Freitag, 11. Januar 2019

Und das Wort ist treu

Im Anfang war das Wort, und das Wort ist treu.

Gedanken bei der Bestattung eines Schriftstellers

Von Peter Otten


Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen.Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 

Wenn einer, der schreibt stirbt – gibt es dann ein besseres Stück aus der Bibel zu lesen als den Johannesprolog? Am Anfang war das Wort. Das war J. Er, der von Anfang an ein Interesse für Sprache, fürs Schreiben hatte. "Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott." Das Wort, das zu einem Satz wird, zu einem Gedanken, zu einer Geschichte, zu einem Roman. Das schöpferische Wort. Und der, der das Wort schreibt und selbst zum Schöpfer wird. „Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts.“ Das schöpferische Wort. Der Schöpfer. Das war J.


Und warum schreibst du, J.? Doch, um die Welt heller zu machen, zu einem anderen wohnlicheren Ort. Weil du an die verändernde Kraft des Wortes glaubst, denn du hast sie erfahren. Der Evangelist Johannes schreibt hier natürlich nicht über J., sondern er versucht die Verbindung von Gott und Mensch in Jesus zu beschreiben: Jesus, das schöpferische Wort Gottes. Und gerade deswegen schreibt Johannes eben doch über J. Aber auch über Sie, über dich und über mich. Denn am Anfang war das schöpferische Wort Gottes, das sich eben auch in den Worten J.s, die zu Romanen wurden schöpferisch ausdrückt - wie es sich in jeder Kreatur, in jedem Menschen ausdrückt. Das meint Johannes hier. Und das trifft vielleicht aus J. besonders zu. Und deswegen ist der Tag so traurig und schmerzhaft.

Schaffen wir es, aus diesem dunklen Loch ein paar Funken Hoffnung zu schlagen? Vielleicht. Hoffnung kannst du nicht erzwingen, die kannst du dir auch nur schenken lassen von einem, der dich mitzieht. Versuchen wir das. Jetzt geht es nicht um Vertröstung, sondern um Trost. Um eine andere Perspektive.

„Der Tod war immer präsent“ Das haben Sie mehrfach in unserem Gespräch gesagt. Der Tod - sagen wir - die Vergänglichkeit, die sich in so viele Gewänder kleidet: in die Melancholie, die Nachdenklichkeit. Und dann kam er polternd und plötzlich wie ein Beben, unerwartet, erschreckend, plötzlich. Und zugleich unfassbar still.

Einatmen, ausatmen...

Stille.

Wie der Tod in Ihr Haus kam, das hat mich sehr berührt. Denn Sie haben ihn buchstäblich umarmt, den Tod, den Schock, die Kälte.  Die vielleicht größte Herausforderung des Menschen ist es ja, zur Vergänglichkeit ja zu sagen. Zum Ende der Kindheit, der Jugend, zu Unbeweglichkeit, zum Alter. Du spürst: du musst die Vergänglichkeit nicht nur akzeptieren, du musst sie buchstäblich umarmen, du musst sie zu deiner Freundin machen, du musst "ja" zum Ende sagen lernen. Vor dieser Aufgabe stehen wir alle. Ich, Sie, jeder, der heute hier ist.

Und Sie gehen uns in dieser Aufgabe voraus. Sie stehen mitten in dieser Herausfordeung. Sie sagen:  "Du bist nicht mein Gegener. Du tust mir weh, das ja. Unglaublich weh. Aber indem ich "ja" sage, verlierst du auch an Macht." Nichts anderes ist das, was Christinnen und Christen Auferstehungshoffnung nennen: Die Kontigenz, der Tod, die Vergänglichkeit beginnt die Macht über mich zu verlieren, weil ich im Angesicht von Krankheit, Sterben, Schmerz und Tod nicht weglaufen muss.

Und jetzt? Was bleibt? Eine Urne mit Asche und sonst nichts?

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott." Im Anfang war das Wort, das zur Geschichte wird. Und damit selbst zum Teil von Gottes Schöpfung. Das ist Gotteserfahrung - und das ist Anteil an Gott selber. Sie haben das als Mann eines Schriftstellers selber erlebt. Sie haben gesagt: "Ich habe J. einen Rahmen gegeben, damit er schreiben konnte". Damit er schöpferisch sein konnte. Ein Kreator. Und wenn das stimmt, was Johannes sagt: "Das Wort war Gott". Dann bedeutet das, dass jeder schöpferische Ausdruck Teil vom Atem Gottes ist.

Und bleibt. Das ist die Idee vom ewigen Leben. "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott" hieße dann übersetzt: "Im Anfang war das Wort, und das Wort ist treu."

Ich weiß nicht, ob Sie daran glauben oder darauf vertrauen können. Du kannst dieses Vertrauen, diesen Glauben auch nicht selber herstellen oder wollen. Du bekommst es von anderen geschenkt. Andere gehen in die Leerstelle und glauben und vertrauen dort, wo ich es nicht kann. Das jedenfalls wünsche ich Ihnen allen. Immer wieder, jeden Tag. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut. Und werden sie weiter sehen, irgendwo, irgendwie, jeden Tag, denn das Wort ist treu.

(gekürzte leicht veränderte Fassung)

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