Dienstag, 2. Mai 2017

Nirgendwo Sicherheit

Screenshot: Peter Otten
"The Young Pope" ist eine Serie wie eine makellos gebügelte maßgeschneiderte Soutane. Regisseur Paolo Sorrentino zirkelt einen Bilderreigen über ein autistisch-unzugängliches, doch jederzeit faszinierendes Spiel hinter den Mauern des Vatikan. Dabei entstehen Reflexionen über Macht, Liebe, Gewalt und die Frage nach Gott.

Von Peter Otten

Nehmen wir nur als Beispiel das Intro zur zweiten Folge: Der Schweizergardist schläft mit seiner Frau Esther. "Du liebst mich nicht" wird er kurze Zeit später sagen. Da trägt er schon längst wieder sein lakonisches Gardegesicht und die prachtvolle Pumphosen-Uniform. Sie spiegelt sich im kleinen Frisierspiegel seiner Gattin. Über dem Bett ein großes Foto: Der Schweizergardist trägt seine Frau auf Händen. Die Kamera segelt weiter. Glockenschläge. Ein Ave Maria setzt ein. Ein Kardinal sitzt auf einem Bett und spricht in sein Handy. Ein anderer Kardinal im gestreiften Bademantel wäscht seine Füße in einem Bedé. Ein korpulenter Kardinal hat Mühe, seine Schnürsenkel zu erreichen. Einer mit gepflegtem Weißbart blickt auf sein IPad, während eine ätherische junge Nonne ihm zu Füßen seine Soutane flickt. Einem schmalen kränklich aussehenden Kardinal werden abwechselnd Morgenzigarette und Sauerstoffmaske gereicht. Ein anderer bekommt eine Spritze ins Hinterteil. Ein Kardinal mit weißen Haaren frühstückt ein Brötchen mit Nußnougatcreme. Eine Gruppe von Nonnen beim Fußballspiel. Einer von ihnen gelingt ein Hackentrick á la Messi. Einer andere wirft sich im Tor vergeblich dem Ball hinterher. Morgens um neun im Vatikan.


Die Sorgfalt, mit der nahezu sämtliche Szenen und Einstellungen dieser Serie vorbereitet und fotografiert werden ist überwältigend. Die Kamera schwebt und streift hindurch, aufmerksam, nie voyeuristisch, Szene für Szene, Folge für Folge. Regisseur Paolo Sorrentino hat wie bei der Knopfleiste einer makellos gebügelten Soutane ein perfektes Bild an das andere gefügt. Voller Anspielungen, symbolischer Kraft, ja, das auch (der geübte Seher wird seine Freude daran haben), aber vor allem voller Faszination für einen katholischen Bilderkosmos, der hinter den vatikanischen Mauern ein autistisches unzugängliches und doch vergnügliches Spiel erzeugt. Unzugänglich für alle, die nicht Teil dieses Spiels sind, die nicht hinter den Mauern des Vatikans leben. Vergnüglich für die Zuschauer. Denn ironischerweise entfaltet dieser Reigen keine Distanz, sondern eine ungeheure Faszination, eine sagenhafte suggestive Kraft. Das ist das größte Vergnügen der Serie: Betörend schöne, rätselhafte, absurde, liebevolle und oft schreiend komische Bilder (Papst Johannes XXIII. kommt - wie er zur Ikone des 20. Jahrhunderts geworden ist - aus der Duschkabine! Der riesige Globus im Audienzzimmer des Papstes!) - sorgfältige Figurenzeichnungen, spannende Erzählstränge. Höchstes pures Vergnügen.

