Montag, 3. November 2014

Ausgelacht


Ich habe mich als Christ noch nie vom Christen Wladimir Putin distanziert. Der muslimische Mitbürger hingegen ist  notgedrungen den ganzen Tag damit beschäftigt, sich von irgendetwas zu distanzieren. Jetzt muss er auch noch einem katholischen Kabarettisten auch noch seine Humorfähigkeit beweisen.

Von Norbert Bauer

Ich kenne Erhat Toka nicht. Aber alles was ich über ihn gelesen habe, deutet darauf hin, dass er ein Musterbeispiel an Integration ist. Er ist berufstätig, er beherrscht die Sprache seiner Heimat, hat eine Partei gegründet und weiß, dass man bei Konflikten den Rechtsweg einschlagen kann. Eigenschaften über die der gewöhnliche deutsche Hooligan nicht verfügt. Trotzdem steht er in der Kritik. Denn er hat Anzeige erstattet gegen Dieter Nuhr, einem deutschen Kabarettisten, der sich in seinem Programm auch kritisch gegenüber dem Islam äußert. Toka wirft Nuhr vor, unter dem Deckmantel der Satire eine „blöde, dumme Hetze“ gegen eine Minderheit zu betreiben. Dieter Nuhr muss sich aber keine Sorgen um sein Programm machen. Die Staatsanwaltschaft bestätigt zwar den Eingang der Strafanzeige, geht aber davon aus, dass wie in vergleichbaren Fällen das Verfahren wahrscheinlich eingestellt wird. Also eigentlich kein großer Grund zur Aufregung. Spätestens als am Dienstag, einen Tag nach dem der Fall bekannt wurde, sich der Zentralrat der Muslime von der Strafanzeige distanzierte, hätte man also den Fall ad acta legen können. Aber das scheint nicht jedermanns Interesse zu sein. So erschien am Donnerstag in Christ & Welt ein Beitrag von Willibald Pauels. „Lasst das Lachen zu!“ Und Pauels spielt das so beliebte „Muslim- bewähre-dich!“ Spiel.

Der muslimische Bürger müsste eigentlich den ganzen Tag damit beschäftigt sein, sich zu distanzieren und oder zu bekennen. Schlägt ein muslimischer Mann seine Frau, müssen fünf muslimische Männer sagen, dass sie es nicht tun. Verüben muslimische Kämpfer brutale Attentate, muss sich im Frühstücksfernsehen ein muslimischer Verbandsvertreter davon distanzieren, spricht irgendwo auf der Welt ein Gelehrter eine Fatwa aus, wird von allen deutschen Islamwissenschaftler verlangt, dass sie sich zur Gewaltenteilung bekennen. Dieses Spiel zeigt, wie unrecht leider Wulff mit der kühnen Behauptung hatte, der Islam gehöre zu Deutschland. Wenn dem so wäre, müssten sie sich nicht ständig beweisen. Von mir wurde noch nie verlangt, mich von häuslicher Gewalt zu distanzieren, nur weil auch schon mal Frauen aus katholischen Haushalten Zuflucht in Frauenhäusern suchen müssen. Ich habe mich auch noch nie von dem Christen Putin distanzieren müssen, wenn er es mit den Freiheitsrechten nicht so genau nimmt. Ich habe auch noch nie unter Beweis stellen müssen, dass ich als Katholik Humor habe, nur weil das Erzbistum Köln regelmäßig gegen die Stunksitzung klagte. Das verlangt aber der Karnevalist, Kabarettist und Diakon jetzt von dem Muslimen: „Ihr wollt, dass ich glaube, dass euer Glaube an Allah den Barmherzigen eine Religion der Liebe und der Barmherzigkeit ist? Dann lasst das Lachen über eure Religion und ihre Vertreter zu!“
Ein Muslim klagt und alle anderen müssen sich beweisen. Und wehe ihnen sie können es nicht! Dann dürfen sie gleich Barmherzigkeit und Liebe aus ihren Wortschatz streichen. Also ich kenne Menschen, die sind humorfrei, mit denen verbringe ich nicht gerne meine Abende: aber ich wüsste, wenn ich in Not wäre, könnte ich zu jeder Tag und Nachtzeit bei ihnen klingeln.
Ich weiß nicht ob der Diakon schon mal mit Muslimen zusammengesessen hat und mitbekommen hat, dass da sehr viel gelacht wird. Und zwar über sich selbst. Wenn er bisher noch nicht die Gelegenheit dazu hatte, kann er ja mal Texte von Navid Kermani lesen, der mit feinster Ironie seine Liebe zum FC Köln mit seinem schiitischen Glauben zusammenbringen kann. Und bei Kermani, der sich vielleicht doch etwas besser mit dem Islam auskennt als die Herren Nuhr und Pauels, könnte er auch nachlesen, dass es in der orientalischen Literatur nur so „wimmelt von Narren, die alles, aber wirklich alles in den Schmutz ziehen, einschließlich Gott, den Mullahs, den Herrschern sowieso“ und dass die „bissigsten Witze über den Islam in Teheran, Beirut und Istanbul zu hören sind, gern von verschmitzten Mullahs erzählt“ Aber das bekommt man im Bergischen Land vielleicht ja nicht so mit. 


