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| Foto: Volker Adolf |
Gedanken in der Trauerfeier für Alexander Höddinghaus am 1. August 2026 in der Agneskirche.
Von Peter Otten
Liebe Antje, lieber Uli, liebe Franziska, liebe Lilith!
Ich möchte euch zunächst für den Einblick in euer Leben danken. Für das, was ihr uns von Alexander erzählt habt. Ich bin euch dankbar für die Bilder von Alexander, die hier in der Kirche stehen. Ein Bild ist ja auch auf dem Liedzettel abgedruckt. Was für ein Strahlemann! Was für ein kraftstrotzender Kerl, der dem Leben entgegenruft: „Hier bin ich! Was wollen wir zusammen machen?“ Ich bin euch dankbar für das, was ihr erzählt habt, weil sich so ein Bild von Alexander zusammenfügt, was viele Menschen, auch viele, die heute hier sind gar nicht kennen.
Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und bringen Licht mit. Weil sie lächeln. Weil sie einen anstrahlen. Alexander war so ein Mensch, na klar. Ein Strahlebaby, habt ihr gesagt. Einer, der als Kind Menschen offen begegnete. Vielleicht war das einfach sein Wesen. Vielleicht war es aber auch viel mehr. Vielleicht war dieses Anstrahlen eine Antwort auf den schweren Anfang seines Lebens. Eine Art Überlebensstrategie. Irgendwo muss doch einer sein, der sagt: Schön, dass du da bist.
Jeder möchte doch ein Papa und eine Mama sein
Denn Alexanders Start ins Leben war schwer. Ihr habt es erzählt. Schwerer, als man es irgendeinem Kind wünschen würde. Jeder Mensch braucht Wurzeln. Er braucht die Gewissheit: Da komm ich her. Er braucht das Gefühl: Ich bin gewollt. Ich bin getragen. Ich darf vertrauen. Dieses Urvertrauen ist das größte Geschenk, das man einem Menschen mitgeben kann. Alexander musste erleben, wie brüchig dieses Vertrauen sein kann. Was mögen seine leiblichen Eltern erlebt und getragen haben? Was mag für sie unerträglich gewesen sein? Wir wissen es nicht. Aber bestimmt hätten sie für ihr Kind einen anderen Start gewollt. Welcher Papa möchte kein Papa und welche Mama möchte keine Mama sein? Alexanders Geschichte ist so meine ich auch eine Geschichte, die davon erzählt, wie Menschen, ohne dass sie etwas dafür können Lasten an ihre Kinder weitergeben. Vielleicht welche, die ihnen selbst auch schon zu schwer waren. Schon nach wenigen Wochen habt ihr gesagt: Ein Kind, so traumatisiert, ohne Eltern – das kann nicht sein. Alexander soll zu uns kommen. Und von Stunde an war er ein Teil eurer Familie.
Alexander spielte Klavier und Schlagzeug. Musik spielt bei euch in der Familie ja eine große Rolle. Er ging im Jahr 2000 zur Erstkommunion und wurde anschließend Messdiener in der Agneskirche. Später lebte er im Hermann-Josef-Haus in Urft, machte seinen Hauptschulabschluss und schloss eine Ausbildung zum Garten- und Landschaftsbauer erfolgreich ab. Ihr habt es erzählt. Es gab gute Jahre. Jahre mit einer festen Beziehung. Mit einer eigenen Wohnung. Mit einem Auto. Mit dem Gefühl, jetzt habe ich das Leben selbst stabil in der Hand.
Sollten wir alle das nicht öfter zueinander sagen?
Seit 2020 wurde vieles wieder fragil. Und ihr habt seine Entscheidung nach einem Leben auf der Straße akzeptiert. Denn was für Alexander in seinem ganzen Leben besonders wichtig war, war seine Autonomie. Er wollte sein Leben selbst gestalten, mit allen Konsequenzen für ihn und für euch. Und ihr habt dazu ja gesagt. Und gleichzeitig hat er in den letzten beiden Jahren gespürt, dass ihr sein letzter Anker wart. Dass es Menschen gab, die ihn nicht aufgegeben haben.
Es gab Menschen, die seine Stärken gesehen haben. Ihr habt natürlich dazu gehört. Oder Frau Velten in der Grundschule war so jemand. Sie hat ihm etwas zugetraut. Sie hat gesagt: „Lass uns auf das schauen, was du gut kannst, Alexander. Und nicht auf das, was fehlt.“ Und du hast gesagt, Antje: Immer, wenn das ein Mensch zu ihm gesagt hat, dann war es gut. Was für eine wunderbare Haltung! Und ich hab daheim gesessen und gedacht: Sollten wir alle das nicht öfter zueinander sagen?
Deswegen gestattet mir noch ein paar Gedanken zur Kommunion. Alexander hat vor 26 Jahren seine Kommunion hier in der Agneskirche gefeiert. Das Wort Kommunion bedeutet zunächst Gemeinschaft. Gemeinschaft untereinander und Gemeinschaft mit Gott. Aber wie kann ich mir Gemeinschaft mit Gott vorstellen? Vielleicht dann, wenn wir teilen, bis alle etwas haben. Nicht nur Brot. Sondern Zeit. Geduld. Aufmerksamkeit. Hoffnung. Dann wird Gott gegenwärtig. In der Zeit, in der Geduld, in der Aufmerksamkeit, im Brot. Und wenn Frau Velten sagt: „Lass uns auf deine Stärken schauen!“ dann ist das Kommunion. Und wenn ihr zusammen mit Alexander, Franziska und Lillith musiziert habt – Kommunion. Und wenn ein Richter sich aus seinem Büro aufmacht, zum REWE geht, um mit Alexander zu sprechen: Kommunion. Und wenn einer von euch mit Alexander gesprochen und ihm Zeit geschenkt hat: Kommunion. Und die Menschen, bei denen ihr eure Gedanken abladen konntet, haben mit euch Kommunion gehalten. Und wenn Alex zurück gelächelt hat – Kommunion.
