Samstag, 9. April 2016

Ich sag dir was

Auferstehung aus Sprechruinen. Mein Beitrag beim
Preacher-Slam beim Zeitfenster-Gottesdienst in Aachen.


Von Peter Otten

Als sich nach drei Tagen noch nichts rührte, klopfte ich vorsichtig an die Garderobentür. „Wir wären dann soweit“, sagte ich vorsichtig.
 
Stille.
 
„Hallo? Alles in Ordnung?“ Ich presste mein Ohr an das Türblatt. Ein leises Raunzen war zu hören. „Chmh…“ Ich klopfte nochmal. „Ich komm nicht“, sagte der Herr.Ich legte meine Stirn in Falten und hob irritiert die Brauen. „Wie jetzt, was heißt ich komm nicht – es ist aber Zeit…!“ Höchste Zeit, dachte ich und blickte auf meine Uhr. Mit leichter Unruhe. „Ich kann nicht. Nein: ich will nicht“, sagte der Herr. „Genauer: Ich hab keine Lust.“ Und wieder ein Raunzen. „Chmh…“.
 

Ich fühlte leichte Panik in meinem Kragen hochsteigen. „Aber … Herr … du kennst das doch: Gründonnerstag, Karfreitag, Grabesruhe und jetzt eben … Ostern. Ist doch immer so“, presste ich heraus. Ich merkte, wie sich unter meinen Achseln langsam feuchte Kreise bildeten.Auf der anderen Seite der Tür hörte ich Papierrascheln. „Ist das dein Ernst“, sagte der Herr, „das, was ihr da singen wollt? Zum Beispiel Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer?“ fragte der Herr. „Ist das dein voller Ernst?“ Ich schwieg irritiert. „Was meint ihr damit?“ fragte der Herr. „Welches Gras? Roter oder schwarzer Afghane oder was?“ Ich riss die Augen auf. „Wie, roter oder schwarzer Afghane? Weder noch! Das ist einfach ein Bild … für … deine Liebe halt … wie Wind und Weite … wie ein Zuhaus. Und so…“

„Und so!! Und so! Komm mal auf deine Sprache klar! Ich tus nämlich nicht! Hier zum Beispiel: „Wo Menschen sich vergessen…! Ich vergess mich gleich auch! Oder hier: „Ist unsre Hand erstarrt, ist unser Herz aus Stein, zeigt uns dein Kreuz: du bist da!“ Ernsthaft – das glaubst du wirklich?? Du weißt doch gar nicht, was ein Kreuz ist! Das ist doch ein Hohn für alle, die tatsächlich an einem Kreuz hängen wie an einem Fliegenfänger!“
Jetzt brach mir richtig der Schweiß aus. Und ich spürte, hier würde gleich furchtbar was daneben gehen.„Aber das sind doch … Bilder … die …“ Weiter kam ich nicht.„Die, die, die … ! Macht mal Schluss mit euren Sprechruinen! Das ist ja schrecklich!“ polterte der Herr. „Nicht zum Aushalten! Wenn wie neulich ein Diakon den Kindern in der Kindermesse sagt: „Ihr müsst Jesus mehr lieben als eure Eltern“! Reden wir über die Freiheit des Glaubens oder über Faschismus?"
 
Ich erstarrte.
 
"Überhaupt die ganze Erstkommunionvorbereitung: All die furchtbaren Motti: all die Netze, die gewebt, geknüpft und geflochten werden und dann irgendwo unter irgendeiner Decke verstauben. All die armen gefangenen und wie stranguliert wirkenden Kinder, deren Fotos in diese Ungetüme geschmissen werden – wer kommt auf so was? All die Brücken, die gebaut werden inklusive all der Kinder, die als Steine zum Brückenbau herhalten müssen! All die Leuchttürme, die errichtet werden! Zum letzten Mal: Ich bin kein Leuchtturm! All die Schiffe, die in See stechen; all die Schatzkisten, die gefüllt werden mit Plunder aller Art. All die Schiffe, die sich Gemeinde nennen! Ich könnte mich auskübeln! Jesus, unser Freund! Jesus war mit seinen Freunden unterwegs. Heiteitei!"
 
