Freitag, 28. Januar 2011

Zölibatissimo

Ein offener Brief einiger Unions-Politiker an die deutschen Bischöfe sorgte in diesen Tagen für Aufsehen. Darin werden die Kirchenführer aufgefordert, sich in Rom für das Überdenken der derzeit geltenden Zölibatsregel einzusetzen. Die Argumentation geschieht in einer Art Güterabwägung: "Alle, zum Teil durchaus berechtigten Gründe, an der bisherigen traditionsreichen, wenn auch nicht durch ein Gebot Christi unabweisbaren Praxis festzuhalten, wiegen unseres Erachtens nicht so schwer wie die Not vieler priesterloser Gemeinden, in denen die sonntägliche Messfeier nicht mehr möglich ist." Tradition versus Seelenheil. Zur Not fordere man einen deutschen Sonderweg. An die Spitze der Bewegung setzt sich mit außergewöhnlich deutlichen Worten Bundestagspräsident Norbert Lammers. Er wünsche sich in dieser Frage mehr Tapferkeit von einigen Bischöfen. Rom befasse sich mit dem Thema in einer absolut nicht angemessenen Weise. Prompt kam Widerstand aus der eigenen Partei. Der Vorsitzende der AEK in der CDU, Martin Lohmann sagte, der Vorstoß einiger "älterer Männer" habe etwas Rührendes und Tragisches zugleich. Auch sei es seltsam, dass CDU-Politiker offenbar der Ansicht seien, sich in diese "theologische innerkirchliche Spezialfrage" einmischen zu müssen. Hinzu kam das in diesen Tagen von einigen anderen wiederholte Argument, es sei seltsam, dass Menschen, die nicht von dieser Lebensform betroffen seien, ausgerechnet darüber zu diskutieren sich berufen fühlten. Im Vergleich zu den 50er Jahren gebe es bezogen auf die Anzahl der Messbesucher mehr Priester, man komme von einem hohen Niveau, Menschen seien heute mobil, und wer zum Einkaufen fahre, könne dies auch zur Heiligen Messe tun, lautete eine andere Stimme.  Der Kirche fehle nicht Geld und Personal, sondern der Glaube, dass es sich lohnt, Menschen für Christus zu gewinnen, lautete eine andere These in dieser Woche.

Es ist nicht überliefert, ob die dem Vernehmen nach ehelos lebenden Annette Schavan und Bernhard Vogel  und die anderen Christinnen und Christen sich schwarz geärgert haben. Verstehen könnte man es. Keine ältere Christin oder kein Christ muss sich dafür entschuldigen oder schämen, wenn er oder sie vielleicht sogar persönlich die Diskussionen um die "viri probati" bei der Würzburger Synode mitgemacht und vorangetrieben (Vogel) oder engagiert mitgetragen oder begleitet hat (andere). Tragisch ist bestenfalls, wenn andere Christen dieses Engagement und damit diese Menschen und ihr Anliegen lächerlich machen. Und wer dauernd betont, dass man von einem hohen Niveau komme: Waren die, die mal an ein Gemeinde-, vor-Ort- oder Basisprinzip der Kirche geglaubt haben seinerzeit vom falschen Geist erfüllt? Hat man irgedwo schon einmal etwas von Sozialraumorientierung gehört? Ist es nicht so, dass die derzeitige pastorale Umstrukturierung, die gerade in den Bistümern läuft, sich zumeist an einer einzigen Größe bemisst: der Zahl der Priester - die dann ein theologisches Tarnmäntelchen umgehängt bekommt? Registriert niemand die Veränderungen in anderen Großkonzernen, denen mit Regulierung und Zentralisierung nicht beizukommen ist? Was ist mit Modernitätsverlierern, Mobilitätsverlierern? Und ist es wirklich romantisch oder lächerlich, wenn man, wie Thomas Ruster es fordert, sogar darüber diskutieren sollte, ob es ethisch überhaupt richtig ist, mit dem Auto zum Gottesdienst zu fahren?

