Donnerstag, 21. April 2011

Ein Hase setzt auf Punktsieg

Mittwoch, 20. April 2011

Bei euch soll es nicht so sein

Normalerweise werden sie rausgeschmissen, kalt entlassen, gerne wegen sogenannter Erfolglosigkeit: Trainer in der Fußball-Bundesliga. Dass man beim 1. FC Köln nicht selten Sonderwege in jeder Hinsicht geht, gerne auch in Fragen der Selbstzerfleischung und dabei neue Rekorde in bislang unbekannten absonderlichen Disziplinen aufstellt, ist in Köln und drumherum einerseits auch keine Neuigkeit. Andererseits ist der neue Rekord, den der FC seit gestern und vermutlich für lange Zeit inne hat, schon einzigartig: Es handelt sich nämlich um den "Rekord in der Skurrilität der Gründe von Trainertrennungen." Da ist der FC seit gestern mindestens Deutscher Meister. Denn zu Erfolgslosigkeit, Zerwürfnis, Ohnmacht, Beratungsresitenz oder auch Kokainkonsum gesellt sich ein neuer bislang unbekannter Grund: "Wegen dem Glauben".

Gestern hatte FC-Trainer Frank Schaefer "aus persönlichen Gründen", wie er sagte, seinen Rücktritt zum Saisonende nach nur sieben Monaten als Cheftrainer angekündigt. Er habe den Eindruck, dass er für den Verein zu einer Belastung geworden sei. Die Verantwortlichen hätten den 47-jährigen zwar angeblich gern für zwei Jahre gebunden. "Wir haben alles versucht, ihn davon zu überzeugen, dass er das Beste ist, was dem Klub passieren kann", sagte Präsident Wolfgang Overath. In dieser Klarheit vernahm man das aber erst nach Schaefers Rückzug und nicht in der Zeit davor.
Er sagte aber auch: „Ich kann es mir kaum vorstellen, dass es einen Trainer gibt, der in seinem geliebten Verein aus der U 23 kommt, Profitrainer wird und so viele Erfolge hat wie er und einer der großen Trainer werden kann und viel Geld verdienen, viel, viel Geld verdienen kann. Und dass dieser Mensch sagt, es gibt private und persönliche Dinge, die für mich wichtiger sind. Das ist eine Aussage, die ich nie für möglich gehalten hätte." "Gravierende Einstellungsunterschiede" zwischen Trainer und Präsident - kommentiert der Kölner Stadt-Anzeiger. 

Aber: Wer ist da naiv zu nennen? Ist der naiv, der unter anderem auf viel Geld, Ruhm und Ehre verzichtet? Oder ist nicht der naiv, der das alles "nie für möglich gehalten hat"?

Schaefers Rückzug vom einst als Traum bezeichneten Posten sei "eine seltsame Anekdote aus einer opportunen Branche, weil offensichtlich Sensibilität und Spiritualität eine Rolle spielen." Während im Fanshop das FC-Köln-Monopoly als Ostergeschenk annonciert werde, habe Schaefer einen lukrativen Vertrag womöglich auch deswegen abgelehnt, weil er die Werte des Fußballbusiness verurteile. Des Trainers Mitgliedschaft in einem Bibelkreis sei zuletzt medial derart überhöht worden, dass man den Eindruck habe gewinnen können, Glaube sei nach Homosexualität und Depression das neueste Tabuthema im Fußball.
Auch Kölns neuer Sportdirektor Finke hatte zuletzt öffentlich spekuliert, inwieweit das christliche Bekenntnis hinderlich sei für die Verlängerung seines Vertrages und damit den Eindruck geschürt, Schaefer sei ein religiöser Sonderling und für das Fußballgeschäft wenig tauglich.

Dass jedoch jemand über die achselzuckend akzeptierte und in weiten Teilen der Gesellschaft bewunderte Ökonomisierung von Lebensbereichen, hier: die kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten des "Höher, schneller, weiter" öffentlich nachdenkt, sich sie in Frage zu stellen traut und gemeinsam mit anderen Christen zum Ergebnis kommt: Bei euch soll es nicht so sein! - und das alles im Fußball! und das alles beim FC! verdient zu Beginn der Karwoche allerhöchsten Respekt. Vielleicht geht Sportdirektor und Präsident zum Osterfest ein Licht auf: Dass eine Entscheidung wie die ihres Trainers nicht nur sehr wohl möglich, sondern leider auch viel zu selten ist.

