenkatechismus, ändert, der im Pilgerrucksack aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer enthalten sein wird. Ein schmissiger Name für das Büchlein sowie eine angestrebte jugendgemäße Sprache ist wohl keine Garantie für einen verantwortungsvollen Inhalt. Es sei die Frage, so Mertes jedenfalls weiter, ob sich hier die Kirche nicht auch in einer Falle befinde, durch die sie selbst sprachlos werde beim Thema Sexualität. Mertes bringt das Grundproblem auf den Punkt: Den Zusammenhang von Macht und (sexuellem) Missbrauch: "Das nächste Problem ist natürlich immer das öffentliche Sprechen. Also, ich weiß, dass ganz viele unter dieser Frage leiden. Aber das Problem ist, dass sie natürlich in dem Moment, wo sie diese Fragen öffentlich stellen, dann natürlich auch sich in eine öffentliche Auseinandersetzung begeben, wo sie dann eventuell auch gelegentlich mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen müssen. Und das macht das so schwer." Wer offen über seine homosexuelle Identität und seine Berufng zum Priester oder zu einem anderen Dienst in der Kirche sprechen möchte, kann dies auch im Jahr 2011 nicht tun. Daran ändert auch das öffentliche Bekenntnis des Theologen und Religionslehrers David Berger nichts, dessen Entzug der missio canonica in bestimmnten katholischen Kreisen vehement gefordert wird. Warum das bislang nicht geschehen ist - es sei ihm und niemandem sonst gewünscht - darüber mag man spekulieren. Nie aber wird sich ein katholischer Chefarzt oder Schulleiter, eine Lehrerin oder Pastoralreferentin, würde er oder sich ähnlich öffentlich erklären, auf ihn berufen können.
Folgt man dieser Argumentation, führt die Haltung des Vatikans, die Männer nicht zur Priesterweihe zuzulassen, "die Homosexualität praktizieren, tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine so genannte homosexuelle Kultur unterstützen", Menschen, die sich zum Priester berufen fühlen, in ein Dilemma. Der Druck, als Homosexueller kein Priester werden zu können, führt dazu, dass die offene Auseinandersetzung mit der eigenen (sexuellen) Identität unterbleibt, ja unterbleiben muss. Das machtvolle System fördert zwangsläufig Unreife, also das, was es ihrer eigenen Zulassungsdefinition nach nicht gibt.
Denn über Sexualität wird entweder geschwiegen. Oder es wird mit Hilfe und in Formen von Sprachspielen gesprochen, erklärt Klaus Mertes in einem Interview an diesem Wochenende: "Sie können es an dem katholischen Katechismus sehen. Da steht Homosexualität direkt neben Prostitution, neben Ehebruch und vorehelichem Geschlechtsverkehr. Und das sind vier vollkommen verschiedene Dinge, die in dieser dunklen Nacht eben alle gleich aussehen. In der Nacht sind alle Katzen eben grau." Fraglich, ob sich dies im pünktlich zum Weltjugendtag in diesem Jahr vorgestellten Jugendkatechismus, einer Variante des offizellen Erwachsenenkatechismus, ändert, der im Pilgerrucksack aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer enthalten sein wird. Ein schmissiger Name für das Büchlein sowie eine angestrebte jugendgemäße Sprache ist wohl keine Garantie für einen verantwortungsvollen Inhalt. Es sei die Frage, so Mertes jedenfalls weiter, ob sich hier die Kirche nicht auch in einer Falle befinde, durch die sie selbst sprachlos werde beim Thema Sexualität. Mertes bringt das Grundproblem auf den Punkt: Den Zusammenhang von Macht und (sexuellem) Missbrauch: "Das nächste Problem ist natürlich immer das öffentliche Sprechen. Also, ich weiß, dass ganz viele unter dieser Frage leiden. Aber das Problem ist, dass sie natürlich in dem Moment, wo sie diese Fragen öffentlich stellen, dann natürlich auch sich in eine öffentliche Auseinandersetzung begeben, wo sie dann eventuell auch gelegentlich mit disziplinarischen Konsequenzen rechnen müssen. Und das macht das so schwer." Wer offen über seine homosexuelle Identität und seine Berufng zum Priester oder zu einem anderen Dienst in der Kirche sprechen möchte, kann dies auch im Jahr 2011 nicht tun. Daran ändert auch das öffentliche Bekenntnis des Theologen und Religionslehrers David Berger nichts, dessen Entzug der missio canonica in bestimmnten katholischen Kreisen vehement gefordert wird. Warum das bislang nicht geschehen ist - es sei ihm und niemandem sonst gewünscht - darüber mag man spekulieren. Nie aber wird sich ein katholischer Chefarzt oder Schulleiter, eine Lehrerin oder Pastoralreferentin, würde er oder sich ähnlich öffentlich erklären, auf ihn berufen können.
