Dienstag, 5. April 2011

Ortsbezogen, diakonisch und biblisch fundiert

Eine interessante, keineswegs neue aber weitgehend noch unentdeckte Zielrichtung im Hinblick auf Entwicklung christlicher Gemeinden steckt hinter der pastoralen Bewegung der „Kleinen christlichen Gemeinschaften“. Sie kommt aus den Kirchen der südlichen Erdhalbkugel, aus Afrika und Lateinamerika beispielsweise. In Asien sind sie, was den wenigsten bekannt sein dürfte, gar offizielles Grundmodell der Gemeindepastoral in den katholischen Bistümern. In ihnen geschieht subsidiär das Grundlegende, was Kirche stets ausmacht und dessen sie sich im Zweiten Vatikanischen Konzil wieder vergewissert hat: Liturgia, Martyria, Diakonia und Koinonia. Sie sind Kirche im Kleinen, eine neue Sub-Struktur – allerdings in der bestehenden Pfarrei. Sie wollen – etwa im Gegensatz zu Hauskirchen, die sich vor allem auch im freikirchlichen Bereich finden lassen, im Gegensatz auch zu geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften oder auch Personalgemeinden – keine kirchlichen „Wahlgemeinschaften“ sein. Denn kleine christliche Gemeinschaften wollen keine Sonderwelt sein. Dort finden - milieu- oder interessegeleitet - nicht nur die zusammen, die zueinander „passen“. „Die Gruppen sind regional, offen und partizipativ, lokale Kleinstgemeinden sozusagen. Ihr Charakter hat mit Kuscheligkeit nichts zu tun“, sagt Dieter Tewes, Referent für missionarische Dienste im Seelsorgeamt Osnabrück und Mitglied im „Nationalteam Deutschland“, einer bundesweiten Vernetzung der kleinen christlichen Gemeinschaften. Organisiert sind sie immer in einem sozialen Nahraum, in Nachbarschaften oder in einem Viertel und versuchen, Glaube und Alltagsleben zu verbinden. Im Sinn einer „Sei-hier-Kirche“ stellen sie ihre kirchlicher Kleinststruktur in den Dienst des Sozialraums. Das geschieht zum einen dadurch, dass sie die Bibel zur Grundlage ihres Gemeinschaftslebens machen. Acht bis zwölf Leute etwa bilden eine Gruppe. „Das gemeinsame Bibelteilen wird durchaus als Liturgie verstanden, in der Jesus Christus selbst gegenwärtig ist“, erläutert Tewes. Wohltuend und konstruktiv ist die Orientierung an der Bibel, und die Sakramentalität der Bibel ernst zu nehmen, liegt wohl auch daran, dass die Beschäftigung mit ihr und das Hören auf das Wort Gottes amtskirchlicher Beschränkung entzogen ist. Die Bibel kann eben jeder lesen und deuten. Neben der „Sammlung“, also dem gemeinsamen Hören des Wortes Gottes geht es auch immer um „Sendung“. Die Mitglieder der kleinen christlichen Gemeinschaften nehmen gemeinsame Aufgaben in Angriff, zu denen Nachbarschaftshilfe, Mitarbeit am pfarrlichen Leben und sozial-caritative Aufgaben in einem Hospiz oder im Krankenhaus gehören können. Es geht also nicht vorrangig um geistliche Nahrung für den Einzelnen oder um eine Gemeinschaftserfahrung, die intensiver ist als die in einer normalen Gemeinde. „Das miteinander in der Heiligen Schrift gelesene existenziell aufgenommene und ins diakonische Handeln im Alltag umgesetzte Wort Gottes – das bildet die sammelnde und sendende Mitte der kleinen christlichen Gemeinschaften“, so der Frankfurter Jesuit und Theologe Medard Kehl. Ein Votum für Seelsorge, die in der Fläche bleibt, ein Plädoyer für die „Kirche im Dorf“. Angesichts des Priestermangels und des heraufziehenden Endes bekannter volkskirchlicher Strukturen gehe es aber darum, diese Situation als Herausforderung des Heiligen Geistes zu deuten. „Wir haben ein altes Betriebssystem: Das der versorgten Gemeinde. Und die kleinen christlichen Gemeinschaften sind ein neues Betriebssystem.“ Denn das Bewusstsein, der Kirche bloß anzugehören, müsse sich in Richtung eines neuen Bewusstseins verändern, selber Kirche zu sein. Ein Gedanke, der gerade in der deutschen Kirche noch unzureichend reflektiert werde. Das sei aber mit einem Mentalitätswandel verbunden, einer Bekehrung: „Hauptamtliche in der Kirche müssen sich dahin gehend bekehren, dass der Heilige Geist auch da wirkt, wo sie selbst nicht sind“, so Tewes. Es gehe um Bewusstseinswandel, weniger um strukturelle Fragen. Neben der geographischen Orientierung an einem sozialen Nahbereich, einer gemeinsamen biblischen Spiritualität, der Frage nach der Sendung ist für die kleinen christlichen Gemeinschaften auch die Vernetzung mit der Gesamtkirche in der Pfarrei vor Ort wichtig. Mitglieder kleiner christlicher Gemeinden feiern sonntags gemeinsam in der Ortspfarrei die Eucharistie. Ihre Leiter vernetzen sich, Pfarrer und andere hauptamtliche Mitarbeiter sorgen für ihre geistliche Begleitung und Fortbildung. Tewes schätzt, dass es etwa 300 kleine christliche Gemeinschaften in Deutschland gibt, davon etwa 50 im Bistum Hildesheim und etwa 20 im Bistum Osnabrück.
 