Dienstag, 19. April 2011

Hasenfuß

Durchs Internet schwappt eine neue Empörungswelle. Pünktlich zur Karwoche sorgt eine Werbemaßnahme der Thalia-Buchhandelskette für Erregung unter Christinnen und Christen. Dort wirbt man für Geschenke zum Hasenfest - gemeint ist damit wohl das bevorstehende Osterfest. Der Stadtdechat von Bonn, Wilfried Schumacher, zieht daraus für sich die Konsequenzen und wird in dem Geschäft nicht mehr einkaufen - und hat auch nichts dagegen, wenn sich andere Christen ihm anschließen. Im selben Atemzug kritisiert Schumacher den Vorschlag des Vorsitzenden der NRW-Grünen, Sven Lehmann, die Feiertagsruhe am Karfreitag abzuschaffen. Lehmann hatte gesagt, es könne nicht sein, dass die Minderheit der Leute, die christlichen Glauben aktiv praktiziere, der Mehrheit vorschreibe, wie sie den Tag zu verbringen habe, und ihr durch das Verbot bestimmter Veranstaltungen den Abend vermiese. Interessant an der Bemerkung Lehmanns ist eigentlich eher, dass sich so die Überlegung, ob die Grünen eine Volkspartei sind, zu erledigen scheint. Denn eine Volkspartei muss darauf achten, was eine Gesellschaft zusammenhält. In Äußerungen wie diesen scheint sich zu zeigen, dass die Grünen zumindest in Teilen auch nur die Interessen gewisser Klientele bedienen wollen und ihnen das Gesamtwohl einer Gesellschaft leider herzlich egal ist.
Ins Bild passt jedenfalls eher, dass in öffentlichen Diskussionen wie beispielsweise im gestrigen WDR 5-Tagesgespräch zum Thema Karfreitagsruhe auch auf Nachfrage von Moderator Jürgen Wiebicke Studiogast Arnd Brummer nicht überzeugend darlegen konnte, was das Wertvolle an Feiertagen wie des Karfreitags sei. Also inhaltliche Argumente statt dauerndes Wiederholen á la "Das ist unser Recht und wenn eine Mehrheit mal sagen sollte es ist nicht mehr unser Recht dann ist das halt so." Auch da war viel von den ominösen jüdisch-christlichen Wurzeln (wer erklärt eigentlich endlich mal, was das bitte sein soll?) zu hören. Und während der ganzen Sendung rief auch niemand an, der das Anliegen der Feiertagskultur positiv würdigte. Es war schließlich ein im Lebensmittelhandel tätiger Türke, der dem Chrismon-Chefredakteur zur Seite sprang und wahrscheinlich unbewusst den eigentlichen Sinn von Feiertagen deutlich machte: Sie können Menschen miteinander verbinden. Familien, die sich solche Oasen auch fernab des Mitvollzugs bewahren, um in einem durchökonomisierten Alltag Zeit miteinader verbringen zu können. Christen, die sich gemeinsam dem Grund ihrer Hoffnung versichern - übrigens stellvertretend für andere Menschen, die dies nicht können oder warum auch immer nicht tun. Menschen verschiedener Religionen, die beginnen, sich füreinander zu interessieren und Respekt lernen. "Wenn eine Gesellschaft den Konsens darüber verliert, wann es angemessen ist, zu feiern oder auch mal innezuhalten, bricht sie immer mehr auseinander", sagt Stadtdechant Schumacher völlig zu Recht. Das Verbindende fehle.
Und zu dem Verbindenen hat die Kirche immer noch viel zu sagen. Schließlich gehts im Kern des christlichen Glaubens immer wieder darum: Wie geht Verbindung? Zwischen Leib und Seele. Zwischen verschiedenen Teilen und Interessen einer Gesellschaft. Zwischen Diesseits und Jenseits. Zwischen Arm und Reich. Zwischen Egoismus und Gemeinschaftsinteressen. Mit seiner Kompetenz da nicht hinter dem Berg halten, das wäre echte Feiertagskultur. "Letztlich geht es um die christlichen Wurzeln und die christliche Tradition unseres Landes", sagt Schumacher weiter. Es wäre allerdings dringend an der Zeit, mal was konkreter zu werden und sich nicht dauernd hinter Floskeln zu verstecken. Die Tonalität solcher Sätze ist nämlich die eines Kindes, welches sein teures Spielzeug mitgebracht hat und beleidigt ist, weil niemand außer es selbst damit spielen will. Ist immer die Ignoranz anderer der Grund? Eine ehrliche Diskussion dieser Frage wäre viel interessanter als ein Dauerbeleidigtsein.  Ist die Frage nach der Feiertagskultur eigentlich ernsthaft schon dadurch beantwortet, ob ein Fest nun Osterfest (der Begriff leitet sich übrigens von einer heidnischen Göttin ab - und das alles ohne Empörungswellen) oder Hasenfest heißt? Irgendwie klingt das ähnlich wie der Kampf um falsche Weihnachtsmännber und richtige Nikolause langsam ein bisschen neurotisch.
"(Die Wurzeln) geraten immer mehr in Vergessenheit und wir Christen schauen tatenlos zu", endet der Stadtdechant. Also sorgen  Christen dafür, dass der christliche Grundauftrag des Verbindens nicht in Vergessenheit gerät. Dazu gehört im Übrigen auch, dass ein Christ am 1. Mai - einem staatlichen Feiertag - die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern öffentlich mitvertritt. Oder eben auch, dass man weiter bei Thalia in Bonn einkauft. Schließlich ist dieser Laden auch ein Grund dafür, dass das wunderbare Metropolkino nicht der Abrissbirne zum Opfer gefallen ist und das Stadtbild aller Bonnerinnen und Bonner weiter verschönt.
"Die kürzeste Definition von Religion lautet Unterbrechung", sagt der Jesuit Hans Waldenfels. Für diese kulturelle Leistung, zu der auch ein Karfreitag, zu der aber auch die gesamte Feiertagskultur beitragen kann, kann man aus guten Gründen werben. Dazu wäre es Zeit, eine Kultur des Feiertags zu entwickeln und diese in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Jegliche beleidigte Frontstellung ist dagegen kontraproduktiv und irgendwie auch unangenehm peinlich. Und im Übrigen dem Sinn von Ostern, dem Fest, das Himmel und Erde versöhnt nicht angemessen.