Er krächzte jetzt fast."Ihr habt doch keine Ahnung! Wie mir dieser Petrus manchmal auf den Sack gegangen ist mit seiner schleimigen Tour! Und dann Auferstehung, Auferstehung, Auferstehung! Steht ihr mal lieber selbst auf – aus euren Sprechruinen! Wisst ihr überhaupt, was Auferstehung ist? Euch kanns doch nicht schnell genug gehen! Für euch ist Karfreitag doch nur ein lästiges Zwischenspiel, ein Rülpser vor dem Ostereierpicken. Was ist mit denen, die keine Hoffnung mehr haben? Was ist mit denen, die jeden Morgen aufstehen und feststellen: ich lebe umsonst? Was ist mit denen, die nicht mehr glauben können – weder an sich noch an jemand anderen? Nicht nach einem Tag, nicht nach drei Tagen, nicht nach drei Jahren, nie? Wollt ihr denen ein Halleluja! entgegenwedeln? Findest du das nicht zynisch?“ 

Mir lief der Schweiß überall hin. Den Rücken hinab, in den Schritt, er strömte durch meine Socken.

„Ich sag dir was“, sagte der Herr, wie tonlos: „Ich bin der ich bin der ich bin … da. Wann, wo und vor allem wie – darüber habt ihr nicht zu entscheiden. Ihr entscheidet mir überhaupt zu viel über mich. Und jetzt lass mich in Ruhe.“

Es wurde ein ruhiges Osterfest. Das kann ich euch sagen.

Kommentare:

  1. Ich hab mich schon oft gefragt warum ich in der Hl. Messe davon singen soll 'ein Haus zu bauen' oder einen 'Baum zu pflanzen' und was irgendwelche aufspringenden, Knospen damit zu tun haben sollen.

    Was das "Entscheiden", also quasi die Entscheidungsbefugnis der Kirche betrifft, hat der Herr ihr ausdrücklich eindeutige Vollmachten gegeben.(siehe Bibel)


    Cool dass es auf diesem doch eher liveralen Blog auch mal ein wenig 68er-Bashing gibt.
    Gefällt mir als modern-konservativem Priester recht gut ��

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    1. Ich habe nicht nur von missglückten Metaphern gesprochen (im übrigen gibt es auch ziemlich gelungene, auch in der Kirchenmusik, wie ich mich beim Zeitfenster-Gottesdienst überzeugen konnte). Sätze wie "Du musst Jesus mehr lieben als deine Eltern!" fallen ja tatsächlich. Insofern war mein Text aus meiner Sicht kein 68er-Bashing. Der Glaube - und damit das Sprechen von ihm - muss zur Freiheit führen.

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  2. Was soll das in der Messe eigentlich mit Brot und Wein (überhaupt: Messe)? Wer hatte diese seltsame Idee mit dem Lamm Gottes? Und wie kommt ihr auf die Idee, von Gott als Vater zu sprechen? Was, wenn mein Vater mich regelmäßig noch vor dem Frühstück grün und blau geschlagen hätte? "Vater unser..."

    Es stimmt: es gibt eine Menge verkommener Symbole im Christentum. Ihrer "Plattheit" haben wir oft nicht mehr viel entgegen zu setzen. Unsere Sprache ist zum Klischee verkommen - davor warnen in letzter Zeit immer wieder liberale Aufbruchs-Theologen wie konservative Sprachwahrer. Beide sind zu fragen: wie kommen wir denn vom "Bashing" weg und wie kommen wir hin zu einer ernsten Sprache (Danke daher Peter Otten für den Blogbeitrag!)?

    Ich denke aber, dass wir nicht davon absehen können, mit Symbolen und Metaphern von Gott zu reden. Sonst hätte wohl Jesus auch nicht vom Salz, vom Licht, von der Tür, von den Schafen, von den Fischen (Achtung, heutiges Evangelium!), von Feuer, von Getreide, Wein, Senfkörnern, Fischfängen, ... gesprochen. Der Ich-Bin-Da gibt sich uns anwesend-abwesend in menschlicher Sprache gerade in symbolisch-metaphorischen Sprachformen.
    Statt auf sie zu verzichten, sollten wir sie pflegen. Das heißt einerseits: mit ihnen spielen. Und Kindern möglich machen, selbst Symbole zu verstehen und zu entwickeln. Das heißt andererseits: auch ihre Fremdheit und Unangemessenheit ins Wort bringen. Aber sag das mal: Gott ist kein Vater. ER wohnt nicht im Himmel. Es "gibt" ihn nicht einmal. (Aber er ist da.)

    Wer bessere Worte hat (als Brücken, Netze, Häuser), der soll mit diesem von Ihm singen. Aber verstummen (was wohl das einzig angemessene wäre) ist keine Lösung. Oder?