Lenny Belardo (großartig gespielt von Jud Law) ist zum Papst gewählt worden. Die Kardinäle haben ihn und nicht seinen Mentor Kardinal Spencer auserkoren, weil sie sich erhofft haben, den jungen Amerikaner wie eine Marionette lenken zu können. Eingefädelt hat den vermeintlichen Coup Kardinalstaatssäkretär Angelo Vioello, den Silvio Orlando wie eine Mischung aus Hans Joachim Kulenkampff und einer männlichen Sphinx spielt. In seiner Freizeit liest er Sportzeitungen und weint, wenn jemand etwas Gehässiges über sein Superidol Diego Maradonna sagt. Dann streichelt er über den Schopf seines schwerbehinderten Sohnes. Aber Lenny erweist sich als das exakte Gegenteil. Als die blondgelockte PR-Beraterin im Audienzzimmer sitzt und einen neuen Merchandising-Katalog mit Memorabilien verabreden will macht Lenny sein Regierungsprogramm deutlich: "Ausschließlich Christus existiert. Und ich bin keine fünfzig, nicht einmal fün Euro wert." Keine Fotografien des Papstes sollen veröffentlicht werden. Lenny will ein Papst sein, der sich entzieht. Er habe den Menschen nichts zu sagen, wird er bei seiner ersten öffentlichen Ansprache sagen, die in völliger Dunkelheit auf der Loggia des Petersdoms stattfindet. "Was haben wir vergessen? Wir haben Gott vergessen! Ihr habt Gott vergessen. Ihr müsst Gott näher sein als ihr es untereinander seid. Ich bin Gott näher als euch. Ihr müsst wissen, dass ich euch nie nah sein werde, weil jeder vor Gott allein ist. Ich habe jenen nichts zu sagen, die auch nur den leisesten Zweifel an Gott haben." Rums. Kardinal Caltanissetta vom vermeintlich liberalen Flügel - das ist der, der aussieht wie ein hagerer mittelgescheitelter Wachtmeister aus dem 19. Jahrhundert und sich eben nicht zwischen Nikotin und Sauerstoff entscheiden kann - bekommt Schnappatmung, wenn er denn noch atmen könnte. Ironisch: die Barmherzigkeitskirche der Marxens und Franziskusse kurz vorm Ersticken (und ob sie wirklich so barmherzig ist, ist auch eine Frage, die der Film stellt).

Lennny, der sich den Namen Pius XIII. gibt, um an die restaurativen Zipfel der Piusvorgänger anzuknüpfen, hat eine interessante Biographie. Seine Hippieeltern haben ihn in einem katholischen Waisenhaus abgegeben. Schwester Mary, die er und sein Kumpel Andrew Ma nennen, hat ihn aufgezogen. In Rückblenden wird dies wie in kurzen Andachtsszenen erzählt. Daher ist die Serie auch die Geschichte über Menschen ohne Wurzeln: über einen, dem eine Nonne und ein riesiges Kloster Vater- und Mutterersatz sind und über eine Nonne (genial: Diane Keaton), der zwei hübsche Priesterbengel den Kinderersatz darstellen. In Traumsequenzen streift der Papst durch Venedig, auf der Suche nach Vater und Mutter. Er begegnet sich selbt als Kind. Er sieht seine Eltern wieder und wieder schweigend auf einem Boot davonfahren. Es ist aber auch eine Geschichte darüber, wie Macht entsteht, wie sie von einem auf den anderen Augenblick verfällt, wie sie erhalten und ausgebaut werden muss. In diesem Erzählstrang ist die Geschichte denn auch eine über die Grenzen absolutistischer Macht. Er habe zeigen wollen, wie sich die Kirche von jetzt auf gleich mit einem anderen Papst verändern könne, sagte Sorrentino der New York Times. Das ist eine der vielen verstörenden Stärken der Serie: Es gibt keine Sicherheit, nirgends. Und wenn Sorrentino in einer Einstellung vermeintlich eine Spur legt, wirft das nächste Bild - ein stoischer Prälat, der ins Nichts schaut, der Papst auf einer Hantelbank, die aus dem Katalog von Manufactum gelistet sein könnte, eine Schar blutjunger wunderschöner Nonnen beim Aufhängen von Weißwäsche, ein herabfallendes Kruzifix  - alles sogleich wieder um. Es gibt keine Sicherheit: die Kirche entsteht entweder im Kopf eines narzisstischen Tyrannen oder in der Klüngelei kompromissierender verfallender Kardinalsfiguren. Da ist sich der Papst auch nicht zu schade, den Beichtvater der kurialen Mitarbeiter zu erpressen, um an strategische Informationen zu kommen. Sicherheit bieten einzig die betörend schönen Bilder und die beiläufige und doch kontrapunktierende Schönheit der Musik: klasisches Quartett, Ave Maria, Electrobeats. Es ist - und das ist vielleicht der ernsteste Faden in dieser Serie - auch eine Geschichte über die Aufarbeitung sexueller Gewalt. Monsignore Bernardo Gutierrez - neben dem Papst wohl eine der interessantesten Figuren - der aufgrund seiner Homosexualität als erpressbar gilt, wird vom Papst im Fortgang der Serie nach New York geschickt, um den dortigen Erzbischof Kurtwell des sexuellen Missbrauchs zu überführen. Die Arroganz kirchlicher Macht und wie sie in der Person des Parkinsonbischofs in selbstverständliche Despotie umschlägt, ist selten so atemlos gezeigt worden. Gutierrez´ eigene Verzweiflung angesichts seiner zunächt unlösbar erscheindenden Aufgabe und angesichts eigener Vergewaltigungserfahrungen kulminiert in den Bildern der Hölle seines verdreckten Hotelzimmers, die er dem Papst via Skype übermittelt. Eine tieftraurige berührende stumme Meditation.