Dienstag, 5. April 2011

Ortsbezogen, diakonisch und biblisch fundiert

Eine interessante, keineswegs neue aber weitgehend noch unentdeckte Zielrichtung im Hinblick auf Entwicklung christlicher Gemeinden steckt hinter der pastoralen Bewegung der „Kleinen christlichen Gemeinschaften“. Sie kommt aus den Kirchen der südlichen Erdhalbkugel, aus Afrika und Lateinamerika beispielsweise. In Asien sind sie, was den wenigsten bekannt sein dürfte, gar offizielles Grundmodell der Gemeindepastoral in den katholischen Bistümern. In ihnen geschieht subsidiär das Grundlegende, was Kirche stets ausmacht und dessen sie sich im Zweiten Vatikanischen Konzil wieder vergewissert hat: Liturgia, Martyria, Diakonia und Koinonia. Sie sind Kirche im Kleinen, eine neue Sub-Struktur – allerdings in der bestehenden Pfarrei. Sie wollen – etwa im Gegensatz zu Hauskirchen, die sich vor allem auch im freikirchlichen Bereich finden lassen, im Gegensatz auch zu geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften oder auch Personalgemeinden – keine kirchlichen „Wahlgemeinschaften“ sein. Denn kleine christliche Gemeinschaften wollen keine Sonderwelt sein. Dort finden - milieu- oder interessegeleitet - nicht nur die zusammen, die zueinander „passen“. „Die Gruppen sind regional, offen und partizipativ, lokale Kleinstgemeinden sozusagen. Ihr Charakter hat mit Kuscheligkeit nichts zu tun“, sagt Dieter Tewes, Referent für missionarische Dienste im Seelsorgeamt Osnabrück und Mitglied im „Nationalteam Deutschland“, einer bundesweiten Vernetzung der kleinen christlichen Gemeinschaften. Organisiert sind sie immer in einem sozialen Nahraum, in Nachbarschaften oder in einem Viertel und versuchen, Glaube und Alltagsleben zu verbinden. Im Sinn einer „Sei-hier-Kirche“ stellen sie ihre kirchlicher Kleinststruktur in den Dienst des Sozialraums. Das geschieht zum einen dadurch, dass sie die Bibel zur Grundlage ihres Gemeinschaftslebens machen. Acht bis zwölf Leute etwa bilden eine Gruppe. „Das gemeinsame Bibelteilen wird durchaus als Liturgie verstanden, in der Jesus Christus selbst gegenwärtig ist“, erläutert Tewes. Wohltuend und konstruktiv ist die Orientierung an der Bibel, und die Sakramentalität der Bibel ernst zu nehmen, liegt wohl auch daran, dass die Beschäftigung mit ihr und das Hören auf das Wort Gottes amtskirchlicher Beschränkung entzogen ist. Die Bibel kann eben jeder lesen und deuten. Neben der „Sammlung“, also dem gemeinsamen Hören des Wortes Gottes geht es auch immer um „Sendung“. Die Mitglieder der kleinen christlichen Gemeinschaften nehmen gemeinsame Aufgaben in Angriff, zu denen Nachbarschaftshilfe, Mitarbeit am pfarrlichen Leben und sozial-caritative Aufgaben in einem Hospiz oder im Krankenhaus gehören können. Es geht also nicht vorrangig um geistliche Nahrung für den Einzelnen oder um eine Gemeinschaftserfahrung, die intensiver ist als die in einer normalen Gemeinde. „Das miteinander in der Heiligen Schrift gelesene existenziell aufgenommene und ins diakonische Handeln im Alltag umgesetzte Wort Gottes – das bildet die sammelnde und sendende Mitte der kleinen christlichen Gemeinschaften“, so der Frankfurter Jesuit und Theologe Medard Kehl. Ein Votum für Seelsorge, die in der Fläche bleibt, ein Plädoyer für die „Kirche im Dorf“. Angesichts des Priestermangels und des heraufziehenden Endes bekannter volkskirchlicher Strukturen gehe es aber darum, diese Situation als Herausforderung des Heiligen Geistes zu deuten. „Wir haben ein altes Betriebssystem: Das der versorgten Gemeinde. Und die kleinen christlichen Gemeinschaften sind ein neues Betriebssystem.“ Denn das Bewusstsein, der Kirche bloß anzugehören, müsse sich in Richtung eines neuen Bewusstseins verändern, selber Kirche zu sein. Ein Gedanke, der gerade in der deutschen Kirche noch unzureichend reflektiert werde. Das sei aber mit einem Mentalitätswandel verbunden, einer Bekehrung: „Hauptamtliche in der Kirche müssen sich dahin gehend bekehren, dass der Heilige Geist auch da wirkt, wo sie selbst nicht sind“, so Tewes. Es gehe um Bewusstseinswandel, weniger um strukturelle Fragen. Neben der geographischen Orientierung an einem sozialen Nahbereich, einer gemeinsamen biblischen Spiritualität, der Frage nach der Sendung ist für die kleinen christlichen Gemeinschaften auch die Vernetzung mit der Gesamtkirche in der Pfarrei vor Ort wichtig. Mitglieder kleiner christlicher Gemeinden feiern sonntags gemeinsam in der Ortspfarrei die Eucharistie. Ihre Leiter vernetzen sich, Pfarrer und andere hauptamtliche Mitarbeiter sorgen für ihre geistliche Begleitung und Fortbildung. Tewes schätzt, dass es etwa 300 kleine christliche Gemeinschaften in Deutschland gibt, davon etwa 50 im Bistum Hildesheim und etwa 20 im Bistum Osnabrück.
 

