Dienstag, 16. April 2019

Da ist nichts, woran wir beide uns festhalten können

Foto: Br. Stephan Oppermann OSB

Es ist gut, in den Kartagen den Gedanken an das "Nichts" nicht auszusweichen. Gedanken zu "Requiem" von Tom Liwa und dem Triptychon "Triduum. Drei Mal heilig" von Bruder Stephan OSB. 

Von Peter Otten

Zwei Menschen. Der eine singt. Der andere ist gestorben. „Was hätte ich für Dich tun können?“ Der Text, voller melancholischer Lakonie. Was ist passiert: „Da ist nicht zu verstecken und nichts zu verstehn / Mein Herz schlägt weiter und Dein Herz bleibt stehn.“ So ist das gewesen bei dem, der da singt und seinem Freund, der gestorben ist. So passiert es tausendfach jeden Tag: Das eine Herz bleibt stehen. Das andere schlägt weiter. Der eine stirbt. Die andere lebt. Warum so und nicht andersrum? Keine Ahnung. „Ich habe diese Welt nicht erfunden / Die war immer hier.“ Hätte ich sie erfunden, vielleicht hätte ich sie anders gemacht. Vielleicht mit etwas, woran sich die Menschen offensichtlich festhalten können, damit der Tod sie nicht holt und nicht darüber nachsinnt oder schlicht das Los wirft, welches Herz nun weiter schlägt und welches stehenbleibt. Aber weil der, der da singt die Welt nicht erfunden hat, bleiben nur die beiden einsamen, tieftraurigen Zeilen, die im Song gleich drei Mal wiederholt werden:

Da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.


Tieftraurig, denn das bedeutet ja: Der, dessen Herz zu schlagen aufgehört hat ist verloren.

Aber der, dessen Herz noch schlägt auch.

Und es stimmt ja: Wenn ein Mensch stirbt ist das Gefühl der Trauer oft überwältigend. Menschen, die trauern beschreiben ihr Gefühl in Gesprächen oft als ein haltloses, leeres Gefühl. Da ist auf der einen Seite der Verlust, der die, die zurückbleiben anders zurücklässt. Da ist auf der anderen Seite die Frage: Was passiert mit dem Menschen, der tot ist? Und oft ganz praktisch gefragt: Wo ist er jetzt? Was ist mit ihm?

Da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.

Den Satz musst du erst mal aushalten können. Dieser Satz berührt mich sehr. Dann, wo der Halt vielleicht am wichtigsten ist überwiegt das Gefühl von Haltlosigkeit.
Im Trauerprozess ist es oft zunächst am wichtigsten, den Trauernden nicht allein zu lassen und gemeinsam mit ihm seine Haltlosigkeit auszuhalten.

Das ist die Karfreitagssituation. Vielleicht haben die wenigen Menschen, die unter dem Kreuz stehen geblieben sind ihre haltlose Situation auch gemeinsam ausgehalten. Ich stelle mir vor, wie sie mit Tom Liwa gesungen haben:

Da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.

Mich berührt hier noch etwas anderes. Die Begegnung mit dem Tod stellt den Menschen immer wieder vor eine schier unlösbare Aufgabe, nämlich die eigene Kontingenz, die eigene Vergänglichkeit auszuhalten. Nein, nicht nur auszuhalten, sondern sie zu umarmen. Was für eine gewaltige Aufgabe. Für Menschen, die das Leben lieben. Für Menschen, die dem Gefühl ja auch oft zurecht nachgeben, unsterblich in ihrem Glück zu sein. Welch eine Kränkung.

Für mich steckt diese Herausforderung in dem Bild von Bruder Stephan. Die Kreuzstruktur mit dem kurzen vertikalen Stück und dem weiten vertikalen Stück, übersät und geprägt mit unendlichen Spuren und Narben des Lebens signalisiert eben auch Umarmung.

Umarme das Leben in seiner glücklichen Einmaligkeit.

Umarmen heißt aber auch, Umarmungen wieder zu lösen. Die Umarmung selbst beinhaltet ja schon den Moment der Endlichkeit. Eine Umarmung, die das Ende nicht kennt ist keine Umarmung mehr, sondern beinhaltet einen gewaltsamen Glutkern.

Tom Liwa hat seinen Song „Requiem“ genannt. Darin stecken zunächst mal die Begriffe „Ruhe, Rast, Totenruhe“. Ein Reqiuem ist sodann im christlichen Kontext die Totenmesse, die die Lebenden für einen Verstorbenen feiern. Also der gemeinschaftliche feierliche Ausdruck von Gottesgemeinschaft, die über den Tod hinaus reicht. Die Ironie des Songs läge dann darin, dass ein "Requiem" eben gerade nicht möglich ist: Denn
 
da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.

Ich finde es wichtig, diesem Gedanken des „Nichts“ in diesen Tagen nicht auszuweichen und ihn auch zuzulassen. Tom Liwa und Bruder Stephan stellen uns die Aufgabe, nicht zu gewiss in die Auferstehung zu springen. Tom Liwa in aller Ernsthaftigkeit, indem er die existenzielle Dichte des Nichts so schmerzhaft-lakonisch beschreibt.

Da ist nichts, woran wir uns beide festhalten können.

Du kannst dich daran festhalten, dass ich mit dir das Nichts aushalte und nicht weggehe. Daran erinnert mich auch das Bild „Triduum. Drei Mal heilig“ von Bruder Stephan. Denn ein Requiem, also das Vertrauen in die Gottesgemeinschaft jenseits von Schmerz, Trauer, Endlichkeit und Tod – dass können mir nur andere schenken. Sein Bild lehrt mich: Zu einer Umarmung kann mich nur ein anderer einladen.

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