Freitag, 26. Oktober 2012

Nicht ein gutes Wort über Israel


Foto: Peter Otten
Im Erzbistum Köln ist die erste von zwölf vom Erzbischof erbetenen Katechesen verschickt worden, mit deren Hilfe Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferenten Katholiken auf das Ereignis einstimmen sollen. Im Mittelpunkt der Betrachtungen des ersten Textes steht ein merkwürdig rückwärtsgewandter geringschätzender Blick auf das Judentum.

 Norbert Bauer




„Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche“ lautet der Titel eines Dokuments, das die „Vatikanische Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum im Sekretariat für die Einheit der Christen“ 1985 herausgegeben hat. In den Vorüberlegungen zitiert die Kommission Papst Johannes Paul II.: „Man muß dahin gelangen, daß dieser Unterricht auf den verschiedenen Ebenen der religiösen Bildung, in der Katechese für Kinder und Jugendliche die Juden und das Judentum nicht nur aufrichtig und objektiv, ohne jedes Vorurteil und ohne jemanden zu beleidigen vorstellt, sondern darüber hinaus mit einem lebendigen Bewußtsein für das (Juden und Christen) gemeinsame Erbe."

Leider sind die Hinweise heute nicht mehr allen vertraut. Zur Vorbereitung auf den Eucharistischen Nationalkongress hat Kardinal Meisner Theologen gebeten, das Geheimnis der Eucharistie zu beleuchten. Allen Priestern, Diakonen und Mitarbeitern im pastoralen Dienst im Erzbistum Köln wurde nun die erste Katechese zugeschickt, verfasst von P. Dieter Böhler SJ, Nachfolger von Norbert Lohfink als Professor für Exegese des Alten Testamentes an der theologischen-philosophischen Hochschule St. Georgen, u.a. Konsultor der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung im Vatikan. In seinem Text meditiert Böhler über die drei „Wunder des Altars.“
 

Als drittes Wunder benennt er das Opfer Christi. Böhler spricht dabei aber vor allem über Israel. Ausgangspunkt ist der sicherlich sehr interpretationsbedürftige Vers Mt 23,37, wo es heißt: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“ Der Exeget nimmt diesen Vers als Beleg für seine Grundthese: „Israel hat nicht gewollt, daher tritt Jesus, der König der Juden mit seinem Gehorsam stellvertretend für den ausgeblieben Ungehorsam des Volk Gottes für es ein! "

„Israel hat nicht gewollt!“ Wie ein immer wiederkehrender Trommelschlag taucht dieser Satz auf, gerne auch in Variationen: „Ausgebliebener Gehorsam Israels“, „Israel weigert sich“, „nicht dem Plan Gottes gehorcht“. Kein einziges positives Wort über Israel, kein einziges. Dabei hat Papst Johannes Paul II doch einen anderen Ton, ja eine andere Theologie angeschlagen, als er vom nie von Gott gekündigten Alten Bund sprach. Davon ist bei Böhler keine Rede. Israel braucht vielmehr das „Wunder des Altars: im Paschaopfer macht Jesus sich selbst zum Lamm, dessen Blut die Israeliten rettet.“ Nun, die Katechese wurde von Böhler nicht als Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog formuliert, sondern als Vorbereitung auf den Eucharistischen Kongress. Dennoch sollten gewisse, durch Nostra aetate, der „entscheidenden Wende im Verhältnis der katholischen Kirche zum Judentum“ (Papst Johannes Paul II.) gesetzte Standards nicht unterlaufen werden: „Indem die katholische Kirche, mit Nostra aetate und bestärkt durch die Resonanz der Religionserklärung in vielen Äußerungen Papst Johannes Pauls II., die Beziehung zu einem lebendigen (und nicht beerbten oder musealisierten) Judentum als ihrer Identität wesentlich anerkennt, anerkennt sie auch die Möglichkeit und Legitimation eines jüdischen, nicht christlich integrierten Glaubens. Sie toleriert ihn nicht nur, sondern würdigt ihn: als für sie selbst von Bedeutung“ (so Knut Wenzel in seinem Beitrag "Christlicher Heilsuniversalismus und jüdisches Gotteszeugnis. Überlegungen zu ihrem Verhältnis aus Anlass der revidierten Karfreitagsfürbitte" hier). Die Kirche, so Papst Johannes Paul II. in einer Rede bei seinem Synagogenbesuch im Jahr 1986, achtet die Identität des Judentums - und zwar unabhängig vom Geschehen im Abendmahlsaal: „Jede unserer Religionen will im vollen Bewußtsein der vielen Bande, die die eine mit der anderen verbinden, und an erster Stelle jenes »Bandes«, von dem das Konzil spricht, vor allem in der eigenen Identität anerkannt und geachtet sein, ohne jeden Synkretismus und jede zweideutige Vereinnahmung.“ 


