Dienstag, 6. August 2013

Das Ende der käuflichen Liebe


Der katholische Funktionär Manfred Lütz will raus aus der institutionellen Caritas und hat mit Kardinal Paul Josef Cordes die passende Anleitung dazu verfasst. 

Von Norbert Bauer

Manfred Lütz hat es gut. Er weiß immer genau was der Papst meint. Und seine persönlichen Meinungen weiß Lütz immer durch päpstliche Aussagen gestützt. Für einen Katholiken eine sehr komfortable Situation. Gerne nutzt der angesehene Mediziner und Psychiater diesen privilegierten Status, um seine Positionen eloquent und unterhaltsam kund zu tun. Da es zur Zeit zwei Päpste gibt, weiß er sogar, was zwei Päpste so denken. Und da manche Menschen behaupten, Papst Benedikt und Papst Franziskus würden nicht immer das gleiche denken, hat Manfred Lütz schnell ein Buch geschrieben. Wo käme die katholische Kirche auch hin, wenn  Papst I eine andere Meinung vertritt als Papst II? „Benedikts Vermächtnis und Franziskus` Auftrag: Entweltlichung“ heißt das neue Buch, das er zusammen mit Kardinal Paul Josef Cordes geschrieben hat. Leider erklären die Autoren nicht, wer hier wem einen Auftrag erteilt. Am Ende sogar die Autoren dem Papst?

Lütz neues Buch zeichnet sich wie gewohnt durch steile Thesen aus. Deswegen räumen die so oft gescholtenen Medien dem Berater der Vatikanischen Kleruskongregation viel Platz ein. So sitzt der katholische Funktionär Lütz nicht nur im Päpstlichen Rat für die Laien und im Direktorium der Päpstlichen Akademie für das Leben, sondern auch bei Lanz, Illner und Co. Auch in der SZ konnte er Auszüge seines Buchs präsentieren.
Wer sein Buch als eine „Streitschrift“ verkauft, will streiten, will provozieren, braucht Gegner. Und der Gegner ist für Kurienkardinal Cordes und Klinikleiter Lütz schnell ausgemacht: der „deutsche Institutionskatholizsimus“ (10) mit seinen machtbewussten Verbandsvertretern. Diese wollen die Impulse von Papst Benedikts Freiburger Entweltlichungs-Rede nicht begreifen. Dr. Manfred Lütz hat hingegen die Worte Benedikts verstanden und formuliert konkrete Handlungsanweisungen. Wichtigster Punkt: die Kirche in Deutschland muss „Arbeitgebermacht“ (113) abgeben. Das bedeutet, die Kirche zieht sich aus den Wohlfahrtsfeldern, die durch öffentliche Mittel gestützt werden, zurück. Caritas geht nur, wenn dafür kein Geld genommen wird: „Wer will von sich behaupten lassen, er würde gegen Geld Caritas machen? Caritas heißt Liebe und bezahlte Liebe gibt es in Hamburg vor allem auf Sankt Pauli.“ (139) Dabei weist schon Jesus darauf hin, dass Nächstenliebe und Bezahlung sich nicht ausschließen müssen. Bei dem auch von Lütz zu Recht angeführten Ur-Gleichnis für Nächstenliebe wird gerne ein Detail ignoriert. Nachdem der Samariter spontan barmherzig war, bringt er den Verletzten in eine Herberge und bezahlt den Wirt: „Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen“ (LK 10, 35). Caritas als Dienstleistung also schon bei Jesus.

