Montag, 28. März 2011

Opfergedanken

"Auch das Fühlen bleibt merkwürdig stumm. Natürlich gibt es Entsetzen, Wut, Enttäuschung und vor allem Angst und Schrecken. Aber das sind Affekte, unmittelbare Reaktionen, keine Gefühle, die den Raum dessen, was sich da geöffnet hat, aushalten und ausmessen würden."
Peter Michalzik versuchte in der vergangenen Woche in einem bemerkenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau eine Beschreibung dessen, was gerade viele Menschen angesichts der unfassbaren Katastrophe in Japan empfinden, aber nicht in Worte bringen können. Weil jeder spürt: Ein Wort oder Satz ist je nach Perspektive zu lächerlich oder zu aufdringlich, jedenfalls unangemessen angesichts dessen, dass nicht zu fassen ist. Mitgefühl, das wäre eine Möglichkeit, aber es gebe keine Kommunikationsstuktur des Mitleids, sagt Michalzik. "Würde man still und mitfühlend zusehen, müsste man die Ereignisse, und sei es aus der Distanz, erst einmal ertragen. Man müsste sich eingestehen, dass man nichts tun kann. Das hätte etwas mit Achtung vor den Japanern, ihrer Angst und ihren Opfern zu tun."
Da taucht er auf, jener eigentlich sehr ungebräuchliche und altmodische Begriff vom Opfer. Er bedeutet für Michalzik etwas entschieden anderes, verstörendes. Opfer ist nicht mehr länger Folge eines unabänderlichen Schicksals. Im Opfer liegt für ihn eine zentrale Erkenntnis der Geschehnisse in Japan: "Die Wahrheit liegt, so pathetisch sich das anhört, im Opfer. Gott hat seinen Sohn, Agamemnon hat Iphigenie, die Mayas haben Mitbürger und die 300 Spartaner an den Thermopylen haben sich selbst geopfert. Das scheint alles aus einer ganz anderen Zeit zu stammen als der unseren. Aber jetzt hat das alte Wort Opfer durch die Männer von Fukushima seine Bedeutung mit einem Schlag zurückgewonnen." Michalzik sagt das fern von jedem Pathos, er skizziert wie mit belegter doch fester Stimme das, was auch wir Betrachter auf der anderen Seite der Erdhalbkugel mit Schrecken zur Kenntnius nehmen müssen: "Diese Männer sind der Preis, den wir – und dieses wir ist bewusst gewählt – den wir zu zahlen bereit sind. Sie sind keine Helden, sie sind das Menschenopfer."
Da ist es gesagt. Richtig gehört. Und man kann nicht so einfach über Sätze wie diese hinweg lesen: "Das Opfer, das die Männer bringen, ist die ultimative Gabe. Das bedeutet, es ist jene Gabe, die nie zurückgegeben werden kann. Deswegen werden die Nachfolgenden und Nachgeborenen, was immer geschieht, in der Schuld dieser Männer stehen. Nichts können die Überlebenden und hoffentlich Gesunden tun, um das zurückzugeben, was sie bekommen haben." Das Menschopfer sei die notwendige Folge davon, dass sich der Abgrund geöffnet habe, der eine Angst erzeuge, die durch nichts stillbar sei. Folge dessen, dass das Böse ins Rampenlicht getreten sei. Doch: "Wir haben Worte wie das Böse, das eng mit Sünde zusammenhängt, auch Worte wie Schuld und Opfer, längst verloren. Sie kommen uns antiquiert vor, sie stammen aus einer Welt, in der wesentliche Dinge nicht geregelt waren. Aber es ist wahrscheinlich genau diese wesentliche Dimension, die hier angesprochen wird. Eine Dimension, die nicht einfach in Verfahrensregeln überführt werden kann, in Rechtsgutachten, Schuldprozesse und Schadensabschätzungen." "Die Menschen wurden in die Situation geschmissen wie Scheite ins Feuer", sagt Anatoli Koladin in einem aktuellen Artikel über seine und die Arbeit der anderen 650000 Liquidatoren des Reaktors von Tschernobyl. "Rettet Europa!" sei ihre Ansage gewesen. Menschenopfer. Dazu gehören auch Kinder, die in Afrika für die Handyherstellung unter mafiösen Bedingungen Coltan abbauen. Oder chinesische Arbeiter in riesigen Handyfabrikationshallen
Japan bedeutet so etwas wie eine Zeitenwende. Wir spüren, dass diesmal nichts bleiben kann wie es war. Diesmal wirklich nicht. Und Änderungen werden ebenfalls, ja, Opfer nötig machen. Von jedem von uns, in seinem Verhalten, in seinem Konsum. Und es wird unbequem sein, teuer und schmerzhaft vielleicht auch. Doch kein Konsum, kein Wohlstand und kein bequemes Leben rechtfertigt Menschenopfer. Gerade für Christen ist dies eine harte Erkenntnis in der Fastenzeit, die mit dem Blick auf Karfreitag aber selbstverständlich sein müsste. "Deswegen werden die Nachfolgenden und Nachgeborenen, was immer geschieht, in der Schuld dieser Männer stehen. Nichts können die Überlebenden und hoffentlich Gesunden tun, um das zurückzugeben, was sie bekommen haben." Nach Jesu Tod am Kreuz sollte es eigentlich keine Opfer mehr geben müssen. Es gibt sie noch. Aber jetzt weicht Schulterzucken tiefer Beklemmung. Karfreitag und Ostern, in diesem Jahr keine Anlässe für allzu leichtfertiges Feiern.

