Donnerstag, 2. Juni 2011

Unbehagen vor dem Riss

Georg Schwikart klingt beschwingt, fast fröhlich. Er ist gerade ein paar Stunden aus Rom zurück. Es ist eine Abschiedsreise gewesen, ein Geschenk seiner katholischen Heimatgemeinde, die nun nicht mehr seine Gemeinde sein wird. „Ich liebe die katholische Kirche weiter“, sagt er, und man glaubt ihm dieses große Wort, wenn er erzählt, wie die Reisegruppe in römischen Kirchen betete und gemeinsam Gottesdienst feierte. Was jetzt kommt überschreibt er mit „Spurwechsel“, die Richtung selbst bleibe unverändert. Am Pfingstfest tritt Schwikart in die evangelische Kirche über. Zugleich bewirbt er sich dort als Prädikant, als jemand also, der ehrenamtlich Gottesdienste feiern wird.
Schon der jugendliche Ministrant hat viel Kontakt mit dem Protestantismus. Schwikart tummelt sich oft in der evangelischen Nachbargemeinde im heimatlichen Düsseldorf. Schon einmal, während seiner Ausbildung zum Gemeindereferent verlässt er voller Zorn die katholische Kirche. „Aber das funktioniert nicht, aus Zorn die Konfession zu wechseln.“ Nach elf Monaten kehrt er zurück. Die Wurzeln, die Erinnerung, sie sind stark. Sie fließen ein in ein umfangreiches publizistisches Werk. Schwikart, der Religionswissenschaftler, Theologe und Volkskundler schreibt Bücher über den Glauben, übers Kirchenjahr, übers Leben und Sterben. Das bestimmt und nährt das Leben des zweifachen Vaters und das seiner Familie. 2006 möchte er Diakon im Erzbistum Köln werden. Dieser Weg endet Ende letzten Jahres, als man ihm bescheinigt, dafür nicht geeignet zu sein. „Als selbst denkender Schriftsteller erlag ich wohl der Naivität, ich könnte mit meiner Haltung in einem Amt der katholischen Kirche mithelfen, diese Kirche zu erneuern.“ Manche, die die Macht zum Widerspruch hätten, versichern ihm: Wir stehen hinter dir. Doch im entscheidenden Moment ist Schwikart allein. Dabei liest sich sein verhängnisvolles Buch „Evangelisch? Never!“ über weite Strecken wie ein Lied, in dem jemand seine große Liebe besingt.




„Nun wird es Zeit für mich, mich endlich abzunabeln“, sagt Schwikart heute.  Das klingt, als sei einer mit 47 – spät -  groß geworden. Das sei „eine sehr persönliche Entscheidung“, nicht gegen das Katholische sondern für das Evangelische: „Hanns Dieter Hüsch sagte mal, er sei durch und durch evangelisch, aber eben auch durch und durch katholisch und wolle es immer bleiben. Das könnte ich sofort unterschreiben.“



Jetzt sagen einige, seine Entscheidung setze seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel. „Vielleicht hat der Kardinal nun das gute Gefühl, in seiner Entscheidung Recht behalten zu haben.“ Dann ist das halt so. Nach Schwikarts Verständnis aber ist Aufrichtigkeit das Fundament von Glaubwürdigkeit. Dem Blick in den Spiegel nicht ausweichen zu müssen. Schwikart ist erstaunt über so viel Interesse von Menschen an seiner Konversion. Das Unbehagen bei denen, die zurück bleiben, mag deswegen groß sein, weil der Fall Schwikart eben auch zeigt, dass der Riss in der katholischen Kirche längst ihre Mitte erreicht hat und immer weniger vor ihm sicher sein können.


(aus: Publik-Forum, Ausgabe 11/2011)

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