Sonntag, 19. Mai 2019

Aufstand der Frommen

Drei persönliche Beobachtungen zum Kirchenstreik der Frauen.

von Norbert Bauer

Ich war dabei, nur am Rande, beim Kirchenstreik der Frauen, der in Köln u.a. in St. Agnes einen Ort hatte. Ich war am Mittwoch dabei, als Vertreter*innen der KJG sich eingereiht hatten in den Kreis der Betenden und Sprechenden, und am Samstag als vor der Kirche zum Abschluss ein Wortgottesdienst gefeiert wurde.
Und ich habe viel gelesen über diese Aktion, natürlich auch die Statements mancher Bischöfe. Die meisten verfielen in den gewohnten Callcenter-Modus: „Ich habe ja Verständnis für Ihre Verärgerung, aber ich kann auch jetzt auch nichts tun.“ Manche formulierten dabei sogar Hoffnung und Trost: “Haben Sie Geduld, Ihr Paket wird bestimmt irgendwann ankommen.“ Bischof Burger hat in Freiburg sein Verständnis sogar persönlich im Gespräch übermittelt. Vielleicht hat er dabei ähnliche Beobachtungen machen können wie ich in Köln:



1) Der Kirchenstreik ist keine Randerscheinung. Die, die eine Woche lang die Kirche nicht betreten haben, sind nicht die Gründungsmitglieder des feministischen Aufbruchs, die nur die „Bibel in Gerechter Sprache“ in die Hand nehmen und täglich auf die Gendersternwarte steigen. Die sind auch dabei. Dabei sind aber vor allem die Frauen, die seit Jahren wöchentlich die Kollektengelder zählen, die Noten für den Kirchenchor sortieren und den Kaffee und die Plätzchen nach der Familienmesse vorbereiten. Die Mitte der katholischen Gesellschaft. Auffallend ist auch, dass die Streikaktionen gerade in den Kirchengemeinden Resonanz finden, in denen noch Volkskirche sichtbar ist: Wo es noch genügend Kandidaten*innen für den Pfarrgemeinderat gibt, wo zahlreiche Frauen und Männer sich bereit erklären, in der Erstkommunionvorbereitung Verantwortung zu übernehmen, wo das jüngste Kirchenchormitglied nicht sechzig ist.

2) Die Streikenden sind fromm. Sie tun genau das, was die Bischöfe so gerne fordern. Sie bekennen sich öffentlich zu ihrem Christsein und legen in aller Öffentlichkeit ein Glaubenszeugnis ab. Und sie kommen mit den „Menschen draußen“ ins Gespräch.

3) Sie singen keine anderen Lieder. Die Lieder, Fürbitten und Gebete im Gottesdienst waren nicht besser als sonst. Müssen sie auch nicht. Gleichberechtigung beginnt da, wo Frauen nicht besser sein müssen als Männer.

Die Aktivistinnen wurden in der vergangenen Woche von kirchenamtlicher Seite ermahnt, die Kirche sei kein Verein. Für sie ist die Kirche aber alles anderes als nur ein Verein. Deswegen stehen sie ja auf und werden laut. Ihnen geht es um die Kirche als Kirche. Pathetisch gesprochen: sie haben die Kirche eine Woche lange bestreikt, weil ihnen die Kirche so am Herzen liegt. Deswegen wollen sie sie verändern. 

In der selben Woche, in der Frauen und Männer mit weißen Tüchern oder roten Luftballons für eine andere Kirche demonstriert haben, hat das höchste Vatikangericht, die Apostolische Signatur, einen Priester vom Vorwurf der sexuellen Belästigung freigesprochen. Die betroffene Frau wurde während des Prozess kein einziges Mal persönlich angehört. So lange so was noch möglich ist, kann gar nicht genügend oft zum Streik aufgerufen werden. Oder wie mein Vater sagt: wie nur eine Woche wird gestreikt? Das ist doch viel zu wenig.



1 Kommentar:

  1. "Die betroffene Frau wurde während des Prozess kein einziges Mal persönlich angehört. "
    .
    Bittsie: das ist ja auch nur eine Frau!
    Den höchstwürdigsten Herren ist doch nicht zuzumuten, diese überhaupt wahrzunehmen.

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