Donnerstag, 18. April 2019

Karfreitag: Kulturwandel

Foto: Peter Otten
Was würde anders? Überlegungen zum Kreuz als Anzeiger eines Kulturwandels

Von Peter Otten

Seit einem Jahr bin ich Teil einer Gruppe von zehn Menschen, die im Auftrag des Erzbischofs unter der Leitung von Franz Meurer über Kulturwandel nachdenkt. Grundlegend für die Arbeit dieser Gruppe ist die Erkenntnis, dass die Kirche womöglich in ihrer tiefsten Krise seit der Reformation steckt. Der rigorose Umgang mit klerikaler Macht, der auch zu diesen schlimmen Verbrechen sexueller Gewalt an Kindern, Männern und Frauen führte. Vertrauensdesaster. Machtmissbrauch. Selbstherrlichkeit. Konkurs. Es braucht wohl mehr als das Drehen an ein paar Rädchen. Es braucht wohl eine Überprüfung von Grundüberzeugungen.

Kulturwandel ist natürlich ein großes Wort. Für mich persönlich ist die Feststellung wichtig, dass der Glaube, die Religion Teil der Kultur ist, genauso wie Sprache, Kunst oder Literatur. Wichtigstes Zeichen dafür vielleicht: der religiöse Ausdruck findet im öffentlichen Raum statt. Zum Beispiel in der Agneskirche, die ja letztlich allen Menschen gehört und deren Türen immer offenstehen, wenn wir Gottesdienst feiern. Kein Gottesdienst hinter verschlossenen Türen. Offenheit und Öffentlichkeit. Teil der religiösen Kultur. Deswegen ist Religion ja auch gerade keine Privatsache.

In unserer Gruppe haben wir uns mit Kulturwandeltheorien beschäftigt. Kultur ist grob gesagt die Verständigung einer Gemeinschaft / Gesellschaft auf Grundüberzeugungen. Diese Grundüberzeugungen verdeutlichen sich in Normen und Werten, und diese werden in Handlungen und Ritualen wahrnehmbar. Für die Kirche hieß das eine lange Zeit: Grundüberzeugung: die Kirche ist für alle Menschen heilsnotwendig. Daraus abgeleitete Haltungen: Außerhalb der Kirche kein Heil. Die Kirche ist eine Heilsanstalt. Daraus abgeleitete Handlungen und Rituale: Sonntagspflicht und hierarchische Ständekirche.

Soll sich eine Kultur wandeln, müssen sich die Grundannahmen und Grundüberzeugungen wandeln. Wandeln sich die, dann ändern sich Normen und Werte und Rituale und Handlungen. Der Karfreitag, das, was an diesem Tag im Mittelpunkt steht - ich will es direkt sagen - scheint mir ein geeigneter Anlass zu sein, um über Kulturwandel und Grundüberzeugungen nachzudenken. Dazu später mehr.

Heute ist Karfreitag, und der Karfreitag hält vielleicht die Erinnerung an das disruptiveste Zeichen hoch, was wir Christinnen und Christen kennen. Vielleicht machen wir es uns nicht immer klar. Aber es ist so. Denn heute stirbt Gott selbst. „Das größte Gottesbildersterben, das man sich überhaupt vorstellen kann, ist der Karfreitag“ so hat es der Theologe Klaus Müller mal ausgedrückt. „Weil da Gott selber stirbt. Gottloser als heute kann man von Gott ja überhaupt nicht denken.“

Diese Disruption ist mir im Blick auf die Figur des Pilatus in diesem Jahr schlagartig klar geworden. Das Gespräch zwischen Pilatus, Jesus und dem Publikum bildet ja den Hauptteil der Johannespassion. Pilatus wird die Rolle zugeschoben, Jesus zu verurteilen und hinzurichten. Wir haben gehört, wie er zögert. Zwei Mal sagt Pilatus, dass er bei Jesus keine Schuld feststellen könne. Er fordert das Publikum auf, ihn selbst hinzurichten, was sie verweigern. Und schließlich kommt es zu einer eindrucksvollen Szene – quasi zum Höhepunkt im Geschehen zwischen Pilatus, Jesus und der Öffentlichkeit:

„Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, da ist der Mensch!“

Ausgerechnet der Heide Pilatus bringt – absichtlich oder nicht – den Kern des Evangeliums nach Johannes auf den Punkt. In dem Menschen Jesus hat sich Gott ganz und gar gezeigt. Dieser Gedanke hat mich übrigens auch oft gepackt, als wir hier die Installation „Facing Cologne“ in der Kirche hatten, mit der auch Menschen Schwierigkeiten hatten, was ich weiß und was zu respektieren ist. Aber für mich war das im Nachgang auch eine moderne Pilatusszene. Ausgerechnet ein Künstler gibt uns mit seinen 64 Porträts den Pilatus, den Deuter des Evangeliums: Seht, da ist der Mensch.

Die Provokation des Karfreitags ist ja die: Am Kreuz wird deutlich, dass Gott als Mensch stirbt und der Mensch ganz und gar als Gott. Facing Cologne hat das auf den Punkt gebracht. Ein Besucher sagte: „Im Angesicht der Bilder von unbekannten Menschen, die das Allerheiligste verdecken wird mir bewusst: Du kannst nur das Gebet vor Gott bringen, was du auch einem Menschen sagen könntest.“ Und umgekehrt gilt wohl auch: Gott, das Allerheiligste, spricht durch und in der Schöpfung. Den Menschen.

Pilatus bringt das auf den Punkt. „Seht, da ist der Mensch!“ Mehr musst du nicht wissen. Im Anschauen des Menschen geschieht Begegnung mit Gott. Pilatus wird in die Rolle desjenigen geschoben, der nicht begreifen kann, was das Publikum möchte. Und diesen Menschen wollt ihr töten?

Aber genau das ist ja passiert.

Warum aber kann ausgerechnet dieses Geschehen Ausgangspunkt für einen Kulturwandel sein? Auch in der Kirche? Der Theologe Markus Lau hat nun daran erinnert, wie der Evangelist Johannes den Tod Jesu deutet: Jesus gibt sein Leben für seine Freunde. So heißt es in der Abschiedsrede Jesu in Joh 15. Jesus stirbt also nicht, weil Menschen Sünder sind, sondern weil er sie zu seinen Freundinnen und Freunden erhebt. Dabei wird, so sagt der Wissenschaftler, ein wichtiges Stück der griechischen Freundschaftsethik, wie man sie bei Aristoteles findet, in die Deutung integriert – weil die Griechen diesen Gedanken verstanden. Jesus nimmt den Sklaventod an, um die Menschen in einem Akt autonomer Freiheit zu Freundinnen und Freunden zu erheben. So gedeutet wird das Kreuz zum disruptivesten Zeichen, das denkbar ist.
 

Was also würde anders, wenn folgende Grundannahme gelten würde: Die Kirche ist die Gemeinschaft derer, die Jesus durch sein Sterben in einem Akt autonomer Freiheit zu Freundinnen und Freunden erhoben hat. Welche Normen und Werte könnten dieser Grundannahme folgen? Wären Machtteilung und Geschlechtergerechtigkeit nicht fraglose Haltung einer kirchlichen Umgangskultur? Gäbe es womöglich eine Kultur des Umgangs mit Fehlern und Verletzungen in der Kirche in Respekt und auf Augenhöhe? Würden wir über Teilhabe und Beteiligung in der Kirche noch ernsthaft streiten? Die Leerstelle des Karsamstages ist wie ich finde eine gute Zeit, um diesen Gedanken Raum zu geben.

Im Kreuz ist Heil. Im Kreuz ist Leben. Im Kreuz ist Hoffnung. Das Kreuz: Anzeiger für einen Kulturwandel. Denn wenn der Sünder zum Freund, zur Freundin erhoben worden ist, hat die Erlösung begonnen. Wir sollten sie nicht aufhalten.

Keine Kommentare:

Kommentar posten