Mittwoch, 23. März 2011

Im Werkzeugkasten der Kirche

In der Kirchenkostitution Lumen Gentium des Zweiten Vatikanischen Konzils ist über das Verhältnis der getauften Christen mit Jesus Christus in der Kirche Folgendes zu lesen: "Mit Christus also in der Kirche verbunden und mit dem Heiligen Geist gezeichnet, "der das Angeld unserer Erbschaft ist" (Eph 1,14), heißen wir wahrhaft Kinder Gottes und sind es (vgl. 1 Joh 3,1)." Gleichzeitig wird betont: "Wir sind aber noch nicht mit Christus in der Herrlichkeit erschienen (vgl. Kol 3,4), in der wir Gott ähnlich sein werden, da wir ihn schauen werden, wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2). "Solange wir im Leibe sind, pilgern wir ferne vom Herrn" (2 Kor 5,6), und im Besitz der Erstlinge des Geistes seufzen wir in uns (vgl. Röm 8,23) und wünschen mit Christus zu sein (vgl. Phil 1,23)." Mit Christus in der Kirche verbunden, das ja. Mit dem Heiligen Geist ausgezeichnet, das auch. Kinder Gottes. Aber: Ist das die Beschreibung der Kirche als fortlebender Christus? 

Zwar erklärt das Konzil, dass Christus "seinen lebendigmachenden Geist den Jüngern mitgeteilt" hat und "durch ihn seinen Leib, die Kirche, zum allumfassenden Heilssakrament gemacht" hat. Aber was bedeutet das? Christus, so heißt es weiter, wirke zur Rechten des Vaters sitzend "beständig in der Welt, um die Menschen zur Kirche zu führen und durch sie enger mit sich zu verbinden, um sie mit seinem eigenen Leib und Blut zu ernähren und sie seines verherrlichten Lebens teilhaftig zu machen." Am Schauplatz der Welt entscheidet sich also alles. Christus wirkt in der Welt. Die Kirche als Heilssakrament ist dann so etwas wie ein Vehikel, ein Buntglas vielleicht, durch das der Welt deutlich werden soll, wer Christus ist. In jedem Fall hat die Kirche eine dienende Funktion. Dienend als Werkzeug gegenüber Christus, dienend aber auch gegenüber der Welt: Denn durch die Kirche will Christus Menschen in der Welt enger mit sich verbinden.

Braucht Christus also die Kirche, um "fortzuleben"? Wird die Gegenwart Gottes wirklich am "deutlichsten" durch den Zölibat erwiesen? Heißt das, dadurch, dass der Priester "das personifizierte Zeichen Christi mitten in seiner Kirche" und "Vertreter Gottes bei uns Menschen" ist, ist Christus seiner Kirche, seinen Amtsträgern - in gewisser Weise - ausgeliefert? Die Kirche ist das Werkzeug Christi. Aber ist die fortdauernde Wirkmächtigkeit Christi tatsächlich in einer an Ausschließlichkeit grenzender Deutlichkeit an die Amtsträger der Kirche gebunden?

Donnerstag, 17. März 2011

Erbarmen mit Erbarmungslosen?

