Dienstag, 21. August 2018

Ich war das nicht

Screenshot: Peter Otten
Der Papst hat an das Volk Gottes geschrieben. Aber was hat das Volk Gottes mit den Verbrechen sexualisierter Gewalt eigentlich zu tun? Es ist höchste Zeit, mit den Übergriffigkeiten Schluss zu machen.

Von Peter Otten

Der Papst hat an das Volk Gottes geschrieben. Als getaufter Christ gehöre ich wohl dazu, und so beginne ich zu lesen. "Wenn wir auf die Vergangenheit blicken, ist es nie genug, was wir tun, wenn wir um Verzeihung bitten und versuchen, den entstandenen Schaden wiedergutzumachen" schreibt Franziskus. "Der Schmerz der Opfer und ihrer Familien ist auch unser Schmerz; deshalb müssen wir dringend noch einmal unsere Anstrengung verstärken, den Schutz von Minderjährigen und von Erwachsenen in Situationen der Anfälligkeit zu gewährleisten."

Ich stutze. Wen um Himmels Willen meint der Papst mit "wir"? 

Na klar, er meint das Volk Gottes. Also den Washingtoner Erzbischof Wuerl, der laut einem Bericht der FAZ den Priester George Zirwas, der schlussendlich in Kuba seine Verbrechen verübte nach dessen Tod als gottesfürchtigen Menschen pries. Er meint vermutlich meine verstorbene Mutter, die bis zu ihrem Tod so oft wie sie konnte mehrfach in der Woche mit ihrem roten Fiesta zu ihrer Heimatkirche gefahren ist, um die Messe mitzufeiern. Meint er auch die Kommunionkinder und ihre Eltern, die in diesem Jahr in St. Agnes zur Kommunion gegangen sind? Hm. Sicher aber meint er dich und er meint mich.


Ich gestehe, dass mich das zornig macht. "Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen" sagt schreibt der Papst weiter, "und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte." Ich würde gerne das Gesicht meiner Mutter sehen, wenn ich ihr sagte: "Auch du hast nicht dort gestanden, wo du hättest stehen sollen." Und ins Anmeldeformular der kommenden Erstkommunionvorbereitung werde ich den Satz schreiben: "Übrigens sagt der Papst, dass auch Sie nicht rechtzeitig gehandelt haben, als Sie die Schwere des Schadens erkannten." Heißt das zu Ende gedacht nicht auch: Auch der katholische Jugendliche, der von Pater Georg Zirwas vergewaltigt worden ist, ist als Adressat dieses Briefes mitgemeint?

Da stimmt doch was nicht, oder?

Heute Morgen hörte ich beim Radfahren ein Interview mit dem katholischen Theologen Hans Joachim Sander. Zur Rolle des Papstes in den Sexualverbrechen sagte er: "Bei diesem Papst im Verhältnis zum sexuellen Missbrauch lässt sich etwas feststellen, was bisher kein einziger Papst gemacht hat: Dieser Papst schämt sich. Er schämt sich für den Missbrauch, und er schämt sich für sein eigenes Verhalten zu dem Missbrauch." Damit beschrieb Sander den Umstand, dass der Papst mit Blick auf die Verbrechen in Chile zunächst die Opfer kritisierte ("Bringt mir Beweise"), was er später zurücknahm und änderte und zum Rücktrittsangebot der chilenischen Bischöfe führte. Sander weiter: "Er hat gesagt, er schämt sich, und das heißt, er schämt sich für sich. Mit anderen Worten, er distanziert sich nicht von dem Fall, obwohl er nichts dafür kann, er distanziert sich aber von seinem eigenen Verhalten im Verhältnis zu diesem Missbrauchstäter und im Verhältnis zu den chilenischen Bischöfen." Das kann man als Versuch des Bekenntnis zu persönlicher Verantwortung verstehen.

Und in dem Brief? "Heute sind wir als Volk Gottes gefragt, uns des Schmerzes unserer an Leib und Seele verwundeten Brüder und Schwestern anzunehmen." Warum eigentlich? Es geht mir nicht darum, so zu tun, als ginge mich die Sache nichts an. Es geht erst Recht nicht darum, einem Menschen in Not Hilfe zu verweigern. Wer schon einmal in Kontakt mit von Priestern missbrauchten Menschen war und ihre Geschichten gehört hat, der kann sich schon vorstellen, was der Papst in seinem Schreiben mit Solidarität meinen könnte. 

