Samstag, 9. November 2019

Mutige Zeugin des Evangeliums

Laudatio für Dr. Christiane Florin anlässlich der Verleihung des Maria-Grönefeld-Preises am 8. November 2019


Foto: Nell-Breuning-Haus
Von Thomas Schüller

Sehr geehrte, liebe Frau Dr. Florin, meine sehr geehrten Damen und Herren,

ein Mann als Laudator für eine Frau, die den Maria-Grönefeld-Preis mit Blick auf ihren unermüdlichen Einsatz für die Rechte von Frauen in der römisch-katholischen Kirche bekommt? Paradoxien dieser Art sind für Christiane Florin normalerweise ein gefundenes Fressen, um in ihrer unaufgeregt ironisch-zugespitzten Art, spöttisch und glasklar in ihrer Analyse verdeckte und spirituell verkleisterte männliche Vorrechte in der katholischen Kirche zu demaskieren. So hoffe ich, als aus Gottes Gnade und unverdienter Vorsehung als Mann geborener Mensch, dennoch vor Ihnen, liebe Frau Florin, Gnade zu finden, wenn ich nun im Folgenden Ihre höchst verdienstvollen Aktivitäten im letztlich vergeblichen Kampf für eine vorurteilsfreie Sicht unserer Kirche auf das Mysterium „die Frau“ versuchen werde, zu würdigen. Dabei werde ich gelegentlich auch aufzeigen, welche Verbindungen zwischen Maria Grönefeld und Ihnen bestehen. Ich durfte zwischen 1984 und 1992 Maria Grönefeld sehr genau kennenlernen, mit ihr streiten und ihr diskret zuarbeiten. Schaut man sich die Biographie von Christiane Florin an, von deren katholischer Imprägnierung sie uns im Buch Weiberaufstand, aber auch in anderen Zusammenhängen gelegentlich Einblicke gewährt, dann hätte sich ihre weihwasseraffine Großmutter – ich will hier nicht von Weihwasserjunkie reden, obwohl man bei der Lektüre gelegentlich diesen Eindruck bekommt – sicher gewünscht, dass aus dem Mädchen – wie man mit Betonung des sch im Rheinland zu sagen pflegt – doch eine ordentliche katholische, erwachsene Frau wird. Heißt: die die hohe Geistlichkeit respektiert, der gottgegebenen Ordnung nachkommt, einen Mann zu ehelichen, Kindern das Leben zu schenken und froh und dankbar den ihr als Frau – dafür kann sie ja nichts – zugewiesenen Platz als glaubensstarke, evangelisierende Zeugin der Botschaft Jesu selbstlos und demütig anzunehmen. Und was haben ihre Eltern nicht alles dafür getan, um dieser heteronom katholischen Frauen zugewiesenen Rolle zu entsprechen, indem sie sie auf ein katholisches Mädchengymnasium – aber Achtung Ursulinen warnen vor tumben Kerlen – schickten, sie in die katholische Jugend einhegten und sie kirchenmusikalisch veredelten. Die klassische katholische Karriere in den pfarrfamilienmäßig nachkonziliaren Zeiten im immer zwischen Fasteleer und Fronleichnam wie glückselig betrunkenen katholischen Rheinland, in der viele im katholischen Orbus meinten, die Revolution sei in der katholischen Kirche nach dem II. Vatikanum ausgebrochen, um dann doch spätestens in der langen Eiszeit im Jahrhundertpontifikat von Johannes Paul II. und seinem unnachgiebigen Exekutor reiner katholischen Glaubenswahrheit, Joseph Ratzinger, zu gefrieren und nicht selten in die innere Emigration zu gehen.

Doch was macht Christiane Florin aus diesen guten katholischen Gaben Gottes? Sie fängt an, da sei Gott vor, zu studieren und was so manchem katholischen Kleriker den Schweiß auf die Stirn treibt, selbst zu denken. Welch frevlerische Tat! Den eigenen Verstand zu benutzen, um durch das Studium der Politikwissenschaft mit abschließender Promotion und sogar Studienaufenthalt in der Stadt der unbändig und katholisch nicht zu disziplinierenden Liebe in Paris sich selbst ein reflektiertes Urteil zu bilden, welche geschriebenen und ungeschrieben Gesetze in Politik, Gesellschaft und katholischer Kirche seit unvordenklichen Zeiten existieren, um dem schwachen Geschlecht, den Männern, Macht und Entscheidungsgewalt allein zu gewähren, die doch dem empfangenden und dienenden Wesen der Frau nach göttlichen Naturrecht nicht gut tun, da sie ihren natürlich von Männern allein definierten weiblichen Charakter verderben. Manchmal denke ich, dass man der zurzeit darbenden SPD nicht genug danken kann, dass sie Ende der 60er und in den 70er-Jahren auch Kindern aus nichtakademischen Herkunftsfamilien wie der meinen die Chance gab, gymnasiale Bildung zu erfahren und sich akademisch zu qualifizieren.