Lütz´ Plädoyer für die Abgabe von Macht, Einfluss und  Geld ist zugleich ein Plädoyer für die Aufgabe eines Prinzips, das die  Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Gründung geprägt hat: das Subsidiaritätsprinzip.  Dieser von dem Jesuiten Oswald von Nell-Breuning entscheidend mitgeprägte Gesellschaftsentwurf sieht vor, dass möglichst viele gesellschaftliche Aufgaben nicht vom Staat selbst verantwortet, sondern an nichtstaatliche Organisationen delegiert werden. Ziel dieses Prinzips ist es, einer „totalitär oder auch versorgungsstaatlich begründetet ausufernden Staatstätigkeit und Staatszuständigkeit zugunsten intermediärer Gesellschaftsformen gegenzusteuern.“ (LTHK) Dass es gut Gründe für ein begrenztes Staatsdenken in Deutschland gibt, muss nicht weiter ausgeführt werden. Und dass das Subsidiaritätsprinzip auch zu einer – im Vergleich zu anderen Ländern - sozial und religiös friedlichen Gesellschaft geführt hat, um die wir Deutschen oft beneidet werden, ist auch nicht unbekannt.  Das Subsidiaritätsprinzip war eine zentrale Antwort auf die Frage der christlichen Soziallehre, was der Gesellschaft nützt, vor allem auch den sozial Schwächeren in ihr. Diese Frage interessiert Lütz jedoch nicht. Ihn treibt eine andere Sorge um: Was nützt der Kirche? Schon im kurzen Vorwort wird dreimal aufgezählt, was der Kirche nicht  nützt, sondern vielmehr „ihrem Ruf schadet“: „Alle paar Wochen wird der Ruf der Kirche durch entsprechende Ereignisse erschüttert.“ (15) Drei Ereignisse führt Lütz immer wieder an: ein geschiedener wiederverheirateter  Chefarzt wird wieder eingestellt, die Kündigung einer Leiterin einer katholischen Kindertagesstätte, die zu ihrem Lebenspartner zieht, eine vergewaltigte Frau wird von einem katholischen Krankenhaus abgewiesen. Es ist schon merkwürdig, dass sich Lütz bei diesen Fällen vor allem um den Ruf der katholischen Kirche sorgt und nicht um das Schicksal der betroffenen Beteiligten. Alle drei Beispiele zeigen aber gut, worum es ihm geht. Wenn Kirche im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips Aufgaben für das Gemeinwohl übernimmt und dafür auch bezahlt wird, muss sie auch bestimmte Standards der Gesellschaft akzeptieren. Und genau das ist Lütz ein Dorn im Auge. Die Kirche soll sich nicht von außen rein reden lassen, noch weniger als es zur Zeit sowieso schon möglich ist. Wenn Kirche agiert, sollen nur ihre eigenen Standards gelten. Deutlich macht dies der Klinikchef Lütz am Beispiel der katholischen Krankenhäuser. Früher waren in diesen fast ausschließlich Ordensfrauen und Ordensmänner tätig.  Diese arbeiteten nicht auf  der Grundlage von Arbeitsverträgen,  sondern aufgrund ihrer Gelübde bzw. Gehorsamszusagen. „Als damals der Ordensnachwuchs nachgelassen hatte und man Menschen gegen Bezahlung für die zu leistenden Aufgaben einstellen musste, hatte man sich dabei wahrscheinlich nicht viel gedacht.“ (130) Und diese Gedankenlosigkeit hatte nach Lütz schlimme Folgen. Denn mit Arbeitsverträgen wurden nicht nur Pflichten und sondern auch Rechte ins Haus geholt. Und damit das Ende katholischer Alleinherrschaft. Sein Lösungsvorschlag: Man befreit die Mehrzahl der katholischen Krankenhäuser aus der kirchlichen Dienstordnung. Diese Kliniken dürfen sich dann noch „Krankenhaus aus katholischer Tradition“ nennen und in diesen Einrichtungen würde man auch ein „Betriebsverfassungsgesetz gelten lassen, mit Gewerkschaften, Tarifverhandlungen etc“. (142) Daneben könnten sich dann wieder „katholische Krankenhäuser“ etablieren, in denen „bekennende Katholiken professionell ihren Dienst tun und in denen die bisherige Dienstordnung beibehalten wird“(141). Quizfrage: Woran erkennt man dann ein richtig katholisches Krankenhaus? Daran, dass die Rechte der Angestellten nur bedingt gelten. Was für ein Alleinstellungsmerkmal!

Darüber hinaus stellt sich die Frage: Wann ist ein Katholik ein wirklicher bekennender Katholik? „Es stellt sich für manche katholischen Krankenhausträger die Frage, ob sie einen hoch qualifizierten wiederverheirateten geschiedenen Handchirugen einstellen oder einen erheblich weniger qualifizierten, der auch nicht wirklich praktizierend katholisch, aber dessen Ehe wenigstens formal in Ordnung ist.“ (131) Für eine Streitschrift mag es hilfreich sein, die Wirklichkeit schwarz- weiß zu malen. Dass das Leben und die Realität differenzierter sind, scheint Lütz nicht wahrzunehmen. Vielleicht ist die hochqualifizierte  Ärztin bekennend katholisch, obwohl ihre erste Ehe gescheitert ist und sie sich neu verliebt hat, und vielleicht kann eine geschiedener Erzieher das „Vater Unser“ mit Kindern inniger beten, als der glücklich verheiratete Kollege. Statt Kindertagesstätten und Kliniken aus der katholischen Trägerschaft zu entlassen, könnte man ja auch mal darüber nachdenken, ob es andere Kriterien für Katholizität gibt als die gelungene Ehe. Aber das ist mit Lütz nicht zu machen: „Man kann die Dienstordnungen kaum einfach noch mehr ‚liberalisieren’, ohne das ‚katholisch’ zur reinen Makulatur zu machen.“ (131) Lütz begibt sich gerne in die Pose des Schutzpatron des Arbeitnehmers, behauptet er doch, sein Lösungsvorschlag würde es zukünftig überflüssig machen, dass der „Arbeitgeber sich ins Privatleben eines Arbeitnehmers einmischt“(133), denn in den katholischen Traditionshäuser gilt ja die Dienstordnung nicht mehr. Was Lütz natürlich verschweigt: in den dann echt-katholischen Einrichtungen sind die Angestellten mit ihrem Privatleben weiterhin dem Dienstgeber ausgesetzt.  Das dann aber ohne arbeitsrechtliche Zwischenrufe. Aber ob sich damit das spezifisch Katholische retten lässt?  Auch so manch bekennend katholische Ehe soll schon gescheitert sein. Aber die damit verbundenen Risiken sind dann wieder eindeutig zugeordnet. „Menschen die dort (also, in den richtig katholischen Krankenhäusern N.B.) arbeiten, wüssten worauf sie sich einlassen.....Wenn die dann später mit den Prinzipien einer solchen Einrichtung in Konflikt kämen, würden gewiss sogar Freunde sagen: Du bist ja selber schuld, warum musstest du auch an einer katholischen Einrichtung  arbeiten, es hätte doch auch genug andere gegeben.“ (142)

