Dienstag, 30. Mai 2017

Heilsgewissheit braucht Verräter

Foto: Norbert Bauer
Mein persönlicher Kirchentag – mit viel Spaß, aber ohne Kabarett.

Von Norbert Bauer

Kirchentag ist wenn erwachsene Menschen abends den Wise Guys, der A-Capella-Fassbrause aus Köln zujubeln, früh morgens aufstehen, um auf keinem Fall Eckhard von Hirschhausen, den „Justin Biber für Erwachsene“ (taz) mit seiner Bibelarbeit zu verpassen und dann enttäuscht sind, wenn sie anschließend um 11.00 Uhr vor der schon lange überfüllten Messehalle 21a stehen, in der das Kabarett „Djihad in Wittenberg“ aufgeführt wird. Die Enttäuschung ist dann noch größer, wenn sie sich anschließend auch beim Kabarett „Zwei Päpste für ein Halleluja“ nicht auf die Schenkel klopfen können, denn auch hier versperrt ein Pfadfinder mit einem „Halle überfüllt“ – Schild den Zugang. Ich habe keine der über 50 Kabarettveranstaltungen besucht, obwohl sie rund um die Uhr am Kirchentag angeboten wurden. Trotzdem hatte ich beim Kirchentag meinen Spaß und konnte oft genug lachen. Z.B. über meinen Witz: Wie nennt man eine Veranstaltung, bei der ein evangelischer Journalist fragt und ein katholischer Prälat antwortet?

Richtig: Dialog. Mit Dialogbibelarbeit wurde das Zusammentreffen von Stefan-Andreas Casdorff und Dr. Karl Jüsten angekündigt, aber die Rollen waren auch 500 Jahre nach Luther wie so oft verteilt: Der Protestant fragt – der Katholik hat die Antwort. Dabei habe ich doch mehrfach auf dem Kirchentag gehört, dass Luther die Bibel übersetzt habe, damit jeder Christ die Bibel lesen, verstehen und interpretieren darf. Gerne hätte ich von dem Chefredakteur des Berliner Tagesspiegels gehört, was er zu der Zachäussgeschichte zu sagen hat. Aber dazu kam es nicht.