Bei Christiane Florin kommt nun neben ihren herausragenden intellektuellen Fähigkeiten, die sie durch die Promotion eindrücklich unter Beweis stellt, aber eine zweite von vielen weiteren Begabungen hinzu. Ihre Gabe, Dinge sprachlich brillant auf den Punkt zu bringen. Und schon kommt die katholische Kirche wieder ins Spiel und bekommt eine zweite Chance, Frau Florin katholisch systemkonform einzuhegen. Ausbildung im Ifp in München und anschließend Redakteurin im Rheinischen Merkur, dann in Christ&Welt und nun beim DLF. Und schon wieder fällt sie aus der nach dem ius divinum zementierten Rolle: sie hinterfragt katholische Selbstverständlichkeiten wie der allein Männern zukommenden Weihe zu Klerikern. Ihr wird schnell klar, obgleich nicht studierte Theologin, dafür aber in überaus reichem Maße durch Taufe und Firmung geistbegabter Christin, dass die hinter diesen Positionen mit viel Pathos und leuchtendem Antlitz vorgetragenen Argumente in Wirklichkeit hohl und leer sind. Doch was Christiane Florin auszeichnet und unterscheidet von der kritisch-theologischen Reflexion lehramtlicher Aussagen, ist das Faktum, dass sie einen entscheidenden Schritt weitergeht, indem sie auf die Machtfrage abzielt und damit letztlich die Ungerechtigkeit eines männerbündisch-klerikalen Systems offenlegt. Dies macht sie zu einer mehr als ehrenvollen Preisträgerin. Wer unbefangen die Bibel liest und dort erfährt, dass Jesus Christus primär Mensch und nicht vorrangig Mann geworden ist, der unbefangen im Schöpfungsbericht nachvollzieht, dass Männer und Frauen Ebenbilder Gottes sind, der kann nur eine Kirche fordern, in der Frauen und Männer gleichberechtigt und auf Augenhöhe interagieren. Eine Kirche, in der Männer Frauen nicht gnadenhaft ihre Plätze am Katzentisch zuweisen und dies noch als Heldentat verkaufen, sondern sich auch Frauen, die alle Ämter innehaben können, vorstellen und aus tiefer Überzeugung gutheißen können. Dies bedeutet nichts anderes als eine tiefe klerikale männliche Konversion! So deckt Florin wie Maria Grönefeld patriarchale Rollenmuster auf, entlarvt sie in ihren Dimensionen der Ungerechtigkeit und fordert den ungehinderten Zugang der Frauen zur Entscheidungsgewalt in der Kirche. Damit haben Sie liebe Frau Florin auch den großen katholischen Frauenverbänden Dynamit in die Hände gelegt. Diese haben sicher in den letzten Jahren spirituell und theologisch und auch moderat feministisch-theologisch – unter weitgehendem Verzicht auf das neue katholische Unwort Gender, das man als anständige katholische Frau nicht im Munde führen sollte – gelernt, ihren selbstbestimmten Platz in der katholischen Kirche zu fordern. Und das ist gut und wertvoll. Doch Spitz auf Knopf beließ man es bei Treffen mit den Bischöfen mit aufpolierten Fotos und Überschriften, wie wertvoll die Frau an sich und manchmal auch konkret leibhaftig eigentlich für die Kirche sei. Endlich treten nun auch diese Frauenverbände aus der nicht selten auch kirchensteuerfinanzierten Komfortzone heraus und fordern Beteiligungsgerechtigkeit. Maria 2.0 hätte es ohne Sie liebe Frau Florin in dieser Form nicht gegeben, auch wenn die Frauen aus Hl. Geist im Herzen von Münster ihren eigenen westfälisch klaren Verstand benutzen und diese großartige Aktion gestartet haben. Sie waren die Mutmacherin, die öffentlich medial präsente und wirksame Frau, die im guten Sinne tabulos den Frauen die Botschaft auf den Weg gegeben hat: lasst Euch nicht mit billigen, pastoralschleimigen Argumenten und Gesten guten bischöflichen Willens abspeisen.

