Dienstag, 15. Januar 2019

Drei Marias und ein Lieblingsjünger


Treue bedeutet, die Tragödie durchzutragen. Gedanken bei der Beerdigung eines schwer kranken Menschen. Er und seine Frau haben sich sehr geliebt.

Von Peter Otten
 
Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.

Ich möchte zunächst bei dem Bild aus der Geschichte bleiben. Jesus stirbt. Seine Freundinnen und Freunde können es nicht begreifen und sind verzweifelt. Der, der das Gute in ihr Leben gebracht hat – ausgerechnet er? Warum? Welchen Sinn macht das? Für sie bricht eine Welt zusammen. Sie bricht in Schutt und Asche zusammen. Alles was galt gilt nun nicht mehr. Alles, worauf sie sich verlassen haben – es ist perdu. Pulverisiert. Daher machen die, die ihm bis daorthin gefolgt sind etwas Folgerichtiges: Sie nehmen ihre Beine in die Hand und hauen ab. Weg von diesem Ort und diesem Geschehen, das sie nicht kapieren.

Alle? Nein. Drei Frauen mit Namen Maria sind noch da. Die Mutter, die Tante und Maria von Magdala sowie ein namentlich nicht näher bezeichneter Lieblingsjünger. Sie machen etwas, das man in Köln „Pohl halten“ nennt. Sie bleiben in der größten Krise, in die ein Mensch geraten kann. Sie bleiben an dem Ort, an den kein Mensch freiwillig geht. Wir können davon ausgehen, dass auch sie nicht kapiert haben, warum das ganze passiert ist. Sicher haben auch sie ihr Hirn gemartert mit Fragen. Die ohne Antwort blieben. Warum? Und in die Leere der Antwortlosigkeit haben sie etwas gemacht, wohin sie vielleicht ihr Instinkt gelenkt hat. Sie sind geblieben.

Diese Geschichte – einer der dramaturgischen Höhepunkte der Leidensgeschichte Jesu – kam mir bei unserem Gespräch ziemlich schnell in den Sinn. Wir haben lange miteinander gesprochen. „Ich würde es gerne ungeschehen machen“ haben Sie gesagt. Und damit gemeint: Wenn ich etwas hätte dazu tun können, damit mein Mann nicht leiden muss – ich hätte es getan. Warum ist das trotzdem passiert?

Ja, warum? Ich habe Ihnen gesagt: ich werde Ihnen keine Antwort geben können.

Aber ich werde mit Ihnen diese Frage vor Gott stellen: Warum? Sie waren doch zehn Jahre verheiratet. Sie haben mir erzählt, dass Sie C. schon lange kannten. Und nach einigen verschlungen und schwierigen Wegpassagen in Ihrer beider Leben haben Sie es gemeinsam gewagt. Sie und C., der totale FC-Fan, der Ford-Arbeiter, der Knobelspieler, der Angler, Sternzeichen Jungfrau, der extrem Geduldige, der Lebenslustige. Es schien doch so, als hätten Sie beide auf dieses glückliche Kapitel in Ihrer beider Leben so lange gewartet. Es schien doch so, als hätte sich Ihrer beider Leben durch Ihre Liebe endlich erfüllt. Sie waren einander sicher. Selbst dann, als es C. gesundheitlich nicht gut ging.

Selbst dann?