Die sieben leiblichen Gaben der Barmherzigkeit, aufgeschrieben bei Mt 25, 31-46 war der Evangeliumstext des Eröffnungsgottesdienstes der Deutschen Bischofskonferenz in Paderborn. Der begann mit einem Bußakt der Bischöfe angesichts der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche, deren Aufdeckung vor über einem Jahr begonnen hatte. Ohne Erbarmen gebe es keine Zukunft, sagte Erzbischof Robert Zollitsch in seiner Predigt : "Das Evangelium bekräftigt diesen Zusammenhang für das gesamte Lebensschicksal eines Menschen: Der Erbarmungslose findet sich auf der linken Seite wieder. Der Herr führt nur die in sein ewiges Reich, die Speise und Trank gaben, Unterkunft gewährt, Kleidung gegeben und sich um Kranke und Gefangene gekümmert haben. Wer das nicht tat, hat – so müssen wir zunächst feststellen – seinen Ort zur Linken des Königs und hat seine Zukunft verwirkt. Ohne Erbarmen gibt es keine Zukunft." Jesus selbst finde man bei denen, die Erbarmen benötigten: "Diese Identifizierung des Herrn mit dem Bedürftigen schafft eine ganz außerordentliche Antwort auf die religiöse Grundfrage: „Wo ist Gott?“ Gott ist, wo der Mensch Erbarmen braucht."

Gott ist also dort, wo Menschen Not leiden und Erbarmen brauchen. Und mehr: Wer sie anschaut schaut Gott selbst ins Angesicht.

Nun kann man in der Auslegung der Stelle, wie Erzbischof Zollitsch sie vornahm, einen blinden Fleck entdecken, dem der Vorsitzende der DBK nicht ausgewichen ist, vielleicht angesichts der Heterogenität der Konferenz auch nicht ausweichen wollte oder konnte. Was nämlich ist mit denen, die erbarmungslos waren? Im Text ist es klar: Sie bleiben draußen. Auch wenn Zollitsch darauf hinweist: zunächst. Was sonst mit ihnen geschieht, spielt in der Geschichte keine Rolle. Zollitsch aber stellt genau diese Frage in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Und dadurch scheint er, indem er den Text auf die Missbrauchsverbrechen bezieht, Opfer und Täter in ihrer Erbarmungswürdigkeit auf eine Stufe zu stellen. Zwar schränkt Zollitsch ein: "Es ist uns nur allzu klar zu Bewusstsein gekommen, dass diese Schuld niemals ungeschehen gemacht und auch nicht entschädigt werden kann. Es sind nur Zeichen der Reue und die Bitte um Verzeihen möglich." Um jedoch fortzufahren: "Das Entscheidende ist das Erbarmen mit dem Schuldigen und das Verzeihen. Die aber sind für Menschen oftmals kaum möglich. Sie überfordern sie. Aber, wo sie gewährt werden, ereignet sich Göttliches."

Man kann theologisch ja vielleicht tatsächlich so zu argumentieren versuchen. Doch muss es sich für Missbrauchsopfer so anhören, als machten sie sich schuldig oder verweigerten sich der Versöhnung, wo ihnen Erbarmen nicht möglich ist. So verfestigt sich der Eindruck, dass es den Bischöfen zunächst um die Täter geht und nicht um die, gegenüber denen erbarmungslos gehandelt wurde. "Allmächtiger, barmherziger Gott, du willst alles auf Erden und im Himmel zu Christus führen", beteten die Bischöfe beim Bußakt. "Hilf uns, das Werk seiner Versöhnung anzunehmen, damit die Schatten der Vergangenheit uns nicht gefangen halten." So scheinen es also nach dieser Lesart die Opfer zu sein, die dafür zu sorgen haben, dass sich der Schatten der Vergangenheit in der Kirche und bei den Tätern verflüchtigt: Indem sie den Erbarmungslosen ihrerseits Erbarmen schenken und also "Göttliches" tun. Und andernfalls  Gottes Heilswerk verhindern.

Sonntag, 6. März 2011

Qualitätsfragen

Ein Journalist berichtete neulich von einer Reise mit Kollegen nach Bolivien und Brasilien. In Brasilien traf die Gruppe, die vor allem aus ChefredakteurInnen deutscher Zeitungen und öffentlich-rechtlicher Sender bestand, abschließend auf Leonardo Boff. Es muss den Schilderungen nach ein beeindruckendes Gespräch gewesen sein. Boff habe über die Theologie der Befreiung, ihre Bedeutung für lateinamerikanische Gemeinden und römische Missverständnisse bezüglich der marxistischen Analyse in der Theologie der Befreiung gesprochen. In Brasilien habe die Theologie der Befreiung immer noch eine wichtige Bedeutung für die überwiegende Zahl der Bischöfe, vor allem aber vieler Gemeinden, aber die aufbrechende Kraft der Kirche lasse nach - auch aufgrund des Alters der Protagonisten.