Das ist für viele Frauen, aber auch Männer in der katholischen Kirche allerdings ein langer Weg der Überwindung. Wir erleben viele Wandelhallenrevolutionäre/Innen, die im inner circle eines Conveniats, eines Dienstgespräches, unter gleichgesinnten Freundinnen und Freunden, das große Wort gegen ungerechte Strukturen und machtmissbrauchende männliche klerikale Entscheidungsträger und ihrer Behörden im Munde führen. Sobald man/frau aber im Angesicht der Heiligen Männer Gottes stehen, werden sie handzahm und sprachlos. Doch was sagt uns die Schrift? Paulus widersteht dem Petrus von Angesicht zu Angesicht. Das war der vermeintliche Urgroßvater unserer Päpste und schlichte und wenig glaubensstarke Fischer nicht gewohnt. Und doch beugt er sich dem besseren Argument, das dieser eloquente und hochgebildete Paulus mutig in den Diskurs einspeist. Bischöfe sind es bis heute nicht gewohnt, auf glasklare Fragen nach ihrer Verantwortung ehrlich zu antworten. Sie erinnern sich: Christiane Florin fragt Kardinal Marx und Bischof Ackermann, ob angesichts der eindeutigen Ergebnisse der MHG-Studie ein oder mehrere Mitbrüder aufgestanden seien und sich zu ihrer Verantwortung durch Rücktritt vom Amt bekannt hätten? Sichtlich irritierte zwei Herren mit rotem Kopf schauen sich verwirrt an und antworten schließlich „nö“. Das ist Florin in schnörkelloser und im guten Sinne unnachgiebiger, radikal-unabhängiger, journalistisch perfekter Art: die wirklich wichtigen Fragen nach Verantwortung, nach den tatsächlichen und oft verschleierten Gründen für Ungerechtigkeit zu stellen und die omnipotent wirkenden bischöflichen Entscheidungsträger in ihrer Verantwortungslosigkeit zu entlarven! Das ist hart und bitter und lässt keine neuen bischöflichen Freundschaften entstehen, aber es folgt entschieden der Botschaft des Johannesevangeliums: die Wahrheit macht euch frei und nicht die Rücksicht auf eure klerikal männlichen Schwächen!

So ist es dann auch mit den Vorträgen und Beiträgen von Christiane Florin: was auf den ersten Anblick rheinisch beschwingt und launisch anmutet und im ersten Satz auch so scheint, wird schon im zweiten Satz zur bitteren Essenz, bei der den Zuhörerinnen und Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt. Klar, Papst Franziskus schätzt die Frau, die für ihn in Idealform wie seine italienische Großmutter mit viel Pasta auf der Küchenschürze und viel volksreligiöser marianischer Frömmigkeit daherkommt. Florin bohrt tiefer und zeigt dann auf, dass damit den Frauen machtstrategisch nicht geholfen ist. So nett und eindeutig heterosexuell Papst Franziskus gegenüber Frauen in unbekümmerten Umgang herzend und drückend daherkommt: die männliche Machtstellung tangiert er nicht und belässt sie. Was Franziskus die italienische Großmutter und Johannes Paul II. die Gottesmutter in Tschenstochau und Benedikt XVI. dieselbe in Altötting, allen gemein ist die Frau idealisiert als machtlose und auch nicht nach Macht greifende reine Mutter und Frau, an der jede katholische Frau ablesen kann, was ihr zukommt und katholisch gesehen guttut. Florin ist wahrlich nicht empfänglich für Schmeicheleien und sanfte klerikale Gesten, die unter einlullenden gregorianischen Gesängen signalisieren: gut, dass es Euch gibt, aber lasst uns alleine entscheiden und bestimmen, was für Euch der richtige Pfad ist.

Florin mutet damit mit Blick auf die Beteiligungsgerechtigkeit katholisch sozialisierten Frauen und auch Männern die Anstrengung zu, aus wohl vertrauten Vertrauensvorschüssen gegenüber gutmeinenden Pastören und Bischöfen auszubrechen. Wer die Kirche verändern will, darf nicht mit den Mächtigen paktieren. Das kann Heimatverlust bedeuten. Wer kritisch das Wort führt, wird in dieser Kirche schnell stigmatisiert und als Nestbeschmutzerin diskreditiert. Das ist der Preis der Freiheit und der Kindschaft Gottes. Wer sich von Gott geliebt und unbedingt angenommen weiß, der darf vor keiner Macht der Welt und Kirche mehr Angst haben. Dass Sie liebe Frau Florin diesen Mut zum eigenbestimmten Denken und zur Forderung nach gleichem Zugang zur Entscheidungsgewalt der Kirche stellen und auch weiter einfordern werden, macht Sie zu einer glaubwürdigen und mutigen Zeugin des Evangeliums. Und vielleicht hält dieses Evangelium Sie und mich und unsere Generation dann noch in der Kirche. Wir werden sehen.

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