Montag, 18. Mai 2015

Sex sells...

...nicht nur in Überschriften und Werbekampagnen, sondern auch in der katholischen Kirche. Das zeigt mal wieder der aktuelle Tanz um das Goldene Kalb „Tradition & Lehre“.

Von Norbert Bauer
Max Zimmermann: Entrée Libre, 2003


„Glauben Sie ernsthaft, ein katholisches Paar in Deutschland brennt heute noch darauf, zu erfahren, was die aktuelle kirchliche Debatte über die Sexualmoral ergibt?“ Vermutlich liegt Ulla Hahn mit ihrer Einschätzung richtig. Aber auch wenn sich katholische Paare nicht mehr für solche Debatten interessieren, die Auseinandersetzung um das ZdK-Positionspapier „Zwischen Lehre und Lebenswelt Brücken bauen – Familie und Kirche in der Welt von heute“ hat es immerhin auf die Titel- und Kommentarseiten von FAZ und SZ geschafft. Und das ist einer Erklärung des Zentralkomitees schon lange nicht mehr passiert. Respekt.

Die Erklärungen und Pressemeldungen zur Flüchtlingsnot, Rassismus und Klimaschutz wurden hingegen so gut wie nicht wahrgenommen. Bei Katholiken gilt also immerhin noch: Sex sells.

Dank der Laienkatholiken ist der Netzgemeinde auch die Wahrheit der katholischen Sexualmoral vertraut. Gleich nachdem Bischof Oster die KNA Meldung zum Brückenpapier wahrgenommen hatte, bezog er ganz zeitgemäß über Facebook Position: „Die Kirche glaubt nämlich aufgrund der ihr geschenkten Offenbarung, dass ausgelebte sexuelle Praxis ihren genuinen und letztlich einzig legitimen Ort in einer Ehe zwischen genau einem Mann und einer Frau hat, die beide offen sind für die Weitergabe des Lebens und die bis zum Tod eines der Partner einen unauflöslichen Bund geschlossen haben.“ Ausgelebte sexuelle Praxis! Klingt nach Gerichtsmedizin. Schöner kann man es nicht sagen. Wobei? Gibt es auch nicht ausgelebte sexuelle Praxis?


Fünf weitere bayrische Bischöfe sind hoch erfreut über die poetische Klarstellung ihres „lieben Mitbruder Stefans“: „Wir sind daher überzeugt, dass auch viele Gläubige Dir für Deine klaren Worte außerordentlich dankbar sind.“ – Wie wichtig solche Klarstellungen nicht nur in die „stark säkularisierte Gesellschaft“ hinein sind, zeigt ein Gespräch, das ich vor einigen Jahren mit dem Personalchef eines großes deutschen Bistums führte. Er bat mich um eine Einschätzung, wie hoch der Anteil von Homosexuellen unter Priestern sei. Er wollte wissen, ob es mehr oder weniger als 50% sind. Bei solchen Spekulationen bleibt natürlich offen, ob die sexuelle Orientierung ausgelebte oder unausgelebte Praxis ist. 


Vielleicht würde der Debatte erst einmal ein Moratorium gut tun: 10 Jahre ohne Brückenbau. Keine Erklärung des ZdKs, kein Katholikentags-Motto und keine Dialogveranstaltung mehr unter dem Motto Brückenbau. Denn es geht in diesem Fall nicht darum, „Brücken zwischen Lehre und Lebenswelt“ zu bauen. Es geht vielmehr darum, den Brückenpfeiler (ok ein letztes Mal) von der Lehre der „Ausgelebten sexuelle Praxis“ abzureißen und so neu aufzubauen, dass „Gottes unbedingte Zuwendung zum Menschen“ (Höhn) erkennbar ist. Dabei muss die Kirche gar nicht bei 0 anfangen, hat sie doch eine gute Tradition darin, Positionieren so zu verändern, dass ihre ursprüngliche Lehre höchstens dialektisch wieder zu erkennen ist: Religionsfreiheit, Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit...

Die Kirche muss auch nicht mühsam neue Argumente für eine veränderte Sexualmoral suchen. Sie muss nur aufhören, um ihre Lehre wie um das goldene Kalb zu tanzen. Die von Kardinal Marx geforderte „notwendige theologische Debatte“ wird schon lange geführt, u.a. an den katholischen Fakultäten. Daher sind die vom ZdK formulierten Forderungen keine „vorschnellen, plakativen Forderungen“ (Kardinal Marx) sondern Ausdruck langjähriger Reflexion, aber „bisher ist man jedenfalls auf Seiten des Katholischen Lehramts sowohl im Vatikan wie auch bei den Bischöfen oft genug ohne die Würdigung neuer theologischer Ansätze ausgekommen.“ (Stefan Orth) Das ist vielleicht das wirkliche Drama der aktuellen Auseinandersetzungen. Einerseits wird die Lebenswirklichkeit vieler Menschen schlicht als „Angleichung an den Mainstream“ diffamiert und andererseits ignorieren die aktuellen bischöflichen Äußerungen bei „Themen wir Körper, Subjektsein und Freiheit“ (Stefan Orth) die wissenschaftlichen Diskurse inner- und außerhalb der theologischen Fakultäten und verpassen damit den diskursiven Anschluss an die Moderne – mal wieder.


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