Mittwoch, 29. Juni 2011

Doch keine selektive Wahrnehmung

In Österreich hat eine Initiative von offenbar etwa 300 Priestern, die auch von knapp 150 Laien unterstützt wird, offenen Ungehorsam vereinbart. Die Priester verpflichten sich in ihrem „Aufruf zum Ungehorsam“ unter anderem dazu, in Zukunft in jedem Gottesdienst eine Fürbitte um Kirchenreform sprechen. Man werde zudem „gutwilligen Gläubigen grundsätzlich die Eucharistie nicht verweigern“. Das gelte auch für Geschieden-Wiederverheiratete, für Mitglieder anderer christlicher Kirchen, sogar je nachdem für Ausgetretene. Außerdem werde man zukünftig nur noch einer Eucharistiefeier am Sonntag vorstehen und stattdessen Wortgottesdienste mit Kommunionspendung feiern, denen Laien vorstehen, die dort auch predigen sollen. Man werde das Predigtverbot missachten, heißt es. Denn: Es sei „gerade in schwerer Zeit notwendig, das Wort Gottes zu verkünden“. Als Gegenmodell zur Fusion von Pfarreien werde man sich schließlich dafür einsetzen, dass jede Pfarrei einen Vorsteher oder eine Vorsteherin bekomme, was nur durch ein neues Priesterbild zu erreichen sei. Begründet wird das Vorgehen zweifach: Zum einen mit „römischer Verweigerung einer längst notwendigen Kirchenreform“, zum anderen wird aber mit einer „Untätigkeit der Bischöfe“. Beides zwinge dazu, dem Gewissen zu folgen und selbständig tätig zu werden.

Neben der Deutlichkeit der Worte verblüfft die Tatsache, dass es hier erstmals seit vielen Jahren nicht Laien, sondern Priester sind, die sich in dieser Weise vernetzt und solidarisch zu Wort melden, Veränderungen fordern und darüber hinaus sogar konkrete Schritte vereinbaren, Schritte des Ungehorsams.

Montag, 20. Juni 2011

Renaissance der Blutgrätsche

Sein Buch sei nicht nur polemisch, sondern auch katechetisch, so Kurienkardinal Paul Cordes anlässlich der Vorstellung von Matthias Matusseks Band "Das katholische Abenteuer" neulich in Rom. Dem engagierten Christen, "ob geweihten Hirten oder getauften Gliedern der Kirche, die ihren Taufauftrag ernst nehmen," sei es nicht nur eine "Provokation," sondern ein "echter Impuls zum Apostolat." Matusseks Ziel sei die "Präzision, das geht manchmal bis zur Schmerzgrenze, ja, wenn es sein muss, bis zur Bosheit, die unser unerlöstes Selbst, man muss es verschämt zugeben, durchaus ansprechen kann." Es gefalle dem Autor, „seinem Werben für den Glauben bisweilen die Türen einzutreten“. Mit Vehemenz voretragene Glaubensüberzeugungen, die sich zu Polemiken verdichten; als Provokationen getarnte Präzisierungen - das ist so recht nach dem Geschmack des gebürtigen Sauerländers. Mehr Blutgrätsche, weniger Kurzpassspiel also gehört offensichtlich auf den katholischen Trainingsplan. Und hin und wieder das Einüben taktischer Fouls. Auf diesem Hintergrund ist interessant, was zum Wochenende aus Rottenburg-Stuttgart zu hören war.

Dienstag, 14. Juni 2011

Narzisstischer Ego-Trip

Unter den schönsten Geschenken, die ein Kirchentag machen kann, gehören ohne Zweifel die täglichen Bibelarbeiten. So war es auch wieder in diesem Jahr in Dresden. Geschenk deshalb, denn dort waren Sätze zu hören wie die von Fulbert Steffensky. "Gott hat Lieblingskinder und Menschen seines ersten Augenmerks, es sind die Armen", sagte Steffensky da. "Sie werden nicht selig gepriesen, weil sie besser sind als andere; nicht, weil sie frömmer, sondern weil sie arm sind. Ihre Schmerzen und Entbehrungen, die gesellschaftliche Verachtung, die sie erfahren, sind der Grund der Seligpreisung; nicht irgendein Verdienst, den sie aufzuweisen haben. Die Frau, die ihr eigenes Kind verletzt, damit es beim Betteln mehr einbringt – sie ist nicht fromm, aber sie ist arm. Der Arbeitslose, den die Hoffnungslosigkeit in den Suff getrieben hat – er ist nicht fromm, aber arm. Die verlorenen und gewalttätigen Jugendlichen, die aus Angst vor der eigenen Armut die noch Ärmeren und die Fremden hassen – sie sind nicht gut, sie sind arm." Und dann noch: "Viele sind zu arm, um gütig zu sein. Sie sind zu arm, um fromm zu sein." Und Steffensky zitierte den ermordeten Jesuit Ignacio Ellacuria: „So müssen wir uns als Kirche fragen: Was haben wir getan, um die Armen ans Kreuz zu bringen? Was tun wir, um sie vom Kreuz abzunehmen? Was tun wir, um sie aufzuerwecken?“ Eine Weise, Gott zu betrachten sei, die Elenden dieser Welt zu betrachten mit den Augen unserer Herzen. "Wenn die Kirche das vergisst," so Steffensky, "dann mag sie religiös sein, aber christlich ist sie nicht."

Zum Pfingstfest hingegen war nun in der FAZ ein Gespräch zwischen dem Feullitonchef Claudius Seidl und Matthias Matusek zu lesen.

Freitag, 10. Juni 2011

Das Fest der Ideen

Katholiken feiern Fronleichnam, weil der Mensch nicht vom Brot allein lebt, sondern besonders von den Ideen

Eine Vision der Augustinernonne Juliana von Lüttich im 13. Jahrhundert veranlasste Papst Urban IV. 1264, Fronleichnam zum kirchlichen Fest zu erheben. Seinen besonderen Charakter erhält es durch die bis heute stattfindenden Prozessionen. Dabei verwendet man „Schaugefäße“ oder Monstranzen, die unter einem Baldachin, einem ursprünglichen Machtzeichen von Fürsten und Herrschern mitgeführt werden, darin befinden sich Hostien.

Das Fest der Ideen
Zu Recht sagen viele: Brot ist doch zum Essen da, nicht zum Anschauen. Nicht zufällig entstand das Fest zu einer Zeit, da eine übertriebene Ehrfurcht vor dem Leib Christi den Empfang der Hostie durch seine „Schau“ zum Teil ersetzte. Andererseits zeigt das Fest durch den Modus der Prozession in einer „dramatischen“ Weise, dass Menschen nicht allein vom Brot leben. Sondern mindestens genauso bedeutsam sind die Ideen.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Unbehagen vor dem Riss

Georg Schwikart klingt beschwingt, fast fröhlich. Er ist gerade ein paar Stunden aus Rom zurück. Es ist eine Abschiedsreise gewesen, ein Geschenk seiner katholischen Heimatgemeinde, die nun nicht mehr seine Gemeinde sein wird. „Ich liebe die katholische Kirche weiter“, sagt er, und man glaubt ihm dieses große Wort, wenn er erzählt, wie die Reisegruppe in römischen Kirchen betete und gemeinsam Gottesdienst feierte. Was jetzt kommt überschreibt er mit „Spurwechsel“, die Richtung selbst bleibe unverändert. Am Pfingstfest tritt Schwikart in die evangelische Kirche über. Zugleich bewirbt er sich dort als Prädikant, als jemand also, der ehrenamtlich Gottesdienste feiern wird.