Könnte. Man kann sein Schreiben mit viel Wohlwollen zwischen den Zeilen auch als Wunsch danach lesen, dass etwas anders werden möge im Verhältnis von Klerus und Laien, denn an einer Stelle des Briefes stehen "Wir" und "Volk Gottes" einander gegenüber: "Jedes Mal, wenn wir versucht haben, das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen oder auf kleine Eliten zu reduzieren, haben wir Gemeinschaften, Programme, theologische Entscheidungen, Spiritualitäten und Strukturen ohne Wurzeln, ohne Gedächtnis, ohne Gesicht, ohne Körper und letztendlich ohne Leben geschaffen." Eine Andeutung, dass auf der Ebene der Leitung - also im Klerus - etwas Grundlegendes nicht stimmt und überwunden gehört. Eine Andeutung, mehr nicht.

Das Schreiben enthält indes ein Merkmal, indem der Funke des Übels, was wir in Kirchensprech doch so oft antreffen schon grundgelegt ist. Denn das undifferenzierte "wir" ist, sorry, übergriffig. Und Übergriffigkeit ist der Beginn von Missbrauch, der Beginn einer "annormalen Verständnisweise von Autorität". Hier werden Täter und Menschen, die mit den Verbrechen nichts zu tun haben, ja sogar auch ein Teil der Opfer undifferenziert als Volk Gottes angeredet und in einen Topf geworfen, in den sie einfach nicht gehören. Mag sein, dass der Papst das gar nicht beabsichtigt hat. Der Sound des Schreibens ist aber ganz zweifelsohne so. Und der swag ist ja auch irgendwie gut: "Wenn einer leidet ... dann leiden alle Glieder mit." Ist schon klar: Wenn was daneben geht, dann haben wir das Volk Gottes, das nehmen wir mal schnell in Mithaftung und nennen das Buße und Fasten. "Ich war das nicht", sagen die, die am Drücker sind, indem sie wortgewaltig oder zerknirscht um Verzeihung bitten oder zu Umkehr und Buße auffordern. Das ist ärgerlich und zynisch.

Was ist eigentlich so schwer daran zu sagen: "Wir, die Bischöfe und der Papst als Hirten und Lehrer des Volkes Gottes haben Mist gebaut und tragen die Konsequenzen. Wir haben schlecht geleitet oder gar nicht geleitet. Wir haben nicht hingeschaut. Wir waren es. Ich war es." Es wäre allerhöchtse Zeit.

Kommentare:

  1. Dieses ganze substanzlose regressive feierliche Gequatsche ist der Anfang aller Probleme in der Kirche.

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    1. Zumindest ein zentrales Problem. Darum Daumen hoch für P. Ottens Klarstellung!

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  2. Vielen Dank für den treffenden Kommentar. In kirchlicher Rhetorik taucht das undifferenzierte, vereinnahmende „Wir“ viel zu häufig auf und müsste viel öfter hinterfragt werden. Beispielsweise in der Konstruktion eines schuldigen Kollektivs, welches dann verantwortlich für die Klimakatastrophe oder das Ertrinken von Afrikanern im Mittelmeer ist. Ich besitze und fahre kein Auto, meine letzte Flugreise ist über fünfzehn Jahre her. Bin ich am Klimawandel genauso schuldig wie alle anderen, die in diesem „wir“ eingeschlossen werden? Man sollte Verantwortlichkeiten und Schuldanteile klar benennen und nicht durch ein undifferenziertes „wir“ verschleiern. Mir ist auch keine kirchliche Stimme von Rang bekannt, die Merkels undifferenziertes, vereinnahmendes „Wir schaffen das“, also die Delegation von politischer Verantwortung an ein unbestimmtes Kollektivsubjekt, problematisiert hat. Für das „Schaffen“ von guten Rahmenbedingungen für Integration/Migration ist nicht jede in gleicher Weise verantwortlich.

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  3. Lieber Peter, vielen Dank für diesen sehr guten Kommentar! Du hast mir als Betroffenem aus der Seele geredet! Danke Patrick

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    1. Gern. Über ein paar Reaktionen bin ich verwundert, weil sie zeigen, wie weit der Corpsgeist in der Kirche verbreitet ist - über Standes- und Geschlechtergrenzen hinaus.

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  4. Schwieriges Thema. Missbrauchsfälle in der Kirche sind seit eh und je bekannt, jeder einzelne davon ist einer zu viel. Im Moment kracht es gerade stärker als sonst. Darf man hoffen, dass sich etwas Grundsätzliches ändert, oder wird auch darüber wieder Gras wachsen? Den Ärger über ein zu weit gefasstes "wir" verstehe ich, die vorgeschlagene Alternativformulierung klingt schon besser, aber wie ginge es dann weiter? Hat man mit Führungsversagen das Problem wirklich getroffen?