Mertes´ wichtige Erkenntnis nach einem Jahr ist die, dass man Opfern nur gerecht werden kann, indem man ihr Leid offen benennt. Es "führt kein Weg daran vorbei, die Dinge denn eben doch offen zu sagen mit den Risiken, dass man dadurch in Konflikte kommt. Ich glaube aber, dass es gar keine Möglichkeit gibt, der Opferperspektive auf uns wirklich gerecht zu werden, wenn wir über diese Dinge weiter schweigen. Das ist ja der Punkt." Man wird annehmen dürfen, dass Mertes das nicht nur im Hinblick auf Missbrauchsopfer meint, sondern im Hinblick auf alle Menschen, die ihre - sexuelle, private - Identität im Rahmen der Kirche verschweigen. "Wo aber die Wahrheit verschwiegen wird, degeneriert Heiligkeit zu Schein-Heiligkeit. Scheinheiligkeit und Heuchelei gehören aber zu den Verhaltensweisen, die unser Herr Jesus Christus am schärfsten kritisiert hat", sagte Ende letzten Jahres der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Stephan Ackermann. So bleibt die Hoffnung, dass zunehmend mehr Menschen in der Kirche die Wahrheit sagen, den Menschen zuliebe, ein Jahr danach.
Mittwoch, 19. Januar 2011
Bischöfe, keine Polizisten
In Irland sorgt in diesen Tagen eine brisante Fernsehdokumentation für Diskussionen. Sie bringt nämlich den Vatikan im Zusammenhang mit Fällen von Kindesmissbrauch unter Druck. Eine Sendung von Irlands öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalt RTE, die am Montagabend ausgestrahlt wurde, beschreibt nämlich, wie der Vatikan die Bemühungen der irischen Bischöfe um eine Klärung der Missbrauchsfälle in ihren Gemeinden systematisch boykottiert habe.
Im Film geht es unter anderem um den Fall des Priesters Tony Walsh, der 1992 von einem Kirchentribunal wegen Kindesmissbrauchs verurteilt und aus dem Amt entfernt wurde. Walsh ging jedoch beim Vatikan dagegen vor. Und in der Zwischenzeit, in der Rom beraten habe, habe er sein Priesteramt weiter ausgeübt und ein weiteres Kind missbraucht. Der Vatikan bestätigte nach einigen Jahren das Urteil, änderte die Strafe jedoch in einen zehnjährigen Klosteraufenthalt, nach Einschätzung der Autoren des Films ein Affront gegen den damaligen Primas von Irland, Desmond Connell, auf dessen Initiative das Tribunal eingerichtet worden war.
Als Reaktion auf Verbrechen von Walsh und anderen Priestern stellte die Irische Bischofskonferenz 1996 neue Richtlinien zum Schutz von Kindern auf. Danach sollte jeder ernsthafte Missbrauchsverdacht gegen Priester automatisch der Polizei gemeldet werden. Kurz nach der Veröffentlichung der neuen Bestimmungen, so heißt es im Bericht, kam erneut Widerstand aus Rom. In einem vertraulichen Brief, der den Machern der Dokumentation vorliege, habe man unmissverständlich klar gemacht, dass der Vatikan die Richtlinien nicht akzeptiere. Falls die Bischöfe sie anwendeten, werde man sich auf die Seite des beschuldigten Priesters stellen, wenn dieser sich an den Vatikan wende. Ein irischer Bischof, der namentlich nicht genannt wurde, soll als Reaktion darauf von „einem Mandat zur Vertuschung“ gesprochen und sogar mit seinem Rücktritt gedroht haben.
