Montag, 27. Januar 2014

Gleichgeschaltet in der Werterepublik?

Gedanken zu einer Abo-Kündigung


Screenshot: Norbert Bauer
Von Norbert Bauer

Ich habe mein Abo gekündigt. Nach vielen Jahren. Schweren Herzens, denn „Christ in der Gegenwart“ habe ich gerne gelesen, wurde ich dort u.a. aufmerksam auf die Gedichte des walisischen Schriftstellers Ronald Stuart Thomas oder auf die Lieblingsmusik des Frankfurter Fundamentaltheologen Knut Wenzel, der nicht nur Bob Dylan sondern auch Blumfeld schätzt. Leider wird der Postbote diese Zeitung bald nicht mehr in den Briefkasten stecken. Denn der Chefredakteur Johannes Röser hat sich mal wieder aufgeregt. „Was ist der Werterepublik die Ehe wert?“ fragt er sich 20000 Zeichen lang. Und während ich noch überlege was eigentlich eine Werterepublik sein soll, skizziert Röser die Gefahrenzone: der französische Präsident geht fremd und in Baden –Württemberg sollen schon Schülerinnen und Schüler darauf hingewiesen werden, dass manchmal Eva nicht Adam liebt, sondern Maria. Wertepolizist Röser ist entsetzt, „denn Sex kann heute völlig unverbindlich - wie es heißt - „ausgelebt“ werden, nicht mehr nur vom Mann, auch von der Frau. Hier liegt ein Grund für Befreiung, aber ebenso die Ursache für das Verhängnis der Beziehungslosigkeit, Vereinsamung, Neurotisierung.“ Sicherlich auch für Übergewicht und Politikverdrossenheit.

Solche Analysen wären für mich noch lange kein Grund, ein Zeitungsabo zu kündigen. Wer mich kennt weiß, dass Meinungsfreiheit für mich natürlich auch die Meinungsfreiheit des Andersdenkenden ist. Auch wenn ich über Behauptungen wie „Angezielt ist - wie die vehement fordernde Art beweist - eine Demontage der wahren Ehe, ihrer unteilbaren, alternativlosen Besonderheit“ den Kopf schüttele, sollen sie ruhig auch in von mir gelesenen Zeitungen erscheinen. Ich will ja wissen, was andere so schreiben, ist es doch die beste Gelegenheit, das eigene Denken zu überdenken. Es ist nicht die andere Position, weswegen ich „Christ in der Gegenwart“ nicht mehr lesen möchte, es ist die mitschwingende Haltung: „Im medial veröffentlichten, weitgehend gleichgeschalteten Meinungsbild wurden die Kritiker sofort als „Homophobe“ und Hetzer gegen die Toleranz verunglimpft.“ Gleichschaltung ? Habe ich da was nicht mitbekommen? Oder nicht richtig im Geschichtsunterricht aufgepasst? Nein, der Bundesjustizminister wird nicht wieder zum Reichsjustizminister. Es ist ganz einfach so, dass manche Publizisten sofort Gleichschaltung wittern, wenn ihre Positionen nicht von allen geteilt werden. Dabei dokumentiert doch gerade die Diskussion über den Stuttgarter Bildungsplan die Meinungsvielfalt in Deutschland. Bevor dieses Arbeitspapier im Lehrplan angekommen ist, wird es noch viele Anhörungen, Gerichtsverfahren und Textveränderungen geben. Ist das Gleichschaltung

Von Gleichschaltung spricht auch gerne Jürgen Limisnki, von Beruf Redakteur beim Deutschlandfunk und darüber hinaus Geschäftsführer des „Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie e.V.“ Dieses Institut ist besorgt, denn „in der pluralistischen Medien-Gesellschaft ist die Wertedebatte schwierig.“ Am Mikrofon des Deutschlandfunks interviewt Liminski deshalb gerne die Experten, die in etwa das sagen, was sein Institut propagiert. Vor kurzem sprach er mit dem vermeintlichen EU-Experten Tobias Teuscher über die europäische Familienpolitik. Gleich zweimal griff Liminski auf die Vokabel Gleichschaltung zurück. Das ist es sogar seinem Arbeitgeber aufgefallen und er hat ihm zum kritischen Nachgespräch eingeladen. Er sei seiner Aufgabe nicht gerecht geworden, meinte Birgit Wentzien, Chefredakteurin des Deutschlandfunks zu diesem trauten Meinungsmiteinander am öffentlich-rechtlichen Mikrofon.

Ich freue mich in einem Land leben zu können, in dem Meinungsfreiheit durch Politik und Justiz geschützt ist, wo zahlreiche Zeitungen erscheinen und Kirchen Vertreter in die Rundfunkräte entsenden. Die Meinungsvielfalt ist in und zwischen den Redaktionen sehr groß. Herr Liminski und Herr Röser stehen mit ihrem Wertekanon keinesfalls alleine da. Zahlreiche Kommentatoren auch in den großen Zeitungen teilen ihre inhaltliche Position. Das wissen sie auch, Johannes Röser zitiert selbst die FAZ und andere Stimmen, die seine Position teilen. Woher kommt also der Gestus des Wahrgeitskämpfers in einer vermeintlich gleichgeschalteten Medienwelt? Diese Haltung ist ärgerlich, vor allem für die Journalisten und Publizisten, die in ihren Ländern schreiben, in denen kritischen Redakteuren Berufsverbot und Gefängnis droht und nicht nur eine Abo-Kündigung eines genervten Lesers.