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    1. Matthias Katsch vom Eckigen Tisch schlug vor, der Papst könne das päpstliche Geheimnis aufheben und Zugang zu allen (Geheim-)Akten ermöglichen. Erika Kerstner schreibt auf ihrer Seite "Gott-suche.de": "Worte sind zu wenig. Kirchliche Opfer warten seit vielen Jahren auf Taten, die sie die Solidarität auch spürbar erfahren lassen. Ich wüsste gerne konkret, was der Papst zu unternehmen gedenkt, um Rechenschaft zu fordern von denen, die vertuschten. Immerhin ist er der einzige Vorgesetzte der Bischöfe. Sie sind ihm gegenüber rechenschaftspflichtig. Aber Papst Franziskus quittiert Vertuschung von Bischöfen noch immer normalerweise damit, dass er einem Rücktrittsgesuch eines Bischofs stattgibt. Nicht einmal die Gründe werden immer genannt.
      Zudem spricht der Papst - neben viel Richtigem - von einem "Wir als Volk Gottes", und es bleibt unklar, ob die verwundeten Brüder und Schwestern dazugehören oder nicht. Ich bin Glied der Gemeinschaft der Kirche, aber ich gebe nicht zu, dass ich nicht dort gestanden hätte, wo ich hätte stehen sollen." Und Patrick Bauer schreibt auf Facebook: "´Oh, Entschuldigung, das habe ich nicht bedacht" habe ich mittlerweile in meiner Zeit in der Auseinandersetzung mit den Jesuiten zu oft gehört.
      Menschen, die keine Ahnung davon haben, wie es sich anfühlt missbraucht worden zu sein geben Kommentare ab, die gewollt mitfühlend sein sollen, aber ungewollt doch nur wieder verletzen. Warum fragt auch ein Papst, ein (Erz-)Bischof, ein Ordensoberer nicht die Betroffenen, was ihnen helfen würde? Warum werden Präventionsschulungen organisiert ohne Opferverbände oder nichtkirchliche Beratungsstellen zu konsultieren?" Also: Bei diesen Verbrechen hat es ganz offensichtlich ein Leitungsversagen gegeben. Es könnte so weiter gehen, dass die Leitung sich zu ihrem Versagen bekennt, das Versagen konkret benennt und Konsequenzen zieht (zum Beispiel im Sinne von Matthias Katsch). Damit wäre das Problem nicht in gänze getroffen oder erklärt. Allerdings ein notwendiger und unerlässlicher Schrit getan.

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  5. Dann war meine Reaktion auf den Brief von Papst Franziskus also doch nicht so schlecht. Ich wurde nämlich wütend. Ich war es nicht und ich fühlte mich angegriffen, dass ich nun Fasten und Beten soll. (Letztes mache ich natürlich) Und hätte ich etwas gewusst, ich wäre zur Polizei gegangen. Garantiert! Papst Franziskus hat viel Vertrauen verloren bei mir.(Zumindest einige Tage lang) Ob er es schafft, hart und konsequent durchzugreifen? Ob er es schafft Reformen durchzubringen, gegen die Macht der Konservativen, die sogar für seine Absetzung beten? Ich habe Angst um meine Kirche. um die Eucharistie. Wer will noch Priester werden, in einer solch aufgeheizten Situation? Mir ist nie etwas passiert. Ich habe in der Kirche glückliche Momente erlebt und erlebe sie noch heute. Ich habe in einem Jugendchor gesungen, der CHF 100'000.-- für Strassenkinder in Brasilien gesammelt hat. Tiefe Gespräche geführt, gestritten um den rechten Weg. Freundschaften gehabt und habe sie noch immer. Unglaubliche Solidarität erfahren, als ich schwer krank war! Ich will diese Kirche nicht verlieren. Für das Bete ich! Und für Papst Franziskus!

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  6. Papst Franziskus ist auch mein Papst. Auch wenn es möglich erscheint, daß er gegen den Heiligen Geist durch Parteibildung gewählt worden ist.
    Seine Vorgehensweise erscheint mir "hinterlistig". Das Wort stammt nicht von mir, aber es kennzeichnet seine Art. Er will offenbar, was Andere auch wollen: Kommunion für alle, Sex für alle, schwul als Heiligenschein. Ich habe noch nie in 75 Lj einen Witz über sie gemacht, weil sie mir leid tun.
    Warum darf man ihnen nicht helfen? Weil Ideologen gott- und deswegen menschenfeindlich sind.

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