Kommentare:

  1. Wozu die Aufregung? Wer sich gern in der Öffentlichkeit äußert, wer gerne recht hat, warum um alles in der Welt muß das auch noch sachlich oder moralisch oder sonstwie gerechtfertigt sein? Wo kämen wir denn hin, wenn man sich seines Standpunktes noch durch Lesen vergewissern muß - da müßte man ja oft viel lesen, womöglich auch ganz gegensätzliche Dinge - bevor man ihn medial zum Besten gibt.
    Vielleicht wärs dann alles viel stiller und das Netz bestünde hauptsächlich aus Wikipedia. Wär das schön!

    AntwortenLöschen
  2. Die Meinung, es werde zu viel Distanzierung gefordert, teile ich nicht – ich kann sie aber respektieren. Nicht akzeptieren kann ich, wenn anzudeuten versucht wird, Erhat Toka sei ein Musterbeispiel an Integration.

    Der Kampfschulbetreiber Toka ist Mitbegründer der MDU (Muslimisch-Demokratische Union, inzwischen in der BIG-Partei aufgegangen), über die der niedersächsische Verfassungsschutz sagt: „Die MDU will offensichtlich die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie verteidigen.“
    Auf der (nicht mehr aktiven) Internetseite der MDU hat Toka eine von ihm ins Deutsche übersetzte Fatwa veröffentlicht, in der es heißt: „Denn das demokratische System ist gegen den Islam. Ihn [Anm. des Autors: gemeint ist wohl das demokratische System] zu akzeptieren und mit seinen Prinzipien zu arbeiten, ergibt die Gefahr vom Islam abzufallen.“ Weiter wird das demokratische System als „Schirk“ (etwa: Götzendienst) bezeichnet. Auf der Internetseite der türkischstämmigen Menschenrechtlerin Serap Çileli ist die Fatwa verlinkt.
    http://www.cileli.de/2012/07/muslimisch-demokratische-union/

    Die Nähe der MDU zum Internetportal Muslim-Markt (auf deren Seite auch ein Interview mit Erhat Toka veröffentlicht ist) spricht ebenfalls nicht für eine demokratische Gesinnung Tokas. Hier lassen sich teilweise heute noch neben inakzeptablen Äußerungen zur Rolle der Frau und zur Homosexualität auch klar antisemitische Aussagen finden, ehemals sogar die Leugnung des Holocausts. Das Portal wird vom Verfassungsschutz überwacht. Darüberhinaus stehen Partei-Kollegen Tokas im Verdacht, den Salafisten nahe zu stehen.

    Erhat Toka ist ein Wolf im Schafspelz und keinesfalls ein Musterbeispiel an Integration. Ihn als solches zu bezeichnen, und sei es nur andeutungsweise, tut wirklich integrierten Muslimen sowie Opfern von im Namen des Islams ausgeübter Gewalt Unrecht. Insofern möchte ich mich deutlich von dem Beitrag meines ansonsten geschätzten Mitchristen Norbert Bauer distanzieren.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Pardon, Tippfehler. Im Zitat des Verfassungsschutzes muss es natürlich heißen: "Die MDU will offensichtlich die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie bekämpfen." (Nicht: "verteidigen")