„Ich glaube nicht, dass man damals im Vatikan akzeptierte, dass es hier auch um Kriminalität ging“, sagt der irische Bischof Michael Smith. „Man sah Missbrauch immer noch als moralische Angelegenheit, die nur den Priester und seinen Bischof anging und nicht als kriminelle Aktivität, die weitreichende Auswirkungen hatte nicht nur für das Kind, sondern auch dessen Familie. Das ist eine große Wunde im Leben der Kirche.“
Nun hat Papst Benedikt im März 2010 einen Hirtenbrief an die irischen Katholiken geschrieben. Darin verurteilte er die dortigen Bischöfe scharf für den Umgang mit der Missbrauchskrise und kritisierte sie besonders für die Missachtung der Rechte der Opfer kritisiert. Nun sieht sich der Vatikan den Vorwürfen selbst ausgesetzt.
Der Film befasst sich auch ausführlich mit dem Umgang von Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst mit der Missbrauchskrise. Schon früh habe er auch gegen Widerstand anderer wie zum Beispiel Kardinal Hoyos auf ein koordiniertes Vorgehen gedrängt. Andererseits habe er sich auch in vielen Fällen auf die Seite der Beschuldigten gestellt und dafür gesorgt, dass laufende innerkirchliche Verfahren ausgesetzt wurden. Damit, so der Tenor der Sendung, habe sich der spätere Papst selbst nicht an jene Vorgaben gehalten, die er in dem Hirtenbrief an die irischen Bischöfe richtete. Bevor der Vatikan nicht eingestehe, „dass es gerade die Struktur dieser Institution ist, die zu diesem Problem beigetragen hat, wird eine Erneuerung der katholischen Kirche nur sehr schwer zu erreichen sein“. Der irische Opfervertreter Bryan Maguire sagt: „Wir haben es hier mit einem ganzen System zu tun, das den Missbrauch erst ermöglicht hat. Wir wollen, dass sich die Kirche selbst im Spiegel anschaut und nicht das Problem auf die lokale Ebene abschiebt.“
Dienstag, 11. Januar 2011
Vor vierzig Jahren: Katholische Demokratie in Würzburg
Im Januar 1971, also vor vierzig Jahren, begann die Würzburger Synode. In der Presse, aber auch im kirchrlichen Leben scheint diese Erinnerung weitgehend unbeachtet vorbeizustreichen, trotz - oder gerade wegen? - neuerlicher Dialogversuche zwischen Bischofskonferenz und Zentralkommitee der deutschen Katholiken. Trotzdem vielleicht für manche Interessierte der Anlass, sich mit der spannenden Geschichte der Synode nochmal zu beschäftigen oder den einen oder anderen Text nochmal zur Hand zu nehmen. 2008 habe ich das anlässlich einer kleiner Radioreihe zum Thema "Die 68er und die Kirche" tun dürfen. Edmund Erlemann, aber auch Karl Kardinal Lehmann erwiesen sich als spannende Zeitzeugen.
Anmoderation:
„Es war einmal ein katholisches Kirchenparlament in Deutschland.“ So geht der Anfang einer Geschichte, die sich heute fast wie ein Märchen anhört. Kaum zu glauben eben. Und doch hat es sie in den siebziger Jahren gegeben.
Im Januar 1971 beginnt die Synode im Würzburger Dom, der zu diesem Zweck in ein kleines Parlament umgestaltet wird. Sie wird in verschiedenen Kommissionen, Arbeitsgruppen und in insgesamt acht Vollversammlungen fast fünf Jahre tagen. Achtzehn offizielle verbindliche Beschlüsse werden gefasst – zum Beispiel zur Sakramentenpastoral, zur Verkündigung durch Laien. Die Synode forderte, verheiratete Männer zu Priestern zu weihen und wiederverheirateten Geschiedenen die Kommunion nicht zu verweigern.
Montag, 10. Januar 2011
Wir sind nicht Opfer
Nun hat auch der Hamburger katholische Weihbischof Joachim Jaschke die geistlichen Autoritäten des Islam aufgefordert, "sich nicht nur von der Gewalt zu distanzieren, sondern auch scharf zu verurteilen, was hier geschieht". Wen auch immer Jaschke - andere auch - mit "geistliche Autoritäten" meint - Distanzierungen und Verurteilungen gab und gibt es längst, in der Vergangenheit nicht immer registriert von der Presse. Jörg Lau wies in der "Zeit" nun aber zu Recht darauf hin, wie problematisch diese reflexhafte Aufforderung ist.
