Dienstag, 3. Dezember 2019

Follow Me

Screenshot: Peter Otten
Advent: Die eigene Ungewissheit ertragen können, weil ein anderer gewiss ist. Gedanken zu Steve Wynns "Follow Me"

Von Peter Otten


Wenn der Abend kommt und die Dunkelheit vom Tag Besitz ergreift, dann kriecht der Schatten mitunter auch in die eigenen Gedanken. Der Morgen hat bereits mit Geschäftigkeiten begonnen. Mitunter ein Hineinstolpern in die Welt des Jedentags: Sich hineinfügen in den stummen Strom der Menschen. Gedanken an Aufgaben und Herausforderungen, die lauern. Der Tag erscheint dann wie ein zu bewältigender Parcours, nicht wie ein sehnlich erwartetes und freudig begrüßtes Stück Leben. Freudiges und Trauriges, Erwartetes und Verdrängtes, Schönes und Hinderliches, Erschöpfendes und Forderndes. Vielleicht sind es gerade die dunklen und kurzen Tage, die Tage der tiefen Wolken und grauen Schemen, die Menschen auch ihr Verlorensein spiegeln. Ihre Melancholie. Ihre Traurigkeit. Ihr Zögern. Ihr Verlorensein.

Da vermag der Advent womöglich zu irritieren. Er übt den Menschen ja neu darin ein, die Reduktion wahrzunehmen: Das kleine Zeichen. Den grünen Zweig. Das kleine schwache Licht. Eine zarte Melodie. Einen stillen Gedanken. Der Advent möchte den Menschen neu zu einer unerwarteten Erfahrung verführen: Dass es das Wenige ist, das Zarte, dass das Leben zu berühren, zu wärmen, zu drehen vermag.

So wie ein zarter Gedanke aus dem Lied, auf dass mich wieder mal ein Freund aufmerksam gemacht hat, das von dem amerikanischen Singer- / Songwiter Steve Wynn stammt und das gleich mit einem faszinierenden Gedanken beginnt:

If you feel like going down

So do I stick around
Follow me, follow me, follow me.

Wenn du spürst, du fällst gleich

Dann bleib ich da
Folge mir.

Gemeint ist wohl dieser Augenblick, vielleicht zwischen zwei Atemzügen, der Augenblick, der Menschen mitunter einfach anfliegt. Ein kurzer Moment des Ermattens. Ein Signal der Unterbrechung. Müdigkeit, die überwältigt. Eine Träne, die sich ihren Weg sucht.

So do I stick around. Dann bleib ich da.


Im Deutschen nicht annährend wunderbar übersetzbar wie es der englische Satz vorgibt: "Stick around", da ist noch der Stab hörbar, den der Erzähler in den Boden steckt. Ich bin der Herr, dein Hirte. Das ist mehr als ein loses leichthin gegebenes Versprechen. Mehr als eine haltlose Ankündigung. Ein rhetorischer Kniff des Hinhaltens. "So do I stick around" – das ist vielmehr eine Verheißung. Wenn du das Gefühl hast du fällst – schon dann, nicht erst, wenn es passiert ist – dann bleibe ich da. Wie ein Stab. Vor dir und hinter dir. Um dich herum. Verlass dich drauf.

Ich finde, das ist ein tröstendes schönes ergreifendes Bild. In einer Zeit, die mich täglich auch an eigene Grenzen führt. Dunkelheit. Einsamkeit. Grenzerfahrungen. Endlichkeit. Forderungen. Anforderungen. Da lockt mich der Advent zu vertrauen. In der Dunkelheit auf das Licht zu warten, dass ein anderer anzündet. Den duftenden Tannenzweig zu bemerken, der auf dem Tisch steht und den ein anderer geschnitten hat. Die Süße des Kekses zu schmecken, den ein anderer gebacken hat. Gewiss, das mit dem Vertrauen ist nicht leicht. Für manchen Menschen, voller Verletzungen, Enttäuschungen und Trauer, verstummt zum Solitär und Einzelkämpfer ein unmögliches Unterfangen. Eine überwältigende Herausforderung.

Steve Wynn lockt in seinem Lied vom ersten Ton an, es schlicht zu versuchen. Mit einfachen Akkorden treibt er seine Gewissheit an, die ihn offensichtlich durchs Leben zu tragen vermag. Auch durch die dunklen Tunnel des Lebens hindurch – symbolisiert wohl durch die leise kreischende E-Gitarre im zweiten Drittel. Die E-Gitarre muss aber im Hintergrund bleiben angesichts der lockenden, bestärkenden Zuversicht des Textes und der perlenden Akkorde:

Wenn du spürst, du fällst gleich

Dann bleib ich da
Folge mir.

Wenn du einen Stern aufgehen siehst
Oder ein kaputtes Rücklicht an einem blauen Auto
Folge mir.

Wenn du nach einem Zeichen Ausschau hältst
Hoffe ich, es ist meins
Folge mir.

Manchmal bezaubernd
Manchmal tadelnd
Falls du´s magst ein Kind zu sein
Oder nur ein Weilchen dich selbst vergisst.
Folge mir.

Was sind deine Erwartungen? 
Ich überlasse es deiner Phantasie.



Wenn du spürst, du fällst gleich 
Dann bleib ich da 
Folge mir.

Wie schön, wie beglückend wäre das: Losgehen können, auch wenn es dunkel ist. Sich aufrichten, obwohl Schatten und Schemen drücken. Advent: Die eigene Ungewissheit ertragen können, weil ein anderer gewiss ist.

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