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Samstag, 11. Januar 2020

Der Hund ist mein Hirte

Fotos: Elke Otten
Du kannst behaupten, dass du Gott vertrauen kannst. Du kannst darüber predigen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Du kannst den Satz sagen: Gott liebt dich. Mit einem Hund an deiner Seite hältst du es für möglich.

Von Peter Otten

Zuvor: Tobit, ein Engel und ein Hund

Wofür brauchen Menschen das Religiöse? Den Glauben? Weihnachten habe ich in einer Predigt im Internet einen Satz gehört, der mich jedenfalls auf eine Spur gebracht hat: 


"Da, wo unsere Wunden offen liegen, bekommt Gott die Chance, unsere Verletzungen zu berühren und in Berufungen zu verwandeln."

Ich glaube, dass genau darin Erlösung liegen kann: Wenn Menschen ihre Wunden nicht mehr verbergen, sondern vorzeigen dürfen. Im Vertrauen darauf, dass da ein anderer ist, der die Verwundungen nicht kritisiert und optimieren will, sondern der sie anschaut, veredelt und verwandelt. Wenn das passiert, zeigt sich darin die Hoffnung, dass die Wunden und Verwundungen nicht das letzte Wort haben, sondern dass da einer ist, der sie heilt und das verwundete Leben vollendet.

Jetzt habe ich meine These schon verschossen. Und könnte mich wieder hinsetzen. Aber dann ließe ich euch ja vermutlich skeptisch zurück. Vielleicht würdet ihr denken: Schon wieder so ein Kirchentyp, der schön klingende Dinge behauptet. Der garstige Graben bleibt aber, wenn die Erzählung vom Heil im Leben keine Resonanz findet.

Und da sind wir bei dem entscheidenden Punkt: Die Erzählung. Je älter ich werde desto stärker merke ich, es sind die erfahrungsgesättigten Erzählungen, die Relevanz in meinem Leben bekommen. Mir ist das im Advent und Weihnachten nochmal sehr klar geworden. Diese Zeit ist so voll von kleinen Erzählungen, Miniaturen und Symbolen, die aus sich heraus überzeugen: Das Licht, die grünen Zweige, der Duft, die Süße. Am Sonntag kommt bei der Taufe Jesu das Wasser dazu. Was sagt mir das? Du kannst Vertrauen, Hoffnung und Liebe behaupten – darin sind wir in der Kirche ziemlich gut. Behauptungen erzeugen aber keine Relevanz, wenn sie in mir kein Echo, keine Resonsnz finden. Geschichten tun dies eher. Für mich ist das noch mal neu klar geworden, seitdem ich eine neue Geschichte mit einem kleinen Hund begonnen habe. Davon möchte ich heute erzählen.


„Und der junge Tobias zog dahin und der Engel mit ihm, und sein Hund lief hinterher und machte sich mit ihnen auf die Reise.“ (Tobit 6,2)

In der Bibel gibt es nicht viele Stellen, in denen ein Hund vorkommt. Und wenn, dann werden Hunde verachtet. Im Buch Tobit ist das anders. Zwar kommt der Hund nur an zwei Stellen vor, aber wir werden sehen: er spielt eine wichtige Rolle.

Ganz kurz erzähle ich die Geschichte: Erster Erzählstrang: Das Buch Tobit ist eine Novelle, entstanden etwa 200 vor Christus. Sie stellt uns Tobit vor, einen frommen und vor allem barmherzigen Mann. Er verstößt auch schon mal gegen religiöse Regeln. Zum Beispiel beerdigt er ohne Erlaubnis. Ein sympathischer Mensch. Der die Gerechtigkeit liebt. Doch dann erblindet er, und die Menschen um ihn herum finden das ungerecht. Was hast du nun von deinem großen Herz gehabt? Fragen sie.