Die Serie ist aber natürlich auch eine Reflexion darüber, wie es sich mit Gott verhält. Er sei nur etwas für die, die nicht mit Freiheit umgehen könnten, heißt es in einer Szene. Er wird jedenfalls nicht als derjenige vorgestellt, der die Welt erlöst. Gibt Gott überhaupt? Sogar der Papst zweifelt, und wenn der Papst zweifelt gerät der ganze Aufbau ins Wanken, erstarren alle Figuren zu Eis."Ich habe nur einen Witz gemacht." Aber auch das vermag die Erstarrung nicht zu lösen. Im Vorspann (fast) jeder Folge streift Lenny durch das Vatikanische Museum, neben ihm an der Wand Meisterwerke aus jeder Epoche. Ein Komet zieht seine Bahn von Bild zu Bild, setzt Städte und Häuser in den Bildern in Brand. Als alles brennt blickt der Papst die Zuschauer an und zwinkert mit einem Auge - dann kracht der Komet in eine Statue von Johannes Paul II. und wirft sie um. Mag sein, dass der Vorspann der Schlüssel zu allem ist. Da ist einer, der alles verändern will und doch ahnt: eigentich ist das nicht wichtig. Aber was ist wichtig? Was ist richtig? Gibt es denn gar nichts was bleibt?

Die Serie läuft auf einen finalen Höhepunkt zu. Man ahnt: der Papst wird zum ersten Mal auftreten, nun doch aus dem Schatten heraustreten. "Wer ist Gott?" Das ist die Frage, die sich in jeder Falte, in jedem Zug an der Zigarette, in jedem Postkartenbild der Serie verbirgt. Der Papst stellt sie hier. Und gibt auch eine Antwort, die hier nicht verraten sei. Dann schwenkt die Kamera nach oben, in die Vogelperspektive, in den Himmel, ins All. Der Papst ist aus dem Schatten getreten. Gott bleibt entzogen. Das ist die einzige Sicherheit - neben der betörenden Schönheit der Bilder. Und dieser Gedanke ist am Ende der großartigen Serie überhaupt nicht schlimm. Sie wurde übrigens in Deutschland bisher nur wenig rezipiert. Höchste Zeit, dass sich das ändert.

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