Es gibt strukturelle Weiterentwicklungen dieses Ansatzes. Beispielsweise die „Small Christian Communities“ in den USA. Oder das pastorale Modell im französischen Erzbistum Poitiers. Bis zu zehn Basisgemeinden, so genannte communautés locales, die jeweils von einer fünfköpfigen ehrenamtlichen Basisequipe mit einer bischöflichen Beauftragung offiziell geleitet werden, bilden dort zusammen einen pastoralen Sektor. Der Priester, der einen solchen Sektor leitet, macht „ecclésialer“, er trägt dafür Sorge, dass die Basisgemeinden „zur Kirche werden“. Das Grundkapital dabei ist Vertrauen und Zutrauen. Martin Lätzel zitiert die Theologin Hadwig Müller: "Die grundlegende Wahl, vor der die Kirche steht, ist die zwischen Vertrauen und Angst." Der Poitierser Erzbischof Albert Rouet setze darauf, wenn er sage: "Die Kirche muss die Kirche des vertrauens sein. So verhält sich Gott auch mit der Menschheit." Er ist davon überzeugt, dass die Basisgemeinden in seinem Bistum nicht nur zahlreicher, sondern auch missionarischer und selbstbewusster werden. Auch hier bleiben ein Bekenntnis zur Fläche, ein konkreter Ortsbezug sowie ein diakonischer Weltauftrag grundlegende pastorale Prinzipien, die in den Basisgemeinden und deren Leitungsämtern strukturell deutlich werden. „Das Territorialprinzip zwingt die Kirche geradezu hinein in die Gesellschaft“, sagt der Pastoraltheologe Rainer Bucher, „zwingt die Kirche, alle Menschen wahrzunehmen. Es kann die Kirche davor bewahren, ihre Existenz als Zeichen und Werkzeug des universellen Heilswillen Gottes aufzugeben zugunsten institutioneller Strategien gepflegter Selbsterhaltung.“ „Wir brauchen eine Strukturierung unserer Pastoral ähnlich, wie sie zum Beispiel in Poitiers erfolgt“, meint auch der Kieler Theologe Martin Lätzel. Dabei gebe es nicht den einzig gültigen Weg, sondern einen Weg „sui generis“. Klar sei jedoch, dass er seine Wurzel in den kleinen christlichen Gemeinschaften habe, die in westliches eher strukturelles Denken überführt werden müssten.