Ihr habt diese Kommunion gelebt. Über sechsunddreißig Jahre hinweg. Ihr habt geteilt, was ihr hattet: eure Kraft, eure Geduld, eure Sorge, eure Liebe. Immer wieder. Nicht perfekt. Und da gab es auch Grenzen der Kraft. Und trotzdem wart ihr treu. Ihr habt Alexander nie auf seine Brüche reduziert. Ihr habt ihm immer wieder gesagt: Du gehörst zu uns, auch wenn vieles inzwischen dagegen sprach.
Wir haben gerade einen Text aus der Offenbarung des Johannes gehört. Es sind Worte, die in einer Zeit großer Not geschrieben wurden. Menschen, die Jesus nachgefolgt sind fanden sich in einer lebensfeindlichen Kultur wieder. Sie haben sich gefragt: Was wird von dem, wovon wir überzeugt sind übrig bleiben, wenn alles um uns herum gegen die Liebe und gegen das Leben spricht? Was für eine Geistesgegenwart müssen sie gespürt haben, welche Kraft muss sie getragen haben um einen Satz wie diesen zu sagen: "Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein. Keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal. Seht, ich mache alles neu.“
Wo sich Menschen nicht mehr einerlei sind beginnt das Neue
Mich berührt daran besonders dieser Satz: Gott wohnt bei den Menschen. Mich berührt er angesichts einer Welt, in der Wohnungs- und Obdachlosigkeit scheinbar gottgegeben dazu gehört. Auch bei uns im Viertel. Aber was ist das für ein Bild: Nicht die Menschen müssen sich zu Gott hocharbeiten. Eben nicht: Nur die Erfolgreichen oder Starken kommen ihm nahe. Sondern Gott zieht zu den Menschen. Er nimmt seine Tüte, seine Habseligkeiten und zieht mit. Er ist da, wo ein Betreuer sagt: Ich gehe zu Alexander hin, auch wenn ich das nicht müsste. Er sitzt dabei, wenn wer auch immer von euch die Geduld aufbringt und mit Alexander, Mario, Steffi oder Marie spricht. Er ist da, wenn ihr mit euren Kindern musiziert. Er ist da, wenn wir gleich draußen miteinander sprechen, essen und trinken. Immer dann, wenn sich Gott dazugesellt, ist es ein Auflehnen gegen den Tod. Ist es die Hoffnung, dass doch alles anders, alles neu sein wird und dass es jetzt in diesem Augenblick anfängt. Und es ist ja auch so: Wo sich Menschen nicht mehr einerlei sind, da beginnt das Neue. Da ist Kommunion. Bei aller Verzweiflung und Traurigkeit ist das auch ein Gedanke der Hoffnung und des Trostes. Seht, ich mache alles neu. In aller Brüchigkeit und in allen Grenzen. Aber ich fange damit an. Und wir, wir machen mit.
Vielleicht dürfen wir darauf hoffen, dass Alexander jetzt endlich das erfährt, wonach er sich sein Leben lang gesehnt hat: angenommen zu sein, ohne sich beweisen zu müssen. Gehalten zu sein, ohne Angst, wieder losgelassen zu werden. Zuhause zu sein. Er selbst zu sein. "Seht, ich mache alles neu.“ Das ist keine billige Vertröstung. Es macht unseren Schmerz heute nicht kleiner. Es nimmt nicht die Fragen weg. Und es löscht auch nicht die Trauer aus.
Aber es sagt: Nicht da, was Alexander sein Leben lang vorenthalten worden ist, hat das letzte Wort. Nicht die unerfüllte Sehnsucht, die Leerstellen, das, was er selbst und wir an ihm nicht erreichen konnte, hat das letzte Wort. Nicht seine Verletzungen. Nicht seine Einsamkeit. Nicht sein Scheitern. Nicht der Tod. Auch nicht unser Versagen und unsere Grenzen. Das letzte Wort spricht Gott.
Alles neu machen, wo wir es können. Immerhin da
Und dieses letzte Wort lautet nicht „Ende. Finito. Mir doch egal.“ Es lautet: „Ich mache alles neu.“ Und das bedeutet: Es kann nicht sein, dass die Leere, der Schmerz und die Dunkelheit gewinnt. Was für eine zynische Welt wäre das! „Ich mache alles neu“ sagt: Gott findet sich nicht damit ab. So, wie viele von uns, allen voran Alex selbst mit allem was er hatte sein Leben ins Licht drehen wollte. Heute hat Gott alles neu gemacht, weil ihr, weil viele von euch, die heute hier sind schon längst damit angefangen haben. Immer da, wo ihr es konntet. Dieser Tag sagt vielleicht auch: Machen wir weiter damit. Tränen abzuwischen. Dem Tod etwas entgegen zu setzen, Trauer mitzutragen, Klage anzuhören und Klage anzustimmen. Die Welt und die Menschen und alles was lebt in den Arm zu nehmen. Beginnen wir schon heute mit Gottes Versprechen: „Seht, ich mache alles neu.“ Da, wo wir es können. Immerhin da. Dann wäre dieser traurige Tag auch ein Tag der Liebe, und ein Tag der Hoffnung. Amen.

Obwohl ich gar nicht in Köln wohne, wünschte ich mir, dass Sie, lieber Peter Otten, dereinst bei meiner Beerdigung die Ansprache halten würden. So viel "gemeint sein", Trost und Ermutigung liegen in Ihren Worten. Dankeschön!
AntwortenLöschenMarita Eß