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    1. Sie stellen schwierige Fragen, die aber wichtig sind und denen in der Verkündigung aber nicht ausgewichen werden darf. Es geht eben nicht, achtlos von einem "Vatergott" zu sprechen - ohne die Kontexte zu beachten, in die heute dieser Begriff hinein gesprochen wird. Zum Beispiel in die Erfahrung von Missbrauch und Gewalt hinein. Offenbarung geschieht immer in eine konkrete Zeit hinein, und die Texte des Alten und Neuen Testamentes sind in ihre Zeit und in die Erfahrungen der Menschen dieser Zeit sowie in die damals geltenden gesellschaftlichen Strukturen hinein gesprochen. Wir müssen sie heute übertragen, sonst nehmen wir Menschen heute die Möglichkeit, an sie anzuknüpfen. Mir helfen oft alternative Bibelübersetzungen, beispielsweise die gute alte Lutherübersetzung oder aber die (leider sehr umstrittene) Bibel in gerechter Sprache.

      Sie haben recht, wir müssen heute poetisch, symbolisch und metaphorisch von Gott sprechen, ich würde präziser sagen: von Erfahrungen von Gottesanwesenheit, aber auch Gottesferne, zum Beispiel in eigenen tastenden, zweifelnden, überzeugenden, fragenden - jedenfalls authentischen - Formulierungen. Mit ihnen spielen, wie Sie richtig sagen. Übrigens auch ein Element im Zeitfenster-Gottesdienst, wie ich feststellen durfte.

      In meinem etwas provokanten Beitrag ging es mir um Folgendes: auch mit Sprache kann ich Macht ausüben, Sprache hat etwas Übergriffiges, Behauptendes. Dessen muss ich mir bewusst sein, und in der Folge auch dessen, dass ich damit Menschen ratlos zurücklasse oder verstöre. Beispiel: dass im Kreuz das Heil sein soll, das kann ein Mensch, der in einem unerklärlichen Leidensprozess verstrickt ist doch nur als Provokation verstehen. Und dann kann Auferstehung für ihn zur Beschwichtigung werden. Letztlich geht es um die Pluralität von Gotteserfahrungen; es geht darum, sie auszusprechen und auch stehen zu lassen. Die Erfahrung von Karfreitag ist eine völlig andere als die von Ostern. Und es gibt Menschen, für die ist immer Karfreitag. Dies gilt es zu würdigen, finde ich.

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  3. Ich bin nicht gegen Symbolsprache. Sowohl die Bibel als auch unsere Liturgie sind quasi von Natur aus voll davon.

    Ich bin gegen zusätzliche Reizüberflutung und abstrakte Verwirrung durch Mandalas, Tücher, manche NGL usw.

    Es gilt ersteinmal die bereits vorhandenen Zeichen zu begreifen und ihren Sinn zu erkennen.

    Natürlich bleiben letztendlich all unsere Zeichen stotternde Wegweiser Gottes.

    Ich denke, das Lieder ob Kindgerecht oder für Erwachsene, eine klare Botschaft vermitteln sollten. Wenn es um die Liebe Jesu geht, seine Erlösungstat, seine Auferstehung. Unsere Hoffnung darauf. Wenn es um seine Gegenwart in der Heiligen Eucharistie geht, um sein Wirken in den Sakramenten. Wenn Gottes Heilsplan vermittelt werden soll, dann frage ich mich ob das Besingen eines Steins der ins Wasser fällt, das vermitteln kann.

    Es gibt soviele gute, moderne, mitreißende Worship-Lieder mit gutem, spirituellen Text.
    Ähnlich ist es mit der "Gestaltung" der Liturgie. Sie ist voll von Zeichen. Ja, sie ist oft sogar sehr plastisch. Statt diese zu gemeindekatechetisch zu erklären und spirituell zu untermauern, werden zusätzliche oder ersetzende abstrakte Dinge hinzugefügt.

    Als Kind mochte ich eine Jesusstatue in unserer Kirche: Es war ein freundlich blickender Jesus, der eiben mit ausgebreiteten Armen anblickte. Auf seiner Brust ein rotes Herz, mit Dornenkrone und einer Flamme.

    Ich mochte diesen Jesus. Ich mochte ihn anschauen. Ich fand sein Herz besonders. Er zeigte es mir. Er mochte mich.

    Wenn ich Kindern verschiedene Jesusmotive zeige, angefangen von dem eben beschriebenen über abstrakte bis hin zu Betonfiguren, dann gefällt fast immer allen Kindern die klassische Darstellung ab besten.



    Ein Studienkollege trug bei seiner Primizmesse ein weißes Gewand mit einem 15cmx15cm großen Roten Quadrat.

    "Das ist ein Herzjesu-Gewand" sagte er.

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