Montag, 11. Juni 2012

Sprich nicht darüber, meine Schwester!


Foto: Peter Otten
Ein großes Unglück, ja eine Tragödie ist, dass die katholische Kirche die theologische spirituelle Ebene des Missbrauchs bislang nicht ins Wort gebracht hat. Auch der Katholikentag in Mannheim verschwieg dieses Thema weitgehend. Der Trierer Bischof und Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann bemühte auch dort eine rein forensische und kriminologische Sprache, um die Folgen von sexueller Gewalt und den Umgang mit Tätern zu beschreiben. Auch die theologische Dimension von Sühne, Versöhnung und Vergebung wird weiterhin konsequent ausgeblendet, wenn die Täterinstitution einseitig die Bedingungen für eine Entschädigung festlegt.

Im Alternativprogramm des Mannheimer Katholikentags gab es im Vorfeld eines Podiums "Die Täter, die Opfer, das System. Sexuelle Gewalt in der Kirche" eine Bibelarbeit, bei der die Pastoralreferentin Jutta Lehnert anhand der biblischen Geschichte von der Vergewaltigung des Mädchens Tamar durch ihren Halbbruder Amnon Täterstrategien aufzuzeigen versuchte. "Es muss erstaunen, dass wir in einem über 2500 Jahre alten Text ein solch klares Analyseinstrumentarium für Täterstrategien erkennen können", sagte sie dort. "Die Kirche hat diese Tradition des Einfühlungsvermögens und der Erkenntnis nicht genutzt; ein weiteres Beispiel dafür, wie weit sie vom biblischen Text entfernt ist." Die Zusammenfassung ihrers Vortrags wird nun im Folgenden dokumentiert.

"Sprich nicht darüber, meine Schwester!"

Mit Hilfe eines biblischen Textes eine Täterstrategie durchschauen

Bibelarbeit auf dem Katholikentag 2012

Von Jutta Lehnert

Biblische Texte sind Kampfplätze verschiedener Deutungen von Geschichte und gesellschaftlichen Verhältnissen. Mal tritt die eine, mal die andere Interpretationslinie in den Vordergrund. 2 Sam 13, 1-22 gehört zur davidkritischen Stimme der Bibel. Der Aufbau des Hauses und die wachsende Macht von David ist gekennzeichnet durch Intrigen und Gewalt. Frauen und Mädchen werden von ihm benutzt, um seinen Aufstieg abzusichern und seine Herrschaft zu repräsentieren.
Familienpolitik ist Staatspolitik, Unterwerfung von Stämmen und Unterwerfung von Frauen gehören in der Davidkritik zusammen. In diesem Umfeld von Gewaltakzeptanz und patriarchaler Grundkonstellation wird die Geschichte des Mädchens Tamar erzählt. Der Text ergreift durch seine Erzählweise Partei, er stellt sich auf die Seite des Opfers und lässt eine gute Analyse von Täterstrategien erkennen. Weil sich die Bedrohung wie ein Ring immer enger um das Mädchen schließt, wird der Text in einzelnen Abschnitten gelesen. Dann erschließt sich die Täterstrategie genauer, es wird leichter erkennbar, wie Amnon seinen sexuellen Übergriff auf das wehrlose Mädchen Tamar, die Schwester seines Halbbruders Abschalom, plant. Es empfiehlt sich, die Übersetzung der „Bibel in gerechter Sprache“ zugrunde zu legen.

"Er liebte sie so, dass er ganz krank wurde", heißt es. Dass es keine Liebe ist, sondern Begehren und Besitzen wollen, wird sich später zeigen. Es ist auch der Reiz des Verbotenen, des Jungfräulichen, des Schwachen, der das Begehren beflügelt (...). Amnon sucht Rat bei einem „sehr klugen“ Mann, ein Männerbund wird geknüpft. Es ist gleichzeitig sein Versuch, einen Teil der Verantwortung am Plan an einen anderen abzugeben und andere in seine Strategie zu verstricken. Er braucht in diesem Stadium schon diese kleine Entlastung, um sich später selbst besser belügen zu können. Jonadab rät ihm, sich krank zu stellen; eine Idee, die schon längst in Amnon selbst da ist. Der Text erzählt sehr genau: Es ist eine Männerphantasie, in der die Augen schon zu greifenden Händen werden und die körperliche Nähe zum Mädchen Tamar schon spürbar wird. König David wird als befehlender Vater, Tamar als gehorsame Tochter in die Strategie eingebaut. Amnons Phantasie entwickelt sich weiter, als er auf dem Krankenlager liegt, der Text wählt sexualisierte Sprache, um das zu verdeutlichen: Es heißt dort „von ihrer Hand stärken“. Wohin die Hand des Mädchens fassen soll, ist kaum misszuverstehen. Um die Phantasie in Nettigkeit zu kleiden und dem Ganzen den Anstrich von echtem Gefühl zu geben, soll sie „Herzkuchen“ (heute würde man sagen: Lebkuchenherzen) als Krankenkost backen. Die Abhängigkeitsstrukturen sind aufgebaut, die ersten Schritte zur Mitbeteiligung anderer und vor allem des Opfers sind getan, der Plan kann aufgehen.


