Freitag, 20. Mai 2011

Wort-Bildmarke

Mit Abstand betrachtet scheint der Vatikan zur Zeit Vieles richtig zu machen. 350000 Dauerteilnehmer hätten sich bereits zum Weltjugendtag angemeldet, ist zu hören, darunter knapp 16000 Teilnehmer aus Deutschland. Mit einer Million Besuchern wird zum Abschlussgottesdienst gerechnet. Ende Mai versammeln sich in Düsseldorf allein 30000 Anhänger des Neokatechumenats, um sich auf das Ereignis in Madrid vorzubereiten. In einer medial gesehen etwas milderen, die Wucht des Vorgängers vermeidenden Art, ideologisch betrachtet aber konsequenter und deutlicher als Johannes Paul wird der deutsche Papst offensichtlich nicht ohne Erfolg als das Gesicht seiner Kirche in den Mittelpunkt gerückt. Benedikt XVI. ist die aktuelle Wort-Bildmarke der katholischen Kirche.

Montag, 16. Mai 2011

Phrasenschwein

Der Regensburger Bischof Müller hat dem ehemaligen bayerischen Kultusminister und Inhaber des Romano-Guardini-Lehrstuhls an der Universität Münschen die Lesung aus seiner Autobiographie in kirchlichen Räumen verboten. Maier - so ist zu hören - streite in seinem Buch für ein Schwangerenberatungssystem, dem in den letzten beiden Jahrzehnten laut Statistischem Bundesamt fast jedes fünfte Kind eines Jahrganges zum Opfer fiel. Gemeint ist Maiers Engagement für Donum Vitae. Dagegen stehe die Kirche "eindeutig" für die Option menschlichen Lebens – auch wenn es ungeboren, alt, krank oder ungewollt sei. Diese christliche Option für das Leben und ein System, das dem gewaltsamen Tod Ungeborener die Türen öffnet, seien nicht miteinander vereinbar.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Unwidersprochener Anschein

Heute wurde bekannt, dass das Erzbistum Köln dem Theologen David Berger die missio canonica entzogen hat. Man habe sich zu diesem Schritt gezwungen gesehen, weil Berger durch seine Veröffentlichungen und Äußerungen in den Medien selbst den " unwidersprochenen Anschein" gesetzt hat, in Lehre und Lebensführung mit den moralischen und gesetzlichen Normen der Kirche nicht übereinzustimmen. Damit habe er das für den Verkündigungsauftrag unverzichtbare Vertrauen des Bischofs zerstört und könne nicht mehr glaubwürdig im Auftrag der Kirche katholischen Religionsunterricht erteilen. Der Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis sei deshalb unausweichlich gewesen. Die Entscheidung des Erzbischofs beruhe auf dem kirchenrechtlich ordnungsgemäßen Verfahren, in dessen Verlauf der Betroffene Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten habe. Das wiederum bestreitet Berger gegenüber der Frankfurter Rundschau. Er habe keine Gelegenheit zur persönlichen Stellungnahme gegenüber "pauschalen Vorwürfen" gehabt.

Wie auch immer: "Anscheinend" - so muss man den Text verstehen - hat Berger also in Lehre und Lebensführung nicht mit den moralischen und gesetzlichen Normen der Kirche überein gestimmt. Und, so der Text weiter, dieser Anschein sei von Berger selbst ausgegangen - durch seine Veröffentlichungen und Äußerungen in den Medien. Jedenfalls ist dieser Anschein offenbar derart, dass keine andere Wahl blieb. Konkrete Fakten oder Gründe nennt der Text nicht. Warum eigentlich nicht?