Es sei absurd, von unbescholtenen Muslimen nach jedem Anschlag die Distanzierung von Gewalttaten zu fordern, die sie niemals gebilligt hätten. Leider geschehe das auch jetzt wieder. Ist also der, der sich nicht sofort geflissentlich distanziert oder zu lautstarker Verurteilung schreitet, ein stillschweigenden Dulder? Mit solchen "kenntnisfreien Forderungen" jedenfalls mache man die Wohlwollenden indirekt zu Geiseln jener Dschihadisten, so Lau. Da ist was dran. Isolde Charim jedenfalls weist in der taz daruf hin, dass die Kampflinie nicht etwa zwischen den Religionen verlaufe, sondern zwischen jenen, die eine plurale Gesellschaft und jenen, die eine einheitliche Gesellschaft wollten, letztlich zwischen ethnisch-religiösen "Säuberungen" und Demokratie. Deshalb sei es so wichtig, dass Muslime und Christen - aber auch Atheisten vergisst sie nicht - gemeinsame Sache machten, etwa gemeinsam demonstrierten, "nicht weil sie sich so lieben, sondern weil Demokratie die einzige Chance ist, solchem Wahnsinn Einhalt zu gebieten." Demokratie aber beinhalte, neben Rechtsstaat und Menschenrechten, auch die Forderung, unsere Identitäten - auch und gerade die religiösen - anders bewohnen. Und wie bewohnen? Auf jeden Fall anders als durch Verallgemeinerungen und Abgrenzungen. Das wird noch eine Menge Gehirnschalz benötigen auf Seiten der Religionen.
Ein erster Schritt wäre schon mal, Begriffe sorgfältiger zu verwenden. Einer dieser Begriffe lautet "Christenverfolgung". Verfolgung - gerade für deutsche Ohren ein gewaltiges Wort, seine Verwendung bedarf einiger Sorgfalt. Charim meint dazu: "Wir christlichen Opfer" erlaubt - auch wenn die realen Opfer andere sind - uns erlaubt es, Muslime nunmehr "unschuldig" abzulehnen. Denn damit lehnt nicht mehr ein Mitglied der Mehrheit eine Minderheit ab. Die Ablehnung erfolgt nun aus der Opferposition. Der gängige Muslimhass lässt sich darüber rationalisieren und legitimieren. Dieser hässliche Muslimhass, der mit dem Hautgout des Rassismus versehen war, ist nun gewissermaßen exkulpiert. Er hat eine reale Begründung und eine sachliche Rechtfertigung bekommen, die uns alle betrifft: die Christenverfolgung."
Sonntag, 9. Januar 2011
Keine ehrenwerte Familie
"Wir wissen jetzt Bescheid", schreibt Hans-Conrad Zander in seinem jüngst erschienenen Buch "Der erste Single. Jesus, der Familienfeind", "die Familie ist die Mutter aller Institutionen." Denn Familie hat für ihn etwas von Zusammenklumpen. Der nächstgrößere Klumpen ist dann Sippe und der allerschrecklichste Klumpatsch und somit Zanders schlimmste Vorstellung das Dorf. Klumpen aber klingt für einen Rheinländer oder gar einen Kölner erstmal nicht so schlimm. "Man kennt sich, man hilft sich", so definiert man dort die Familie oder die "Klumpanei". Oder, fast zärtlich: die "Klüngelei".