Die Gleichung, dass es gemessen am Messbesuch (das Wort ist schon doof) mehr Priester gebe als früher, gibt zudem Anlass zu unguten Gefühlen. Denn es lässt Bilder entstehen, als sei die wahre Kirche eine Kirche, die ausschließlich Sorge zu tragen hat für die Eingeweihten, die Initiierten. Was mischt ihr euch ein? Was geht euch das an? Gerade dieser Ton, der in der Debatte liegt, gibt Anlass zur Besorgnis. Er erreichte seinen Höhepunkt mit einem Brief des neuen Kardinals Walter Brandmüllers in der FAZ: "Was legitimiert Sie als Politiker, zu einem innerkirchlichen Thema Stellung zu beziehen, das Sie weder von Amts wegen noch persönlich betrifft?" Persönlich nicht betrifft, da wäre ich vorsichtig. Es soll auch Laien geben, die aus Überzeugung ehelos leben. Zur anderen Frage: Taufe und Firmung, würde ich sagen. Brandmüller wirft Vogel, Lammert und co. vor, eine "andere Kirche" zu wollen, ohne sie näher zu beschreiben. Einen deutschen Sonderweg zu beschreiten, führe zu einer Nationalkirche, einem Schisma. Für Priester, die in einer überwältigenden Mehrheit diese Lebensform lebten, "bedeutet Ihre Kampagne eine persönliche Beleidigung." Aber nicht nur die Priester würden beleidigt: "Es kommt Ihnen anscheinend nicht in den Sinn, daß Sie damit auch Jesus Christus, den Sohn Gottes, selbst beleidigen. Der ehelos lebende Priester tut als Jünger Jesu doch nichts anderes als die Lebensweise des Meisters sich zu eigen zu machen." Jemand, der den Zölibat in Frage stellt ist ein Häretiker? Das ist schon eine steile These.
Es ist der scharfe römische/kirchliche Ton, der überrascht. Auch den Verantwortlichen in der Kirche wird klar sein, so kann man daraus lesen, dass es nicht darum geht, was Nostalgiechristen zum Zölibat sagen. Es geht darum, was Kirche sein soll. Der Zölibat ist da nur ein Symbol, wenn auch ein wichtiges. Längst haben sich Bischöfe in ihren Winschatten gehängt, wenn auch vorerst aus der zweiten Reihe. Christen, durchaus politsich aktive, fragen sich durchaus mit Sorge, welche Gestalt die Kirche haben wird. Wird sie ein selbstreferentieller Club? Oder leistet sie einen Dienst zum Heil - aller -  Menschen?

Kommentare:

  1. Sicher auch kein Zufall, das ausgerechnet heute dieser Text an die Öffentlichkeit lanciert wird:

    http://sueddeutsche.de/politik/2.220/debatte-um-zoelibat-in-der-katholischen-kirche-ratzingers-brandbrief-1.1052132

    Sollte sich Herr Lohmann mal anschauen.

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  2. Für mich ist die Diskussion um viri probati völlig untauglich zur Lösung unserer Probleme als Kirche.

    1.) Viri probati zu Priestern zu weihen, hieße, ein Zwei-Klassen-Priestertum zu schaffen. (Vermutlich gäbe es dann auch auf absehbare Zeit keine ständigen Diakone mehr.)

    2.) Vor allem aber würde die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern in der Kirche vertieft und zementiert werden. Nicht der Zöbilbat ist das Problem, sondern das Verbot der Frauenordination! Würden Frauen zum Weiheamt zugelassen, sähe die Situation völlig anders aus. Auch mit Pflichtzölibat.

    3.) Hinter der scheinbar reformorientierten Forderung nach der Weihe für viri probati steht letztendlich eine Kleriker-fixierte Sicht auf die Kirche und die Pastoral. Die Frage jedoch, wie kirchliches Leben (im Sozialraum) mit neuen Rollenbildern von Priestern wie Laien aussehen kann, ist noch nicht ansatzweise ausgeschöpft. Hier schlummert noch viel kreatives Potenzial...

