Dienstag, 10. Dezember 2013

Hinterm Bahndamm

Foto: Harald Lapp / pixelio.de
Wem soll es dienen, dass Gott eindeutig solidarisch ist? Na, vielleicht dazu, dass sich der Zynismus hinter den Bahndamm verzieht. Und nicht die Armen.
 

Von Peter Otten

Man sei nicht gegen sozialen Wohnungsbau, sagte Konrad Adenauer, der Chef des Kölner Haus- und Grundbesitzervereins unlängst. Aber das neue Baulandmodell in Köln - wonach zukünftig bei jedem Bauprojekt 30% geförderter Wohnungsbau realisiert werden müssen - verschrecke Investoren. Es sei schlichtweg nicht möglich, dass alle Menschen in der Innenstadt oder in Stadtteilen wie Sülz, Klettenberg und Lindenthal wohnen. „Wem soll es dienen, in Marienburg sozialen Wohnungsbau umzusetzen?“ fragte er provokativ. Die Bewohner von geförderten Wohnungen würden sich dort ohnehin deklassiert fühlen und die Investoren ein teures Grundstück nicht nutzen können. Der Haus- und Grundbesitzerverein schlägt vor, stattdessen Teile des Zehn-Punkte-Programms umzusetzen, das unter anderem eine stärkere Nutzung von Flächen entlang der Bahndämme vorsieht. „Die Förderbedingungen der KfW-Bank verhindern, dass dort geförderter Wohnraum entsteht, weil es zu laut sein soll“, sagt Adenauer. Dabei gebe es mittlerweile sehr gute Lärmschutzmaßnahmen. Deshalb sei es sinnvoll, wenn die Stadt mit der Deutschen Bahn verstärkt über solche Grundstücke verhandeln würde.
 

(aus dem Kölner Stadt-Anzeiger vom 19.11.2013)

Wem soll es dienen, dass Kinder aus Familien, deren Eltern sich nicht um die Bildung ihrer Kinder kümmern können auf ein Gymnasium gehen? Sie würden sich dort doch nur nicht wohlfühlen und dann frustriert die Schule schwänzen, weil sie der Intensität im Unterricht nicht folgen könnten. Und sie würden doch nur ihre Eltern beschämen, weil sie sich mit Themen und Inhalten beschäftigen würden, die für sie doch nur böhmische Dörfer blieben.

Wem soll es dienen, dass arme und reiche Kinder zusammen in der Schule lernen? Die armen Kinder können sich die teure Markenkleidung sowieso nicht leisten, die Armada von Apple-Geräten, das Geld für die Schulfahrt nach Florenz oder den Schnuppernachmittag beim Judo. Und dann die großen Augen, wenn sie mit einem gebrauchten Fahrrad zur Schule radeln, während die anderen Kinder mit Muttis SUV bis vor den Haupteingang gekarrt werden! Die Folge wären eh nur Neidgefühle auf der einen Seite, die man den armen Kindern besser von vorneherein erspart. Und die reichen Kinder können doch nun wirklich nichts dafür, dass die armen Kinder arm sind. Wozu ihnen also schlechte Gefühle machen?

Wem soll es dienen, dass sozial Benachteiligte Menschen in Köln-Marienburg leben? In Köln-Sülz oder Lindenthal? Wäre ja noch schöner, wenn all die Marienburger mit ihren Golden Retrievern ihren schwarz bezahlten Gärtnern und Putzfrauen auch noch beim abendlichen Gassigehen begegneten. Das wäre doch nur für beide Seiten peinlich, wo man sich doch ansonsten aus dem Weg geht. Sollen sie doch lieber am Bahndamm wohnen! Dann finden sie im Dunkeln auch schneller nach Hause, wenn sie sich einfach an den Gleisen orientieren. Und wenn sie sich an den Gleisen orientieren brauchen sie kein Auto. Und wenn sie kein Auto brauchen, brauchen sie keinen Parkplatz. Und wenn sie keinen Parkplatz brauchen, ist es ruhiger. Und wenn es ruhiger ist, ist es nicht mehr schlimm, wenn die Bahn Krach macht.

Wem soll es dienen, wenn Flüchtlinge demnächst nicht nur in Köln-Kalk, sondern auch in Müngersdorf leben? Singen Sie mal das FC-Lied! Da heißt es zwar, dass es in Nippes, Poll, Esch, Pesch und Kalk FC-Fans gibt, ja sogar in Prümm und Habbelrath, „üwwerall jitt et Fäns vum FC Kölle!“ heißt es gar überschwänglich. Aber wenn man ehrlich ist: Von Adis-Abeba, Kairo oder Bagdad ist aber …. Moment … nein, tatsächlich nicht die Rede.

