Donnerstag, 14. April 2022

Heute ist Ruhetag

Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an?

Von Peter Otten

Vor ein paar Tagen habe ich in einem Kölner Vorort eine Frau beerdigt. Innerhalb von zehn Tagen war sie erkrankt und gestorben. Ich bin auf einen fassungslosen hilflosen Witwer getroffen, sichtlich kaputt gearbeitet und der nach 55 Jahren gemeinsamen Lebens mit seiner Frau zum ersten Mal von ihr getrennt war. Und der deswegen so geschockt war, weil er gemerkt hat: die Trennung ist für immer. Ich habe eine Tochter kennen gelernt, die für wenig Lohn in drei Krankenhäusern saubermacht. Und zwischendurch aus Mitleid wegen der überarbeiteten Pflegerinnen und Pfleger das benutzte Essensgeschirr der Patienten einsammelt. Zwei Menschen am Ende ihrer Kraft und am Ende ihres Lateins. Im Januar hatten sie noch den Sohn / den Bruder beerdigt, der beim Angeln einfach umgefallen war. Und nun das.

Im Mahlstrom der Bilder

Im Büro der Gemeinde, in der die Frau gestorben war wurde der Bestatterin gesagt, am Tag der geplanten Beerdigung, einem Montag, sei in der Gemeinde Ruhetag. Man könne da leider nichts machen. Dienstag gern, aber Montag halt nicht. Und so hatte sich die Bestatterin verzweifelt durch die Stadt telefoniert und war freitags dann bei mir gelandet mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne zu helfen.

Und als ich zwei Stunden später bei der Familie am Esszimmertisch gesessen bin und Filterkaffee geschlürft und die rotgeränderten und von den Tränen völlig aufgeweichten Augen gesehen habe, da gab es mir einen Stich, weil ich auf einmal geahnt habe, was das für ein Gefühl ist, wenn du den Eindruck haben musst: „Ich bin euch total egal. Ich interessiere euch einen Dreck.“

 

Ich erzähle das nicht, um KollegInnen runterzumachen. Ich erzähle das, weil heute Karfreitag ist. Und wenn du bei einer Familie sitzt, die alles verloren hat – den Halt, das Vertrauen, die Liebe – dann ist auf einmal Karfreitag. Und wenn du hineinsteigst in die Verächtlichkeit, die sie erleben. Dann ist auf einmal Karfreitag. Denn der Karfreitag ist der Tag der Gnadenlosigkeit. Der Verachtung. Der Überforderung. Der Tag des Achselzuckens. Der Tag dieser furchtbaren Lieblosigkeit. Der Gleichgültigkeit und der Empathielosigkeit. Der Nichtzuständigkeit. Der Verantwortungslosigkeit und des Mit-dem-Finger-auf-einen-anderen – Zeigens. Der Tag, an dem einem Menschen irgendwo in dieser Stadt schlagartig klar wird: Ich bin egal. Ich bin einerlei. Mein Schmerz, meine Not, meine Geschichte – egal. Ob es mich gibt oder nicht - egal. Es ist Karfreitag: Der Tag, wo das Schicksal einer Familie in irgendeinem Wohnblock in irgendeiner Straße in dieser Stadt sich einfügt in den ruhelosen gefühllosen anonymen Mahlstrom der Bilder, die sich in die Nachrichten ergießen, durch das Internet gespült werden. Karfreitag ist der Tag, an dem du dich fragst, ob die Welt womöglich nur noch aus digitalen Einsen und Nullen besteht, hinter denen die Menschen und ihr Leben, ihr Fleisch und ihr Blut, ihr Herzschlag, ihr Atem, ihre Sehnsucht, die Trauer in ihrem Blick, ihr Geruch nach Arbeit und Schwere, ihre Sehnsucht – tonlos und schweigend im Datennirwana verschwinden.

Karfreitag ist aber auch der Tag, an du selbst schockiert merkst: der andere erreicht mich ja wirklich nicht mehr. An dem dir schmerzvoll klar wird: Wenn ich ehrlich bin hat der andere ja auch tatsächlich keine Bedeutung für mich. Karfreitag ist ja auch der Tag deiner eigenen Gnadenlosigkeit. Der Lieblosigkeit, die du ja selbst auch nicht aufhältst.

