Mittwoch, 31. März 2021

Ich bleibe dabei – ein Versuch, Rechenschaft zu geben


von Werner Höbsch

© Max Zimmermann

Die Zahl der Menschen, die in den ersten Monaten dieses Jahres die katholische Kirche verlassen haben, ist enorm hoch. Darunter befindet sich auch eine beträchtliche Zahl treuer Katholikinnen und Katholiken. Als Gründe für einen Kirchenaustritt werden genannt: Verbrechen des Missbrauchs, Vertuschung von Straftaten, eine rückständige Sexualmoral, der Umgang mit Frauen, die Zulassungsbedingungen zu den Weiheämtern, der Umgang mit Macht – um nur einige zu nennen.

Aber gibt es auch Gründe, in der Kirche zu bleiben in einer Zeit, da viele Katholikinnen und Katholiken wie auch mich Zorn und Trauer, Wut und Entsetzen packen? Diese Frage kann ich nur persönlich beantworten. Auf keinen Fall ist es Gewohnheit „ich war ja Zeit meines Lebens katholisch“, die mich hält. Vielmehr frage ich mich ernsthaft, gibt es einen inhaltlichen Grund zu bleiben und eine Hoffnung, die mich trägt und über die ich mir selbst gegenüber Rechenschaft ablegen kann?

Die katholische Kirche zeigt sich aktuell in einem selbst verschuldeten desaströsen Zustand, der eine ohnmächtige Traurigkeit auslöst. Es ist bitter zu erfahren, welches Leid in und durch die Kirche ihr Anvertrauten angetan wurde, größer und bitterer ist der Schmerz der Opfer. Das Gutachten der Kanzlei Gercke / Wollschläger zum Missbrauch spricht von systemisch bedingten Ursachen der Pflichtverletzungen von Amtsträgern. Die Reputation der Kirche war Verantwortlichen wichtiger als der Schutz der Opfer, das Ansehen der Kirche wurde höher eingestuft als eine konsequente, schonungslose Aufdeckung und Aufarbeitung der Verbrechen.

In diesen Tagen stellt die Kirche die Passion Christi in den Mittelpunkt der Betrachtung. Jesus wurde auf Befehl von Pilatus gegeißelt und schwer verwundet. Heute heißt das: Die schrecklichen Taten des Missbrauchs waren und sind Geißelhiebe an Leib und Seele von Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlen. „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Geißelung Christi erfolgte in unserer Zeit nicht auf Befehl eines außenstehenden Statthalters, sondern durch Geistliche, die durch ihre Weihe die Sendung und die Vollmacht erhalten haben, in persona Christi zu handeln.

Das Vertrauen und der Glaube zahlreicher Menschen wurden schwer beschädigt oder gar zerstört. Sicherlich ist es notwendig, die Verbrechen und das schuldhafte Versagen juristisch aufzuarbeiten und Konsequenzen zu ziehen. Aber das reicht nicht. Soll das Wort „ecclesia semper reformanda“ nicht eine bloße Phrase sein, sind radikales Umdenken und nicht nur formal-juristische Schritte erforderlich.

Vor mehr als 50 Jahren äußerte der christliche Philosoph Marcel Légaut (1900-1990) die Auffassung, dass diese Kirche (nicht die Kirche) sterben muss. Davon bin ich heute überzeugt, Sterbeprozesse erleben wir in dieser Zeit. Ich gehöre zu einer Kirche, die nicht von außerhalb, sondern aus ihrer Mitte heraus schwer beschädigt wurde. Warum also in dieser Kirche bleiben? Welche Hoffnung trägt mich und lässt mich trotz alledem bleiben?

Meine Hoffnung kann ich nur radikal, von der Wurzel her, begründen. Ich traue – mal mit größerer, mal mit kleinerer Zuversicht – dem Wort Gottes und seinen Verheißungen. Das Wort, das mir in den biblischen Schriften des Alten und Neuen Testaments begegnet, grabe ich immer und immer wieder um und meditiere es, um mich seiner inspirierenden Kraft zu öffnen. Christ bin ich, weil ich dem Mann aus Nazareth und seinem „Programm“, der Bergpredigt, traue, weil sein Leben in Gewaltlosigkeit bis zum Kreuz, ja bis zum Tod am Kreuz die unwiderrufliche Barmherzigkeit Gottes offenbart, der dem Hass und dem Tod nicht das letzte Wort lässt, der den Gekreuzigten vom Tod erweckt hat. Ich traue der Botschaft von der Gottesherrschaft, die Chris- tus verkündete und in seinem Leben bezeugte. Eine Orientierung an dieser Botschaft lässt sich innerkirchlich nicht mit dem Streben nach Macht vereinbaren, das weltliche Herrscher antreibt. „Bei euch soll es nicht so sein!“

Ja, das könnte doch alles auch außerhalb einer kirchlichen Einbindung geglaubt und gelebt werden. Stimmt. Es gibt überzeugte und überzeugende Glaubende, die sich auch außerhalb der Kirche am Wort Gottes orientieren und vorbildlich Nächstenliebe üben. Warum also bleiben?