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  3. Christians Behauptung, dass die Seminare - sollte dies erlaubt werden - von zölibatsbegeisterten Frauen überrannt würden, ist leider mehr als weit hergeholt und entbehrt jeder Grundlage.. selbst unter meinen Theologie-Kommilitoninnen gäbe es kaum Interessentinnen, das haben wir schon diskutiert.

    An Christians Kommentar ist jedoch richtig, dass hinter der ganzen Diskussion oft eine Kleriker-fixierte Sicht auf Kirche und Pastoral sichtbar wird.

    Und ich gebe ihm sehr recht, dass eine Diskussion um eine neue Rollenverteilung viel ergiebiger scheint. Änderungen am Zölibat bleiben kurzfristig unrealistisch. Jedoch verlangen die starken Veränderungen der pastoralen Realität auch Reaktionen, die über bloße Strukturbasteleien hinausgehen. Stichwort: Gemeindeleitung für Laien. Oder was sonst Alternativen sein können.

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  4. Hallo,
    in der Diskussion um den Zölibat vermisse ich eine Bezugnahme auf die Heilige Schrift, denn sie kann die einzige Norm und Richtschnur sein. Die Alte Kirche, die noch in der Tradition der Apostel lebte, hat in einem Jahrhunderte dauernden Prozess die kanonischen Schriften ausgewählt und so entstand das Neue Testament.
    Das Neue Testament ist das Grundgesetz der Christlichen Kirche.
    Aus dem Neuen Testament läßt sich der Zölibat nicht begründen (siehe Augsburger Bekenntnis, Artikel 23).
    Weiter spricht die Geschichte ein vernichtendes Urteil über den Zölibat, denn tausende von Priestern sind gefallen und in Unheil und Schande untergegangen. Wer kann das vor Gott verantworten? Gruß, Brändlein

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  5. Ich verstehe den Vorstoß der PolitikerInnen bezüglich des Zölibates eher symbolisch. Dahinter verbirgt sich ein Bekenntnis zu einer Kirche in der Gesellschaft und ein Bekenntnis gegen eine Kirche, die sich zunehmend nach innen wendet und nach außen abschottet. Ich glaube, dass es manchen C-Politikerinnen auf den Senkel geht, dass ihnen ständig aus einer bestimmten katholischen Ecke vorgeworfen wird, sie ignorierten das "C" in ihrer Partei und sollten es am besten streichen. Wenn Lammert vom pastoralen Notstand spricht, in den die Kirche Gemeinden sehenden Auges hineinmanövriere, verbirgt sich hinter diesem Satz genau diese Debatte: Auf welcher Seite steht eigentlich die Kirche? Die Diskussion geht im übrigen - wahrscheinlich nicht von ungefähr - vierzig Jahre nach Beginn der Würzburger Synode los.

    Dass das "viri-probati-Modell" unbefriedigend ist und Geschlechterungerechtigkeiten womöglich verfestigt, stimmt. Dass über Ämterfixierung in der Kirche Modelle einer selbstorganisierten Pastoral leider völlig unbearbeitet bleiben, ist eigentlich noch tragischer. Die theologische Unmündigkeit vieler Christinnen und Christen lähmt den Veränderungsprozess gerade sehr. Nebenbei: Dass mit mehr PriesterInnen die Rolle des Diakons/der Diakonin völlig neu überdacht würde, ist meiner Ansicht nach jetzt schon total überfällig. Der Diakon hat doch zur Zeit eine ähnliche Rolle, die Zölibatsverteidiger schlecht finden: Die Rolle eines Hilfsliturgen/Priesters zweiter Klasse. Dabei dachte ich immmer, ein "diakonos" sei an der Seite von Armen und Kranken.

    Zum Zölibat der Frau: Mag an meinem Alter liegen, aber ich kenne einige Frauen, die zölibatär leben; im übrigen sind da auch einige darunter, die zur Priesterin berufen sind.

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