Montag, 29. März 2021

Ecce homo! Missbrauchsgutachten: Schuld und Sühne nach Aktenlage

Christuskopf (Auswahl Drei, Kolumba. Repro: Peter Otten)
Christuskopf. (Kolumba, Auswahl Drei; Repro: Peter Otten)

Ein Jahr lang waren es die verbotensten 500 Seiten im
Erzbistum Köln, jetzt können sie 90 Minuten lang unter Aufsicht durchgeblättert werden: Das Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal-Spilker-Wastl (WSW) zum Umgang der Hierarchie mit sexualisierter Gewalt von Klerikern an Kindern und Jugendlichen. Christian Linker hat sich das Kölner Daumenkino in Spielfilmlänge angeschaut und ist auf interessante Nebenbefunde gestoßen.

Von Christian Linker

Joachim Kardinal Meisner betonte gern, dass die christliche Botschaft nicht abstrakt, sondern im Gegenteil sehr konkret und handfest sei. „Das Evangelium“, pflegte der frühere Kölner Oberhirte gern zu sagen, „beginnt mit schmutzigen Windeln und endet mit blutigen Laken.“

Kaum irgendwo scheinen Blut und Schmutz weiter weg als im Dreikönigssaal des Kölner Maternushauses, wo sich zehn Lesetische zwischen hohen Spuckschutzwänden verlieren. Unter der Aufsicht eines Wachmannes in Security-Montur liegt das verbotene Gutachten zur Einsichtnahme bereit – und direkt daneben, zum Vergleich, das kurz zuvor veröffentlichte Gutachten aus dem Hause Gercke/Wollschläger (GW). Beides sind natürlich juristische Texte, sogar Meta-Texte gewissermaßen, denn sie handeln nicht von Personen, sondern von Personalakten, die über jene Personen geführt wurden, welche wiederum an anderen Personen Verbrechen verübt haben. Von den Betroffenen aus gesehen ist das die Meta-meta-meta-Ebene. Und wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird.

Richtige Antworten auf die falsche Frage

Im Vergleich beider Gutachten zeigen WSW deutlich mehr Empathie, und das war offensichtlich ihr Fehler. Das Münchner Team (klingt fast, als schreibe man über eine Tatort-Folge) referiert weitgehend dieselben Vorgänge, liefert aber gleich die Interpretation mit. Wenn es über einen Spitzenfunktionär des Erzbistums heißt, er gäbe sich mit halbherzigen Maßnahmen zufrieden, über einen anderen, er sei nicht einsichtsfähig, während einer dritten Person ein totalitärer Leitungsstil attestiert wird, sind die Grenzen der rein juristischen Begutachtung überschritten, das steht außer Frage. Dennoch präsentieren WSW eigentlich genau die Erkenntnisse, die das Bistum jetzt bräuchte, um wieder handlungsfähig zu werden. Das Problem ist nur: danach hatte Erzbischof Rainer Kardinal Woelki gar nicht gefragt. Letztlich aber liefern WSW auch bloß diejenigen Antworten, die sich bei Lektüre des GW-Gutachtens ebenso aufdrängen. Ja, vielleicht ist es gerade die Stärke von Gercke/Wollschläger, dass in der Nüchternheit der Darstellung die menschlichen Abgründe zwischen den Zeilen nur noch tiefer klaffen.

Roms nicht immer ganz so treue Tochter

Beide Gutachten zeigen, dass das Erzbistum Köln für den Umgang mit sexueller Gewalt durch Kleriker weder über geeignete Strukturen verfügt(e), noch über Spitzenpersonal, das Manns genug wäre, Initiative zu zeigen und Verantwortung zu übernehmen. Dass nicht noch viel mehr Pflichtverletzungen aktenkundig sind, scheint insofern reine Glückssache zu sein. Einem Erzbischof sollte das ziemlich zu denken geben, denn die zutage tretende Inkompetenz könnte sich ja auch jenseits der hier verhandelten Thematik auswirken. Am meisten aber erschüttert vielleicht der Anhang des WSW-Gutachtens. Die Kanzlei hatte den im Gutachten erwähnten Personen vor Abschluss ihrer Arbeit die Möglichkeit gegeben, sich zu den Befunden zu äußern. Diese Stellungnahmen finden sich unkommentiert am Schluss des Ordners. Zu besichtigen ist ein Mix aus fehlendem Erinnerungsvermögen, verneinter Zuständigkeit und unverhohlener Drohung mit juristischen Schritten. Letztere führten wohl dazu, dass Kardinal Woelki aus „äußerungsrechtlichen“ Gründen von der Veröffentlichung absah. Es liegt eine unsagbar traurige Erbärmlichkeit in diesen von etlichen Anwälten*innen (mit)-verfassten Erklärungsversuchen ranghöchster Kölner Kleriker. Ein Mann, der inzwischen in einer anderen Diözese an einem anderen Fluss Dienst tut, spricht sich gar gleich selbst jedwede Leitungskompetenz ab und damit von jeder Verantwortung frei. Hätten diese Männer nur ansatzweise so viel Mitleid für die Betroffenen aufgebracht wie für sich selbst, wären beide Gutachten zweifellos überflüssig gewesen. Wer trotzdem die Dokumente persönlichen Versagens nach einer Spur von Rückgrat durchsucht, wird an zwei Stellen fündig. Zum einen räumt ein inzwischen von seinen Aufgaben freigestellter Weihbischof teilweise eigene Fehler ein. Zum anderen zeigen alle Beteiligten bis hin zum verstorbenen Kardinal Meisner eine erstaunliche Fähigkeit zur Renitenz gegen die Glaubenskongregation im Vatikan. Zumindest da, wo es um die Pflicht zur Meldung verdächtiger Kleriker geht. Offensichtlich ist Romanae Ecclesiae Fidelis Filia, der römischen Kirche treue Tochter, wie sich das Erzbistum Köln bezeichnet, in Sachen Gehorsam um einiges flexibler, als gemeinhin angenommen wird.