Und Boff habe im Grunde bestätigt, was auch Albert Biesinger vor ein paar Tagen in der SZ berichtete: Die zunehmende gewaltige Bedeutung der Pfingstkirchen für die ChristInnen. In Peru beispielsweise träten zunehmend Menschen zu Freikirchen über, schreibt Biesinger "weil sie dort eine überschaubare Größe, Ernsthaftigkeit in der Bibelauslegung, eine intensive Kommunikation und emotionale Zugehörigkeit gefunden hätten." In Puno am Titicacasee gebe es in den Wohngebieten viele Versammlungsräume freikirchlicher Gruppierungen: "Ein katholischer Priester hingegen hat eine unüberschaubare Anzahl von Katholiken zu begleiten und fühlt sich zunehmend überfordert."

Es ist also eine Mär ständig zu behaupten, die Strukturdebatte sei ein Phänomen der katholischen Kirche im Westen und habe mit der Situation in Lateinamerika, Asien oder Afrika nichts zu tun. Es mag regionale Unterschiede in der Dramatik der Situationen geben. Aber auch Boff und Biesinger zählen Indizien dafür auf, dass Glaubens- oder Gotteskrise und Strukturdebatte zwei Seiten einer Medallie sind. Roman Siebrock formuliert es so: Es glaubt, "dass die Erneuerung der Kirche von einem neuen Glaubensleben, einer neuen Frömmigkeit, wie es Rahner immer gesagt hatte, und einer erneuerten „Intellektualität des Glaubens“ ausgehen muss und wird." Frömmigkeit allein ist gut, reicht aber nicht, es geht immer auch um Qualität. Auch um die Qualität dessen, das klärt, wie es denn nun gehen soll mit einer Pastoralstrategie.
Albert Biesinger jedenfalls gibt eine knappe Definition des Weges einer Sozialraumorientierung der gemeindlichen Pastoral. Die Gemeinde muss in ihrer Größe und ihren Strukturen überschaubar bleiben, weil die Pastoral so den Sozialraum, also den Ort, wo Menschen leben und zu Hause sind, prägen und gestalten kann. Ernsthaftigkeit in der Bibelauslegung bedeutet, dass Christen Antworten auf ihre persönliche Situation und die der Gruppe in der Schrift finden oder lernen, dies tun zu können. Gott spricht zu ihnen in ihrer persönlichen Lebenssituation. Intensive Kommunikation bedeutet dann - unter anderem - miteinander zu sprechen: Über die Situation im Quartier, in der Gemeinde. Und es deutet an, wie die Schieflage in der Machtfrage gelöst werden muss. Schließlich geht es um emotionale Zugehörigkeit, um eine echte Gemeinschaft. Um so etwas wie Identität einer Gemeinde, einer Pfarrei, bei der Christinnen und Christen spüren, dass sie selbst an ihr partizipieren, ja Teil derselben sind.

Mittwoch, 2. März 2011

Memorandum Frohsinn

Aus aktuellem Anlass:
500 Millionen Unterschriften bis Aschermittwoch ist das Ziel der Initiative "Memorandum Frohsinn".

Memorandum Frohsinn
Der Karneval ist kein Selbstzweck. Er hat den Auftrag, das befreiende Lachen allen Närrinnen und Narren zu verkünden. Das kann er nur, wenn er selbst ein Ort und eine glaubwürdige Zeugin des Frohsinns ist! Die konkreten Herausforderungen, denen sich der Karneval stellen muss, sind keineswegs neu. Zukunftsweisende Reformen lassen sich trotzdem kaum erkennen! Das offene Zwiegespräch darüber muss in folgenden Handlungsfeldern geführt werden:

Strukturen närrischer Beteiligung: 
In allen Feldern des kirchlichen Humors ist gerade die Beteiligung der Närrinen und Narren ein Prüfstein für die Erlösungskraft des Evangeliums.