Ich habe das Gefühl gehabt: erst Recht dann. „Ich werde dich lieben, achten und ehren in guten und bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit bis das der Tod uns scheidet“ sagen Menschen, die sich die Ehe versprechen. Ich finde es unglaublich beeindruckend, wenn ich auf Menschen treffe, die das leben. Bei denen du ablesen kannst, was Liebe und Treue bedeutet. So wie bei Ihnen. Treue ist ja, wenn du Pohl hältst, auch dann, wenn das Leben schwer erträglich wird. Das haben Sie getan. Und deswegen sind Sie eine der Marias in der Geschichte. Oder die Lieblingsjüngerin. Das könne Sie sich aussuchen. Sie sind die, die Pohl gehalten hat, fromm gesagt: Die am Kreuz stehen geblieben ist. Und darin sind Sie mir ein Vorbild, weil ich ahne, wie anstrengend, schwierig, grenzwertig das ist. Ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ich hoffe es. Aber was haben Sie gesagt: "C. und ich waren eine Symbiose. Er war meine Lebensaufgabe." Darin sind Sie mir ein Vorbild. Ich werde mich an Sie erinnern. Was Liebe tragen kann… Das habe ich in Ihrer Geschichte wieder neu kennen gelernt.

Es sind mehrere Menschen unter dem Kreuz stehen geblieben. Drei Marias und ein Lieblingsjünger. Und heute sind Sie auch nicht alleine hier. Es sind viele Menschen mitgekommen. Und dadurch signalisieren diese Menschen: Auch wir wollen Pohl halten. Auch wir lassen dich in deiner Situation nicht allein. Wenigstens wollen wir es versuchen. Vielleicht signalisieren sie auch: Auch wir sind beeindruckt von euch beiden gewesen.

Was passiert noch in der Geschichte am und unter dem Kreuz? Jesus gründet in seiner Krise eine Wahlverwandschaft: Er verbindet seine Mutter mit seinem Lieblingsjünger und sagt: "Haltet ihr jetzt zusammen. Kümmert euch. Darauf kommt es in der Krise an."

Liebe Trauernde: Das ist nun Ihre Aufgabe, in der Krise Wahlverwandschaften zu gründen. C. bittet euch wie Jesus in der Geschichte: Kümmert euch. Manchmal ist das schwerer als du denkst. Sie, Frau M. haben echt viel in Ihrem Leben zu tragen gehabt. Mehr als ein Mensch tragen kann. Und das kann hart und einsam machen. Aber vielleicht schaffen Sie es dennoch nun Frau M. treu zu bleiben.

Die, die unter dem Kreuz Pohl gehalten haben, die stehen Ostern auch an Jesu Grab und entdecken: er ist auferstanden. Er ist nicht mehr da. Ich glaube, beide Erlebnisse haben miteinander zu tun. Einerseits: Einen anderen Menschen zu seiner Lebensaufgabe machen. Bleiben auch wenn es schwer fällt, was ja auch bedeuten kann, innerlich verbunden zu bleiben – und dann andererseits zu spüren, dass sich das Grab öffnet, dass der Stein im Kopf oder im Herzen sich pulverisiert. Pohl halten heißt die Tragödie durchzutragen. Das ist für Sie eine gewaltige Herausforderung. Wahnsinn. Wir kennen uns zwar erst 120 Minuten. Aber ich finde, Sie sind daran gewachsen. Und Sie haben anderen Menschen Mut gemacht. Wenigstens mir.
Die Ostergeschichte sagt, dass die Treue neues Leben schenkt. Den Menschen unter dem Kreuz neue Perspektiven. Und der, der tot war bleibt nicht im Tod. Ihr entsetzlich viel zu kurzes Glück zeigt: Die Folge von Treue kann nur das Leben sein. So geht auch die Geschichte in der Bibel weiter. Jesus ist auferstanden. Freilich, das ist und bleibt ein Bild. Dem kannst du versuchen zu folgen und zu trauen. Mehr nicht. Ich weiß nicht, ob Sie das können. Was ich nur sagen kann: In der Symbiose, die Sie und C. gelebt haben bis zum Schluss ist das schon abzulesen. Das möchte ich Ihnen heute sagen. Und vielleicht gibt es noch andere, die Ihnen das sagen können in der nächsten Zeit: C. und Frau M., das sind die beiden, zu Lebzeiten schon vom Leben, der Liebe und der Treue erzählt haben, die eben nicht enden.

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