      Löschen
  3. Ich habe mich tatsächlich nicht ausführlich über Herrn Toka informiert, die äußeren Daten deuteten halt darauf hin, dass er mustergültig integriert ist. Danke für die Hinweise. Es bleibt aber natürlich ein Dilemma: nutzt er die demokratischen Verfahrensregeln, wirft man ihm vor, dass er mit "Mitteln der Demokratie die Demokratie bekämpft", nutzt er diese Wege nicht, sondern andere, wird ihm vorgeworfen, er würde sich nicht an die demokartischen Spielregeln halten. Dass nicht demokratisch gesinnte Bürger die demokratischen Wege nutzen ist das Risiko von Demokratie. Und das betrifft natürlich auch Bürger, die "ur-deutsch" sind. Bisher ist die Bundesrepublik ganz gut mit dem Risiko umgegangen. Aber die Intention meines Beitrages war nicht die demokratische Gesinnung von ihm zu prüfen, sondern diese Tatsache, dass wegen seines Antrages sich alle muslimischen Bürger beweisen sollten.

    AntwortenLöschen
  4. Nein. Es ist absolut kein Dilemma, die Meinung von Leuten, die die Demokratie oder Menschenrechte bekämpfen wollen, die womöglich dem Antisemitismus Auftrieb geben wollen, in einem demokratischen Staat nicht zu tolerieren. Und zwar unabhängig davon, ob sie es verdeckt mit Mitteln der Demokratie oder direkt auf brutale Weise tun.
    Es ist kein Dilemma, es ist ein Segen und eine Errungenschaft - zudem in diesem Land mit einer diesbezüglich so schändlichen Vergangenheit.
    Dagegen finde ich die Frage, ob ein Willibert Pauels zu mehr Humor in der Religion und speziell im Islam aufrufen soll oder ob es noch mehr Distanzierungsforderungen zu religiös motivierten Dummheiten und Schandtaten geben soll, weniger entscheidend. Aber im Zweifelsfall: ja, bitte lieber einmal zu oft über die Religion lachen und lieber einmal zu oft von im Namen der eigenen Religion begangenen Verbrechen distanzieren. Das gilt für alle, insbesondere für uns Christen - aber eben auch für Muslime.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich werde wohl nicht richtig verstanden. Ich habe mich nicht zu der Frage geäußert, ob man Antisemitismus bekämpfen soll. Das ist doch vollkommen klar.
      Mein Punkt ist.: Herr Toka findet, Herr Nuhr würde in seinem Programm „Hetze“ gegen den Islam betreiben. Er klagt dagegen und meldet eine Demonstration an. Das Ermittlungsverfahren wurde nach kurzer Zeit eingestellt. Zur Demo kamen wohl nur sehr wenige Menschen. Herr Nuhr konnte ungestört seine Veranstaltung durchführen. Ein ganz normaler Vorgang in einem Rechtsstaat. Aber in dem Fall heißt es, das die Demokratie mit Mitteln der Demokratie bekämpft würde. Hätte Herr Toka stattdessen Steine geworfen oder Herr Nuhrs Auto angesteckt, würde es heißen, er hält sich nicht an die Regeln der Demokratie. Da sehe ich das Dilemma. Und mir ist lieber, dass Bürger, die andere Vorstellungen von Menschenrechte habe, sich in den demokratischen Diskurs einbringen, als dass sie Steine werfen. Die demokratischen Rechte stehen auch den Bürgern zu, die andere Vorstellungen von Demokratie haben. Das ist manchmal schwer auszuhalten, aber das ist auch eine Stärke unserer Demokratie. Zur Vergangenheit unseres Landes zählt die Judenvernichtung. Deswegen sind wir bei dem Thema Antisemitismus zurecht so sensibel. Zu unseren Vergangenheit zählt auch aber auch, dass zwischen 1933 und 1945 die elementare Bürgerrechte wie Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit usw abgeschafft waren. Und auch darauf wurde mit dem Grundgesetz reagiert.


      Ja. man soll über Religion lachen, vor allem auch über die eigene. Und das tun Muslime genauso wie es Katholiken tun. Daher hätte Diakon Pauels in meinen Augen die Muslime gar nicht dazu auffordern müssen. Denn er unterstellt ihnen ja damit, dass sie keinen Humor kennen, was nicht eben nicht zutrifft.
      Distanzierungen sind manchmal sinnvoll. Nicht sinnvoll finde ich hingegen ständige Distanzierungsforderungen an andere.

      Löschen