Zweiter Erzählstrang: In Ekbatana lebt Sara. Sie hatte sieben Männer, die sind alle gestorben. Die Menschen sagen: Sie hat Kontakt zu einem Dämon, der hat die Männer umgebracht. Eine gefährliche Frau. Sara denkt darüber nach sich umzubringen. Sie bittet Gott, sie entweder sterben zu lassen oder Erbarmen zu zeigen. Was macht Gott? Er schickt Raphael, einen Engel.

Erster Erzählstrang: Tobit erinnert sich, dass er in Medien – das liegt in der Nähe von Ekabatna – Geld deponiert hat. Da er spürt, dass er sterben wird, schickt seinen Sohn Tobias es zu holen. Er will sozusagen sein Erbe regeln. Aber was ist sein Erbe, sein Testament, das er mit dem Geld seinem Sohn übergeben will? Tobit fasst es wie folgt zusammen:

„Hast du viel, so gib reichlich von dem, was du besitzt; hast Du wenig, dann zögere nicht, auch mit dem Wenigen Gutes zu tun. […] Wer aus Barmherzigkeit hilft, der bringt dem Höchsten eine Gabe dar, die ihm gefällt.“


Und mit diesem Satz im Ohr geht Tobias los. Und das wird so beschrieben:

„Und der junge Tobias zog dahin und der Engel mit ihm, und sein Hund lief hinterher und machte sich mit ihnen auf die Reise.“

Du brauchst wohl zweierlei, damit dein Aufbruch gelingt: Einen Engel und einen Hund.

Das Buch Tobit ist deswegen so toll, weil in ihm nicht lange theoretisiert oder gar belehrt wird. Das Buch Tobit erzählt eine Geschichte. Von Vertrauen, Hoffnung und Liebe.

1. Vertrauen


Das Bild zeigt Dietmar Wellenbüscher, Greta und ich glaube Emely, Gretas Schwester. Wer schon mal einen Welpen gekauft hat weiß, wie wichtig die Familie ist, in der der Welpe aufwächst. Denn die ersten acht Wochen ist eine wichtige Zeit, in der die Tiere Erfahrungen machen werden, die sie ihr Leben lang prägen. Dietmar und Manuela haben das unglaublich toll gemacht. In der Mensch-Tier-Beziehung ist das Vertrauen wahrscheinlich die entscheidende Kategorie. Der Hund ist ein Leben lang auf den Menschen angewiesen. Dazu ist wichtig, dass Vertrauen wächst. Der Hund muss ganz tief spüren, dass sein Mensch ihm nur Gutes will. Dass er ihn nicht reinlegt. Keiner Gefahr aussetzt. Wie geht das? Durch ausprobieren. Nur ein Beispiel: U-Bahn-Fahren. Am Anfang war es für Greta eine Überwindung, in das Loch zu steigen, die Treppe ins Dunkle hinunter zu gehen. Dann geht der Mensch mit. Ganz normal, ohne Angst, lässt sich von dem Krach nicht aufregen. Gibt dem Hund Sicherheit. Vertrauen wächst durch Sicherheit.

Als Greta acht Wochen alt war haben wir sie von Dietmar abgeholt. Dietmar und Manuela haben mit den Welpen so viel gearbeitet, dass ein Wunder passiert ist: Greta hat zu uns Vertrauen gefasst. Ich werde den Augenblick niemals vergessen, als uns Dietmar und Manuela den Hund übergeben haben. Sie haben geweint, na klar, meine Frau hat den Hund auf ihren Schoß genommen – und dann sind wir losgefahren. Der kleine Hund mit uns in ein fremdes Land. Und zum ersten Mal war es so wie im Buch Tobias: „Und der junge Tobias zog dahin und der Engel mit ihm, und sein Hund lief hinterher und machte sich mit ihnen auf die Reise.“ Du kannst viel über Vertrauen, Gottvertrauen dozieren. Resonanz bekommt es, wenn du das Glück hast es zu erleben: Wenn ein kleiner Hund seinen ganzen Mut zusammennimmt und sich in eine fremde Welt aufmacht, fremden Menschen vertraut und wenn du merkst, dass das funktioniert. Weil der Hund gelernt hat, dem Züchter zu vertrauen, vertraut er Menschen, vertraut er uns. Eine kleine Tobitgeschichte haben wir da erlebt. Dietmar und Mauela und Greta haben mich / uns noch mal neu das Geschenk des Vertrauens gemacht. Und weil ich das mit Greta so heilsam erlebe, fällt es mir leichter Menschen zu vertrauen, Gott zu vertrauen.