Zurecht wurde beim Kirchentag oft auf die Luther-Bibel hingewiesen, gerade deswegen war ich aber auch dem Schriftsteller Arnold Stadlers für seine witzige Bemerkung dankbar, dass man bei aller Euphorie nicht vergessen soll: Luther hat die Bibel übersetzt, aber nicht geschrieben. Stadler trat zusammen mit Christian Lehnert auf, am Bord des "Kirchenschiffes". 
Zu Gesprächen unter Deck hatte die katholische Akademie eingeladen, quasi einem katholischen Kirchentag von unten. Nach Christian Lehnert, dem Schriftsteller und evangelischen Theologen hatte ich vergeblich im 600 Seiten dicken Programm gesucht. Dabei hat der Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts an der Universität Leipzig vor kurzem mit Der Gott in einer Nuss ein erfolgreiches und tiefgründiges Buch veröffentlicht.  Christian Lehnert las aus diesem Buch vor, in dem sich  großartige Gedanken finden: „Wunderbar dass es in der Bibel eine Figur wie Judas gibt! Jede Heilsgewissheit braucht ihren Verräter... Vermutlich ist jede gute Predigt ein Verrat am Gott der Hörer, ein Judaskuss.“ (127) Kein Wunder, dass ein Mann mit solchen Überzeugungen nicht auf dem Kirchentag spricht, der ja der Selbstvergewisserung dienen soll.
Über Judas sprach auf dem Kirchentag auch Amos Oz. Aber ganz anders und mit viel Humor. Für ihn ist Judas die Figur in der Passionsgeschichte, die besonders stark geglaubt hat. Er hat mehr an Jesus geglaubt als dieser selbst an sich. Deshalb initiierte Judas die „Prime-Time-Kreuzigung“(Amos Oz).  Nach den vielen Wundern in Galiläa sollte Jesus in Jerusalem das größte Wunder vollbringen: seine ganze Macht zeigen und vom Kreuz wieder herabsteigen. Damit wäre das Reich Gottes endgültig angebrochen. Die Geschichte ist anders verlaufen: Jesus starb am Kreuz. Die Todesstunde Jesu war zugleich die Geburtsstunde der Christologie.
Auf die Suche nach einer „nicht antijüdischen Christologie“ begab sich die anschließende Podiumsdiskussion zwischen christlichen und jüdischen Theologen. Auch das ist Kirchentag. Der US-amerikanische Rabbi Michael J. Cook, der an Hebrew Union College in Cincinnati (Ohio) einen Lehrstuhl für Neues Testament hat, diskutierte vor eintausend Zuhörern und Zuhörerinnen 120 Minuten lang mit Walter Homolka, Christoph Schwöbel und Eske Wollrad die Frage, welche Bedeutung Jesus der Jude für die Christologie hat. Nicht zuletzt die antijüdische Vergangenheit verlangt, so der evangelische Systematiker Schwöbel, die Überprüfung  mancher Christus-Aussagen. Dabei sollten im Sinne einer „dogmatischen Gastfreundschaft“ jüdischen Experten mit am Tisch sitzen.
Gastfreundschaft ist ja immer auch ein Thema der Ökumene. Zurecht wurden beim Kirchentag mit olympischen Eifer weitere und schnellere Schritte hin zur
 eucharistischen Gastfreundschaft verlangt. Eine ökumenische Euphorie kann aber auch in den Blick nehmen, dass die Reformation nicht nur Kirchenspaltung sondern auch Konfessionspluralität bedeutet, die eine erfolgreiche Lerngeschichte provoziert hat. „Dieses konstruktive Miteinander und nicht der beziehungslose Plural der Konfessionen ist das entscheidende Erbe der Reformation, das die ‚europäische Identität’ bis heute grundlegend prägt“, so den katholische Theologin Johanna Rahner, denn hier konnte gelernt werden, wie „mit unterschiedlichen Wahrheitsansprüchen produktiv“ umgegangen werden kann. 
Johanna Rahners Vortrag war nicht nur klug, sondern auch witzig, vor allem wenn sie von ihrer Tätigkeit im "Wissenschaftlichen Beirat des Kuratoriums zur Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017" berichtete, von der Larmoyanz der katholischen Seite, die immer wieder die Spaltung des Abendlandes beklagte und von dem Selbstbewusstsein der evangelischen Seite, die gerne alle Errungenschaften der Moderne Martin Luther zuschreibt. Sie sei froh, dass zur Zeit Luther schon das Rad erfunden gewesen sei, sonst hätte Luther auch das noch erfinden müssen. Die ganze Französische Friedrichstadtkirche lachte, obwohl kein Kabarett Schild an der Tür hing.
Gelacht habe ich auch auf der Rückfahrt. Im vollbesetzten ICE hatte ich endlich Zeit, das Liederheft „Freitöne“des Kirchentages zu studieren. Nein, ich habe nicht gelacht über die Textalternativen in gerechter Sprache. Darüber kann sich gerne die Männerzeitung FAZ aufregen, die es der katholischen Kirche gleich tut und nur Männer in die Leitungsebene beruft. Gelacht habe ich über zwei neue Lieder. Das eine heißt „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ und soll „erzählend wie eine Ballade“ gesungen werden, einen Vorschlag, der, wie ich finde, dem Text sehr angemessen ist: „Und wenn manch hartes Wort auch von dir mir nicht gefällt, finde ich das eher tröstlich: Du warst nicht nur ein Held. Mit Schwächen und mit Stärken, warst du ein Mensch wie ich. Und das was du einst wagtest, ermutigt heute mich.“ Wo über Luther gesungen wird darf ein Lied über Katharina nicht fehlen. Hier wird der Chor zum "Swing" angehalten: „Den großen Haushalt führtest du wohlorganisiert und hast mit hohen Herren bei Tische disputiert. Doch deine Worte waren für sie oft unbequem. So mancher hätt’ dich lieber nur Braten bringen sehn.
Katharina, Katharina...“
Ich befürchte, das soll kein Kabarett sein.









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