Tamar wird zunächst als braves, dienstbereites Mädchen eingeführt, das dem Bruder den besonderen Gefallen tut, eigenhändig die Krankenkost zu kneten (!). Teil einer Täterstrategie ist auch, dem Opfer Einzigartigkeit und Hochschätzung zu suggerieren. Noch sind Zeugen im Raum, die durch Befehl entfernt werden, schließlich ist er der Sohn des Königs. Was er vorhat, braucht zwar ein vernebeltes Umfeld, verträgt aber keine direkten Zeugen. Der Ring legt sich ganz eng um das Geschehen, als Tamar genötigt wird, die Speise in die Bettkammer Amons zu tragen. Wie zufällig ist die unmittelbare Nähe zum Opfer hergestellt, die Überrumpelung kann erfolgen.

Amnon versucht, die Zustimmung und eine Mitbeteiligung Tamars an der Tat zu bekommen, aber das gelingt ihm nicht. Sie wehrt den Zugriff ab und nennt die Sache beim Namen: Es ist ein Verbrechen. Er ist der Verbrecher, sie muss die Schande tragen. Sie ruft die Tradition Israels auf, die sie auf ihrer Seite weiß. Aber er hört nicht auf ihre Stimme – wie auch? Sie ist für ihn lediglich Objekt seiner Begierde, kein Mensch mit eigener Stimme – das ist die Erfahrung aller Vergewaltigungsopfer. Für die Beschreibung der Vergewaltigung kumuliert der hebräische Text drei starke Verben und betont damit den Charakter des Verbrechens.

Amnon hat bekommen, was er wollte – aber nicht, wie er es wollte. Die Verweigerung der Zustimmung des Opfers kann ein Grund dafür sein, dass er anfängt, das Objekt seiner Tat zu hassen. Sie muss sofort entfernt werden, damit sie nicht wie ein lebender Vorwurf vor seinen Augen steht. Der Ton schlägt um, Tamar ist nicht länger mehr die umgarnte, liebe Schwester, sondern „die da“. Die Tür muss hinter ihr geschlossen werden, um eine Wand des Schweigens zwischen Täter und Opfer zu schieben.

Wieder agiert Tamar nicht als typisches Opfer: Sie schreit das Unrecht laut heraus auf der Straße und benutzt öffentlich alle symbolischen Handlungen, die anzeigen, was ihr angetan wurde: Zerreißen der Kleiderärmel, Asche und Hand auf den Kopf. Noch ist nicht die Scham vorherrschend, sondern Protest und Wut. Ihr Protest wird sofort gebremst: Abschalom hat die Rolle, die es immer gibt im Umfeld sexualisierter Gewalt. Er scheint etwas geahnt zu haben, hat seine Schwester aber weder gewarnt noch geschützt. Ihm ist auch jetzt der Ruf der Familie wichtiger als der Schmerz der Schwester. Er bagatellisiert die Tat und befiehlt ihr zu schweigen: „Er ist ja dein Bruder. Nimm dir die Sache nicht so zu Herzen!“ 

Der Text ist bis zum Schluss einfühlsam und solidarisch auf Seiten des Opfers: „So blieb Tamar völlig zerstört im Haus ihres Bruders Abschalom wohnen.“ Wer den Text geschrieben hat, weiß um das Schicksal von Opfern und kennt die Folgen dieses Verbrechens.

Es muss erstaunen, dass wir in einem über 2500 Jahre alten Text ein solch klares Analyseinstrumentarium für Täterstrategien erkennen können. Die Kirche hat diese Tradition des Einfühlungsvermögens und der Erkenntnis nicht genutzt; ein weiteres Beispiel dafür, wie weit sie vom biblischen Text entfernt ist. 
(Jutta Lehnert ist Pastoralreferentin und Geistliche Leiterin der KSJ im Bistum Trier )

Kommentare:

  1. Ganz herzlichen Dank für diesen wichtigen Beitrag! Ich werde morgen darauf verlinken!

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    1. http://frech-fromm-frau.blogspot.de/2012/06/theologische-und-spirituelle.html

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  2. Vielen Dank für diese klare Analyse.

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  3. Die Täterstrategien sind nicht nur in der Kirche, sondern tatsächlich auch bei der Polizei und in jedem sozialen Umfeld bekannt, aber was sollen verantwortliche Ermittler tun, jedem Mann und jeder Frau erst einmal unterstellen, dass gesuchte Nähe oder anbieten einer Aufgabe aus Menschen Tätern macht?....Ein bisschen Weltfremd eine solche "Geschichte" aus der Bibel herauszukramen und das ganze dann mit der Kirche zu spiegeln. Am besten melde ich meine Tochter direkt beim Fußballverein, im Reitstall und bei den Messdienern ab, sicher ist sicher. Vielleicht sollte ich ihr einen Privatlehrer engagieren, wer weiss welche Bedürfnisse der neue, alleinlebende, Kunstlehrer hat. Aber woher weiss ich am Ende, dass der Privatlehrer.....

