Dienstag, 6. März 2012

Größer als jede Deutung

Katharina Bregulla/www.pixelio.de
Der Bibliolog ist eine Methode, wie eine Gruppe gemeinsam einen Bibeltext auslegen kann. Dabei wird sie von einem "Lotsen", dem Bibliologen oder der Bibliologin durch diesen Prozess geführt. Verblüffend ist die Gruppenklugheit, die sich einstellt und den Bibliolog verlässlich trägt. Beeindruckend ist aber auch, wie die Beschäftigung mit der Bibel viel Spaß machen kann. Und das ist auch eines der Prinzipien des Godfathers of bibliolog, Peter Pitzele: "Have fun!" Ich habe vor kurzem selbst diese Methode erlernt. Neugierig gemacht hat mich eine Gruppe, die ich vor zwei Jahren im Rahmen einer Peportage begleitet habe:

Gerta Barth ist Diakonin und hat lange eine Altenpflegeeinrichtung in der evangelischen Kirche geleitet. Nun ist sie in der Frauenarbeit ihrer Gemeinde und im Hospizdienst engagiert. Gemeinsam mit neun Frauen und acht Männern hat sie in dieser Woche die Grundlagen des Bibliolog gelernt.  Für ihre Präsentation hat sie die Emmausgeschichte aus dem Lukasevangelium ausgesucht. Sie tritt ans Lesepult. Die Gruppe sitzt in einem Stuhlkreis. In wenigen Worten skizziert Frau Barth den Kontext der Geschichte: Sie erinnert daran, wie Jesus zu Tode kam; dass die Jünger voller Angst auseinander gelaufen waren. Und dass einige Frauen nach einigen Tagen berichtet hätten, das Grab sei leer. Sie klappt das Buch auf und beginnt zu lesen: „Und siehe, zwei von ihnen gingen am selben Tag in ein Dorf, das von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt ist und Emmaus heißt. Und sie redeten miteinander über all diese Geschichten.“ Frau Barth macht eine Pause und klappt das Buch zu. „Ihr seid jetzt eine oder einer auf diesem Weg. Warum geht ihr nach Emmaus?“

Ein paar Sekunden ist Stille. Dann kommen Antworten, zuerst zaghaft, dann immer mehr:

  • „Das, was in den letzten Tagen geschehen ist, war einfach zuviel. Ich muss jetzt erst mal raus hier, weg.“
  • „Jetzt ist alles aus und vorbei. Jesus soll auch noch verschwunden sein. Jetzt hat nichts mehr einen Sinn.“
  • „Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.“
  • „Das leere Grab hat mich erschüttert. Mir ist jetzt wichtig, dass ich mit einem reden kann.“
Beim Bibliolog gibt es anders als in der Predigt kein Monopol desjenigen, der auf der Kanzel steht und einen Text für Zuhörer auslegt. Ein Bibliologe ist eher so etwas wie ein Reiseleiter, der eine Gruppe in das Setting einer biblischen Geschichte hineinführt. In der Geschichte angekommen wird jeder Teilnehmer der Reise zum „Augenzeugen“ der Geschichte, zum Mitspieler. Ein bisschen ist es so, als trete die Geschichte zwischen den Buchdeckeln hervor, wie der Geist aus einer Flasche. Das weiße Feuer beginnt zu lodern: Die Teilnehmer leihen den Personen der Geschichte ihre Stimme. Die Rolle in der Geschichte wird angefüllt mit der eigenen Lebensgeschichte.

„Bibliolog geht davon aus, dass die biblischen Texte, obwohl sie sehr alt sind Menschen heute, auch in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen, etwas zu sagen haben“, sagt Heike Radek, stellvertretende Direktorin der evangelischen Akademie Hofgeismar, Bibliolog-Fan der ersten Stunde und schon lange Bibliolog-Ausbilderin. „Bibliolog versucht, mögliche Hindernisse dabei abzubauen.“ Der gleiche Text wird von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen auf ganz vielfältige Weise gehört, weiß sie. „Und genau das ist gerade das Spannende.“ Jeweils andere Aspekte und Aussagen des Textes würden wichtig, je nachdem, wer sie in welcher Lebenssituation wahrnehme. „Das ist auch im Gottesdienst so. Aber dort ist es der Prediger, der sich für eine rote Linie oder für Kernaussagen entscheidet.“ Der Bibliolog mache deutlich, dass es nicht die eine Botschaft des Textes gebe, der die einzelnen nur zustimmen oder sich von ihr abgrenzen könnten, sondern es gehe um einen persönlichen Zugang zum Text. Gerade das reizt Karin Weber-Langebach. Die Sozialpädagogin aus Schweden arbeitet in der Suchtprävention: „Ich höre das, was andere Menschen an einer Figur bewegt. Das wiederum verändert dann meine eigene Perspektive.“ Der Bibliolog hat also nicht das Ziel, zu einer eindeutigen Textinterpretation zu gelangen. Seine Logik lässt unterschiedliche Antworten nebeneinander zu, die nicht harmonisiert, oder bewertet, gar hierarchisiert werden müssen: „Gott ist immer größer als jede Deutung, die Menschen vornehmen.“

