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Donnerstag, 22. November 2018

Rein in die Funktionsjacke

Foto: Peter Otten
In ihrem Beitrag Raus aus der Blase in Christ und Welt, der Beillage der Zeit vom 15. November zeichnete Alina Oehler ein spitzes Bild der pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kirchen. Der "besondere Typus des pastoralen Mitarbeiters" sei "besonders häufig" vertreten: "knallige Funktionskleidung, die eher nach Wanderausflug als nach Beruf aussieht, Sandalen oder Trekking-Schuhe, bunte Tücher." Dieser Typ rieche für sie "nach Stuhlkreis mit gestalteter Mitte und Impulsen, die immer gleich aufgebaut sind – märchenhafte Geschichte, Hindernis, Held, Ende gut, alles gut." Menschen, die mit viel Gefühlsduselei in einem "beamtenähnlichen Verhältnismit Planungssicherheit gut von der Kirche leben können." Sie wolle keine ganze Berufsgruppe pauschal aburteilen. "Aber ich glaube, dass fehlender Stil für unsere Kirche ein echtes Problem ist."

Der Text reizte zum sportlichen Widerspruch. Ein Loblied auf die Funktionsjacke, den Rimowa-Rollkoffer - aber auch ein Eichenkreuz zum Auseinanderschrauben. Nicht nur Pastoralreferentinnen und Pastoralreferenten sollten sowas haben.

Von Peter Otten

Wenn ich aus der Trauerhalle ins Freie trete, blicke ich meistens prüfend in den Himmel. Wenn mir dann Regentropfen ins Gesicht tropfen oder wenn ich zu frösteln beginne bin ich froh, dass ich meine Funktionsjacke überziehen kann. Ein schwarzer Anorak mit einer großen fantastischen Kapuze gegen Wind und Regen.

(Oder zählt das Label Wellensteyn gar nicht mehr zu den Herstellern von Funktionskleidung? Man wird ja zunehmend unsicher. Neulich hat im Restaurant ein Gast am Nebentisch Platz genommen, dessen Garderobe eindeutig aus dem Haus Engelbert Strauss stammte. Hm.)

Jedenfalls bin ich dankbar, wenn ich den Kragen meiner Wellensteyn-Jacke schließen und das Aspergil in die große Seitentasche gleiten lassen kann, während ich in der einen Hand das Vortragekreuz halte, das mir ein Schreiner angefertigt hat, womöglich ein Agnostiker. Ist nur eine Vermutung, ich weiß es nicht sicher, sein Kreuz ist jedenfalls super.

 
Es scheint mir aus der Mode gekommen zu sein, ein Vortragekreuz mit zur Grabstelle zu nehmen, was ich schade finde. Jedenfalls ist mir, seit ich als Pastoralreferent selbst beerdige noch kein Priester begegnet, der eins dabei hat. Ist das Nachlässigkeit? Überforderung?

Egal. Ich habe mir jedenfalls eines schreinern lassen. Es besteht aus vier Teilen: drei Eichenstäbe bildeten den Stab. Und oben drauf zwei gekreuzte Eichenstäbe in Kreuzform. Alles kann man zusammenschrauben. Den Fuß bildet eine Spitze aus Eisen. Damit ramme ich das Kreuz am Grab in die Erde. Auseinandergebaut wiederum passt es in meinen Rimowa-Rollenkoffer (okay, eigentlich der Koffer meiner Frau, nun ja, sie leiht ihn mir, wenn ich mich mit der Straßenbahn zum Nordfriedhof oder nach Melaten oder zum Waldfriedhof hinter Zollstock fahren muss), zusammen mit dem liturgischen Buch, Talar und Rochett und der Lesebrille. Neulich fragte mich eine Bestatterin nach meiner Taxiquittung (ich vermute, um sie den Angehörigen in Rechnung stellen zu können). Ich sagte, dass ich immer mit Bahn oder Fahrrad führe. Mit dem Koffer in der Bahn oder einem Rucksack auf dem E-Bike sei das kein Problem. Sie lachte und sagte: Dass es sowas noch gibt.

Ich glaube, dass fehlender Stil in unserer Kirche ein echtes Problem ist.

Aber ich schweife ab. Was ich sagen will: Ich finde, jeder und jede sollte eine Funktionsjacke haben. Ich freue mich, dass meine Wellensteyn-Jacke sogar so geschnitten ist, um sie über dem Talar anziehen zu können. Die Wege auf dem Friedhof sind halt weit. Und ich bin dankbar über die Dockers-Schuhe mit dem tiefen Profil. Auf den neuen Gräberfelder wartet in der Regel der Matsch. Denn bei den anonymen günstigen Gräbern ist es oft matschig.

Sie liegen halt etwas abseits.

Auf dem Friedhof bist du – das lernst du schon als Berufsanfänger - Teil einer Kirche, die mich als Jugendlicher nie angezogen hat. Sie riecht nach Trauer, Tod und Tränen, nicht gelebten Lebensträumen, jähen Enden. Nach Schweigen und Verzweiflung, nach schalem Trost. Die ecclesia triumphans („Seele, dein Heiland ist frei von den Banden!“) nützt dir hier nichts. Hier musst du mit Menschen auf Stühlen an einem Tisch sitzen, in der vergilbten Puppenstubenwohnung der verstorbenen Oma, die verstaubte Puppensammlung, die Stickdeckchen und geklöppelten Untersetzer im Blick, die Aschenbecher aus Kristall. Hier musst du aushalten lernen, dass der auferstandene Jesus weit weg ist, der vertrocknete tote Jesus aber womöglich unangenehm nah. Hier musst du Stillsein lernen, den Schmerz und die Trauer, die Hilflosigkeit aushalten. Hier ist dein Glaube, deine Rezeptsammlung ganz flott sehr weit weg. Hier lernst du, deine Hoffnung erst mal stecken zu lassen. Und falls irgendjemand denkt, hier hilft eine märchenhafte Geschichte nach dem Schema „Hindernis, Held, Ende gut, alles gut“, die du dir in die Jackentasche stecken kannst:

Vergiss es.