Es gibt strukturelle Weiterentwicklungen dieses Ansatzes. Beispielsweise die „Small Christian Communities“ in den USA. Oder das pastorale Modell im französischen Erzbistum Poitiers. Bis zu zehn Basisgemeinden, so genannte communautés locales, die jeweils von einer fünfköpfigen ehrenamtlichen Basisequipe mit einer bischöflichen Beauftragung offiziell geleitet werden, bilden dort zusammen einen pastoralen Sektor. Der Priester, der einen solchen Sektor leitet, macht „ecclésialer“, er trägt dafür Sorge, dass die Basisgemeinden „zur Kirche werden“. Das Grundkapital dabei ist Vertrauen und Zutrauen. Martin Lätzel zitiert die Theologin Hadwig Müller: "Die grundlegende Wahl, vor der die Kirche steht, ist die zwischen Vertrauen und Angst." Der Poitierser Erzbischof Albert Rouet setze darauf, wenn er sage: "Die Kirche muss die Kirche des vertrauens sein. So verhält sich Gott auch mit der Menschheit." Er ist davon überzeugt, dass die Basisgemeinden in seinem Bistum nicht nur zahlreicher, sondern auch missionarischer und selbstbewusster werden. Auch hier bleiben ein Bekenntnis zur Fläche, ein konkreter Ortsbezug sowie ein diakonischer Weltauftrag grundlegende pastorale Prinzipien, die in den Basisgemeinden und deren Leitungsämtern strukturell deutlich werden. „Das Territorialprinzip zwingt die Kirche geradezu hinein in die Gesellschaft“, sagt der Pastoraltheologe Rainer Bucher, „zwingt die Kirche, alle Menschen wahrzunehmen. Es kann die Kirche davor bewahren, ihre Existenz als Zeichen und Werkzeug des universellen Heilswillen Gottes aufzugeben zugunsten institutioneller Strategien gepflegter Selbsterhaltung.“ „Wir brauchen eine Strukturierung unserer Pastoral ähnlich, wie sie zum Beispiel in Poitiers erfolgt“, meint auch der Kieler Theologe Martin Lätzel. Dabei gebe es nicht den einzig gültigen Weg, sondern einen Weg „sui generis“. Klar sei jedoch, dass er seine Wurzel in den kleinen christlichen Gemeinschaften habe, die in westliches eher strukturelles Denken überführt werden müssten.

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