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    1. Die alttestamentarische Geschichte von Tamar und Amnon beschreibt den Beginn und die Etappen von Übergriffigkeit und sexueller Gewalt, die offensichtlich in einem System möglich werden, in dem sich Macht konzentriert. Das es heute Systeme und Institutionen gibt, die ähnlich strukturiert sind, ist meines Erachtens offensichtlich - dabei handelt es sich nicht nur um die Kirchen, wie Sie zurecht feststellen. Das die Bibel darum weiß und darüber nicht schweigt und im Übrigen ganz klar Position für Opfer von derartiger Gewalt bezieht, ist für Menschen - und vor allem für betroffene Menschen, wie in Mannheim festzustellen war - ein wichtiger Trost.

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  4. Was bitte ist eine Täterinstitution? Ist das ein neuer Versuch, Verantwortung und Schuld auf Strukturen und Systeme zu verlagern? Dass es keine spirituelle Bewältigung innerhalb der Kirche gab- ist so nicht richtig: in Wien beispielweise gab es einen sehr beeindruckenden Gottesdienst mit mehr als nur Symbolkraft.

    Die spirituelle und theologische Dimension von Schuld i.A. wird von der Kirche von jeher thematisiert. Nicht zuletzt deshalb ist das Sakrament der Buße eine Bedingung für die Wiederherstellung der Kommuniongemeinschaft, dort, wo durch Schuld eines einzelnen die ganze Kirche Schaden erlitten hat.

    Der Missbrauch Schutzbefohlener im kirchlichen Bereich ist ohne Zweifel ein buchstäblich himmelschreiendes Unrecht. Allerdings gibt es noch andere mehr, die allesamt auch mithilfe biblischer Texte analysiert und beschrieben werden können.

    Was mich an diesem Eintrag verstört, ist dieses neuerdings in Mode kommende "Empörungschristentum".
    Schuld und Vergehen müssen thematisiert werden in der Kirche und sie werden es auch. Ob Veranstaltungen wie ein Katholikentag den richtigen Rahmen dafür bieten , bezweifle ich.
    Solange mit Unworten wie "Täterinstitution" operiert wird, verkommt die spirituelle Dimension allerdings schnell zum pharisäischen Getue. Da ist es nur ein Katzensprung zum Sündenbock.

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    1. Dass die Kirche eine Istitution ist, wird niemand bestreiten. Und das diese Institution Täter lange Jahre beispielsweise durch Versetzung geschützt hat und so eine Offenlegung von Unrecht verhindert hat auch nicht. In diesem Sinne ist die Institution strukturell oder systemisch an dem Unrecht beteiligt. Und so ist es meines Erachtens gerechtfertigt, die Kirche - wie andere Institutionen, in denen Missbrauch und Gewalt geschieht wie beispielsweise die Odenwaldschule auch - eine Täterinstitution zu nennen.

      Sie haben Recht: Die spirituelle und theologische Dimension von Schuld und Vergebung ist in der Kirche grundsätzlich thematisiert worden - beispielsweise durch den Bußgottesdienst von Bischof Bode. Meines Erachtens aber nur teilweise und längst nicht ausreichend. Was passiert beispielsweise mit der Gottesbeziehung eines Kindes, wenn ein Priester oder eine andere Person der Kirche, der oder die in einer spirituellen Kompetenz oder Beauftragung heraus handelt, übergriffig oder gar gewalttätig wird? Ich meine, da ist eine Ebene berührt, zu der die Kirche Worte finden muss. Oder: Welchen theologischen Begriff von Versöhnung verwendet die Kirche, wenn die Institution, die Unrecht (mit)verursacht zugleich einseitig die Bedingungen von Versöhnung und Wiedergutmachung bestimmt - wie bei der 5000-Euro-Regelung zur Entschädigung?

      Ich selbst verwende den Begriff des Empörungschristentums nicht. Ich meine aber - beispielsweise im Blick auf den Propheten Amos und seine Kritik an manchen damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen - dass sich ein Gottesbekenntnis oder das Bekenntnis zu Gottes Gerechtigkeit mitunter auch in Empörung äußern kann.

      Zuletzt: Das in meinem Beitrag angesprochene Podium im alternativen Programm des Katholikentages hat durchaus Eindruck hinterlassen, genau wie die zuvor mit einem tiefen Ernst durchzogene Bibelarbeit von Jutta Lehnert. Das zeigten nicht nur die Äußerungen von drei Betroffenen auf dem Podium, die gesprochen haben und nicht nur bei mir großen Respekt auslösten. Indikatoren waren auch Publikumsmeldungen von Betroffenen oder Angehörigen von Betroffenen, die in bewundernswerter Weise nach religiösen Antworten auf das suchen, was sie erlitten haben. Diese Antworten haben sie, so meine ich, auch verdient.

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