Inzwischen führt Gerta Barth die Gruppe zu einem neuen Abschnitt der Geschichte. Sie erzählt, wie sich Jesus zu den beiden Jüngern gesellt. Wie sie berichten, was in Jerusalem geschehen ist. Dass mit dem gewaltsamen Tod Jesu alle Hoffnung zerstoben ist. Und wie sie die Frauen erschreckt haben: „Auch haben uns einige Frauen aus unserer Mitte erschreckt. Die sind früh am Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie hätten eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebt.“ Sie klappt wieder die Bibel zu. „Ihr seid jetzt wieder eine Jüngerin oder ein Jünger. Warum seid ihr erschrocken über das, was die Frauen berichtet haben?“

Kurz halten die Teilnehmer inne. Aber dann sprudelt es nur so::

  • „Tot ist tot. Ich weiß nicht, warum man sich so etwas zusammen phantasiert! Die spinnen doch.“
  • „Schlimm, dass die Frauen sich nicht mit dem abfinden können, was passiert ist.“
  • „Jetzt habe ich keinen Ort mehr, wo ich hingehen kann.“
„Bibliolog ist der Knüller“ sagt Michael Ellendorff und blickt durch seine Felix-Magath-Brille in den Garten. Ellendorff ist seit 17 Jahren Pfarrer in Hamburg. „Mein Traumberuf“, sagt er. Er war einer der Schüler von Peter Pitzele, der Bibliolog vor zehn Jahren aus den USA nach Deutschland brachte. Nun bildet er selbst Bibliologen aus. Und das mit großer Überzeugung. „Bibliolog ist einfach, man benötigt keine Vorkenntnisse, man kann ihn immer und überall machen  – und das Wichtigste ist: Es macht im wahrsten Sinne einen Heidenspaß!“ Gut vorstellbar, dass Bibliolog in einem Kreis kirchlich interessierter Erwachsener geht. Was aber ist mit Kindern oder Jugendlichen? „Klar geht das mit Kindern“, sagt Ellendorff. „Sogar sehr gut. Nur muss man damit rechnen, dass hin und wieder Harry Potter in die Arche Noah einsteigt.“

Inzwischen hat sich Gerta Barth erneut bei den Teilnehmern bedankt und diese aus den Rollen „entlassen“. Sie tritt ans Lesepult und fährt mit der Geschichte fort: Wie Jesus den Jüngern die Schrift erklärt und Zusammenhänge deutlich macht. Dabei nicht bei Adam und Eva, sondern bei Mose und den Propheten beginnt. Wie sie schließlich alle nach Emmaus kommen: „Sie nötigten ihn und sagten: Bleib bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt.“ Gerta bittet die Teilnehmer erneut, in die Rolle einer Jüngerin oder eines Jüngers zu schlüpfen und fragt: „Warum willst du, dass Jesus bleibt?“

Die Teilnehmer sind sehr wach und aufmerksam. Es liegt eine Spannung im Raum.

  • „Der war kompetent, das hat mir gefallen. Aufregend!“
  • „Was der alles erzählt hat! Was der wusste! Ich bin so neugierig geworden, ich möchte noch viel mehr erfahren!“
  • „Es bringt nichts, immer im eigenen Saft zu schmoren.“
  • „Der kommt von außen. Der bringt eine andere Perspektive, das tut mir gut.“
Wichtige Methoden im Bibliolog sind „echoing“ und „interviewing“. „Echoing“ ist die Kunst des Bibliologen, die Äußerungen der Teilnehmer mit Emphatie und Einfühlsamkeit aufzunehmen und mit eigenen Worten noch einmal zu sagen, ohne sie unzulässig zu interpretieren oder gar zu korrigieren. „Es dient dazu, dass der Teilnehmer sich selbst besser versteht“, sagt Michael Ellendorff.  „In der Wiederholung merke ich, was ich vielleicht noch zugespitzer sagen wollte.“ Im „interviewing“ kann der Bibliologe auch nachfragen, um einen Gedankengang zu klären.