Neben dem Rückzug aus Gesundheitswesen steht ein zweiter große Punkt auf Lütz’ Agenda: Die Abwicklung weiter Teile der verbandlichen Caritas mit ihren professionellen Unterstützungsangeboten. Das heißt: keine Schuldnerberatung mehr,  keine Qualifizierungskurse für Arbeitssuchende, keine Integrationskurse, die Menschen in den unterschiedlichsten prekären Lebenssituationen nachhaltig Perspektiven eröffnen können. Stattdessen empfiehlt Lütz den Pfarrgemeinden Lebensmitteltafeln einzurichten. Lange Schlangen von Menschen vor Kirchtürmen, die auf Lebensmittel warten, mögen zwar auf den ersten Blick ein sichtbares Zeichen für Nächstenliebe sein, bei näherer Betrachtung sind sie jedoch vor allem Ausdruck eines ausgehöhlten Wohlfahrtsstaates. Die Wirksamkeit von Lebensmittelausgaben ist darüber hinaus höchst umstritten, ändern sie doch nichts an den Ursachen von Armut. Aber vielleicht ist die Zielfrage kirchlicher Caritas die eigentliche Frage der von Papst Benedikt angestoßenen Entweltlichungsdebatte. „Eine vom Weltlichen entlastete Kirche vermag gerade auch im sozial-karitativen Bereich den Menschen, den Leidenden wie ihren Helfern, die besondere Lebenskraft des christlichen Glaubens vermitteln", so Papst Benedikt in der Freiburger Rede. Erstes Ziel kirchlich – caritativen Handelns ist dann Glaubensvermittlung, nicht das Wohl des Notleidenden. Diese Zielformulierung lohnt sich tatsächlich zu diskutieren.


Diskutieren kann man sicherlich auch die Legitimität von Kirchensteuern. Lütz weiß natürlich auch hier wieder, dass Papst Benedikt in seiner Konzerthausrede auch über die Kirchensteuer gesprochen hat, obwohl er sie nicht in seiner Rede erwähnt hat. Auch die Kirchensteuern haben die Kirche in Deutschland zu einer reichen Kirche gemacht. Dabei fordert Papst Franziskus ja ein „arme Kirche für die Armen.“ „Eine arme Kirche, was um Gottes willen was soll das heißen?“ (12) fragt Lütz natürlich nicht ohne Ironie die reiche, deutsche Kirche an. Das Gegenteil einer reichen Kirche heißt auf jeden Fall nicht notwendigerweise „arme Kirche“, sondern kann vielmehr „Kirche der Reichen“ bedeuten. Es gibt sicherlich viel Kritikwürdiges am deutschen Kirchensteuerwesen und ihren Kirchensteuerräten und Finanzplänen. Es bietet aber deutlich mehr Transparenz, Kontinuität und Ausgleich als eine Kirche, die bei ihrer pastoralen und caritativen Tätigkeit auf die finanzielle Gnade der Reichen angewiesen sind. Dann kommt nämlich auf anderem Wege plötzlich ganz viel Welt in die Kirche. Und ob dieser weltliche Einfluss so viel besser ist, wage ich zu bezweifeln.

Seitenzahlen in Klammern beziehen sich alle auf Cordes, Paul Josef / Lütz, Manfred
Benedikts Vermächtnis und Franziskus`Auftrag, Freiburg  2013



Kommentare:

  1. Nicht schlecht! Etwas polemisch, aber das ist der Lütz ja auch. Weitgehende Zustimmung!

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  2. Ist doch ein hübsches Pärchen,
    was kann man da viel erwarten, außer ...

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  3. Für mich macht der gute Herr Lütz hauptsächlich Geld mit Büchern und permanenten "allwissenden" Medien- und sonstigen Auftritten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
    Eine Einladung zur Katholischen Hochschulgemeinde hat er schon mal mit der Begründung abgesagt, dass er nur zu Großveranstaltungen geht, denn er hat ja soviel zu tun. - Verständlich.
    Ich Stimme dem Beitrag aus vollstem Herzen zu. Eine Kirche, die auf das Geld der Reichen (man schaue mal auf die Finanzierung so mancher "neuer geistlicher Bewegungen") angewiesen ist, wird genau so frei sein wie ein rein drittmittel-finanzierter Hochschulbetrieb.
    Es ist schon erstaunlich, wie sehr Herr Lütz immer die Kontinuität zwischen den Pontifikaten Benedikt XVI und dem von Franziskus betonen muss... Offensichtlich ist das wohl nicht ersichtlich und sicher gibt es diese Kontinuität nur sehr bedingt - was wiederum sehr gut ist!

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