Im übrigen bist du in der Kirche heute mehr als du denkst ein Unternehmer. Das nur, falls du meinst, Seelsorgerinnen und Seelsorger würden in einer Art beamtenähnlichen Arbeitsverhältnis gut von der Kirche leben können. Sollte es jemand geben, der das denkt, naja, bei dem wäre eine mal weniger, mal mehr ausgeprägte Weltfremdheit spürbar, die zum Beispiel dann zum Tragen kommt, wenn ich von meinen Berufserfahrungen als Pastoralreferent berichte – auch abseits vom Friedhof. Wie es ist, wenn man in seinem Viertel einen Haufen Termine an einem Tag stemmen muss – und wenn ich sage, einen Haufen, dann meine ich: einen echt dicken Haufen. Und die Menschen dabei meistens sehr nett reagieren: die Schulleitung, die sich freut, dass ich Zeit habe, die Kreuze in den Schulklassen zu segnen. Die Frau, die erstaunt ist, dass ich anderthalb Stunden investiere, um ihre Geschichte der Entfremdung von der Kirche anzuhören. Der Obdachlose, der bei mir an der Haustür klingelt und dem ich natürlich irgendwann Geld in die Hand drücke, aber erst nachdem er mir die Geschichte seiner Ehe erzählt hat (währenddessen ich überlege, ob sie nun gelogen oder wahr ist – auf jeden Fall ist sie spannend und höchst unterhaltsam). Die Frauen und Männer, die die Kinder bei der Erstkommunion begleiten werden und mit denen ich erst mal auf den Beginn der gemeinsamen Arbeit mit einem Glas Wein anstoße. Die Künstlerin, der ich die Gertrudkirche aufschließe und sage: Das ist nun Ihr Reich. Ich bin sicher, Sie machen was Schönes draus. Diejenigen, die dir nachher sagen, dass deine Katechese im Gottesdienst ziemlich professionell moderiert war. Tage, die aber auch sehr druckvoll sein können: Wenn du von Pontius bis Pilatus alles unter einen Hut bringen willst. Wenn du nur mal mit dem Hund zur Bahn gehen willst und in vier Gespräche hintereinander verstrickt wirst. Wenn du professionell bleiben willst, auch wenn es dir schlecht geht. Wenn dein Chef-Chef dir wieder mal sagt, dass er Chef ist und du, nun ja, nix.

Kennst du ja.

Ich behaupte, solche Erfahrungen sind vielen jungen, aber auch alten nicht-kirchlichen Mitarbeiterinnen und -mitarbeitern fremd. Was aber nicht schlimm ist. Denn was du nicht kennst – das kannst du ja kennen lernen. Was jedenfalls so ist: Den Seelsorger oder die Seelsorgerin aus dem www.berufen.de-Katalog – den gibt es nicht mehr. Ist jedenfalls meine Erfahrung. Wenn du heute in der Kirche zufrieden arbeiten willst, musst du jeden Tag was Neues – ich sag mal: unternehmen. Ich finde das großartig, denn das ist kreativ, erhält die Kreativität und macht unheimlich frei. Wie ich darauf komme? Ich habe vor und während meines Studiums nicht nur ein Jahr, sondern vier Jahre für eine Bäckerei den Brotwagen gefahren und jeden Samstag an den Haustüren der Leute Brot verkauft. Schwarzbrot, Roggenbrot, Platz mit und ohne Rosinen. Vorgefahren. Hupe gedrückt. Tüüt tüüt. Tach Herr Schmitz, was darf es heute sein? Dreipfünder-Schwarzbrot extra dünn geschnitten? Kein Problem. Hallo Frau Werner, zwei Bienenstich, wie immer? Jeden Samstag ein neues Projekt im Wagen mit Komplettverantwortung. Mir macht heute keiner in Punkto Dienstleistung und Kundenpflege was vor. Kann ich nur jedem empfehlen, so was. Hilft in jedem Beruf, schätze ich, ob du nun eine Eisdiele aufmachen willst, dich als Grafikerin verdingst oder von mir aus Journalist werden willst. Um wenigstens einmal die eigene Blase zu verlassen. Als wäre deine Weltsicht die einzig gültige. Ist sie nicht.

Lass dir das von einem Pastoralreferenten gesagt sein.

2 Kommentare:

  1. Wunderbarer Beitrag - inhaltsstark und 100 % lesevergnüglich. Ich (Pastoralreferentin) bin schon eine Weile aus der Gemeindearbeit raus, hab es aber sehr ähnlich erlebt. Und seitdem ich Öffentlichkeitsarbeit auf Diözesanebene mache, ist mein Respekt vor den KollegInnen in der Pastoral noch gewachsen.

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  2. Toller Beitrag, super lesenswert.Werde ihn mir nach meinem Urlaub im Hotel Südtirol 5 Sterne nochmal genau durchlesen.Vielen Dank Ulla

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