Ich persönlich habe das Wort Gottes und die Beziehung zu Christus durch die Kirche kennengelernt – das waren zuerst meine Eltern, später Kapläne sowie Lehrerinnen und Lehrer der Theologie. Durch sie habe ich einen Zugang zum Beten gefunden, habe Gemeinschaft erfahren und den Ort für ein Engagement für Frieden und Ge- rechtigkeit gefunden. Die Kirche begleitet mein Leben von Kindheit an. Einen bedeutenden Impuls für meinen religiösen Weg gab das Zweite Vatikanische Konzil (1962- 1965) mit dem Ruf zum Aggiornamento. Es beflügelte den Geist der Erneuerung und weckte auch bei mir Hoffnung auf Veränderung, auf eine glaubwürdige Kirche in den Kontexten ihrer Zeit. Die Hoffnung, die trägt, ist kein Beruhigungsmittel, vielmehr versetzt sie in Unruhe. Wer heute Hoffnung leben will, muss widerspenstig sein – dort, wo äußere Ordnungen wichtiger sind als Inhalte, das Aufrechterhalten von überkommenen Strukturen vor Wegen der Erneuerung steht. Widerspenstigkeit sehe ich als Christenpflicht an. Um des Evangeliums und der Glaubwürdigkeit der Kirche willen brauchen wir einen offenen, ehrlichen Dialog.

Heute setze ich mich in und für die Karl Rahner Akademie mit ihrem Leitwort „katholisch – offen – frei“ ein. Diese ist ein Ort des Vor- und Nachdenkens in Kirche und Gesellschaft, ein Ort des Dialogs, den wir so dringend benötigen. Andere engagieren sich ebenfalls bewusst innerhalb der Kirche.

Die Kirche ist nicht erst in unserer Zeit mit Schuld beladen, Versagen und Verrat am Evangelium sind nicht nur Kennzeichen unserer Zeit. Das schmerzt. Die Kirche ist aber auch eine Gemeinschaft von aufrichtigen Männern und Frauen, die in Geschichte der Kirche für Erneuerung eintraten und widersprachen. Diese Aufrichtigen begegnen mir auch heute innerhalb der Kirche. Sie setzen sich mit ihrem Lebenszeugnis für die Weitergabe des Evangeliums ein, gestalten Orte spirituellen Lebens, engagieren sich für Arme und Entrechtete und versuchen – aus der Mitte ihres Glaubens heraus – mit ihrer Kraft das zu tun, was Frieden schafft.

Ich bleibe in der Kirche, weil ich in und durch sie die heilsame und frohe Botschaft Jesu kennengelernt habe, die mir auch heute nahe gebracht wird. Ich bleibe in der Kirche, weil ich in der Feier des Gottesdienstes, besonders in der Eucharistiefeier, die göttliche Gegenwart als lebensförderliche erfahre. Ich bleibe, weil ich in meiner Gemeinde Frauen und Männern begegne, denen das Wort Gottes Weisung für ihren Weg und ihr Handeln ist. Dafür bin ich dankbar.

„Es geht. Anders“ – so lautet das Motto der diesjährigen Misereor- Fastenaktion. Ja, es geht anders und muss anders gehen – in der Gesellschaft wie auch in der Kirche. Von Theodor W. Adorno stammt der Satz „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.” (Minima Moralia, Nr. 34) Das gilt auch mit Blick auf die Kirche.

Ich bleibe dabei.

Kommentare:

  1. Nötig ist ein pantheistisches und esoterisches Christentum. Mehr dazu auf meiner Internetseite (bitte auf meinen Nick-Namen klicken).

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  2. Engagement für Arme und Entrechtete ist kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums. Mitleid, Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe sind universelle Werte. Auch die Sehnsucht nach Frieden und Gerechtigkeit hat nichts mit Christentum allein zu tun, schon gar nicht mit Katholizismus. Katholizismus hat eine lange repressive Tradition. Ich persönlich sehe natürlich auch bei den Katholiken Reformhoffnung, aber wie heißt es so schön: In der Hoffnung stirbt der Christ. Diese katholische Kirche ist nicht wirklich reformfähig. In meiner Lebensspanne habe ich erlebt wie Handkommunion und Bußandacht eingeführt wurden und dass der Priester seiner Gemeinde nicht mehr den Rücken zukehrt, aber das hat die Welt nicht zum Besseren verändert.

    Christen vertrauen auf das Gebet, ich nicht. Gute Taten sind die besseren Gebete. Sie allein verändern die Welt.

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