2. Hoffnung

Unglaublich berührend ist die Spielfreude des Hundes. Die Theologin Susanne Horstmann schreibt in dem wunderbaren Buch „Alles was atmet. Eine Theologie der Tiere“ etwas sehr Anrührendes über das Spiel von Kindern und Tieren. Sie schreibt:

"Warum eigentlich sehen Eltern es so gern, wenn ihre Kinder gedankenverloren im Spiel vertieft sind? Weil sie ihren Kindern diese Momente unverzweckter Zeit wünschen? Sicher auch das. Vielleicht aber auch, weil sie an ihren Kindern und bisweilen auch an ihren Tieren sehen, dass es ein Leben geben kann, dass den Tod nicht fürchtet. Wenn ich meinen Hund beobachte, wie er mit einem vom Baum abgefallenen Apfel spielt, gibt es dabei jene Momente, in denen er den Apfel vor sich ab legt, ihn mehrere Sekunden mit schiefgestelltem Kopf ansieht – um ihn dann mit einem Schwung seiner Nase durch die Gegend zu schubsen und ihm hinterherzujagen. So geht es mehrere Male. Und immer wird der Apfel angesehen, als sei er lebendig, als würde mein Hund auf das Signal des Apfels zum Spielen warten." (…)

Und sie folgert daraus:

"m Spiel scheinen Kinder wie Tiere der Gefahr des Todes nicht bloß immun gegenüber zu stehen, es scheint fast so, als seien sie in der Lage, allem vermeintlich Toten oder Leblosen mit schöpferischer Kraft zu begegnen, sie zu verwandeln: Äpfel werden zu Spielkameraden, Unbelebtes wird lebendig. Kinder und auch Tiere sind das Gegenteil eines Königs Midas der Leiden.“ (s. 97)

Das kenne ich von Greta auch. In der Stadt sind es weniger abgefallene Äpfel, die sie versucht lebendig werden zu lassen. Es kann ein Schubladenknauf sein. Ein Bällchen. Ein Stück getrocknetes Hundefutter. Greta wirft es hoch, es fällt auf den Teppich, manchmal schlägt oder schiebt sie es mit der Pfote wie ein Schläger weiter. Dann legt sie sich auf den Teppich, beobachtet das Etwas, und schon geht das Spiel weiter. Damit macht der Hund auf eine wichtige religiöse Kategorie aufmerksam: Hoffnung wider alle Hoffnung. Das Tote, das Tödliche entgegen aller Erfahrung und aller Wahrscheinlichkeit ins Leben zu verwandeln.

Das Foto zeigt Cilli. Seit einiger Zeit besuchen Greta und ich
sie. Meistens mittags. Dann nehmen wir Mittagessen mit, setzen uns an den Tisch und essen zusammen. Cilli hat ein krasses hartes Leben hinter sich. Krieg, Gewalt, Armut. Wir essen. Und danach spielen wir ein bisschen mit dem Hund. Cilli wirft ein Bällchen und Greta bringt ihn zurück. Manchmal stibitzt Greta einen Verbandswickel von Cilli. Und dann macht sie das, was sie mit einem Bällchen oder einem Schubladenknauf auch macht: Der Verband wird zum Spielkameraden.