Aber, oh weh: Die Familie sei, so Zander, soweit das Gedächtnis der Menschheit zurückreiche in die Geschichte, zur Zwangsvorstellung der Religion geworden. Im Talmud sei zu lesen, dass ein Mann ohne Eheweib kein Mensch sei, ja schlimmer noch: "Ledig bleiben ist so schlimm wie einen Mord begehen." Und während der christliche Single nun in seiner Lektüre aufschreckt und erblasst, liefert Zander im nächsten Satz gleich Überraschendes wie Erlösendes: Ja, Jesus war ein Revolutionär, aber ein ganz besonderer: "Was Jesus als Erster gewagt hat, ist die Mutter aller Revolutionen: Religion als familienfreie Zone - in der Gesellschaft und im Gehirn." Nicht Kardinal Meisner, der sonst die christliche Familie als das irdische Abbild der himmlischen Dreifaltigkeit anbete habe je über "Jesus Christus als den idealen Papi" gepredigt. Und auch dessen "spirituelle Freundin" Gloria von Thurn und Taxis schrecke noch davor zurück, Jesus Christus als das "Urbild des bayerischen Familienvaters" anzubeten. Denn das Evangelium, sonst für fast alles verbiegbar und verdrechselbar, sperre sich in diesem Punkt. Denn bei Lukas sei zu lesen: "Wenn jemand zu mir kommt und nicht hasst Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, dazu noch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein." Also: "Es geht einfach nicht. In diesem Punkt ist der evangelische Bericht überwältigend klar: Der Erlöser war kein Papi. Er war das Gegenteil." Nämlich jemand, so erzählt Zander, der vor seinen intriganten Brüdern davonlief und sich mit seiner dominanten Mutter zoffte. In seinen Erkenntnissen beruft sich Zander vor allem auf die jüdischen Theologen Ben-Chorin und David Flusser
Man liest es mit Genuss, wie Zander im "annus horribilis" seiner Kirche mit feiner Ironie, mit deftigem Schalk, aber immer mit bewundernswertem kultur- und kirchenhistorischem Wissen den Spiegel vorhält und die Familienfixierung der Religion, insbesondere aber seiner katholischen Kirche als das entlarvt, was sie ist: Eine fromme Phantasie. Zander, bekennemder Freund priesterlicher Ehelosigkeit, hält es da lieber mit Kierkegaard: Die Fähigkeit, allein zu sein, ist die Voraussetzung für eine geistige Existenz.
Aber halt: Wäre die Welt nicht verloren, würden sich alle Menschen den von Zander porträitierten Singles Jesus Christus, Antonius von Ägypten, dem heiligen Paulus, Theresia von Avilla und all den anderen nacheifern? Im Augenblick gehe es der Welt schlecht, entgegnet Zander diesen Einwänden, "weil wir zu viele Familien haben. Die ganze Übervölkerung unseres Globus, das macht doch auch die Umwelt kaputt, dass wir sieben Milliarden sind statt zur Zeit Jesu 300 Millionen, das bringt die ganzen Umweltprobleme hervor. Eine Religion, die dafür sorgt, dass die Menschheit sich nicht so stark vermehrt im Unterschied zum Beispiel zum Islam, eine solche Religion ist doch in unserer Zeit nun weiß Gott zu begrüßen."
Montag, 3. Januar 2011
Verfolgt, verfolgter, am verfolgtesten?
Der Papst beginnt das neue Jahr damit, dass er - annlässlich dessen 25jähriger Wiederkehr - für Oktober zu einem Friedensgebet der Religionen in Assisi einlädt. Das gilt einerseits als Überraschung, wurde der damalige Kardinal Ratzinger und Chef der Glaubenskongregation doch allgemein nicht als ein Freund dieser Aktion des damaligen Papstes wahrgenommen. Zuviel gleichberechtigtes Nebeneinander von doch sehr unterschiedlichen Religionen, so argwöhnte - nicht nur - er. Ob die Religionsvertreter nun sichtbar gemeinsam beten oder in getrennten Räumen, um jeglichen Synkretismusverdacht zu vermeiden: Überhaupt gemeinsames Auftreten, gemeinsames Beten ist ein gutes Signal in diesem noch jungen Jahr, wo Menschen in aller Welt im Namen der Religion aufeinander losgehen, wie zum Jahreswechsel in Ägypten. Denn schon sind aus Deutschland wieder Aufrufe zur Distanzierung von Gewalt an die in Deutschland lebenden Muslime zu hören. Bevor von Außenstehenden Religionen instrumentalisiert und gegeneinander in Stellung gebracht werden, bleibt doch zu hoffen, dass diese Verführung zur Instrumentalisierung auf keiner Religionsseite Früchte trägt. Auch Theologen und katholische Journalisten sind dagegen leider nicht immer immun. Die am stärksten verfolgte Religion sei das Christentum, schreibt Alexander Kissler in seinem "Blut und Glaube" überschriebenem blog. Heieiei...! Als befände sich die religiöse Welt im olympischen Wettbewerb. Verfolgt, verfolgter, am verfolgtesten? Angesichts dieses kisslerschen Zynismus ist auch schon wieder wahr, was Stephan Gärtner polemisiert: "Daß die Taliban ihre militärische Grundausrüstung aus God’s Own Country haben, ist ja vielleicht bekannt." Nutzen wir das neue Jahr doch dazu, auch anderswo dafür zu werben: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Steht im Grundgesetz. Schadet nichts, hin und wieder mal nachzulesen.
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