Liturgisch wunderbar zum Ausdruck kommt dies in der Karfreitagsfürbitte zum Ausdruck: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“ Aber die ist ja heute auch nicht mehr selbstverständlich.


Kommentare:

  1. "Auch wenn Böhler seine Katechese nicht als Beitrag zum christlich-jüdischen Dialog formuliert hat ..."
    Das klingt so, als wären doppelte (sprachliche) Standards in Ordnung. In der Vorbereitung auf einen eucharistischen Nationalkongreß kann man durchaus was vom Stapel lassen, was im Kontext des christlich-jüdischen Dialogs nicht in Ordnung wäre.

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  2. Mit "Auch wenn Böhler seine Katechese nicht..." wollte ich nur noch einmal auf den Kontext der Katechese hinweisen. Und auf die Tatsache, dass ich diese „Eucharistie“ – Katechese mit Zitaten aus einem anderen Kontext, nämlich „Christentum-Judentum“ konfrontiere. Das mildert keineswegs meine Kritik.

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  3. Jesus Christus ist der Stolperstein. Er ist, wenn wir dem NT glauben, für ALLE Menschen als Sühneopfer gestorben. Daß wir die Juden als solche akzeptieren, lieben, ihnen als Gottes Augapfel eine besondere Stellung einräumen und dankbar sind für diese wunderbare Wurzel des christlichen Glaubens, ist selbstverständlich.
    Es ist die persönliche Entscheidung eines jeden Menschen, auch eines jeden Juden, ob er Jesus Christus als seinen Herrn anerkennt und liebt.
    Ich verstehe noch immer nicht, warum Herr Böhler angegriffen wird, wenn er sich doch an die Aussagen der Bibel hält.

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  4. Zu den Aussagen von "Johannes Paul II." vergleiche man das unfehlbare Dogma:

    "[Die heilige römische Kirche ...] glaubt fest, bekennt und verkündet, daß 'niemand außerhalb der katholischen Kirche, weder Heide noch Jude noch Ungläubiger oder ein von der Einheit Getrennter - des ewigen Lebens teilhaftig wird, vielmehr dem ewigen Feuer verfällt, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist, wenn er sich nicht vor dem Tod ihr [der Kirche] anschließt. So viel bedeutet die Einheit des Leibes der Kirche, daß die kirchlichen Sakramente nur denen zum Heile gereichen, die in ihr bleiben, und daß nur ihnen Fasten, Almosen, andere fromme Werke und der Kriegsdienst des Christenlebens den ewigen Lohn erwirbt. Mag einer noch so viele Almosen geben, ja selbst sein Blut für den Namen Christi vergießen, so kann er doch nicht gerettet werden, wenn er nicht im Schoß und in der Einheit der katholischen Kirche bleibt" (DS 1351, zit. nach NR 1938, 350)

    Ergo: Wojtyla war (mindestens) ein Häretiker und damit exkommuniziert.

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