Gott sei Dank, ich habe Ruhetag

Und wenn du den Fernseher anmachst oder das Internet dann siehst du die verpixelten Kinder tot auf der Straße liegen und die erschossenen Mütter und Väter unter den schwarzen Planen und du klickst weiter und weiter und bist vielleicht sogar dankbar, dass deine Psyche eine innere Hornhaut ausgebildet hat, eine Imprägnierung gegen die Übermacht der Gefühle und gegen die Ohnmacht und das bohrende Gewissen und deinen wummernden angstvollen Herzschlag. Und du bist vielleicht sogar im Stillen dankbar, lieber Gott, vielen Dank, ich habe Ruhetag. Denn der Karfreitag ist ja auch der Tag deiner eigenen Begrenzung, Schwäche, deines eigenen Siechens, deines inneren Sterbens, deines Erschreckens vor deiner eigenen Müdigkeit. An dem du erkennt, du bist ja gar nicht der Simon von Cyrene oder Maria oder der Lieblingsjünger, die helfen und anpacken und unter dem Kreuz ausharren, sondern auch nur ein Petrus oder ein Soldat, die die Augen und die Herzen dichtmachen.

Und deswegen gibt’s das Tuch am Kreuz. Es ist ein bisschen wie bei Christo, der den Arc de Triomphe verhüllt und wo du erst durch die Irritation der Verhüllung die unverwechselbare einmalige Schönheit der Architektur wieder entdeckst. Erst seine Verhüllung klammert das Gebäude ja aus dem Bilderstrom des Stadtgewimmels heraus. Paradoxerweise muss etwas also erst verhüllt werden, um seine Einmaligkeit, seine Schönheit (wieder) zu bemerken.

Deswegen haben wir das Kreuz vor ein paar Tagen verhüllt und enthüllen es gleich wieder. Damit das Leid, die Zerstörung, der Schmerz, der Tod nicht im Mahlstrom der Tage, Wochen und Jahre zum Einerlei wird. Damit die Ignoranz, die Gefühlskälte und die Lieblosigkeit, die ja auch meine eigene Ignoranz, Gefühlskälte und Lieblosigkeit sind, nicht zur Normalität werden. Jeder Schmerz, jedes Leid, jeder Tod, jede Einsamkeit hat doch einen Namen. Hinter jeder Hülle ein Gesicht. Unter jeder Plane ein Körper. Hinter jeder Verpixelung ein Mensch.

Das Leid muss ein Gesicht bekommen

„Ecce homo, Mensch betrachte, schaue diesen Menschen an! Der verraten und verspottet niemand hat was Leids getan.“ Und so trete ich gleich vor das enthüllte Kreuz und schaue an, was ich da sehe. Vielleicht sehe ich die Lämmer, Ziegen, Rinder und Schweine, die auch zu diesem Fest wieder in den Fabriken geschlachtet werden. Vielleicht sehe ich nichts weiter als einen geschnitzten Korpus. Vielleicht sehe ich die Fernsehbilder einer Frau irgendwo in Butcha, die die Leichen ihres erschossenen Sohns und der misshandelten Schwiegertochter gerade eigenhändig in einem Erdhügel vergraben hat. Vielleicht sehe ich einen alten Mann in einem Rollstuhl, der seiner toten Frau hinterher weint und stammelt: „Warum ist sie weg? Sie hat doch niemandem etwas getan.“ Vielleicht sehe ich seine Tochter, wie sie auf Zehenspitzen durch die Intensivstation eines Krankenhauses schleicht und Tassen und Teller und Besteck einsammelt, weil ihr die Krankenschwestern so leidtun, wegen ihrer vielen Arbeit.

Vielleicht sehe ich mich selbst im Moment des Erschreckens, wenn ich mir für einen Moment vorstelle, es gebe niemanden, der sich für mich interessierte. Vielleicht sehe ich mich selbst in dem Höllenmoment, in dem ich merke, alle anderen haben Ruhetag.

Vielleicht sehe ich aber auch einen Menschen, der sich anrühren lässt von dem, was er da sieht. Denn das Leid muss doch ein Gesicht bekommen. Gesicht und Stimme. Der Karfreitag stellt mir die Frage: Gehts mich noch was an? Sonst kann doch nicht Ostern werden.

4 Kommentare:

  1. Lieber Peter Otten, Sie haben eine große Gabe gute Worte zu finden. Ich lese immer was Sie schreiben und bin wie heute wieder, oft sehr angerührt. Da wo ich nur Wortfetzen in meinem Kopf finde, formulieren Sie Gedanken und Gefühle aus. Menschen wie Sie sind ein Grund für diese Kirche weiter einzustehen.
    Danke, das wird mir meine Karfreitagsgottesdienste leichter machen.
    Angela Gotzhein

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    1. Liebe Angela Gotzheim, lieben Dank für den wunderbaren Kommentar! Es ist für mich großartig, wenn ich merke, dass meine Gedanken tatsächkich eine Resonanz finden. Ich wünsche Ihnen ein frohes Osterfest voll Glaube, Hoffnung und Liebe!

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  2. Vielen Dank für diesen Text, der mir im besten Sinne des Wortes zu denken gibt.

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  3. Starker Text - auch für Nicht-Christen/-Gläubige verstehbar und relevant! Vielen Dank, Herr Otten, und frohe Ostern!

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