Die Geschichte kommt an ihr Ende. Gerta Barth erzählt, wie Jesus mit den Jüngern das Brot bricht. Wie die ihn plötzlich erkennen, er im gleichen Moment aber verschwindet. Wie die Jünger sich entschließen, sofort nach Jerusalem zurück zu kehren: „Und sie erzählten ihnen, was unterwegs geschehen war und wie er von ihnen daran erkannt wurde, wie er das Brot brach.“ Erneut bittet Gerta die Teilnehmer in die Rolle der Jünger und stellt eine letzte Frage: „Was hat sich für dich verändert?“

Im Raum ist die Atmosphäre ein bisschen aufgeregt. Die späte Herbstsonne drückt sich durch das Laub.

  • „Ich habe ein ganz anderes Gefühl als noch heute Morgen.“
  • „Jetzt weiß ich, was mit Auferstehung gemeint ist.“
  • „Ich habe gemerkt: Manchmal hilft reden nicht weiter, dann muss einfach jemand kommen und das Richtige tun.“
Der Bibliolog ist zu Ende. Fast ist sogar körperlich spürbar, wie die Jüngerinnen und Jünger mit Jesus wieder zwischen den Buchseiten verschwinden. Teilnehmer blicken sich an. Einge lächeln. Gerta Barth führt die Gruppe wieder zurück in das barocke Schlösschen. Der Wüstensand wird wieder zum Holzboden. „Es ist unglaublich, wie ernst ich im Bibliolog genommen werde“, sagt Gabriele Schmidt, evangelische Pfarrerin aus Eisenach. „Was ich sage, wird nicht bewertet. Im Gegenteil: Es hat von vorneherein einen wichtigen Platz.“ Die Gruppenklugheit ist tatsächlich faszinierend: Die Bereitschaft, voneinander und aneinander zu lernen entlastet, ist effektiv und berauscht ein wenig. „Es ist die Ernstnahme des protestantischen Prinzips des gemeinsamen Priestertums aller“, sagt Heike Radek. „Bibliolog ist demokratisch“, ergänzt Michael Ellendorff. „Jeder ist wichtig, wie er gerade kann und wie er gerade dabei ist.“ Ob in der U-Bahn, am Tresen oder in der Kirche. „Alles schon gemacht“, sagt Ellendorff. „Und alles war gleich gut.“

(erschienen in Publik-Forum 24/2009)

Kommentare:

  1. Die Aussage "Bibliolog ist einfach, man benötigt keine Vorkenntnisse" finde ich mißverständlich. Für die Teilnehmenden stimmt das. Und gerade für Menschen, die wenig mit der Bibel vertraut sind, ist es faszinierend, wie viel sie beitragen können. Für die Person, die Bibliolog anleitet, stimmt die Aussage jedoch nicht. Sie muß mit Texten und mit komplexen und auch schwierigen Gruppensituationen umgehen können. Dann geht Bibliolog auch mit Gruppen, die wenig oder reduzierte sprachliche Fähigkeiten haben, ob Migranten, die wenig deutsch können, geistig behinderte Menschen oder auch dementiell veränderte Menschen.

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  2. Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe, angeregt durch meine damalige Berichterstattung für Publik-Forum, inzwischen selber die Ausbildung gemacht und teile Ihre Einschätzung bezüglich des Kenntniserwerbs zur sachgemäßen Anleitung voll und ganz. Frappierend an der Methode ist jedoch - und das erlebe ich inzwischen selber - dass die Teilnehmenden keinerlei theologische Vorbildung brauchen - und das in der Reflektion auch meistens als Gewinn berichten. Ich hoffe, dass zumindest der Kontext des Textes dies wiedergibt.

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  3. Ja, ich finde der Kontext Ihres Artikels legt das beim genauen Lesen schon nahe. Mir war es nur noch mal wichtig, darauf explizit hinzuweisen, weil zunehmend Menschen den Weg in Kurse suchen, die - absehbar - damit überfordert sein werden, weil sie WEDER den Umgang mit Texten NOCH den Umgang mit schwierigen Gruppensituationen gelernt haben, wobei man das in sehr unterschiedlichen Kontexten gelernt haben kann.

    Gerade mit dem E.mmaustext habe ich schon mindestens 30 Bibliologe erlebt - und es war immer anders, obwohl sich zwei Grundlinien wiederholen. Vor kurzem habe ich ihn in einem interreligiösen Setting ausprobiert und darüber in meinem Bibliolog-Weblog geschrieben.

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