Montag, 19. April 2021

Die Erlösende Kraft des Erzählens

Als sich der Tod seiner Mutter abzeichnete, hat der Philosoph
und Journalist Jürgen Wiebicke viele Gespräche mit ihr geführt. Es ging ihm nicht nur darum, den lange geltenden Schweigemechanismus einer traumatisierten Kriegsgeneration zu verstehen. In seinem Buch "Sieben Heringe" zeigt er, wie erlösend Resonanzräume sein können. Also Gemeinschaften des Erzählens und Zuhörens. Jedenfalls wenn dort auch heikle Themen der menschlichen Existenz - die Kränkungen von Kontingenz, Krankheit, Leid, Sterben und Tod - nicht zu Vorgängen werden, sondern zum Teil des geglückten Lebens.

Von Peter Otten

In Augenblicken, wenn Menschen das Sterben, den Tod erleben, ist die Konfrontation mit der Endlichkeit vielleicht die schwierigste Herausforderung. Es ist nicht nur der tote Mensch im Sarg, die Asche in der Urne. Es ist die Konfrontation mit der eigenen Kontingenz. Der Tote ist auf einmal das eigene Spiegelbild. Schonungslos lenkt das Wissen um den Inhalt von Sarg und Urne die Gedanken zur eigenen Hinfälligkeit, ja, zum eigenen Sterben. Deswegen ist eine Beerdigung eine Gratwandererung. Sie ist heikel, weil das Unangenehme, Verdrängte in den Vordergrund rückt. Sie kann aber auch lösend, erlösend wirken. Weil hoffentlich ein Schicksal nicht länger beschwiegen wird, das alle Menschen teilen: die Wirklichkeit des Todes. Daher ist eine Beerdigung vor allem für die Menschen wichtig, die zurück bleiben. Nicht so sehr für den Toten. Es geht um vier Dinge: Traurig sein dürfen und Trost finden. Erinnern. Danken. Und darum, aus dem Augenblick des Irrsinns etwas wie Zuversicht schöpfen zu können. Es ist im Grunde das, was im Lukasevangelium lapidar erzählt wird: "Wähernd sie noch darüber redeten trat Jesus in ihre Mitte und sprach: Friede sei mit euch" (Lk 25, 36). Ein erlösender Dreischritt: Das Erzählen verwandelt Aussichtslosigkeit in einen Gottesort. Und der Gottesort bringt den (inneren und äußeren) Frieden. Der Dreitschritt des biblischen Auferstehungsgedankens.

Nun hat der Philosoph und Journalist Jürgen Wiebicke sicher kein Auferstehungsbuch geschrieben. Wir sind befreundet, das soll der Leser wissen, bevor er weiterliest. Aber Jürgen hat ein Buch über die verwandelnde Kraft, die im Erzählen liegt geschrieben - und damit eben auch über die Beschädigungen, die Beschweigen und Verschweigen von dem anrichten, was Ausgesprochen werden müsste, und das weit über die eigene Generation hinaus. Es ist ein Thema, das nicht nur den Freund, sondern auch den Theologen und Seelsorger interessiert, interessieren muss. Denn ein wesentliches Handwerk des Theologen und Seelsorgers ist ja das Erzählen und Zuhören.

Als klar war, dass sich das Leben seiner Mutter auf der Zielgeraden befindet, hat sich Jürgen hingesetzt, mit ihr lange Gespräche geführt und das, was er gehört hat aufgesammelt. So entsteht im Erzählen nicht nur das Bild einer Familie. Es geht nicht nur um einen Informationstransfer. Sondern immer dann, wenn sich in den Gesprächen lange Beiseitegelegtes einen Weg bahnt, wenn um Worte und Sätze gerungen wird, um Verschwiegenes und Unterdrücktes endlich und oft zum ersten Mal zum Gegenstand von Betrachtungen zu machen, wird der Mechanismus deutlich, der das Innenleben einer ganze Kriegsgeneration zerrüttet hat: erlebte Gewalt, unvorstellbare Härte, täglicher Hunger, körperliche und seelische Entbehrungen, der Verlust von Heimat - oft ohne Maß und vor allem ohne Resonanzraum. Beerdigt, verschüttet und verschwiegen in der Tiefe der eigenen kindlichen Seele. "Das Stichwort der Verdrängung, die dieser Generation immer wieder vorgehalten wurde, zielte auf individuelle psychologische Entlastungsstrategien. Eine zutiefst verstrickte Generation habe sich den moralischen Abgrund vom Leib halten wollen, aus Selbstschutz Schuld geleugnet und deshalb geschwiegen" schreibt Jürgen (107). "All das ist weiterhin hoch plausibel. Aber vielleicht fehlt in dieser Erzählung etwas, und wir haben lange übersehen, dass es für dieses Sprechen gar kein Gegenüber mehr gegeben hätte (...). Weil in einer kaputten Gesellschaft, die gerade den totalen moralischen Offenbarungseid erlebt hatte so viel Kälte herrschte, dass es keine Resonanzräume mehr gab, in denen offene Worte hätten wirken können. Dann erlischt die Hoffnung, dass man sich wechselseitig glaubt, und Misstrauen wird zur Geschäftsgrundlage für menschliche Begegnungen."