Daher fordern wir: 
Was alle witzig finden, darüber soll von allen gelacht werden!
Keine Büttenreden im stillen Kämmerlein mehr!
Keine Karnevalssitzungen mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Untergrund des Prinzenseminars!
Es braucht mehr Elferräte auf allen Ebenen der Kirche! Die Elferräte sind an der Bestellung wichtiger Amtsträger zu beteiligen! Worüber vor Ort gelacht werden soll, soll auch dort entschieden werden!
Witze und Pointen müssen endlich transparent sein! Der Gang zum Lachen in den Aktenkeller darf nicht mehr die Regel sein!

Närrische Gemeinde:
Närrische Gemeinden sollen Orte sein, an denen Menschen geistige Getränke wie Schnaps, Kölsch und Eierlikör sowie materielle Güter wie Flöns und Mettbrötchen miteinander teilen! Aber gegenwärtig erodiert das närrische Leben! Jeder isst und trinkt für sich! Unter dem Druck des Mangels werden immer größere Feiereinheiten konstruiert! Dort können Nähe und Zugehörigkeit, Bützen und Zuprosten kaum mehr erfahren werden! Historische Identitäten, aber auch natürliche Feindschaften wie die zwischen Düsseldorfern und Kölnern werden aufgegeben! Dreigestirne werden „verheizt“ und brennen aus! Närrinen und Narren bleiben fern, wenn ihnen nicht zugetraut wird, Büttenreden zu übernehmen und sich in den Elferräten zu beteiligen! 

Wir fordern:
Prinz, Bauer, Jungfrau und Kardinal müssen den Narren und Närrinnen dienen – nicht umgekehrt!
Neben der Prinzenproklamation eine jährliche Kardinalsproklamation! 
Und wir gehen noch weiter: Die Kirche braucht auch verheiratete Jungfrauen und Frauen als Junggesellen im närrischen Amt!
 
Närrische Gewissensfreiheit:
Der Respekt vor dem närrischen Gewissen bedeutet, Vertrauen in die Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit der Närrinnen und Narren zu setzen.

Wir sagen: 
Schluss mit der Bevormundung! 
Wie kann es sein, dass Prinz, Bauer und Jungfrau unter der Leitung eines ausgewiesenen Preußen, von dem doch jeder weiß, welche Spaßbremse er ist in einem Flugzeug nach Rom verschleppt werden! Wir alle haben diese furchtbar unwürdigen Fernsehbilder noch in Erinnerung! Ein heulender Prinz! Damit muss Schluss ein!
Mit der Freiheit des Narrengewissens ernst zu machen, betrifft besonders den Bereich persönlicher Narrenentscheidungen und individueller Narrenformen. Die närrische Hochschätzung der Ehe und der ehelosen Lebensform steht außer Frage. Aber sie gebietet nicht, Menschen auszuschließen, die „Am Aschermittwoch ist alles vorbei! Die Schwüre und Treue, sie brechen entzwei!“ verantwortlich singen!

Närrische Versöhnung:
Solidarität mit Frohsinnsverächtern setzt voraus, die Traurigkeit in den eigenen Reihen ernst zu nehmen. Selbstgerechter Frohsinn steht uns nicht gut an! Wir können nicht Versöhnung mit Protestanten, Düsseldorfern, Westfalen, ja, Preußen predigen, ohne selbst in unserem Handeln die Voraussetzung zur Versöhnung mit denen zu schaffen, die protestantischer, westfälischer, düsseldorferischer, ja, preußischer Gesinnung sind!

Wir fordern:
Frohsinn ohne rigorose Moral – wenigstens bis Aschermittwoch! Kein Frohsinn ohne Barmherzigkeit! Frohsinn ist auch bei anderen närrischen Gemeinschaften wie Protestanten, Düsseldorfern und Westfalen zumindest anfanghaft enthalten! Ja, selbst bei Preußen nicht gänzlich auszuschließen!

Närrischer Sitzungskarneval:
Der Karneval lebt von der aktiven Teilnahme aller Närrinen und Narren.

Wir fordern:
Der Karneval darf nicht in Traditionalismus erstarren! Ein bergischer Jung reicht!
Karneval nicht nur in lateinischer Sprache! Der Elferrat darf sich nicht mit dem Rücken zum Volk betrinken!