Hingehen, ihr Weihbischöfe!

Bei den generellen Systemfragen wie Klerikalismus, Frauenordination, Gewaltenteilung in der Kirche etc. werden wir auf diese Flexibilität vermutlich weiterhin warten müssen. Die entsprechenden Empfehlungen, die WSW anders als GW hierzu geben, gehen darum leider ins Leere. Allerdings beginnt dieser Empfehlungskatalog als erstes mit einem Ratschlag, den das Erzbistum augenblicklich umsetzen könnte: nämlich nochmals Kontakt zu den Betroffenen herzustellen. Weihbischof Dominik Schwaderlapp hat sich in seinem Statement unmittelbar nach der GW-Veröffentlichung zu Gesprächen bereit erklärt, Woelki später ebenfalls. Also – falls sich jemand melden möchte ...

Beide Bischöfe haben ja wenig Erfahrung mit Gemeindearbeit und wissen vielleicht nichts von jenen Debatten in den Neunzigerjahren, wo der Gedanke der „Geh-hin-Kirche“ geprägt wurde: nicht warten, ob die Menschen kommen, sondern selbst zu den Menschen gehen.

Aber daran hängt natürlich auch die Frage, wer eigentlich „Kirche“ ist. Im Sprechen über den Missbrauch werden immer noch die Betroffenen der Kirche gegenüber gestellt, selbst in gutgemeinten Formulierungen: „Die Kirche muss auf die Betroffenen hören.“ Die Kirche, das ist demnach immer noch zuerst der Klerus. Die Betroffenen, sie bleiben die „anderen“. Aber wenn es stimmt, dass die Kirche der Leib Christi sei, dann kann dieser Leib nicht mit Kardinalspurpur und Prälatenviolett ummäntelt sein. Sondern er trägt die Spuren der Erniedrigung auf seiner Haut. Ecce homo. Seht, der Mensch. Ein Schlüsselsatz der Karwoche. Blutige Laken, wir erinnern uns.

Wenn nicht die Betroffenen des sexuellen Missbrauchs „die Kirche“ sind, wer kann denn dann noch Kirche sein?

Vielleicht haben zumindest die beiden Weihbischöfe, die derzeit von ihren Aufgaben freigestellt sind, genug Tagesfreizeit, um zum Telefon zu greifen und einfach mal Menschen anzurufen.

Christian Linker war BDKJ-Diözesanvorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Diözesanrates im Erzbistum Köln. Heute lebt er als freier Autor in Leverkusen.

Kommentare:

  1. Auch wenn ich das Grundanliegen sehr gut nachvollziehen kann: aus welchem Grund sollen denn die Betroffenen heute mit kirchlichen Vertretern sprechen wollen? Nach dem, was sie alles schon erlebt haben -- auf welcher Basis könnte denn so ein Gespräch stattfinden? Was gibt es zu sagen, was gibt es zu hören?

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  2. Nun, die kirchlichen Täter hatten Zugriff auf ihre Opfer, weil die sich in kirchlichem Kontext bewegten. Unter ihnen gibt es welche, die mit der Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Aber es gibt unter ihnen auch solche, die sich weiterhin als Christ*innen verstehen und sich ihren Platz in der Kirche nicht nehmen lassen wollen. Unter Letzteren sind sicher welche, die keine Hoffnung auf Gehör bei einem Bischof mehr haben, aber auch andere, denen ein Gespräch mit dem Bischof wichtig ist. Ich denke, Betroffene können selbst entscheiden, wie sie sich positionieren wollen.

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