Hier liegt, wie ich beim Lesen merke, eine der vielen aufregenden Aktualitäten des Buches. Denn wo das Vertrauen verschwindet, geraten ja auch heute Institutionen in tiefe Krisen. Misstrauen ist keine Basis für starke Kirchen, Parteien, aber auch Nachbarschaften, Schulen und andere Institutionen. "Ohne eine gewisse Neugier am Drama des anderen kann kein Mitgefühl entstehen, aber diese Neugier war längst abgestumpft, weil jeder Dramatisches zu erzählen hatte (108)". Die atemlose Newsgesellschaft lässt keine Geschichten mehr zu. Kein Erzählen, kein Zuhören, keine Neugier. So geht es Jürgen offenkundig nicht nur darum, die innere Kaputtheit seiner Elterngeneration aufzudecken. Sondern man ahnt beim Lesen, dass dieser teuflische Mechanismus über die Generation hinweg wirkt - nicht nur bei den Geschichtsvergessenen. Sondern letztlich überall, wo Resonanzräume des Erzählens und Zuhörens verweigert werden. Wo Beziehungszusammenhänge bestenfalls technisiert, mathematisiert und versachlicht werden. 

Jürgens sehr persönliche Annäherung an seine Eltern und Großeltern ist äußerst präzise und unterhaltsam, mit großer Freude am Erzählen. Sie ist voller berührender Bilder (nicht nur sieben Heringe und ein Korb voller Federvieh) und lässt den Leser tief eintauchen in die Geschichte einer Familie. Auf einer anderen Ebene macht dies das Buch sehr aktuell: Was passiert mit Menschen, was passiert mit einer Gesellschaft, die die Themenfelder Kontingenz, Krankheit, körperlicher Verfall, die Fragen nach Leid, Sterben und Tod vielleicht nicht komplett ausblendet, wenigstens aber beiseite schiebt? Und dort, an der Seitenlinie, einer Optimierungs-, Krankenhaus- oder Sterbeindustrie überlässt? Und eben genau das nicht macht, was nach Jürgens Auffassung doch eigentlich dringend nötig wäre: die Endlichkeit nicht als Feind zu betrachten, sondern zu umarmen. Denn das ist ja eines der Widersprüche, die auch in der deutschen Gesellschaft gerade in der Coronakrise deutlich wird: Der gesellschaftliche Appell und die weitgehende Einigkeit, gerade alles dafür zu tun, Leben zu schützen führt ja auf der anderen Seite dazu, dass die Not "des Personals" in den Krankenhäusern und Intensivstationen zwar registriert - aber eben auch in schützende Distanz gebracht, wegdelegiert wird. "Das Gesundheitssystem" darf nicht zusammenbrechen.

Die Endlichkeit, das Sterben, den Tod zu umarmen, das würde Zeit, Muße und Kraft verlangen - eben einen Resonanzraum des Zuhörens und Erzählens. Kein leichtes Unterfangen, zugegeben. Doch wie nötig, ja: wie heilsam dieser Resonanzraum in den Familien, in der Gesellschaft, in den Institutionen, ja, auch in den Kirchen wäre - das zeigt Jürgen Wiebicke beeindruckend in seinem Buch. "Ich weiß nicht, wozu sie Ja sagen möchte, aber es scheint ihr wichtig zu sein" (252). Einer der letzten Sätze des Buches, aufgeschrieben in der Sterbestunde der Mutter. Er klingt programmatisch: Wo eine Erzählkultur herrscht, kann ein Mensch Ja sagen, weil er sich sicher sein kann, dass er es nicht ins Nichts sagen muss.


Jürgen Wiebicke lebt als freier Journalist in Köln. Seit 14 Jahren moderiert er wöchentlich »Das philosophische Radio« auf WDR5.

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