Der begonnene Sitzungskarneval kann zu befreiendem Lachen und Schenkeklopfern führen. Aber nur, wenn alle Närrinnen und Narren, insbesondere das bischöfliche Festkommittee bereit sind, die drängenden Fragen endlich anzugehen! Es gilt, in der freien und fairen Büttenrede nach Lösungen zu suchen, die den Karneval aus seiner lähmenden Selbstbeschäftigung herausführen! Der Session darf keine Ruhe folgen! In der kommenden Fastenzeit führt das nur zwangsläufig zur Grabesruhe des Karsamstags! Angst war noch nie ein guter Ratgeber in Zeiten der Krise. Närrinnen und Narren sind dazu aufgefordert, mit Mut in die Zukunft zu blicken. Sie sollen am Rosenmontag gut biblisch wie Petrus über die Kamellen gehen. Und Jesus wird sie vom Prinzenwagen aus fragen:


„Warum habt ihr so viel Angst? Ist euer Frohsinn so klein?“

Abgrenzung statt Mitteilung?

Exklusion oder Inklusion? Geht es in der Theologie primär um Abgrenzung durch ideologisch-dogmatische Festlegung? Hermann Häring jedenfalls beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch "Freiheit im Haus des Herrn" erneut mit einer in seinen Augen verhängnisvollen Verbindung, die die Theologie mit der griechischen Philosophie eingegangen ist. Eine Verbindung, die ja auch - nach Häring tragischerweise - die Grundlage der Ratzingerischen Theologie bildet: "Das hellenistische, bald altkirchliche Denken hat wohl deshalb eine starke, über Jahrhunderte andauernde Wirkung erzielt, weil es auf die Überzeitlichkeit der Wahrheit abhebt." Die Griechen interessierte nicht die Welt, sondern sie betrachteten die überzeitliche geistige Idee als das Entscheidende. "Allerdings hat die Kirche dafür einen hohen Preis bezahlt", so Häring. "Die Geschichte verblasst als etwas Unstetes und Vergängliches. Gesucht wir die reine Jenseitigkeit Gottes, die Geistigkeit der menschlichen Seele, das überirdische Wesen Jesu, das himmlische Ziel allen Heils."

Dieses Denken, dieses Misstrauen gegenüber der Geschichte habe auch die Bedeutung der Heiligen Schrift katholischerseits relativiert. Ist die Bibel ein Instrument ideologischer Abgrenzung oder ein wirkmächtiges Medium göttlicher Mitteiling? Für Häring ist die Sache klar: Eigentlich folgten zum Beispiel die Evangelien "einer anderen, höchst elementaren und heute noch lebensnahen Rationalität. Sie teilen mit, überliefern Informationen, die uns unser eigenes Denkvermögen nicht vermitteln kann. Sie wirken deswegen dynamisch und offen. In ihnen geschieht immer Unerwartetes, oft auch Zufälliges. (...) Sie sind geradezu von einer Unlust getragen, Gott, den Messias oder den Geist in ihrem Wesen fest zu umzirkeln. Mal geht Jesus auf Menschen zu, ein anderes Mal zieht er sich zurück, mal schläft er, ein anderes Mal schlafen zu seiner großen Enttäuschung die anderen. (...) Die Verführung der Schrift liegt gerade nicht in der Verfügbarkeit ihrer Inhalte (...)." Die Theologie bringe "Denkprodukte" hervor anstatt elementare Erzählungen zuzulassen. Daher habe die hellenistische Denkform "die Kultur des Erzählens zu einem gehorsamen Haustier gemacht. Man schafft die Schrift nicht ab, macht sie sich aber verfügbar. Die Evangelien geraten zum Erzählmaterial für die Kleinen oder zur eingängigen Illustration der eigentlichen Wahrheit, die sich nur Theologen erschließt." Das Bündnis der Theologie mit der griechischen Philosophie sei ihr eigentlicher und letztgültiger Inkulturationsprozess gewesen, der die modernen und postmodernen Inkulturationsprozesse blockieren solle. Nach Ratzinger sind sie überflüssig: "Jetzt sollen sie alle Griechen werden, die Christen Europas und Afrikas, Asiens und Lateinamerikas", so Häring. "Wer etwa die offizielle Lehre von Jesus Christus oder von der Trinität wirklich verstehen will, muss erst die Kategorien Platons und Aristoteles´ kennen." Nach Häring müsse sich die Kirche von der durch die Hellenisierung verursachte Dogmatisierung trennen. An dieser Frage entscheide sich jedenfalls, ob die Kirche "immer als Fremdkörper agieren wird. Es entscheidet sich ferner die Frage, ob sie sich in der westlichen Kultur weiterhin in eine Ecke manövriert, statt zu einer neuen und helfenden Gesprächspartnerin in einer hoch gefährdeten Zeit zu werden."