Wie kannst du einem Menschen, der viel Schreckliches im Leben erlebt hat von der Hoffnung erzählen ohne dass es zynisch wird? Vielleicht geht es besser durchs Erleben. Durch einen Moment gemeinsamen sorglosen zweckfreien Spiels. Durch das Wahrnehmen, dass der Hund im Spiel eine Ebene berührt und damit offen hält: Die schöpferische Kraft des Lebendigen im Kontext von Leid, Leblosigkeit und Tod. Greta macht es mir durch ihr gedankenverlorenes und optimistisches Spiel leichter, Hoffnung zu haben, dass diese Welt trotz all dem Mist gut ist, dass alles gut zu Ende gehen wird. Dafür bin ich dankbar.

3. Liebe

Weihnachten schickte mir ein Freund einen kurzen Text der Schriftstellerin Katharina Hacker. Sie schreibt:

„Hunde sind Vorbilder in Wiedersehensfreude. Man kann sie lästig finden, wenn sie herumhüpfen, man kann sie laut finden, wenn sie bellen, sie stinken auch, vor einigen muss man sich hüten, und häßliche Hunde gibt es zuhauf. Aber sie sind ein Vorbild in Wiedersehensfreude. Ihnen steht der Jubel nicht nur ins Gesicht geschrieben, der ganze haarige Hund füllt schier den Raum mit seinem Glück über den einfachsten aller Vorgänge: Du bist wieder da.“


Es ist so: Du kommst nach einem langen Tag müde nach Hause. Du schließt die Tür auf – der Hund ist da und seine Freude dich zu sehen ist unglaublich. Der Philosoph Andreas Weber drückt es so aus:

„Darin sind sie (die Tiere) so, wie man sich einst die Gnade Gottes vorgestellt hat. Der Schulversager, der von Schwermut gepeinigt wird, hat für seinen Hund denselben Wert als Kumpan und Bezugsperson, als wäre er ein Überflieger. Die beißenden Regeln menschlicher Sozialbeziehungen sind teilweise außer Kraft gesetzt. (…) In einer Welt, in der es nichts geschenkt zu geben scheint, bezeugen Tiere gerade die Möglichkeit unverdienter Gunst.“

Der Hund macht etwas, zu dem wir Menschen nur ansatzweise in der Lage sind: Bedingungslose Treue und Liebe. Wer das Glück hat das zu erleben – der wird getragen. Du kannst behaupten, dass Gott bedingungslos liebt. Wenn dein Hund dich begrüßt, hältst du es für möglich.

Am Ende der Reise

Du kannst behaupten, dass du Gott vertrauen kannst. Du kannst darüber predigen, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben. Du kannst den Satz sagen: Gott liebt dich. Mit einem Hund wie Greta als Prophetin an deiner Seitehältst du es für möglich.


Zurück zu Tobit:

Seine Geschichte geht gut aus. Tobias findet das Geld, trifft die Witwe Sara, heiratet sie, findet ein Mittel gegen Blindheit, mit dem er später den Vater gesund macht. Als sie losgehen kommt wieder dieser Satz:

„Auch der Hund lief mit hinter Rafaël und Tobias.“ Und mit ihm Vertrauen, Hoffnung und Liebe. Alles wird gut.


Du brauchst wohl zweierlei, damit deine Reise gelingt: Einen Engel und einen Hund. Am Ende der Predigt sage ich nicht: Kauft euch einen Hund. Was ich aber sage: Erzählt einander eure Geschichten vom Vertrauen, von Hoffnung und Liebe. Mit oder ohne Hund. Erzählt sie und erzählt wie sie euch helfen es für m öglich zu halten, dass alles gut wird.

11 Kommentare:

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  2. Danke! Ein schönes Plädoyer wider dem (spieß-)bürgerlichen Vorbehalt innerhalb der Kirche gegen Hunde. Sie schenken uns so viel und erwarten so wenig...

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