Wem soll es dienen, dass die Politik versucht, Kinder von Einwanderfamilien an die Unis zu holen und ihnen zu guten Bildungsabschlüssen zu verhelfen? Besser schenkt man ihnen sofort reinen Wein ein, indem man ihnen erklärt, Ausländerkinder hätten bei Bewerbungen später eh keine Chance. Außerdem: wer nimmt sich schon einen türkischstämmigen Anwalt (außer man ist Opfer der NSU geworden)? Welcher Hermann oder Jürgen wird einem Polizisten seinen Führerschein übergeben, der Abdul heißt? Welcher Günter oder Gerd wird sich von einem Kommissar ´ne Blutprobe ziehen lassen, der Karim heißt? Oder gar von einer PolizistIN namens Günal oder Myriam ? Eben.

Wem soll es dienen, dass Kinder in Köln-Vingst ein Musikinstrument lernen? Ihre Eltern haben sowieso kein Geld, um jemals eine Karte für die Philharmonie zu kaufen oder eine Oper zu sehen. Wahrscheinlich wissen die noch nicht mal, wie man Philharmonie buchstabiert! Und halten Mozart für einen Schokoladenfabrikanten und Schumann für einen Ex- Rennfahrer. Und von wegen, die finanzieren beide Kultureinrichtungen mit ihren Steuergeldern: Die könnten doch gar keine Steuren zahlen, wenn die Menschen aus Sülz und Lindenthal ihnen keine Arbeitsplätze zur Verfügung stellen würden, wo sie Geld verdienen, wodurch sie überhaupt erst in die Lage versetzt werden, Steuern zahlen zu können! Eigentlich zahlen die Leute aus Vingst also gar keine Steuern! Dafür zahlen die Unternehmer aus Marienburg quasi die Steuern ihrer Arbeiter und Angestellten so gesehen gleich mit!

Wem soll es dienen, wenn reiche Leute Erbschafts- und Vermögenssteuer zahlen? Dahinter steckt nur der Neid der Besitzlosen, die sich doch nicht vorstellen können, wie anstrengend es ist, ein Vermögen zu verwalten! Die doch wirklich noch nie eine schlaflose Nacht hatten, wenn die Reichen vor Aufregung wieder mal keine Auge zu bekommen, weil unklar ist, ob der Ausgabekurs der neuen Aktien nun steigen oder fallen wird! Sie können sich in ihrem Stockbett mit der wunderbar ausgeblichenen Baumwollbettwäsche genüsslich eine Runde umdrehen, während sich der Papi in Sülz wieder mal auf das Gezeter seiner Tochter einstellen muss, weil der Mini nun doch nicht pünktlich zu ihrem Abi geliefert wird! Die armen Leute sollen doch froh sein, dass sie noch nie die Erfahrung machen mussten, dass Freundschaft käuflich ist – und wie teuer das werden kann! Sie sollen froh sein, dass sie keine komplizierten Steuererklärungen machen, Horden von Anwälten Geld in den Rachen werfen müssen! Nicht Golf spielen müssen, obwohl sie Golf HASSEN! Kein Pferd samt Pferdeanhänger kaufen müssen – trotz ihrer Pferdeallergie!

Wem soll es dienen, dass sich Familien wie die Özguls mit ihren drei Töchtern oder die Kaszynskis, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus aus Kasachstan gekommen sind in Köln ein Häuschen kaufen? Ach ja, ich weiß: Sie könnten Mitglieder im Haus- und Grundbesitzerverein werden. Und Herrn Adenauer beerben.


Wem soll es dienen, dass Gott manchmal sehr eindeutige Worte wählt? „Doch die Armen werden das Land bekommen, sie werden Glück in Fülle genießen“, singt der Psalmist (Ps 37,11ff.) „ Der Frevler sinnt auf Ränke gegen den Gerechten und knirscht gegen ihn mit den Zähnen. Der Herr verlacht ihn, denn er sieht, dass sein Tag kommt.“

Soll sich doch der Zynismus samt derer, die ihn zur politischen Leitlinie erklären hinter den Bahndamm verziehen. Oder gleich zum Teufel. Gott weiß, wofür das gut wäre.

Kommentare:

  1. Jetzt wird mir klar, weshalb eine bestimmte katholische Elite so sehr am Latein in der Liturgie hängt.

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