Dienstag, 3. Mai 2011

Die Provokation der Feindesliebe

"Aber ich sage euch, die ihr zuhört: Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen (Lk 6,27f.). In diesen Tagen ist dieser Gedanke weniger ein Gegenstand wohlfeiler Predigten. Dort vermag er, ausgesprochen in einem heimeligen Kirchraum, nicht immer aufzuwühlen oder zu verstören. Lieben, nun gut, das mag bedeuten, dass man über manchen Fehler großzügig hinwegsieht, der einem sonst auf die Nerven geht. Mal fünfe gerade sein lassen. Und außerdem: Wer kann schon von sich behaupten, dass er über ein größeres Arsenal an Feinden verfügt, die ihm womöglich gut alttestamentarisch mit dem Psalmisten gesprochen nach dem Leben trachten?

Gestern war das anders, bei Licht besehen. Gestern drang dieser Gedanke der Feindesliebe mit voller Wucht in die Bilder ein, die da aus Pakistan über das Internet in unsere Köpfe drangen.


Dem Vernehmen nach hielt sich die amerikanische Außenministerin Hilary Clinton die Augen zu, als der tödliche Schuss auf Osama bin Laden abgefeuert wurde. Vielleicht war dieser Reflex ein Ausdruck einer Ahnung, auf welch schmalem ethischen Grat sich die amerikanische Regierung bewegte. Ohnehin mag sich der normale Bürger die Situation kaum vorstellen, wie Livebilder dieser Operation ins Weiße Haus übertragen wurden. Mit viel Befremden reagierten Menschen hierzulande auf die Bilder jubelder Amerikaner, die den Tod bin Ladens, ohne Zweifel ein Terrorist, der große Schuld auf sich geladen hatte, auf den Straßen Washingtons bejubelten. Die Facebookseite "Bin laden ist tot" soll innerhalb kürzester Zeit etwa eine Viertelmillion Unterstützer gefunden haben, heißt es. Und hinter der Geste des Entsetzens der amerikanischen Außenministerin mag für einen Sekundenbruchteil die Erkenntnis aufgeblitzt sein, dass da kein Monster, sondern immer noch ein Mensch getötet worden war. Ist das ein unzulässiger naiver Gedanke?
Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses des Repräsentantenhauses, der Republikaner Mike Rogers, sagte, Ziel müsse es sein, einerseits „die Würde Osama bin Ladens - wenn er eine hatte - zu wahren“, weil die USA sonst „Probleme an anderen Orten der Welt entzünden“ könnten; andererseits müsse genügend Beweismaterial veröffentlicht werden, „damit die Leute Vertrauen haben, dass es Osama bin Laden war“, der getötet wurde. Damit spielt er auf die Überlegungen der amerikanischen Regierung an, Bilder des toten Terroristen zu veröffentlichen. Allerdings irrt Rogers in einem Punkt: Auch ein Terrorist hat eine Würde, wie jeder Mensch auf der Welt eine Würde hat - unabhängig davon, wie grausam er ist, unabhängig davon, wieviel Schuld und Verbrechen er auch immer auf sich geladen hat. Das muss eine Kulturnation wissen, erst recht eine, die sich auf die Werte des Christentums bezieht. Es mag eine Provokation sein, einem Tyrannen, einem Terroristen Würde zuzuerkennen. Christen haben aber keine andere Wahl. Denn das ist die Mitgift des Karfreitags, wo Christen jedes Jahr an die Provokation erinnert werden, dass Jesus nämlich seinen Henkern ihre Würde nicht abgesprochen hat. Anders wäre der Ausbruch aus dem Teufelskreis der Gewalt, also das, was Christen als den Kern ihres Glaubens bekennen, nicht möglich gewesen.

Christen dürfen durchaus erleichtert und auch dankbar sein, wenn durch den Tod eines Terroristen - als "ultima ratio" wohlgemerkt - eine kleine Chance für mehr Frieden in der Welt bestehen sollte. Dennoch bleibt die Trauer angesichts eines Menschen, der sein Leben der Gewalt verschrieben, die Religion als Geisel genommen und so sein Leben verwirkt hat. Dies ist niemals ein Grund zur Freude - erst Recht nicht zur Schadenfreude.