Montag, 15. April 2019

Café Nirgendwo


Foto: Peter Otten

Vielleicht geht die Angst. Wegen des Traums, der Erinnerung an die, die mit dir an dem Tisch sitzen. Gedanken zu „Triduum. Drei Mal Heilig“ von Bruder Stephan OSB und „This Dream Of You“ von Bob Dylan

Von Peter Otten


Es ist Nacht. Draußen ist es schwarz. Die Wolken und dazwischen das Tintenfaßblau. Du kannst nicht schlafen. Du bist schon ganz schwer eingeschlafen.  Oder war es vielleicht sogar anders: Du wolltest gar nicht einschlafen? Denn morgen wartet etwas auf dich: Etwas Schwieriges. Etwas Unangenehmes. Etwas sogar, das dir Angst machen kann. Etwas wartet auf dich, was du am liebsten überschlagen möchtest wie ein paar Seiten in einem Buch.


Wie lange kann ich in diesem Café Nirgendwo bleiben / Ehe die Nacht zum Tag wird / Ich frage mich warum ich solche Angst vor dem Morgengrauen habe.



Mir scheint, Bon Dylan könnte genau das meinen in seinem Song „This Dream Of You“. Das Gefühl, das ich selbst jedenfalls gut kenne: In der Nacht bleiben zu wollen. Sich in der Nacht einrichten. Es ist ja kein unwirtlicher Ort. Dylan singt immerhin von einem Café. Und vor meinem inneren Auge erscheint eines von den Cafés aus unzähligen amerikanischen Spielfilmen: Kaputtes Lichtband über dem Fenster. Vierertische an einem Fenster. Eier mit Speck rund um die Uhr. Kellnerinnen, die wortlos Filterkaffee nachschenken. All you can drink. Café Nirgendwo. Ein Ort, wenigstens zum festhalten. Ein Ort, wenigstens um seine Hände an dem warmen Porzellan zu wärmen. Ein Ort zum in die Nacht starren. Wenigstens in die Nacht.


Ich frage mich, warum ich solche Angst vor dem Morgengrauen habe.


Dieses Gefühl bringt Dylan sehr ausdrucksstark ins Bild. Und es kontrastiert, wie so oft bei ihm, sehr stark mit der tänzelnden, vielleicht nicht gerade heimeligen, aber lockenden Musik. Dieses Gefühl, in einem namenlosen Café an einem namenlosen Ort zu sitzen und die Zeit mit Hilfe einer namenlosen Tasse Kaffee festhalten zu wollen. Die Schattenwelt als eine unangenehme und gleichzeitig willkommene Welt.


Ich schaue weg, aber ich sehe es immer noch / Will es nicht glauben, glaub es immer noch / Schatten tanzen auf der Mauer / Schatten die alles zu wissen scheinen.


Wohin mit meiner Angst? Den Schatten? „Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“ Noch fühle ich mich sicher in diesem Café Nirgendwo. Eine Fensterscheibe liegt zwischen den Ängsten und mir. Hält die alleswissenden Schatten fern.


Bin ich zu blind zum Sehen? / Gaukelt mein Herz mir was vor? / Zu spät, um jetzt aufzuhören, wenn auch all meine Freunde weg sind.


Wie komme ich bloß da raus? Wie geht das? Wo alle Freunde weg sind? Nur ich und das Café und die Fensterscheibe dazwischen? „This Dream Of You“ ist wie eine modern Ölbergszene. Die Szene, mit der in dieser Woche der Karfreitag beginnt. Jesus mit seinem Freundinnen und Freunden im Garten. Jesus allein mit seinen Ängsten mitten in der Schwärze der Nacht. Niemand da. Nicht mal mehr eine Fensterscheibe dazwischen. Keine wärmende Tasse für die Handflächen. Nicht einmal das. 

Nichts.

Das Bild, was ab heute vierzehn Tage lang in St. Gertrud hängt hat Bruder Stephan aus Maria Laach vor Kurzem geschaffen. Triduum. Drei Mal heilig. Der Titel ist eher zufällig entstanden und verweist natürlich auf die drei Tage, die wir in dieser Woche feiern: Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern. Drei Tage voller existenzieller Dynamik. Gemeinschaft. Abschied. Einsamkeit. Sterben. Das Nichts. Hoffnung. Stephan hat das Bild in der Auseinandersetzung mit seinem Vater geschaffen. „Triduum. Dialog mit meinem verstorbenen Vater. Einer meiner Vorbilder. Er hat mein Format weit & groß gemacht.“ Ich entdecke Weite und Größe in dem Bild. Der Querbalken ist größer als der Längsbalken. Beide verwandeln die Kreuzform. Ausgebreitete Arme. Wie Flügel. Eines großen Vogels. Ein Drache, den der Wind ergreift. Ich sehe aber auch: Querbalken / Querformat und Längsbalken / Längsformat – wie ein Tisch, nein: Wie eine große Tafel. Ich sehe Gewusel an dieser Tafel, auf dieser Tafel. Vielleicht Lebensspuren von Menschen, die sich dort manifestieren? Eingeritzt wie auf einem Tisch in der Schule: Ich war hier. Oder: Paul liebt Gerrit. Oder: Mann, ist der Lehrer doof.


Die Szene von Bob Dylan, die uns in die mutterunselige Einsamkeit eines verlassenen Tisches im Café Nirgendwo führt wird wie mit einer Klammer mit einer anderen Szene zusammengehalten, die sich freilich nur erahnen lässt:


Alles, was ich habe und weiß / Ist dieser Traum von dir / Der mich weiterleben lässt


Ein Gegenüber. Im Leben. An der Seite. Am Tisch. Jemand, der das Nirgendwo zu einem Irgendwo macht. Jemand, der aus dem Traum aufsteigt. Aus der mahlenden Erinnerung bereits gelebten Lebens. Und die Szene am Ölberg, die Szene vollständiger Einsamkeit und der Verängstigung Jesu im Garten mitten unter abwesenden Freunden wird wie mit einer Klammer mit einer anderen Szene zusammengehalten. Ebenfalls einer Szene am Tisch. Gemeinsames Essen. Abendmahl. Teilen von Brot, Wein und anderen Habseligkeiten. Stilles Geschenk geteilter Zusammenkunft. Gemeinschaft.

Alles, was ich berühre scheint zu verschwinden / Wohin ich mich auch wende, du bist immer da / Ich lauf dieses Rennen weiter bis zu meinem irdischen Tod / Ich verteidige diesen Platz bis zu meinem letzten Atemzug.


Die Melancholie des Lebens besteht ja darin, dass du nicht für dich behalten kannst, was du liebst. Wenn du das versuchst, verschwindet es ja gerade. Du weißt das ja. Das ist das Bild im Café Nirgendwo. Du wirst das Café betreten. Müssen. Den Ölberg. Immer wieder. Aber vielleicht geht die Angst. Wegen des Traums, der Erinnerung an den einen, die vielen, die mit dir an dem Tisch sitzen. Wertvolle Erinnerung. Die dich weiterleben lässt.

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