Kommentare:

  1. Das kommt dabei heraus, wenn man zu viel auf einschlägigen katholischen Nachrichtenportalen und in der sogenannten Blogözese liest. Irgendwann glaubt man den dort verbreiteten Unsinn und die Verschwörungstheorien dann auch.

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  2. 1) Bemerkenswert ist auch die Dolchstoß-Metapher in Rösers Artikel: Ausgerechnet Röser, seit vielen Jahren ein Kritiker kirchlicher Stellungnahmen, echauffiert sich darüber, dass der Freiburger Diözesanrat „den Kirchenleitungen … geradezu in den Rücken“ fällt. Die evangelische Pfarrerin Mechthild Werner nennt die Stellungnahme der Kirchenleitungen „ein verquastes irgendwie-dafür-doch-dagegen“ – fällt auch sie, möchte man Röser fragen, ihrer Kirchenleitung damit in den Rücken?
    2) Am erschreckendsten in Rösers Artikel ist das Zitat aus dem Berliner „Tagesspiegel“, in dem Homosexualität letztlich mit Polygamie und Inzest auf eine Stufe gestellt wird. Spätestens bei diesem Zitat ist man sich sicher: Röser kennt Homosexuelle nur aus den Medien oder von einer CSD-Parade, in die er mal zufällig hineingeraten ist.
    3) Nicht zuletzt aufgrund der häufigen CSDs, meint Herr Röser, seien junge Leute heute über Homosexualität bestens unterrichtet. Welch ein Trugschluss! Bei einem Mann, der Homosexualität immer noch in erster Linie mit CSDs assoziiert, liegt in der Tat der Verdacht nahe, dass er keine Homosexuellen in seinem Freundeskreis hat. Ein Coming-Out von Prominenten wie Hitzlsperger ist der Aufklärung über Homosexualität förderlicher als jeder CSD – sagen Homosexuelle.
    4) Und wird das Homosexuellen-Bild der „schrillen Minderheit“ mal von einem Prominenten wie Hitzlsperger korrigiert, gefällt das Männern wie Röser auch wieder nicht. Ausführlich zitiert er aus dem FAZ-Kommentar zu Hitzlspergers Coming-Out, der unter der Überschrift „Die Rocky Horror Hitzlsperger Show“ (!) jeden Respekt für Hitzlspergers Schritt vermissen lässt. Die Äußerungen von Torwart Jens Lehmann am vergangenen Wochenende haben erneut gezeigt, wie weit man innerhalb bestimmter Bereiche der Gesellschaft noch von einem normalen, entspannten Umgang mit Homosexualität entfernt ist.
    5) Die Behauptung einer Online-Petition, Homosexuelle hätten eine „erhöhte Anfälligkeit für Alkohol, Drogen und psychische Erkrankungen“ findet Herr Röser „völlig korrekt“. Dem Lehrer, der dies als Argument gegen einen Bildungsplan ins Feld führt, bescheinigt Herr Röser „Zivilcourage“. Man darf gespannt sein, ob in einer der nächsten Ausgaben von CiG die empirischen Belege für die These, Homosexuelle neigten eher zu Alkohol und Drogen als Heterosexuelle, nachgeliefert werden.
    6) Wer einen Artikel, in dem es schwerpunktmäßig um die Behandlung von Homosexualität in einem Bildungsplan geht, mit dem Stichwort „sexuelle Ausschweifungen“ (erster Satz!) beginnt, muss sich fragen lassen, ob ihm nicht „die kritische Unterscheidungsgabe abhanden gekommen“ ist.

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  3. Ich finde es sehr bedauerlich, Johannes Röser nun in einer Linie mit dem unseligen Jürgen Liminski (ich entsinne mich mit Schrecken an seinen DLF-Heiligabend-Schocker mit dem garstigen Meisner-Interview in aller Herrgottsfrühe...) sehen zu müssen, aber ich kann schon seit geraumer Zeit seine Endlos-Leitartikel nicht mehr lesen! Vielleicht ist er der Totengräber des traditionsreichen Freiburger Blättchens der letzten aufrechten Katholiken...

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    1. Putzig, wenn ich mir die ganzen alten beziehungsosen, vereinsamten, neurotisierten alten Ehepaare in meiner Umgebung so ansehe, dann habe ich nicht den Eindruck, dass die von Swingerclub zu Swingerclub ziehen und ständig unverbindlichen gleichgeschlechtlichen Partnertausch praktizieren. Teufel aber auch.

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  5. ... auch ich habe nach Jahrzehnten aus ähnlichen Gründen gekündigt.

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  6. Rösers Arbeit für den CiG und seine oft umfangreichen Übersichtsartikel zu neuesten Diskussionen sind - zumal für Leser in Eile - fast immer höchst informativ. Er darf auch mal dem einen oder anderen besonders sensiblen Leser auf den Schlips treten. Auch einem Journalisten darf mal ein Pferd etwas ausbrechen. Ein Plädoyer für eine gute Hetero - Ehe war übrigens längst fällig. Röser hat übrigens schon oft ziemlich allein
    gegen den Pflicht-Zölibat geschrieben; er sollte vielleicht auch mal Viri probati im Pfarrhaus (zusammen mit Uxores probatae!) als neue Chance der Werbung für die (Hetero-)Ehe vorstellen. In der Generation meiner Kinder müssen ehewillige junge Leute bestärkt werden; Sonderformen anspruchsvoller respektabler Beziehungen haben natürlich auch ihr Recht, publizistisch dargestellt zu werden; Norbert Bauer sollte einen Gegenartikel verfassen, im CiG!
    Dr. Franz H. Aengenheister (2.4.14)

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